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Fünf Einfamilienhäuser in der Wilhelmstadt


Stadtteil: Spandau
Bereich: Wilhelmstadt
Stadtplanaufruf: Berlin, Falstaffweg
Datum: 2. August 2021
Bericht Nr.:744

Zwischen Heerstraße und Weinmeisterhornweg liegt ein Wohngebiet, das es nicht geschafft hat, zu einem gemeinsamen Charakter zu finden. Die Pichelsdorfer Vorstadt nördlich und südlich der Heerstraße wurde 1896 am 100. Geburtstag Kaiser Wilhelms I. in Wilhelmstadt umbenannt. Während zu diesem Zeitpunkt eine einheitliche städtische Bebauung im nördlichen Teil begann, entwickelte sich der südliche Teil zu einem städtebaulichen Mischmasch, einem Potpourri von Einfamilienhäusern unterschiedlicher Größe, Ausrichtung, Ausstattung und Gestaltung. Ein Bebauungsplan für das Gebiet beiderseits der Wilhelm- und Gatower Straße war geplant, wurde aber nicht verwirklicht. Den Weinmeisterhornweg am Rand der ehemaligen Rieselfelder Karolinenhöhe flankiert bis zur Gatower Straße eine Kleingartenanlage. Im weiteren Verlauf Richtung Scharfe Lanke fehlt stellenweise ein Bürgersteig vor den Grundstücken.

Lediglich an der Scharfen Lanke sind auf den begehrten Grundstücken am Höhenweg und an der Haveldüne in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen bemerkenswerte Landhäuser entstanden. Unser heutiger Stadtspaziergang gilt fünf ungewöhnlichen Wohnhäusern vom Typ Einfamilienhaus, die über die südliche Wilhelmstadt verstreut sind. Zwei Häuser am Gotenweg sind aus der Zeit gefallen, die anderen drei sind Nachkriegsmoderne, zwei dieser privaten Wohnhäuser hat in den 1960er Jahren der Architekt Werner Düttmann errichtet.

Werner Düttmann, Senatsbaudirektor
In der Nachkriegszeit prägte Werner Düttmann als freier Architekt, Senatsbaudirektor (ab 1960), Hochschullehrer an der TU Berlin und Präsident der Akademie der Künste das Gesicht dieser Stadt mit ihren Bauten und ihrer Stadtstruktur. Er baute Wohnhäuser, Wohnanlagen (z.B. Angerburger Allee, Hedemannstraße), öffentliche Bauten wie Brücke-Museum oder Akademie der Künste, U-Bahnhöfe (z.B. an der U 7 in Neukölln). Als Planer verantwortete er die Konzepte von Siedlungen wie Märkisches Viertel, Mehringplatz, Kottbusser Tor.

In der südlichen Wilhelmstadt in Spandau tragen zwei Einfamilienhäuser aus den 1960er Jahren Düttmanns Handschrift. Beide sind individuell auf die Bedürfnisse der Bauherren ausgerichtet, ähneln sich aber in ihrer Logik und Gestaltung. Sie orientieren sich mit den Wohnbereichen zum Garten. Abweisend wirken die Straßenseiten, die von den Garageneinfahrten beherrscht werden. Die Baukörper bestehen aus weiß verputzten Kuben, die gestaffelt sind und mit Vor- und Rücksprüngen die Bauten lebendig wirken lassen. Im Innern entstehen so offene Grundrisse, die Räume fließen ineinander und sind gut belichtet.

Haus Meyer-Belitz, Falstaffweg
Das Haus am Falstaffweg zeigt schon von der Straße her eine Gliederung mit mehreren Baukuben, der zweigeschossige Wohnbereich ist von dem Garagenkubus zurückgesetzt. In der glatten Hausfassade öffnet sich nur der Eingangsbereich, zur Straße gibt es keine Fenster. Die Garage wird durch das leuchtend rot gestrichenen Garagentor optisch hervorgehoben.


