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Gaslaternen unter Strom


Stadtteil: Wilmersdorf
Bereich: Rheingauviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Heidelberger Platz
Datum: 18. September 2017
Bericht Nr.: 599

Auf einem Sockel räkelt sich der Vater Rhein, gegenüber schaut die Nahe sehnsuchtsvoll auf den Rosselenker Siegfried. Der Rüdesheimer Platz mit dieser Skulpturengruppe liegt im Zentrum der Terrassen-Gartenstadt, die nach einheitlichem Plan im Rheingauviertel angelegt wurde. Doch das Viertel - das seine Bezeichnung von den Straßennamen ableitet - erstreckt sich Richtung Westen weiter bis zur Mecklenburgischen Straße. In diesem Bereich haben Architekten unterschiedliche Wohnanlagen geschaffen.

Landhaus-Siedlung am Heidelberger Platz
Die 1911 gegründete DEA Deutsche Erdöl AG hatte ihre Hauptverwaltung in Berlin-Schöneberg in der Martin-Luther-Straße. In den 1960er Jahren wurde der DEA-Konzern von der Texaco übernommen, die wiederum in die RWE eingegliedert wurde. Vor zwei Jahren schreckte die Nachricht auf, dass Michail Friedmann, ein russischer Oligarch, die DEA gekauft hat, obwohl gerade politische Sanktionen gegen Russland laufen.

Im Rheingauviertel ließ die DEA in den 1920er Jahren eine Landhaus-Siedlung für ihre Mitarbeiter errichten. Das Gelände hatte die Terraingesellschaft Berlin-Südwest von Georg Haberland erschlossen, die auch die Gartenstadt am Rüdesheimer Platz anlegen ließ. Entworfen wurden die Wohnhäuser von dem Architekten Otto Rudolf Salvisberg. Dabei wählte er eine Mischform aus Mehrfamilienhaus und Villa mit auffällig gestalteten Dachüberständen, Fensterläden oder zierlichen Fenstergittern, die die Diagonale betonen. Eine eigenwillige Architektur, die sich zwischen Hanauer und Aßmannshauser Straße über mehrere Straßenkarrees erstreckt.


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Waisenhaus Mossestift
Wenn ein Waisenhaus einem neubarocken dreiflügligen Schloss ähnelt, drückt sich wohl in dem Bau das Repräsentationsbedürfnis des Stifters stärker aus als die zweifelsfrei auch vorhandene fürsorgliche, soziale Funktion. Der Berliner Zeitungsverleger Rudolf Mosse finanzierte in den 1890er Jahren den Bau und Betrieb der "Mosseschen Erziehungsanstalt für Knaben und Mädchen" für 100 Waisenkinder unabhängig von ihrer Religion. Das ging bis zu den Wirtschaftskrisen der 1920er Jahre gut, dann übernahm die Stadt das "Fürstenschloss" unter der Bedingung, es weiterhin für Zwecke der Jugendwohlfahrt zu verwenden.

Durch die Autobahnüberbauung an der Schlangenbader Straße ist das Mossestift stadträumlich ins Abseits gerückt. Man muss die 1,5 km lange "Schlange" - die Wohnblocks der DeGeWo - durchqueren, um das Gebiet zu erreichen, das dann auf der anderen Seite von der Mecklenburgischen Straße eingequetscht wird. Immerhin bietet die "Schlange" mehrere öffentliche Durchgänge an, die allerdings erst ausgeschildert sind, wenn man die Gebäude betreten hat. In dem Abseits an der Rudolf-Mosse-Straße hat auch die viel kritisierte "Deutsche Wohnen" ihren Sitz, soll man das symbolisch sehen?

Zahnklinik
Inmitten der Wohnbebauung des Rheingau-Viertels breitet sich die Zahnklinik der Charité aus, die in den 1950er Jahren von der Freien Universität gebaut worden ist. Sie wird als "herausragendes Beispiel des Berliner Hochschulbaus der unmittelbaren Nachkriegszeit" gewürdigt. Relativ unauffällig fügt sich der sachliche Bau mit niedriger Geschosshöhe in die Umgebung mit Siedlungshäusern ein.


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Der Warte- und Behandlungsbereich wird an der Straßenseite von einer langgestreckten, seriellen Fensterflucht begleitet. Ungern erinnere ich mich daran, dass ich vor Jahrzehnten als Patient beim Zahnziehen unter Studenten- und Assistentenhand den Ausruf hörte: "Verdammt, jetzt ist die Krone abgebrochen".

Cornelsen-Schulbuchverlag

Zwei große Verlage sind nach dem Zweiten Weltkrieg ins Rheingauviertel nahe der Mecklenburgischen Straße gezogen. Der Schulbuchverlag Cornelsen ist "seit 70 Jahren zu Hause in der Welt des Lernens". Mir klingt noch aus Schulzeiten der Name des Englisch-Lehrbuchs "Peter Pim and Billy Ball" in den Ohren, das die Verlegerin und Englischlehrerin Cornelsen geschrieben hat. Zusammen mit ihrem Ehemann hatte sie den Verlag 1946 in der Künstlerkolonie Wilmersdorf gegründet. Nach der Wende hat der Cornelsen-Verlag den DDR-Schulbuchverlag "Volk und Wissen" übernommen und ist heute auch mit digitalen Medien vertreten.

