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Ach wie herrlich ist das Brot


Stadtteil: Mitte
Bereich: Luisenstadt
Stadtplanaufruf: Berlin, Engeldamm
Datum: 28. November 2016
Bericht Nr: 570

Als Verbindung zwischen Spree und Landwehrkanal hat der Gartenbaudirektor Peter Joseph Lenné den Luisenstädtischen Kanal gebaut, der 1852 eröffnet wurde. Der Gartendirektor Erwin Barth hat die Arbeiten geleitet, mit denen der Kanal 1926 wieder zugeschüttet wurde, wegen zu geringen Gefälles war er zu einem stinkenden Ärgernis geworden.

Der Luisenstädtische Kanal
Doch woher nahm man die Erdmassen für die Verfüllung? Barth hatte so geschickt geplant, dass nicht bis zum Straßenniveau, sondern nur bis zur früheren Wasserhöhe zugeschüttet wurde. Dafür verwendete man den Aushub des U-Bahntunnels im Bereich Leinestraße, Kottbusser Tor, Moritzplatz auf der heutigen Linie U8, die zeitgleich erweitert wurde.

Und wo war beim Bau des Kanals der Erdaushub in den 1840er Jahren geblieben? Man hatte Straßen wie die Waldemarstraße und Plätze wie den Mariannenplatz "aufgehöht" und verkaufte das übrige Ausschachtungsmaterial, um das Budget des Kanalbaus zu entlasten.

Der Bau des Luisenstädtischen Kanals fiel in die Zeit der revolutionären Märzunruhen 1848, die durch Lebensmittelknappheit und Arbeitslosigkeit ausgelöst und von revolutionären Bewegungen in anderen Ländern angefacht wurden. Auf den Kanalbau wirkten sich die Märzunruhen zunächst nicht direkt aus.

Die Verdienstmöglichkeiten der Arbeiter beim Kanalbau waren gering, ungelernte und fachlich qualifizierte Arbeiter mischten sich zu einer bunten Truppe. Der Einsatz einer Dampfmaschine zum Abpumpen des Grundwassers erzeugte einen Konflikt mit den Arbeitern, die befürchteten, wegrationalisiert zu werden. Im Oktober 1848 errichteten die Arbeiter Barrikaden, die Bürgerwehr schoss, mit 15 Toten endete diese Auseinandersetzung. Die Bürgerwehr, im März 1848 als Stütze des Bürgertums gegründet, hatte auf ihre eigenen Bürger geschossen. Nach weiteren politischen Auseinandersetzungen war die Bürgerwehr bereits im November 1848 am Ende, Friedrich Wilhelm IV. verfügt ihre Auflösung. Ein Wassereinbruch in den Kanal brachte die Arbeiten nur vorübergehend zum Erliegen, dann ging der Kanalbau weiter.

Mauerspuren
Wo war hier eigentlich die Mauer? Vom Engelbecken bis zum Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße verlief die Mauer im Zickzack. Sie folgte damit der bei der Bildung Groß-Berlins 1920 vorgenommenen Bezirksgliederung. Mitten durch die Luisenstadt war eine Bezirksgrenze zwischen Mitte und Kreuzberg gezogen worden, ziemlich wirr, aber innerhalb derselben Stadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg trennte diese Grenze die Halbstädte Ost- und West-Berlin.


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Vor einem Jahrzehnt haben Forscher der Uni Cottbus akribisch den Hinterlassenschaften der Mauerzeit nachgespürt. Jeder Lichtmast, jeder Pfosten wurde im Stadtplan eingezeichnet und katalogisiert. Vorfeldsicherung, Zaun, Postenweg, Postenhäuschen, Sperrgebietsmarkierung, Hinterlandmauer, Zufahrtsweg, Schaltkasten, Signalzaun, Durchbruchsperre, Übersteigschutz, alles haben die Forscher im Stadtplan vermerkt und im Text beschrieben.

