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Die untergegangene Altstadt


Stadtteile: Mitte, Friedrichshain
Bereich: Stralauer Vorstadt
Stadtplanaufruf: Berlin, Holzmarktstraße
Datum: 29. Januar 2018
Bericht Nr.:613

Die Stralauer Straße und ihre Verlängerung Holzmarktstraße bis Stralauer Platz ist unser heutiges Flanierziel. Dieser Straßenzug war früher durch kommunale Infrastruktur-Projekte geprägt, die sich auch wegen der Spree als Transportweg hier ansiedelten. Am Ufer der Spree wurde das Holz angelandet, das man für Bauten benötigte. Von hier aus wurde ein Teil der Stadt mit Gas versorgt. Das erste Wasserwerk entstand nahe der Oberbaumbrücke. Ein Pumpwerk entsorgte die Abwässer auf Rieselfelder vor der Stadt. Und die Eisenbahn überquert zwischen Alexanderplatz und Ostbahnhof auf ihrem Bahnviadukt als Hochbahn zweimal den Straßenzug.

Historischer Holzmarkt
Holz war ein so wichtiger Baustoff im historischen Berlin, dass die Stadt selbst seine Bewirtschaftung übernahm. 1685 legte sie vier städtische Holzplätze an, je zwei am Stralauer Platz und an der Holzmarktstraße, dort lag der größte, genannt der "1ste Holzplatz". Am Nordufer der Spree wurde das Holz aus den städtischen Waldungen angelandet. Auch Holz im Eigentum des Königs wurde dort gestapelt, verwaltet von einer Kammer der Kurmark Brandenburg.

Die Berliner (städtische) Forst- und Ökonomie-Deputation hatte dem preußischen Fiskus 1835 den "1sten Holzplatz" zur Pacht überlassen mit der ausdrücklichen Anweisung, ihn nur zum Aufstellen des Holzes zu verwenden. Doch die Preußen scherten sich einen Teufel um den bestimmungsgemäßen Gebrauch und bauten eine Kaserne auf einem Teil des Holzplatzes. Den fälligen Schadensersatz zahlten sie nach zähem Ringen mit dem Magistrat.

Die städtische Nutz- und Brennholz-Handlungs-Anstalt ("Holzhandlungs-Institut") wurde 1816 aufgelöst, als der Holzhandel freigegeben wurde. In einer Kabinetts-Order geruhte die Königliche Majestät hinzuzufügen, dass dessen Tätigkeit "nach der bisherigen Erfahrung für die Staatskasse mit zu großen Verlusten verbunden" sei. Die Grundstücke wurden dann teilweise zur Anlage oder Verlängerung von Straßen verwendet. Um 1850 begann dann die Bebauung der Holzmarktstraße.

Und die Eisenbahn brauchte Flächen, um auf der Höhe Maulbeerenweg die Holzmarktstraße zu überbrücken. 1842 wurde der Ostbahnhof als "Frankfurter Bahnhof" eröffnet. Der Kopfbahnhof war westlicher Endpunkt der Eisenbahn nach Frankfurt (Oder). 1882 wurde Richtung Westen der Bahnviadukt nach Charlottenburg angeschlossen, die Verbindung zur Stadtbahn wurde als Hochbahn hergestellt.

Holzmarkt-Projekt
An der Holzmarktstraße ist im letzten Jahr der "Holzmarkt" eingeweiht worden. Ein alternatives und kreatives Dorf, je nach Sichtweise "Berlins neuer Spaß-Kiez" oder das "Wohnzimmer der Kreativen". Es ist das Ergebnis eines unglaublichen Durchhaltevermögens, von immer wieder neuen Anfängen hier an der Holzmarktstraße und auf der gegenüberliegenden Spreeseite an der Köpenicker Straße.


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Es begann mit der Bar25, "einer großen Spielwiese für junge Erwachsene". Der Weg führte über die Spree zum Club "Kater Holzig" und wieder zurück zum Club "Kater Blau".