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Anders als das Wohnhaus am Weinmeisterhornweg ist das Haus am Falstaffweg nicht als Baudenkmal eingetragen, obwohl beide zeitgleich derselbe Architekt in ähnlicher Formensprache errichtet hat.

Haus Vogel, Weinmeisterhornweg
Das Haus Vogel fügt sich maßstäblich wie ein Einfamilienhaus in die Umgebung ein, tatsächlich enthält es aber zusätzlich zur Eigentümerwohnung drei kleine Einliegerwohnungen, von denen eine im Obergeschoss zur Straße ausgerichtet ist. In der Straßenfront geht die Garage über die ganze Hausbreite, der Baukörper ist rückwärtig geschickt gestaffelt, und zeigt erst dort das größere Bauvolumen.


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Die "Antivilla"
Bei einem betonsichtigen Nachkriegs-Einfamilienhaus ist der Gedanke an die "Antivilla" des Architekten Arno Brandlhuber nicht weit. In Krampnitz bei Potsdam hat der Architekt die Lagerhalle einer DDR-Trikotagenfabrik in ein Einfamilienhaus verwandelt. Nicht die grau geschlämmten Außenwände, sondern das Flachdach ist aus 30 cm dickem Beton, es ruht auf einem Betonkern in der Gebäudemitte. Es ist also kein Betonbau, sondern Bestandsmauerwerk mit neuen Bauteilen aus Beton.

Unverputzter, schalungsrauher Beton in der Ansicht wird gern als "Brutalismus" bezeichnet, tatsächlich leitet es sich aus dem Französischen von "beton brut" ab und bedeutet roh, unverarbeitet. Dass bei der Antivilla der Begriff "brutal" ins Spiel kommt, liegt nicht an einer Betonsichtigkeit, sondern an einer radikalen Idee des Architekten, wie man sich das Gebäude mental aneignen könnte.


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In einer gemeinsamen Aktion mit Freunden und Bekannten hat er die im Fabrikbau vorhandenen Fensteröffnungen mit Vorschlaghammern vergrößert. Was wie brutal aus dem Gebäude herausgerissen wirkt, ist ein neuer Denkansatz für den Bautypus Villa, eben die Anti-Villa.

Einfamilienhaus aus Sichtbeton
An der Scharfen Lanke in Spandau finden wir ein Einfamilienhaus, das tatsächlich "beton brut" zeigt, es ist innen und außen vollständig aus Sichtbeton. Es ist wohl das einzige Wohngebäude seiner Art in Berlin, verwendet wurde wärmedämmender Leichtbeton. Auch dieses Bauwerk hat kubische Formen, ein rückwärtig angebauter zweiten Kubus bleibt den Blicken verborgen.


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Zwischen den beiden Baukörpern befindet sich ein Schwimmbad. Die Hofbereiche sind blickdicht von Mauerwerk umschlossen. Beide Hauskörper haben begehbare Flachdächer und sind durch einen offenen Gang miteinander verbunden. Leichtbauelemente dienen als Einbauschränke.

Das Haus Plettner ist ein Werk der Architekten Jan und Rolf Rave. Sie haben die Strömungen ihrer Zeit sensibel aufgenommen, setzten der Nazi-Architektur am Fehrbelliner Platz mit dem Verwaltungsgebäude für die BfA ein Bild der Nachkriegsarchitektur gegenüber. Auch das Krematorium Ruhleben haben sie entworfen und den Preußischen Landtag nach der Wende zum Gesamt-Berliner Abgeordnetenhaus umgebaut. Von ihren Bauten ist lediglich das Haus Plettner in der Denkmaldatenbank aufgeführt.

Tauchturm der DRLG-Lebensretter
Weichen wir zwischendurch einmal vom Thema Einfamilienhäuser ab: Beim Blick über die Scharfe Lanke sieht man an der Straße Am Pichelssee den Tauchturm der DRLG-Lebensretter. Wer einen Tiefenrausch erleben will und Taucherfahrung hat, kann durch eine ingenieurmäßig ausgeklügelte Simulation in eine physikalische Tauchtiefe von 50 Metern versetzt werden. Dazu braucht er nur Badebekleidung, Atemgerät und Druckluftflasche. In einer trockenen Druckkammer eingeschlossen, wird er mithilfe von Pressluft in die Druckverhältnisse in 42 Metern Wassertiefe gebracht. Anschließend taucht er im Wasser des eigentlichen Tauchturms bis zu 8 Meter tiefer und kann sich dort aufhalten.