Wissenschaftlicher Springer-Verlag
"Jeder Schachspieler hat zwei unabhängige Springer". Mit diesem Slogan wehrte sich der Wissenschaftsverlag Springer erfolgreich während der Studentenunruhen der 1960er Jahre gegen die Verwechslung mit dem bei Linken verhassten Verlagsimperium von Axel Caesar Springer ("Bild", "Welt", "Berliner Morgenpost"). Julius Springer gründete 1842 eine Buchhandlung in Berlin Mitte, aus im Laufe der Generationen ein international tätiger Wissenschaftsverlag entstand. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Neustart am Reichpietschufer, 1958 zog der Verlag zum Heidelberger Platz um.

Den langgestreckten fünfgeschossigen Backsteinbau entlang der Südseite des Platzes hatten 1936 die "Deutschen Zahnärzte" errichten lassen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs sendeten der Nordwestdeutsche Rundfunk und sein Nachfolger Sender Freies Berlin von hier, bis die sowjetische Besatzungsmacht das Haus des Rundfunks in der Masurenallee freigab. In das ehemalige Rundfunkgebäude zog später der Wissenschaftsverlag Springer ein.

Laternen
An Laternen können sich Betrunkene festhalten, Hunde können ihr Bein dran heben, man kann Zettel ankleben, doch eigentlich sollen sie uns den Weg erleuchten, wenn es dunkel ist. Als der Große Kurfürst die Straßenbeleuchtung in seiner Residenzstadt Berlin-Cölln einführte, sollten die Bürger Laternen heraushängen und versorgen, doch trotz verordneter preußischer Gründlichkeit klappte das nicht so richtig. Über Gasbeleuchtung und elektrische Beleuchtung ging die weitere Entwicklung mit zentral gesteuerten Laternen. Berlin wurde sozusagen zum Museumsdorf der Gasbeleuchtung, die Hälfte aller weltweit vorhandenen 70.000 Gaslaternen stand Anfang dieses Jahrhunderts in unserer Stadt.

Bei unserem Rundgang im Rheingauviertel überqueren wir eine Vielzahl von Fußgängerstegen, mit denen die aufgebuddelten Baugruben an Straßenlaternen überbrückt werden. Weiß-rote Baustellenabsperrungen umgeben die Lampen. In den Gruben liegen die Fundamente der Laternen und die Netzanschlüsse offen. Hier wie anderswo in der Stadt ist die Umrüstung auf elektrisches Licht in vollem Gange, weil es umweltschonender und kostengünstiger als Gaslicht sein soll. Den Gegnern der Umrüstung wurde ein wesentliches Argument genommen, als es gelang, die Stromversorgung in die vorhandenen Laternenmasten ("Bündelpfeilermasten") zu integrieren.


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Mit LED-Leuchten werden die Glühstrümpfe der Gaslaternen nachgebildet und eine Lichtfarbe mit dem Behaglichkeitsbereich des Gaslichts erzeugt. Auch die traditionelle Form der Aufsatzleuchten wurde beibehalten.

Die umgerüsteten Straßenlampen sind den historischen Gaslaternen so ähnlich, dass wohl nur Insekten den Unterschied spüren. Das UV-Licht der elektrischen Lampen zieht Insekten an, das Gaslicht strahlt dagegen kein UV-Licht aus. Die Gasbefürworter rechnen vor: An einer neuen Laterne sterben in einer Sommernacht 150 Insekten, die den Vögeln dann als Nahrungsgrundlage fehlen. Andere beschwören den „Untergang der Metropolenkultur Europas“, weil das feine Sirren und leichte Zischen beim Einschalten der Gasbeleuchtung nicht mehr zu hören ist. Vielleicht stehen sie jeden Abend bei Einbruch der Dunkelheit unter einer Gaslaterne, um keinen "Heimatverlust" zu erleiden.


Soll man ein Lokal besuchen, das den italienischen Begriff "Fehltritt" (Peccato) in seinem Namen führt? Und wo der Name des Inhabers sich mit "anspruchslos" übersetzen ließe? Heute bleiben bei unserem Flaniermahl Teile des Gerichts auf dem Teller. Bei den zwischen Nudeln versteckten Filetspitzen nehmen es viele italienische Köche nicht so genau, aber die Fleischfetzen auf meinem Teller wurden einem Rind auch nicht in der Nähe eines Filets entnommen. Das Lokal war voll und der Ton war ruppig, vielleicht hat man uns als nicht einheimisch identifiziert.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Umrüstung der Gaslaternen

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Unsere Route:
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Wanzenbahnhof in der bürgerlichen Idylle