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Zu abstrakt oder zu real - ein Künstlerleben


Stadtteil: Marzahn
Bereich: Biesdorf
Stadtplanaufruf: Berlin, Brebacher Weg
Datum: 10. April 2017
Bericht Nr: 583

Bei den Nazis galten seine Bilder als 'entartet', für die DDR war seine Kunst zu 'abstrakt', für Westdeutschland zu 'real'. Ein Künstlerleben, das typisch ist für die Angehörigen einer verschollenen Generation, deren Künstler-Biografie durch das Berufsverbot der Nazis gebrochen wurde und die danach erfolglos um Anerkennung gerungen haben.

Der Maler Hans Brass
Hans Brass war ein Künstler, der wie viele seiner Generation als Soldat am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte und hierdurch geprägt war. Viele Künstler der deutschen Avantgarde hatten den Ersten Weltkrieg mit Jubel begrüßt als "reinigende“ Kraft. Sie hatten erwartet, verloren geglaubten Tugenden durch neue nationale Verbundenheit - das "Zusammenrücken" gegen den gemeinsamen Feind - zurückzuerlangen. Doch im Schützengraben sah die grausame Wirklichkeit des Krieges ganz anders aus. Mancher Künstler verarbeitete die Erfahrungen danach direkt in Kriegsszenen, andere malten nur noch schwarz-weiß statt mit Farben oder gingen in die Abstraktion.

Brass gehörte zur Avantgarde der 1920er Jahre, wechselte zwischen Berlin und Ahrenshoop, wo er zeitweise Bürgermeister war. Bei der expressionistischen Zeitschrift "Der Sturm" arbeitete er beispielsweise mit Alfred Döblin, Knut Hamsun, Karl Kraus, Else Lasker-Schüler, Heinrich Mann zusammen. Zu den Malern, die vom "Sturm" gefördert wurden, gehörten Franz Marc, Wassily Kandinsky, Oskar Kokoschka, August Macke. An einem Gebäude im Krankenhaus Wuhlgarten erinnert eine Gedenktafel an Hans Brass, der hier die letzten fünf Jahre seines Lebens mit seiner Frau in ihrer Dienstwohnung lebte, sie war Ärztin.


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Das Bezirksmuseum Marzahn-Hellerdorf hat vor sieben Jahren die Werke von Hans Brass mit einer Ausstellung aus der Vergessenheit zurückgeholt.

Krankenhaus Wuhlgarten, Wilhelm-Griesinger-Krankenhaus
Schon bevor der Berliner Stadtbaurat Ludwig Hoffmann Kliniken wie Berlin-Buch oder das Rudolf-Virchow-Krankenhaus baute, hatte sein Vorgänger Hermann Blankenstein mit Klinikbauten in Herzberge und Biesdorf dem Bautyp "Krankenhaus" seine Handschrift aufgedrückt.

Die Heil- und Pflegeanstalt Wuhlgarten für "Epileptische" entstand Ende des 19. Jahrhunderts nördlich des Schlosses Biesdorf und entwickelte sich bald zur allgemeinen psychiatrischen Klinik mit 1.000 Betten. Vom Bahnhof Biesdorf an der Ostbahn, der 1885 eröffnet wurde, ist das Krankenhaus zu Fuß zu erreichen. Allerdings gab es hier keine Infrastruktur, so dass ein autarkes Versorgungssystem gebaut werden musste für Trinkwasser, Abwasser, Energieversorgung und Heizung. Dazu gehören ein Wasserturm und ein Kesselhaus. Ein unterirdisches Tunnelsystem, das teilweise begehbar ist, führt die Versorgungsleitungen zu den einzelnen Klinikgebäuden. Schienen, die die Gebäude oberirdisch verbanden, sind noch heute zu sehen.

Eine öffentliche Straße - der Brebacher Weg - durchschneidet das Krankenhausgelände in Nord-Süd-Richtung. Die Freiflächen sind begrünt, die großzügige Bebauung erfolgte im Pavillonstil mit freistehenden, locker gruppierten Gebäuden. Rote und gelbe Klinkersteine wechseln sich bei der variationsreichen Ornamentierung der Fassaden ab. Männer und Frauen waren in getrennten Häusern untergebracht. Es gab Werkstätten (Stellmacher, Korbflechter, Sattler, Schlosser), eine Gärtnerei, landwirtschaftlich genutzte Flächen und Tierhaltung. Mit Arbeitstherapie und Erholungsmöglichkeiten in Parkanlagen und auf landwirtschaftlichen Flächen sollte die Genesung der Kranken gefördert werden.

