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Der Stadtraum innerhalb der Ringbahn


Stadtteil: Prenzlauer Berg, Wedding
Bereich: Ringbahn, Nordbahn, Bhf. Gesundbrunnen
Stadtplanaufruf: Berlin, Behmstraße
Datum: 5. Juli 2021
Bericht Nr.:751

Mit unserem heutigen Rundgang versuchen wir, die Bahntrassen am Bahnhof Gesundbrunnen als Fußgänger zu überwinden. Dabei werden Brücken zum Thema, aber auch die Bahnkörper selbst. Wie ein Lasso schnürt die Ringbahntrasse die Innenstadt ein, legt sich als Hindernis, als Barriere um das Stadtzentrum Berlins. Als sie in den 1870er Jahren eingerichtet wurde, lag die Ringbahn noch außerhalb der Vorstädte des alten Berlins, Groß-Berlin wurde erst 1920 geschaffen. Am Bahnhof Gesundbrunnen kreuzt die Ringbahn die Nordbahn, die gleichzeitig in nördlicher Richtung die Grenze zwischen Wedding und Prenzlauer Berg bildet und damit seit 1961 als Mauerstreifen unüberwindbar war, bis an der Bornholmer Straße 1989 das Wunder des Mauerfalls begann.

Überwerfungsbauwerk am Gesundbrunnen
Die Bahntrassen am Gesundbrunnen sind eine ingenieurmäßige Meisterleistung mit einem "Überwerfungsbauwerk". Zwei sich überschneidende Verkehrswege (Nordbahn, Ringbahn) auf unterschiedlichen Ebenen kommen in einer gemeinsamen Kreuzungsstelle (Bhf. Gesundbrunnen) zusammen. Bei den Bahnhöfen Ostkreuz, Westkreuz und Südkreuz kreuzt die Ringbahn im Bahnhofsbau als zweite Ebene. Anders im Bahnhof Gesundbrunnen, dort fahren die Ringbahn und die Nordbahn nebeneinander auf demselben Bahnsteig ein, es gibt kein Kreuzungsbauwerk.

Wie bekommt man das hin? Mit Geländeeinschnitten, Tunneln, Brücken und Unterführungen. Ist das der Grund dafür, dass dieser Bahnhof nicht "Nordkreuz" heißt, weil hier nichts kreuzt? Oder wollte man die Verwechslungsgefahr, die mit Ostbahnhof und Ostkreuz herrscht, nicht mit Nordbahnhof und Nordkreuz vergrößern?

Für das Überwerfungsbauwerk kam den Planern zugute, dass auf der Strecke vom Nordbahnhof (37 Meter Höhe) zum Bahnhof Gesundbrunnen (45 Meter Höhe) das Urstromtal verlassen wird und die Hochebene des Barnim beginnt. Die Hochstraße- die parallel zur Bahnstrecke verläuft - hat von da her ihren Straßennamen.

Wie bei den Brauereien, die ihre Lagerkeller von der Hangseite statt von oben in den Barnim einbohren konnten, waren auch die Tunnel leichter anzulegen. Der Blick von Süden Richtung Gesundbrunnen zeigt eine verwirrende Zahl von Gleisanlagen auf unterschiedlichen Ebenen. Und sie dehnen sich aus, der südliche Tunnel auf der Strecke Nordbahnhof - Gesundbrunnen ist 120 Meter lang, der nördliche Tunnel Richtung Bornholmer Straße 100 Meter.


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Stettiner Bahn
Als der Bahnhof Gesundbrunnen 1872 eingerichtet wurde, erhielt er einen eigenen Brunnen zur Wasserversorgung und einen (halben) Ringlokschuppen mit vorgelagerter Drehscheibe, der erst 1957 abgebrochen wurde. Die Fernzüge der 1842 gegründeten Stettiner Bahn fuhren zunächst ebenerdig durch die Grüntaler Straße, was trotz Bahnschranken häufig Unfälle auslöste. Im weiteren Verlauf der Grüntaler Straße verlief die Eisenbahn auf einem erhöhten Damm, dessen niedriger Durchgang an der Bellermannstraße "Eselsbrücke" genannt wurde, weil mancher unachtsame Passant dort mit seinem Kopf gegen die Brücke rannte. Solche Schwierigkeiten haben wir heute beim Überwinden der Bahntrassen nicht gehabt, die ebenerdigen Streckenführungen wurden in den 1890er Jahren beseitigt.