Und ein Jahrzehnt später? Im Umfeld des Grenzübergangs Heinrich-Heine-Straße sind die Baulücken weitgehend mit Neubauten gefüllt, Spuren im Asphalt beseitigt, Sperren beiseite geräumt. Ein Lidl-Markt steht jetzt im ehemaligen Kontrollpunkt sozusagen als "Grenzbaracke des Konsums". Nicht sehr viel mehr als die Flutlicht-Grenzleuchten verweisen auf die Hinterlandmauer, die quer zur Dresdener Straße verlief. Die Lampenmasten stehen heute mit geringerer Leuchtkraft unauffällig zwischen der typischen DDR-Straßenlampen (Aufsatzleuchten "RSL") und sind mit der Straßenbeleuchtung gekoppelt. Ähnlich absurd wie im Kungerkiez, wo sich DDR-Peitschenmasten und West-Berliner Schinkelleuchten in der Bouchéstraße gegenüberstehen, weil eine Straßenseite zum Westen und die andere zum Osten gehörte.

Vor dem Eingelbeckenhof verlief die Mauer in kurzem Abstand parallel zum Gebäude. Gerade mal für Fußgänger war hier ein Durchgang frei. Die Pfostenlöcher der Grenzmauer sind noch im Straßenpflaster sichtbar, da sie nach dem Mauerfall nicht mit Pflastersteinen aufgefüllt wurden, sondern mit Asphalt.


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Engelbecken
Am Engelbecken mussten die Schiffe die Nord-Süd-Richtung verlassen und sich diagonal Richtung Spree wenden, da der Kanal nicht in gerader Linie weiter ging, sondern in einem Haken davon abwich. Bei der Anlage des Barthschen Parks wurde das Engelbecken als Wasserfläche beibehalten. Schwäne hatte man vom Volkspark Mariendorf hierher umgesiedelt und mehrere hundert Karpfen ausgesetzt. Zu Weihnachten ging die Stadt auf Fischzug, die gefangenen Karpfen wurden an die Berliner verkauft.

Die geplante Badeanstalt wurde nicht verwirklicht, aber 1932 gab es vorübergehend Winterfreuden auf einer eigens eingerichteten Eisbahn. Wenn in der Gegenwart das Engelbecken im Winter zufriert, wird auf der Eisfläche gerutscht, fürs Schlittschuhlaufen ist das Eis zu uneben und stumpf.

Die Wasserfläche gehörte zu Berlin-Mitte, zu DDR-Zeiten wurde sie mit Trümmerschutt zugeschüttet. Am 3.Februar 1945 hatten mehr als 950 Bomber Luftangriffe auf Mitte und Kreuzberg geflogen, die westliche Luisenstadt war dadurch weitgehend in Trümmer gelegt worden. Nach der Wende ist die Wasserfläche und der umgebende Rosengarten wieder hergestellt worden.


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Zwei Kirchen
Der goldene Erzengel Michael schaut vom Turm seiner Kirche auf die Wasserfläche zu seinen Füßen herunter. Da lag es nahe, die Wasserfläche "Engelbecken" zu nennen. Diese Nähe hatte aber auch ihre Schattenseiten: Als Barth eine Badeanstalt im Engelbecken plante, fühlte sich die Kirche der Sittlichkeit verpflichtet. Weniger bekleidete und fröhlich lärmende Menschen könnten die Gottesdienstbesucher verunsichern, deshalb wurde das Freibad nicht realisiert.

Die Kirche ist die zweite katholische Kirche - nach der St.-Hedwigs-Kathedrale -, die im protestantischen Berlin errichtet wurde. Die Kriegszerstörungen, die das Gotteshaus durch den Bombenangriff erlitten hat, sind nicht vollständig beseitigt worden, das Längsschiff muss ohne Dach auskommen.