Wilhelm Griesinger
Die Klinik Wuhlgarten wurde nach den medizinischen Erkenntnissen von Wilhelm Griesinger eingerichtet und geführt. Er gilt als Begründer der modernen Psychiatrie. Als Professor und Institutsdirektor übernahm er die Irrenanstalt der Charité, die damals noch nach den Einschüchterungs- und Schreckmethoden des Dr. Horn behandelte, der mechanische Zwangsmittel wie Zwangsstehen, Zwangssitzen und überraschende Kaltwassergüsse zur "Besänftigung der Tobsucht" einsetzte. Griesinger konnte nur unter großer Gegenwehr einen Übergang zur Behandlung pflegebedürftiger Menschen mit Erkrankungen des Gehirns auf den Weg bringen.

Griesinger, der seine wissenschaftliche Arbeit mit einer Dissertation über Diphtherie begann, starb 1868 nach einer Operation an eben dieser Infektionskrankheit Diphtherie. Ein Lebenskreis hatte sich geschlossen, sein Werk war aber noch lange nicht vollendet.

Zeit des Nationalsozialismus
Die Klinik Wuhlgarten hat in der Zeit des Nationalsozialismus wie die Klinik Buch an der "Vernichtung unwerten Lebens“ teilgenommen, den Euthanasiemorden. Insgesamt wurden mehr als eintausend Patienten in Tötungsanstalten wie beispielsweise in Brandenburg/Havel oder vorher in "Zwischenanstalten" verlegt. Zuerst mit berüchtigten "Grauen Bussen", später mit Zügen vom Gleisanschluss am Kesselhaus, dem "Todesgleis". Auf den Rücken trugen sie einen Leukoplast-Streifen mit Namen und Geburtsdatum.

Erst als Angehörige, Vormünder und kirchliche Würdenträger zunehmend Widerspruch erhoben, stellten die Nazis aus Angst vor öffentlichem Widerstand die Aktion 1941 offiziell ein, die "Vernichtung unwerten Lebens" ging aber unter der Hand weiter. Auf dem Krankenhausgelände informiert eine Reihe mit Stelen über diese Vergangenheit. Benachbart dazu wurde eine Gedenkstätte für 180 Todesopfer des Zweiten Weltkrieges eingerichtet.


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Unfallkrankenhaus Marzahn
Nördlich angrenzend an das Gelände der Klinik Wuhlgarten haben die Berufsgenossenschaften nach der Wende das Unfallkrankenhaus Marzahn errichtet. Mit eigenem Rettungshubschrauber hat diese Klinik einen Wirkungsbereich weit bis nach Brandenburg hinein. Die alte Klinik Wuhlgarten hat ihre Tätigkeit auf andere Standorte verlagert. In den freigewordenen Gebäuden wurden Eigentumswohnungen geschaffen, außerdem arbeiten hier Dienstleister wie Physiotherapeuten, Ambulanzen, private Kliniken und Gästehäuser.

Anstaltsfriedhof
Nördlich angrenzend an das Unfallkrankenhaus haben sich Betriebe in einem Gewerbepark angesiedelt. Wiederum im Norden davon wird der ehemalige Anstaltsfriedhof der Klinik Wuhlgarten von einer gelb-roten Backsteinmauer eingefasst. Hier wurden unter anderem Opfer der Euthanasie beerdigt, außerdem gab es Kriegsgräber. Alles ist abgeräumt, es gibt keinen einzigen Grabstein mehr, nur noch Gestrüpp ist zwischen den begehbaren Hauptwegen vorhanden. Als in der DDR-Zeit unförmige Fernwärmerohre verlegt wurden, hat man die störende Mauer an mehreren Stellen herausgebrochen. Der ehemalige Anstaltsfriedhof ist auch heute noch in der Denkmaldatenbank als schützenswert eingetragen, obwohl es hier nichts mehr zu schützen gibt.

Auf dem alten Krankenhausgelände erfreuen uns blühende Kirschbäume, wir sind zur richtigen Zeit hier. Für die Anwohner hat das Bezirksamt Gelände für den “Wuhlegarten“ zur Verfügung gestellt für Urban Gardening. Er wird als der erste Interkulturelle Garten von Berlin bezeichnet. Hier "treffen sich Menschen verschiedener kultureller Herkunft und gestalten ihr gemeinsames Beisammensein. Jedes Mitglied kann ein kleines Stückchen Erde bewirtschaften. Im Vordergrund steht dabei der Gemüse- und Obstanbau".


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Das Okragemüse für unser Flaniermahl bezieht unser Grieche an der Weberwiese sicher nicht vom Urban Gardening. Uns schmeckt’s trotzdem.

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Beim Krankenhaus wird die Wuhle im "Wuhlgarten" ohne "e" am Ende geschrieben, das Urban Gardening erfolgt dagegen im "Wuhlegarten" mit "e".

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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Der glücklose Bildhauer