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Krankenhäuser jottwede


Stadtteil: Pankow
Bereich: Berlin-Buch
Stadtplanaufruf: Berlin, Robert-Rössle-Straße
Datum: 12. Dezember 2016
Bericht Nr: 572

Eine Siedlung, die in der Siedlungsstraße liegt und Siedlung heißt: Der Berliner Stadtbaurat Ludwig Hoffmann hat diese Ansiedlung kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs geschaffen. Gedacht war sie vor allem für die Beschäftigten des angrenzenden Krankenhauskomplexes, aber natürlich wurden auch Kriegsheimkehrer hier mit Wohnungen versorgt. Der Berliner Straßenführer fasst das zusammen zu der Aussage, es sei eine "Wohnsiedlung für Kriegsbeschädigte und Ärzte".

Siedlung Buch
Es ist eine kleine Gartenstadt als geschlossene Anlage an einer Sackgasse, die sich an den Kopfbauten zu einem kleinen Platz erweitert. Diese Abgeschlossenheit wird uns besonders bewusst, als wir unter den misstrauischen Blicken von Anwohnern hier fotografieren. Ludwig Hoffmann hat hinter den Häusern große Siedlungsgärten mit Kleinviehställen zur Selbstversorgung der Bewohner vorgesehen. Die Denkmaleintragung lobt die "heimatverbundene Architektursprache", den "ländlich-malerischen Charakter", die "schlichten und bodenständigen Formen, die eine behagliche Atmosphäre erzeugen". An der Siedlungsstraße stehen sich jeweils gleiche Bautypen der Reihenhäuser und der mit Dreiecksgiebeln hervorgehobenen Doppelhäuser in strenger Symmetrie gegenüber.

Flüchtlingslager Karower Chaussee
An der gegenüberliegenden Seite der Karower Chaussee steht das "Refugium Buch" als moderne Variante von Wohnungen für kriegsgeschädigte Menschen. Etikettenschwindel des Amtes: Hinter dem wohlklingenden Begriff "Refugium" verbirgt sich tatsächlich ein Containerdorf für 480 Flüchtlinge. Es ist ein Zufluchtsort, aber keiner, "an den man sich zurückziehen kann, um ungestört zu sein", wie der Duden Refugium umschreibt. Die Container wurden auf der Brunnengalerie - einem ehemaligen Wasserschutzgebiet - aufgestellt, für das 2009 die Schutzwirkung endete.

DDR-Klinikum Berlin-Buch
An der nördlichen Stadtgrenze in Berlin-Buch nutzte die DDR historische Krankenhausbauten für die größte Krankenhausanlage des Landes. Es gab eine Vielfalt von Fachabteilungen und Fachkliniken aller medizinischen Bereiche. Im "Neutronenhaus" konnten in einem Zyklotron Neutronenstrahlen und radioaktive Isotopen hergestellt werden. Die Nuklearmedizinische Klinik verabreichte Strahlentherapie. Ein Ganzkörper-Szintigraph - der mit radioaktivem Material Untersuchungen ermöglicht - war angeblich "mit Panzerplatten eines vor 1945 gesunkenen Kriegsschiffes abgeschirmt". Mit den Terminen war es damals so ähnlich wie heute bei der Unterscheidung zwischen Kassenpatienten und Privatpatienten: Die regierungsnahen Kader wurden bevorzugt, der einfache DDR-Bürger musste warten.

Nach der Wende hat der Wissenschaftsrat die Bucher Institute 1991 geschlossen und die Mitarbeiter entlassen. Anschließend wurden in Buch Forschungsinstitute zusammen mit der Helmholtz-Gemeinschaft (Max-Delbrück-Centrum) und der Charité (Experimental and Clinical Research Center) geschaffen. Die Helios-Klinik errichtete einen Klinikneubau neben der historischen Hufeland-Klinik, in der zum Teil krankenhausnahe Dienstleistungen angesiedelt wurden. Teilweise stehen die alten Krankenhausbauten auch leer. Aktuell wird dafür geworben, die europäische Arzneimittelaufsicht in Buch anzusiedeln, die wegen des Brexits London verlassen muss.

Krankenanstalten im Dritten Reich: "Gnadentod für Ballast-Existenzen"
An der Schnittstelle zwischen Hufeland und Helios liegt als Denkzeichen ein überdimensionales Kopfkissen, das an die dunkle Zeit der Euthanasie erinnert. An der "Verhütung erbkranken Nachwuchses“ seit Juli 1933 war auch die Hufeland-Klinik beteiligt. Mehr als 800 Patienten aus „minderwertigen“ Bevölkerungsgruppen wurden in Buch zwangssterilisiert, darunter psychisch Kranke, geistig Behinderte, Kriminelle, Asoziale und Angehörige andere unerwünschte Gruppen.