U-Bahnhof Gesundbrunnen
Der Eisenbahnknotenpunkt Gesundbrunnen wurde 1930 um einen U-Bahnanschluss erweitert. Da schon das Bahngelände in einem Einschnitt unterhalb des Straßenniveaus liegt, musste der U-Bahnhof knapp 15 Meter unter die Erde wandern. Um an die Oberfläche zu kommen, wurden erstmalig in der Stadt Fahrtreppen eingebaut. Die Rolltreppen sind bis heute die längsten bei der Berlin U-Bahn. Alfred Grenander, der Berliner U-Bahn-Architekt, hat den U-Bahnhof mit genieteten Metallstützen gestaltet, so wie man sie auch vom Alexanderplatz kennt. Im Zweiten Weltkrieg wurden drei Luftschutzkeller eingebaut, in denen heute der Verein Berliner Unterwelten ein Museum betreibt. Die kubischen Eingangsgebäude an der Oberfläche sind geklinkert. Sie werden vom Gesundbrunnen-Center bedrängt, dessen ausgedehnter Bau ein angemessenes Stationsgebäude der Bahn verhindert hat. Nur ein niedriger Bau für die Fernstrecke wurde schließlich errichtet.

Stadtraum innerhalb der Ringbahn
Dass die Ringbahn einen klar begrenzten Stadtraum umschreibt, wird gern zur Festlegung von Zonen genutzt. Die BVG definiert ihren Tarifbereich A als "Innenstadt innerhalb des S-Bahn-Rings". Die Stadt Berlin lässt nur schadstoffarme Fahrzeuge in ihre Umweltzone. Die grüne Plakette an der Frontscheibe der Fahrzeuge "umfasst die Berliner Innenstadt innerhalb des S-Bahnringes". Interessant ist, wie sich der innere Stadtraum bei vielen anderen Faktoren von den außerhalb liegenden Stadtgebieten unterscheidet. Beispiele sind Mieten, Grundstückspreise und Sozialstruktur. Auch bei der Einwohnerdichte bildet der Bahnring eine innerstädtische Grenze. Bei der Auswertung der Wahl zum Abgeordnetenhaus zeigt die Karte einen ausgeprägt grünen Bereich innerhalb des Bahnrings, die anderen Farben kommen in den äußeren Bezirken zum Zuge (Tagesspiegel, "Berliner Flickenteppich", 3. Okt. 2021).

Und es sind Themen aus der Stadtentwicklung: Während der industriellen Revolution hat sich der Mietskasernengürtel ("Wilhelminischer Ring") um die alte Stadtgrenze (Akzisemauer) bis zur Ringbahn ausgedehnt. Bei der Abwasserbeseitigung herrscht in der Innenstadt die Mischwasserkanalisation vor (Regenwasser und Abwasser in einer Leitung), außerhalb wird Regenwasser und Abwasser getrennt. In der Innenstadt werden Autos auf Parkzonen verwiesen, während die Zahl der Radwege beherzt ausgebaut wird. In den Außenbezirken ist es fast unmöglich, mit dem Rad von einem Dorf zum nächsten zu fahren.

Über acht Brücken
Wenn man über sieben Brücken gehen muss, dann ist das eine magische Zahl von Überquerungen. Die Ost-Band Karat hatte den Song über eine deutsch-polnische Liebe eingespielt, der im Abspann des gleichnamigen Films lief. Später wurde der Song von Peter Maffay gecovert. Es wurde ein deutsch-deutscher Hit daraus, fast ein Volkslied. Im Kleinen geht es um Kummer, Hoffnung und Zuversicht, im Großen um Grenzen, Völkerverständigung und Freiheit.