Nur mit Hilfe einer Stiftung konnte das Grundstück der Stadtreinigung an der Holzmarktstraße erworben und durch das Projekt gepachtet werden. Zusätzlich zum Club entstand ein Stadtgarten, um den sich mehrere drei- und viergeschossige Bauten gruppieren. Nur in den Obergeschossen wurde Holz verbaut, ein ganzes Holzdorf ließ sich wegen der Brandschutzes nicht realisieren. Über die begrünten Dächer soll einmal der Spreewanderweg führen. Wird das ein Kletterfelsen? Mal sehen, wie das nachher aussieht. Und was tut sich in den Bauten? Werkstätten, Veranstaltungsflächen, Läden, Restaurant, Musikschule, Proberäume. Der "Mörchenpark" arbeitet an "einem inspirierenden Biotop aus Grünflächen, urbanen Gärten und einem naturnahen Flachufer".

Radialsystem
Aus einem ehemaligen Pumpwerk an der Holzmarktstraße - einem "Erbstück des Industriezeitalters" - ist ein Kultur- und Veranstaltungszentrum geworden, das "Radialsystem V". Durch den Umbau entstand ein thematisch offener Raum für die Künste, der auch mit eigenen Produktionen über die Stadt hinaus bekannt geworden ist.


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Nach der Reichsgründung 1871 hatte der Magistrat begonnen, eine Kanalisation zu bauen, um die bis dahin in die Rinnsteine und Flüsse entsorgten Abwässer auf Rieselfelder außerhalb der Stadt zu leiten. Dort wurden Absetzbecken und Verrieselungsflächen angelegt. Von dem Pumpwerk in der Holzmarktstraße ("Radialsystem 5") wurden ab 1881 die Abwässer von 400.000 Berlinern auf die Rieselfelder im Nordosten Berlins gepumpt. Inzwischen haben längst Kläranlagen die Funktion der Rieselfelder übernommen, weil diese mit der zunehmenden Abwassermenge und den industriellen Einleitungen überfordert waren.

Gasversorgung
Im 18. und 19.Jahrhundert hatte England in der industriellen Entwicklung die Nase vorn. Doch andere Länder lernten bald und entwickelten die Technologie weiter, bis sie es besser konnten. In der Baumwollindustrie war die Erfindung der "Spinning Jenny" ein Meilenstein der industriellen Revolution, aber schon mit der Weiterentwicklung zur Spinnmaschine "Waterframe" begann das englische Monopol zu wackeln. Durch Industriespionage kam das Verfahren nach Deutschland, in Ratingen entstand die erste Textilfabrik auf dem Kontinent. Auch die Gas- und Wasserversorgung wurde in England entwickelt, erst mit der Elektroindustrie kam Berlins große Epoche der "Elektropolis".

Bei den Wasserwerken und Gaswerken waren es die Briten selbst, die durch Lizenzvergabe nach Deutschland ihr Monopol untergruben. Berlins Polizeipräsident Hinckeldey sorgte dafür, dass Berlin fließendes Wasser bekam durch einen Vertrag mit englischen Wasserwerken, die die "Berlin-Water-Works Company" gründeten und die Wasserversorgung übernahmen. Als der Magistrat sich das selbst zutraute, löste er vorzeitig den Vertrag auf und übernahm den Betrieb in eigene Regie.

Bei der Gasversorgung lief es ähnlich. Die englische "Imperial Continental Gas Association" (ICGA) übernahm 1825 den Aufbau der Berliner Gas-Straßenbeleuchtung, der Vertrag lief über 21 Jahre. Danach hatte Berlin das know-how und errichtete sofort nach Vertragsablauf eigene Gaswerke, beispielsweise in der Danziger Straße. Doch die ICGA blieb weiter im Markt und errichtete ebenfalls neue Werke, unter anderem in Schöneberg und Mariendorf. Erst als Deutschland und England im Ersten Weltkrieg gegeneinander kämpften, kam das Ende der ICGA, sie wurde 1916 liquidiert.

Die erste kommunale Gasanstalt wurde 1847 am Stralauer Platz errichtet. Gut fünfzig Jahre später war ihre Technologie überholt, andere Werke übernahmen die Versorgung, die Gebäude wurden abgerissen. Auf dem Grundstück baute die städtische Gasanstalt ein Zentralmagazin, in dem Bau- und Reparaturmaterialien für die Gasversorgung gelagert wurden. Die Stahlbetonkonstruktion zeigt nach außen Ziegelmauerwerk und drei geschweifte Giebel an der Straßenfront. Heute nutzt das Energieforum das Gebäude.