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Im Herbst 1939 begann das Töten. Ein Ärzteausschuss prüfte die angelegten Akten und urteilte mit einem blauen Strich über "Leben“ und einem roten Kreuz über "Sterben". Die eigentlichen Tötungsanstalten lagen außerhalb Berlins beispielsweise in Brandenburg/Havel. „In unbekannte Anstalt verlegt“ wurde in den Akten vermerkt, um den Massenmord zu verschleiern. Durch Verfügung der Zentralen Gesundheitsverwaltung war den Beschäftigten eine "Schweigepflicht bei Durchführung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" auferlegt.

Trotzdem lösten die gehäuften Todesfälle von Psychiatriepatienten Unruhen in der Bevölkerung aus, so dass man 1940 diese Abteilung der Heil- und Pflegeanstalt Buch geschlossen hat. Insgesamt starben bis dahin 2.800 Euthanasie-Patienten aus Buch. Das auf dem Klinik-Gelände angesiedelte Institut für Hirnforschung bestellte sich in den Tötungsanstalten mehr als 600 Gehirne ermordeter Psychiatriepatienten, um diese für eigene Forschungszwecke zu nutzen.

Berlin-Buch an der nördlichen Stadtgrenze
Berlin-Buch lag und liegt immer noch jottwede (jwd) - janz weit draußen, wie der Berliner sagt, aber es ist altes Siedlungsgebiet. Die erste Ansiedlung aus der Bronzezeit wurde gefunden, als man das Krankenhaus in der Wiltbergstraße baute. Weitere bronzezeitliche Funde folgten. Auch Reste eines germanischen Dorfes hat man ausgegraben. Aus dem mittelalterlichen Dorf "Wendischbuk" ist Buch hervorgegangen, das später einen Landschaftspark mit Schloss bekam.

Die Stadt Berlin legte hier Rieselfelder an, ein Bahnhof wurde an der Stettiner Bahn eröffnet, und dann baute hier weitab von Berlin um 1900 der Berliner Stadtbaurat Ludwig Hoffmann einen neuen Krankenhaus-Standort auf. Hoffmann hatte im Wedding das Rudolf-Virchow-Krankenhaus errichtet, das aus freistehenden Gebäuden (Pavillons) bestand und als "Gartenstadt" konzipiert war. In Berlin-Buch behielt er dieses Prinzip bei, baute Klinikgebäude mit 2 Stockwerken, die einzeln oder als Gruppen in einem parkartigen Gelände angeordnet sind

Krankenanstalten um 1900
Aus der Städtischen Zentrale Buch, einem Baukomplex an der Schwanebecker Chaussee, versorgte Hoffmann alle von ihm gebauten Krankenanstalten in Buch mit Energie: Dampf für die Heizungen, Kalt- und Warmwasser, elektrischer Strom. Wasser kam aus einem eigenen Wasserwerk, außerdem gab es eine Wäscherei, eine Bäckerei und eine Apotheke. Die Dampfheizung sorgte in den einzelnen Bauten für indirekte Wärme, auf Heizkörper wurde auch im Hinblick auf die Verbrennungsgefahr für Nervenkranke verzichtet. Über die kleinen Türmchen mit Schlitzen auf den Hausdächern wurde die abgekühlte Luft abgeleitet.


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Ludwig Hoffmann hat hier mehrere Kliniken gebaut, unter anderem zwei Irrenhäuser, wie die Nervenheilanstalten zur Bauzeit hießen: die Irrenanstalt III in der Karower Straße (später Hufeland-Klinik) und die Irrenanstalt IV in der Wiltbergstraße (heute nachgenutzt als "Ludwig-Hoffmann-Quartier"). Die zweite ist nie als Irrenanstalt in Betrieb gegangen, der Erste Weltkrieg kam dazwischen, die Klinik wurde als Lazarett gebraucht. Auf beiden Klinikgeländen gibt es weiträumige Grünanlagen, die liebevoll mit Ruhezonen aus Bänken und Brunnen ausgestattet sind. Baulich unterteilt war der Bereich in Häuser für "ruhige Kranke", geschlossene Abteilungen für "Schwere Männer", Pflegehäuser, ein Überwachungshaus für Neuaufnahmen und Landhäuser für Genesende, vor der Entlassung stehende Patienten. Das weitläufige Areal ist durch mehrere parallel laufende Alleen gegliedert. Männer und Frauen waren natürlich in unterschiedlichen Gebäudetrakten untergebracht, getrennt durch ein neutrales Gelände.