Die Magie der Sieben zeigt sich schon in der Schöpfungsgeschichte: Die Welt wurde in 7 Tagen erschaffen, und ebenso viele Tage hat die Woche. Seitdem begleiten uns 7 Tugenden und 7 Todsünden. Es gibt 7 Weltwunder, im Märchen 7 Zwerge hinter 7 Bergen, für Verliebte den 7. Himmel und danach das verflixte 7. Jahr.

Um bei unserem Rundgang im Bereich des Bahnkreuzes Gesundbrunnen die Gleisanlagen zu überwinden, brauchen wir keine sieben, sondern acht Brücken. Ich werde nicht nur wegen der Zahlenmagie eine weglassen, sie werden alle gebraucht: Auf einer Distanz von 1,5 Kilometern sind es fünf Brücken über die Ringbahn, weitere drei überqueren die Nordbahn. Zwei Brücken werden als "Steg" bezeichnet, weil sie nur von Fußgängern und Radfahrern benutzt werden können, die übrigen sechs dienen auch dem Autoverkehr.

Swinemünder Brücke
Zwei Stahlbrücken mit kraftvollen Formen hat 1902 und 1912 der Berliner Stadtbaurat für Tiefbau, Friedrich Krause, geschaffen. Die Swinemünder Brücke überspannt mit 228 Meter Länge die Gleisanlagen der Ringbahn und Nordbahn am Bahnhof Gesundbrunnen. An dem Entwurf war der Architekt Bruno Möhring beteiligt. Sie ist eine Hängekonstruktion, Pylone halten die abgehängte Fahrbahn. Mit kühnem Schwung überwindet die genietete Stahl-Fachwerkkonstruktion mit Streben und Gitterstützen das Eisenbahngelände. Die Länge der Brücke, ihre aufwendige Konstruktion und die Verzierung mit heute nicht mehr vorhandenen Jugendstilmotiven hatte ihren Preis - "Millionenbrücke" nannte sie der Berliner Volksmund, soviel kostete sie in Goldmark. Bei Reparaturarbeiten nach der Wende blieb sie diesem Namen treu, "unerwartet" stiegen die Kosten wieder in diese Dimension, diesmal in Euro.

Bornholmer Brücke
Weiter nördlich überquert die Bornholmer Brücke mit 138 Meter Länge die Nordbahn. Sie heißt eigentlich Bösebrücke, wurde zu DDR-Zeiten nach dem Widerstandskämpfer Wilhelm Böse benannt. Seit dem Mauerfall, der an dem Grenzübergang auf dieser Brücke begann, ist sie weltweit als Bornholmer Brücke bekannt. Sie ist eine Bogenbrücke, die von zwei Stützen getragen wird. In einer elegant geschwungenen Linie formt der Aufbau aus Stahl erst in der Mitte der Konstruktion einen Bogen aus. Die Brücke ist mit 27 Metern ungewöhnlich breit. Angesichts dieser Lasten wurde beim Brückenbau erstmals hochfester Nickelstahl verwendet.

Alte Brücken, neue Brücken
Aus der Zeit, als das Bahnnetz immer weiter ausgebaut wurde, sind nur diese beiden historischen Brücken und der Humboldtsteg erhalten geblieben. Alle anderen Brücken stammen aus der Nachkriegszeit, davon sind drei Brücken sogar erst bei der Wiederherstellung und Modernisierung der Bahnanlagen nach der Wende in den 1990er Jahren neu gebaut worden: die Hochstraßenbrücke, die Behmstraßenbrücke und der Schwedter Steg. Die 1945 als Notbehelf gebaute Schönfließer Brücke ist als ewiges Provisorium bis heute erhalten geblieben. Die in den 1960er Jahren errichtete Badstraßenbrücke mit gemauerten Gewölben dient nach Instandsetzung in den 1980er Jahren weiterhin dem Verkehr.

