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Wanzenbahnhof in der bürgerlichen Idylle


Stadtbezirk: Schöneberg
Bereich: Rheingauviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Rüdesheimer Platz
Datum: 27.April 2009

Es ist gerade fünf Jahre her, dass zehn unserer östlichen Nachbarländer in die Europäische Gemeinschaft aufgenommen wurden. Die befürchteten negativen Folgen der Grenzöffnung, z.B. auf den Arbeitsmarkt, sind ausgeblieben, allerdings ist auch kein Boom entstanden wie damals 1871, als bei der Reichsgründung Grenzen zwischen den deutschen Kleinstaaten ihre Bedeutung verloren. An Deutschland war damals die Industrialisierung der Nachbarstaaten vorbeigegangen, sie wurde jetzt im Turbotempo bis zum Beginn des 1.Weltkriegs nachgeholt. Auf dem Gebiet der Stadtentwicklung waren in der Gründerzeit ausschließlich private Investoren tätig, überwiegend von Banken gestützte Terraingesellschaften, die Gebiete aufkauften, entwickelten, vermarkteten und die Leitlinien für die Bebauung vorgaben. Selbst die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr übernahmen sie, indem sie Bahn- oder U-Bahnstationen finanzierten.

Am Rüdesheimer Platz und in dem umliegenden Rheingau-Viertel war dies die Terraingesellschaft Berlin-Südwest von Georg Haberland, der auch das Bayerische Viertel und das Tempelhofer Feld entwickelte. Der von ihr beauftragte Architekt Paul Jatzow schuf im Rheingau-Viertel eine Garten-Terrassen-Stadt, deren Charakter durch eine künstliche Anschüttung einer vom Haus zur Straße hin abfallende Grünfläche geprägt wird. Da in dieser Siedlung das Thema Weinbau in vielfacher Weise variiert wird, sind sogar diese Anschüttungen als stilisierte Weinberge bezeichnet worden. Tatsächlich hat Jatzow die Idee von der steilen und felsigen Insel Madeira mitgebracht, die den Bergen Flächen abtrotzt und diese Terrassen mit Blumen und vielfachem Grün schmückt.

Vom Weinland Rheingau erzählt der U-Bahnhof, dessen Bauweise mit Kassettendecken und schweren Säulen die Wohlhabenheit des Viertels zeigt. Faune und Satyrn, Weinlaub und Trauben sind auf Wandkeramiken zu sehen. Die Darstellungen von Insekten und Kriechtieren in den Ecken der Dachkassetten haben zu dem respektlosen Beinamen "Wanzenbahnhof" geführt. Die ursprüngliche Bemalung in den Wandnischen ist nicht mehr erhalten, hier sind moderne Werke zu sehen, die sich meist vom Thema Wein gelöst haben. Im Pflaster vor dem Bahnhofszugang ist in riesiger Schrift die Linie "U3" zu lesen. Schon zweimal mussten die Pflastersteine neu verlegt werden, weil die Linie vorher schon "U2" und "U1" hieß.

Die "bürgerliche Idylle" dieses Viertels, sein einheitliches Erscheinungsbild, geht auf den Architekten Jatzow zurück, der den Architekten der einzelnen Häuser die Fassaden und Bauhöhen vorgab, so dass sie "nur noch" die Grundrisse gestalten konnten. Im Gegensatz zum vielfachen wilhelminischen Prunk mit Türmchen, Giebelchen und Erkern entwickelte er aus den englischen Landhäusern (Cottages) vierstöckige Wohnbauten mit hohen Dächern, nicht symmetrischen Erkern und zurückhaltender Fassadengliederung. Auch das System der differenzierten Wohn- und Verkehrsstraßen hat Jatzow geplant.

Und natürlich gehört ein Park in die Mitte des Ensembles, der Rüdesheimer Platz. Geschmückt mit einem neubarocken Siegfriedsbrunnen, Siegfried als Rossebändiger, angehimmelt von der "Nahe" und auf der anderen Seite flankiert von dem lässig hingefläzten "Rhein". Die Flächen sind farbenfroh bepflanzt. Zu Weinfesten treffen sich hier die Bewohner und ihre Gäste und machen den kleinen Park auch zu einem kommunikativen Mittelpunkt.

Unser Weg führt uns heute noch durch Friedenau am Südwestkorso entlang mit einem Abstecher auf den Friedhof Stubenrauchstraße. Bei Marlene ("Hier steh ich an den Marken meiner Tage") halten wir kurz inne und betrachten die weißen Rosen, an denen kleine Botschaften der Verehrung angebracht sind. Im "Glühwurm" wird der Rundgang schwäbisch abgeschlossen.

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Nachdenkliches an der Stundensäule