Hirnforschung statt Friedhof
Der städtische Friedhof Buch grenzt direkt an das Klinikgelände an. Tatsächlich war er von Ludwig Hoffmann als Anstaltsfriedhof angelegt worden, weil man bei den geistig und körperlich dauerhaft geschädigten Menschen mit eingeschränkter Lebenserwartung rechnete. Später übernahm die Stadt - die sowieso die Armenbestattungen bezahlte - die Grabanlagen entlang der Schwanebecker Chaussee als Friedhof Pankow XII.

Heute sind hier an einzeln stehenden Bäumen Baumbestattungen mit individuellem Grabstein möglich. Das sind pflegeleichte Urnengräber, die nicht anonym sind wie die Gemeinschaftsgräber auf manchen anderen Friedhöfen, bei denen die konkrete Beerdingungsstelle in einem großen Feld nicht zuzuordnen ist. Die Urnenkapseln sind ökologisch abbaubar. Mit dem Baum verbindet sich die Vorstellung vom Weiter-Leben, besonders wenn die Beerdigung an Baumschösslingen erfolgt, die noch mit Pfählen gestützt werden müssen und wahrscheinlich ein längeres Leben vor sich haben.


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Einen weiteren Friedhof hat Ludwig Hoffmann weiter westlich an der Robert-Rössle-Straße vorgesehen. Das denkmalgeschützte Eingangsgebäude führt zu dem Gelände, auf dem eine 30 Meter hohe Kapelle mit Kuppel und ionischen Säulen errichtet wurde. Vom Erscheinungsbild her wurde auf die beiden Dome am Gendarmenmarkt Bezug genommen. Doch dann kam die böse Überraschung: die Leichen würden im Boden quasi schwimmen, der Grundwasserspiegel war zu hoch für einen Friedhof. Ungenügende Baugrunduntersuchung, die Staatsoper in Mitte als aktuelles Bauproblem lässt grüßen.

Die Friedhofskapelle wurde gesprengt. Auf dem Gelände hat das Institut für Hirnforschung einen Neubau errichtet. Für die Forschungen war die Nähe zur III. Irrenanstalt in Buch vorteilhaft, und so entstand hier ein modernes Hirnforschungsinstitut. Im Dritten Reich untersuchte das Institut Gehirne von Euthanasieopfern. Im Zweiten Weltkrieg erforschte man Kriegsschäden des Zentralnervensystems. Ein leitender Militärpathologe schlug vor, hier eine Reserveklinik für Kopfschussverletzte einzurichten. Zu DDR-Zeiten befasste sich das Institut mit Krebsforschung und -bekämpfung und installierte hier das Zyklotron.

Auf dem Weg zum Ausgang begegnet uns die Skulptur "Anabase" von Rolf Szymanski. In dieser mächtigen Frauengestalt aus Eisen "bilden widersprüchlichsten Realitätsebenen zwingend ein Ganzes, das Intimste geht mit dem Öffentlichen den engsten Zusammenhang ein". Wer will, mag das so sehen.

Vor dem Eingangsgebäude, das ursprünglich dem Friedhof dienen sollte, steht ein Mann aus Bronze mit drei Beinen. Was als Warnung vor ärztlichen Behandlungsfehlern gedeutet werden könnte, ist eine Skulptur von Jean Ipoustéguy mit dem schlichten Titel "L‘Homme". Mensch, Mann oder Frau? Die Düse eines Feuerwehrschlauchs an der Gestalt deutet eher auf Mann hin.

Das gemeinsame Flaniermahl muss leider ausfallen. Auf der Heimfahrt ereilt meinen Mitflaneur eine schnell fortschreitende Erkältung. Bewegt von dem Erlaufenen und Gesehenen, bleibe ich allein mit meinen Gedanken zurück.

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Weitere Spaziergänge in Berlin-Buch:
> Irrenanstalt IV ("Ludwig-Hoffmann-Quartier"): Weniger Irre als geplant
> Heimstätte für Lungenkranke ("Waldhaus"), Alt-Buch, Schlosspark, Sowjetisches Ehrenmal:
betrüblich geringes Wissen über Berlin-Buch

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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Weniger Irre als geplant