Drei Brücken gerieten mit der Teilung der Stadt und dem Mauerbau in das Grenzgebiet zwischen Prenzlauer Berg und Wedding. Während die Bornholmer Brücke als Grenzübergangsstelle weiterhin in Betrieb blieb, verloren die Behmstraßenbrücke und die Schwedter Brücke ihre Funktion und wurden für Jahrzehnte gesperrt. Die Schwedter Brücke wurde nach der Wende in der Nähe des alten Standorts durch den Schwedter Steg ersetzt.

Schwedter Steg
Dass man heute noch so pittoreske Brücken bauen kann! Wo doch meist mehr auf Funktion als auf Gestaltung geachtet wird. Für den Schwedter Steg mit einer Länge von 217 Metern wurde eine zierlich wirkende Stahlkonstruktion als Bogenbrücke gewählt, "Bogen über der Fahrbahn, Bogen unter der Fahrbahn". Von den elf Feldern überspannen zwei Bogentragwerke von je 14 Metern den Geh- und Radfahrweg.


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Über die Brücke führt der Berlin-Usedomer Radfernweg. Unter dem Brückenbereich führt ein Bogen über die Gleise der "Ulbrichtkurve", mit der während der Mauerzeit die Ringbahn an die Nordbahn angeschlossen wurde, um West-Berlin zu umgehen. Das Brückenbauwerk ist geerdet und elektrisch gegen die Fahrdrähte der Eisenbahn gesichert.

Schönfließer Brücke
Als Provisorium wurde die 60 m lange Fußgängerbrücke 1945 auf eigenen Widerlagern gebaut, um einen Übergang anstelle der kriegszerstörten Schönfließer Brücke zu schaffen. Vergessen ist die großzügige Straßenbrücke, die der U-Bahn-Architekt Alfred Grenander "für den Auto- und Kutschenverkehr" erbaut hatte, sie fiel einer Luftmine zum Opfer. Das Provisorium dauert an, inzwischen etwas marode geworden verbindet es weiterhin über den Graben der Ringbahn Prenzlauer Berg mit Prenzlauer Berg. Hier war vor 130 Jahren "der Übergang von Stadt und Land, fast genau der Nordpol der Stadt. Hier ist Berlin theoretisch zu Ende. Davor lagert ein Müll-Ring, Strandgut wie Scherben und altes Eisen, alles was Berlin nicht mehr brauchen kann".

Neben der Schönfließer Brücke führt eine technische Brücke mit dicken Fernwärmeleitungen über die Ringbahn. Dass auf diesem Bauwerk auch eine Stromleitung verläuft, die tausende Haushalte im Prenzlauer Berg versorgt, wurde vor drei Wochen bekannt, als an der Schönhauser Allee, der Danziger und Eberswalder Straße die Ampeln ausfielen und die Menschen im Dunkeln saßen: Ein Brandanschlag hatte das Kabel zerstört, Unbekannte hatten Feuer gelegt, ein "Angriff auf unser demokratisches Zusammenleben".

Zurück zur Schönfließer Brücke, sie erfreut sich bei Filmleuten einer gewissen Beliebtheit. Brücken gehören beim Filmen dazu als Symbole für Verbindung, aber auch für Abschied, genau wie der Regen, der zur passenden Zeit auf die Darsteller niederprasselt. In Dresens "Sommer vorm Balkon" ist die Fußgängerbrücke zu sehen, und im DEFA-Film "Solo Sunny" von 1980 wohnt ihr Liebhaber in der Kopenhagener Straße hinter der Ringbahn.


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"Von hier hat man den typischen Blick auf die Brandmauern der Altbauten, die Rückseite der Stadt". Sunny träumt den ewigen Künstlertraum vom Erfolg, kämpft dabei mit Schwierigkeiten, und auch in der Liebe hat sie kein Glück. Als sie eine andere Frau im Bett ihres Freundes findet, greift sie ihre Sachen und rennt über die Brücke, entfernt sich immer mehr von der Rückseite der Stadt. Unter der Brücke quert eine S-Bahn. Aus, vorbei, Klappe!
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Unsere Route:
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Die drei Leben eines Lichtspieltheaters