Auch die evangelische St.Thomas-Kirche wurde durch Bomben beschädigt, sie ist wieder hergestellt worden. Der Kirchenbau mit dem Doppelturm stand zu DDR-Zeiten nahe an der Mauer. Hier am Bethaniendamm bildete sich zwischen der Bezirksgrenze und dem davon abweichenden Mauerverlauf eine Art Niemandsland, in dem Osman Kalin - ein auf der Kreuzberger Seite lebender Türke - einen Garten anlegte und damit als Attraktion in alle Reiseführer kam.

Engelbeckenhof
Worauf stehen Prinz Albrecht von Preußen, Kaiser Wilhelm I., Helmuth von Moltke und der Großherzog Friedrich Franz II. von Mecklenburg? Kleine Scherzfrage, die Sockel für ihre Standbilder sind von dem Steinmetzunternehmen Kessel & Röhl geschaffen worden, das seit 1862 im Engelbeckenhof seine Werkstätten hatte. Auch für Reiterstandbilder, Kriegerdenkmäler und Siegessäulen stellte das Unternehmen die meterhohen Sockel aus überwiegend schwedischem Granit her, denn in Schweden und Norwegen hatte es seine eigenen Steinbrüche. Der gewonnene Krieg gegen die Franzosen 1870/71 brachte dem Steinmetzunternehmen einen Auftragsschub, denn in vielen Städten wurden jetzt Siegerdenkmäler errichtet. Kessel & Röhl mussten schweres Material transportieren, deshalb hatten sie sich am Luisenstädtischen Kanal angesiedelt.

"Ach wie herrlich ist das Brot" - "Schön groß und famos". Damit warben die Tätosin-Werke, die - ebenfalls im Engelbeckenhof - Backhilfsmittel herstellten. Später konzentrierten sie sich auf die Herstellung feiner Back- und Speisefette und nannten sich jetzt Grana-Werke. Es gab eine ganze Palette weiterer Fabrikationsbetriebe im Engelbeckenhof, hier wurden Lampen, Blechwaren, Schallplatten, Kartonagen, Lederwaren und Fahrräder produziert.



Auch heute ist das Gewerbeareal mit sechs Höfen an mehrere Unternehmen vermietet, wobei sich der Schwerpunkt von der Fabrikation zur Dienstleistung verschoben hat.

Drei Schwestern
Zeitgleich mit dem Luisenstädtischen Kanal entstand das Krankenhaus Bethanien am Mariannenplatz. Nach dem Mauerbau musste es 1970 stillgelegt werden, weil die Kranken aus den Ostbezirken ausblieben. Abrisspläne konnten abgewehrt werden, danach hat es ein zweites Leben als Künstlerhaus bekommen.

Im ehemaligen Speisesaal, einem fast sakralen (leider etwas halligen) Raum, ist das Restaurant "Drei Schwestern" entstanden, dessen Name sich von den früher im Krankenhaus arbeitenden Diakonissen ableitet. Bei unserem Flaniermahl werden wir von zwei Kellnerinnen bedient. Als wir nach der 'dritten Schwester' fragen, winkt vergnüglich die Frau hinter dem Tresen herüber, hier ist man ganz locker. Die Knödel mit Gemüse sind ungewöhnlich, aber wohlschmeckend zusammengestellt. Den Ausfall der elektronischen Registrierkasse wegen des Hackerangriffs auf die Telekom meistert der Chef mit Contenance. Er kann noch mit Kugelschreiber und Papierblock umgehen und im Kopf rechnen, das verdient einen Extrapunkt.

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Weitere Spaziergänge im Umkreis:
> Luisenstädtischer Kanal südlich des Oranienplatzes:
Die Stunde ruft mit eingefrorenen Zeigern
> Oranienplatz und Osmar Kalins Garten: Osman Kalins Garten
> Oranienplatz, Moritzplatz: Erste Kreuzberger Wohngemeinschaft
> Heinrich-Heine-Viertel: Erfolgslose Buddelei

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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Inseln in Berlins alter Mitte