Erbaut wurde der Turm natürlich nicht für Taucher, die Geld für einen Tiefenrausch ausgeben wollen. Er dient für Forschungen, Tests, zum Training. Man kann dort Wrack-, Strömungs-, Höhlen- und Bergseetauchgänge simulieren. Mit der Schräglage erinnert der 12 Meter hohe Stahlturm an eine Abfahrtsrampe für Skispringer, tatsächlich wird aber zur Überdruckkammer-Behandlung von Tauchunfällen die entgegengesetzte Richtung genutzt: Die verunglückte Person wird in einer mobilen Druckkammer mit einem Schrägaufzug am Gebäude nach oben gefahren und dort an die ortsfeste Druckkammer angedockt. Erbaut hat diesen weltweit einmaligen Tauchturm der Architekt Ludwig Leo, dessen "Rosa Röhre", der Umlauftank der Versuchsanstalt für Wasserbau auf der Schleuseninsel, weithin sichtbar ist.

Reetdachhäuser am Gotenweg
Am Gotenweg stehen sich zwei Einfamilienhäuser des Architekten Hanns A. Pfeffer gegenüber, die aus der Zeit gefallen scheinen und auch mit ihrem Erscheinungsbild nicht in die Wilhelmstadt passen. Sie haben reetgedeckte Dächer, die das ausgebaute Dachgeschoss mit seinen Gauben umfließen. Weitere Baudetails sind Fachwerk, in der Fassade hervorgehobene Schornsteine.


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Im Jahr 1937 während der Nazizeit errichtet, passen sie so gar nicht zur "Baugesinnung" jener Zeit, die durch eine Verordnung aus dem Jahr 1936 von den Architekten die "Besinnung auf die völkische Eigenart" forderte. Darunter verstand man niedrige Häuser in traditionellen Bauformen mit Satteldächern, aufrechten Fensterformaten und Klappläden (Beispiel: Waldsiedlung Krumme Lanke). Das richtete sich vor allem gegen die Formen des Neuen Bauens mit Flachdächern in den 1920er Jahren.

Auch wenn die Häuser am Gotenweg in anderen deutschen Landesteilen mit ihren heimatlichen Anklängen weniger ungewöhnlich gewesen wären, passen sie nicht zum zeitgenössischen Heimatschutzstil mit Satteldächern und nicht einmal in die total heterogene Bebauung der Wilhelmstadt.

Das Haus Gotenweg 17 wurde 1937 für die Chorleiterin Emmi Goedet-Dreising erbaut. Das gegenüberliegende Haus hat ebenfalls 1937 derselbe Architekt gebaut, über ihn und den Bauherrn fehlen weitere Angaben, genau wie über Emmi Goedet-Dreisings Lebenslauf nach der Nazizeit. Der Kinderchor Goedet-Dreising war allgegenwärtig mit Radiosendungen und Auftritten in Filmen, Schallplattenaufnahmen wurden veröffentlicht von Odeon,Telefunken, Dt. Grammophon, Polydor. Die "frischen Kinderstimmen haben Volks-, Wiegen und Soldatenlieder" dargebracht wie beispielsweise die Marschmusik in dem Film "Kinderarzt Dr. Engel".

Oder das Kinderlied "An meiner Ziege hab ich Freude" ("sie ist ein wunderschönes Tier / Haare hat sie wie aus Seide / Hörner hat sie wie ein Stier"). Die zweite Ziegen-Strophe handelt vom Rucksack der Ziege: "Ränzel wie ein Dudelsack und Schwänzel wie ein Stengel Rauchtabak". Meck meck.
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