Zeitgleich mit dem Zentralmagazin entstand am Rolandufer Ecke Littenstraße ein Verwaltungsgebäude der Städtischen Gaswerke. Der Neorenaissancebau zeigt wie das nahegelegene Stadthaus die Handschrift des Berliner Stadtbaurats Ludwig Hoffmann. Unterhalb des Mansarddachs sind die drei oberen Etagen zu einer Kolossalordnung zusammengefasst. Die Bauplastiken stammen von demselben Künstler, der auch Figuren für das Stadthaus und für den Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain geschaffen hat.

Am Krögel
Dieses Bild erweckt Emotionen: Eine Reihe niedriger historischer Häuser wird von einem 21geschossigen Wohnriesen bedrängt. Noch könnte man sie modernisieren und retten. So wirkt es heute auf uns, doch als das Foto 1969 aufgenommen wurde, dachte man über die "geduckten Häuser vergangener Zeiten" ganz anders: "Ihre Tage sind gezählt, denn bald werden auch die letzten dunklen Behausungen modernen Hochhäusern Platz machen".


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So verschwand auf der Fischerinsel nach 700 Jahren die Berliner Altstadt. Bis zum Zweiten Weltkrieg bewahrte sie ihr mittelalterlich-malerisches Flair, das wir heute so romantisch finden, weil wir die Lebensumstände ihrer damaligen Bewohner beiseitelassen. Knapp die Hälfte der Altbausubstanz hätte man nach dem Krieg wiederherstellen können, und tatsächlich plante der Ost-Berliner Magistrat zunächst, das Viertel wieder aufzubauen. Doch in den 1970er Jahren änderte sich das, die Altbauten wurden abgerissen und die Fischerinsel mit Hochhäusern neu bebaut.

Gegenüber der Fischerinsel in der Stralauer Vorstadt ist auch die Bebauung am Krögel verschwunden, die Heinrich Zille um 1900 mehrfach forografiert hat. Der "Pinsel-Heinrich" hat nicht nur das "Milljöh" der proletarischen Unterschicht mit skurrilen Zeichnungen und Texten festgehalten, auch mit der Kamera hat er die Stadt dokumentiert. Der Krögel war ursprünglich ein Stichkanal zur Entladung von Warenkähnen der Spree. Später wurde er zugeschüttet, die Krögelgasse entstand. Der Abbruch des Krögel-Viertels begann im Dritten Reich 1934 zusammen mit der Erneuerung der Mühlendammbrücke. Dabei wurden auch die Hausvogtei abgerissen, das Ephraim-Palais abgetragen und eingelagert. Zum 750.Stadtjubiläum hat die DDR das Palais dann in der Nähe des ursprünglichen Standorts wieder aufgebaut.

In der Krögelgasse soll sich die älteste Badestube Berlins befunden haben, wohin am Hochzeitstag Braut und Bräutigam mitsamt ihren Gästen von Musik begleitet gezogen sein sollen. Die Hochzeitsbräuche verändern sich eben im Laufe der Zeit.

Wasserbetriebe am Molkenmarkt
Den Krögelhof und die alten Bauten gibt es nicht mehr. Der Krögel ist heute der Hinterhof der Wasserbetriebe, die am Molkenmarkt keine Badestube eingerichtet haben, sondern ein "feines Vorstandspalais", ihren Verwaltungssitz. Um die von Christoph Langhof geschaffene Architektur zu beschreiben, helfen gängige Begriffe kaum weiter. Das Dach ist so weit herunter gezogen, dass es mit der Fassade verschmilzt. Daraus springt ein Baukörpern mit Fensteröffnungen hervor. Man liest von einem "Schuppenkleid aus Titanzink, das sich bläht wie ein Fischbauch", von Glubschaugen und "schießschartengroßen Gucklöchern". Expressionismus und Kubismus werden zitiert, Vergleiche mit Einsteinturm oder Philharmonie gezogen.

An der Jüdenstraße angrenzend haben die Wasserbetriebe wenige Jahre vorher von dem Architekten Joachim Ganz ein Verwaltungsgebäude errichten lassen, mit dem das Medium Wasser visualisiert wird. Die Fassade zeigt sich als wellenförmige, fließende Form. Von der Idee her dem Shellhaus am Reichpietschufer verwandt, hat der Architekt Joachim Ganz das Thema schöpferisch nach eigenem inneren Bild in Schwingungen versetzt.

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Die Holzmarktstraße haben wir bereits 2009 durcheilt:
Freiheit bis zu den Wolken

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Unsere Route:
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Ach wie herrlich ist das Brot