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Im Kiez der dreieckigen Plätze


Stadtteil: Wedding
Bereich: Nettelbeckplatz bis Maxstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Ruheplatzstraße
Datum: 1. November 2021
Bericht Nr.:753

Der Nettelbeckplatz und seine Umgebung bis zur Maxstraße sind unser heutiges Ziel. Nördlich des Platzes, nahe der Weddingstraße, befand sich vor 500 Jahren der namensgebende Gutshof. Das Gutsgelände dehnte sich bis zum Weddingplatz an der Müllerstraße Ecke Fennstraße aus. Den Gutshof - das Vorwerk Wedding - hatte ein kurfürstlicher Oberkämmerer 1601 für die Viehwirtschaft eingerichtet. Angeblich gab es im Wedding die "dicksten Schafe." Das Gut kam zwischendurch unter kurfürstliche Verwaltung, dann kaufte die Stadt Berlin es 1817 und betätigte sich als Terraingesellschaft. Sie parzellierte die Ländereien und legte neue Straßen an, das Vorwerk verschwand. Heute gehört der Geburtsort von Wedding nicht einmal mehr zum Ortsteil Wedding, sondern zu Gesundbrunnen.

Joachim Christian Nettelbeck
Dass so viele Erlebnisse in ein einziges Leben passen, kann man kaum glauben: Die Biografie des Mannes, nach dem der Nettelbeckplatz benannt ist, ist ein packender Abenteuerroman. Joachim Christian Nettelbeck, 1738 in Kolberg geboren, mit 86 Lebensjahren gestorben, hatte Freude daran, sie in zwei Autobiografien selbst zu erzählen: "Des Seefahrers und aufrechten Bürgers wundersame Lebensgeschichte von ihm selbst erzählt" und "Seefahrer, Sklavenhändler und Patriot: Von ihm selbst aufgezeichnet".


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Mit elf Jahren schlich er sich als blinder Passagier an Bord eines Ozeanseglers. Dort war er auf einem Sklavenschiff gelandet, das bis nach Afrika und Indien fuhr. Sehr viel später in seinem Leben war er selbst Obersteuermann auf einem holländischen Sklavenschiff. "Wie?" schrieb er, "wird vielleicht mancher fragen: 'Nettelbeck ein Sklavenhändler? Wie kommt ein so verrufenes Handwerk mit seinem ehrlichen pommerschen Herzen zusammen?' Allein dies Handwerk stand zu damaliger Zeit bei weitem nicht in einem solchen Verrufe. Menschenhandel war ein Gewerbe wie andere, ohne daß man viel über seine Recht- und Unrechtmäßigkeit grübelte".

Nach seiner Fahrt als blinder Passagier ließ sich Nettelbeck als Schiffsjunge ausbilden. Der Seemann wurde zum Deserteur, als er auf der Rückfahrt nach Kolberg vor der Zwangsrekrutierung zum preußischen Soldaten flüchtete. Er wurde selbstständiger Reeder in Königsberg, danach Königlich-Preußischer Schiffskapitän in Stettin. Aber nicht lange, sein beherrschendes Charaktermerkmal - er war aufbrausend, beleidigend und ging Konflikten nicht aus dem Weg - beendete diese Laufbahn.

Andererseits war er unerschrocken und wagemutig. Mit seinem 10jährigen Sohn kletterte er auf einen Kirchturm in Kolberg, um das von einem Blitz verursachte Feuer zu löschen. Vielleicht hat er damit einen Stadtbrand verhindert. Die Stadt ehrte ihn, eine gerade verhängte Geldstrafe wegen eines Wirtschaftsdelikts wollte sie ihm aber nicht erlassen.

Er wurde wieder Seemann, hatte als Kapitän sein eignes Schiff, mit dem er – es musste wohl so sein - Schiffbruch erlitt. Es folgte eine Tätigkeit als Brauer und Schnapsbrenner. Für die Stadt beaufsichtigte er die Feuerlöschanstalten, die Stadtbrunnen, das Röhrenwesen und die Wasserkunst. Für ein Seegericht war er als Königlicher Schiffsvermesser tätig. Als die Stadt Kolberg von Napoleons Truppen belagert wurde, setzte Nettelbeck als Bürgerrepräsentant mutig die Abberufung des unfähigen Kolberger Stadtkommandanten durch. Mit Gneisenaus Hilfe organisierte er den erfolgreichen Widerstand gegen die Belagerung.

Daher kommt sein Nachruhm, der oft nationalistische Züge trug. Die Nazis instrumentalisierten Nettelbeck in dem 1944 gedrehten Durchhaltfilm "Kolberg" als zu allem entschlossenen Kämpfer und Siegespropheten. Die Auflehnung gegen einen übermächtigen Feind wurde mit dem Schauspieler Heinrich George als Nettelbeck in Szene gesetzt. Der Platz wurde 1884 nach Nettelbeck benannt, 60 Jahre nach seinem Tod und in der Berliner Gründerzeit.

Urnenfriedhof Gerichtstraße
Berlins ältester städtischer Friedhof von 1828 an der Gerichtstraße wurde 1902 in einen Urnenfriedhof umgewandelt. Erst zehn Jahre später baute ein Messel-Schüler neben dem Friedhof das erste Berliner Krematorium, das bis 2002 in Betrieb war. Wegen des "Leichentourismus" (Einäscherungen waren in Tschechien billiger) war das Krematorium nicht mehr ausgelastet, es wurde in den Veranstaltungsort "Silent Green" umgewandelt. Durch sensible Umbauten wurde das denkmalgeschützte Gebäude zu einem Kulturquartier, das nicht makaber wirkt und keine bedrückende Atmosphäre ausstrahlt. Der zentrale Kuppelsaal mit zwei Rängen und Sitzplätzen für 270 Besucher hat eine gute Akustik für Konzerte. Auf einer Rampe in die Unterwelt wurden früher die Särge in die unterirdische Leichenhalle gefahren. Heute ist in der "Betonhalle" bei Veranstaltungen Platz für bis zu eintausend Menschen.

Im Herbst verbreitet jeder Friedhof eine besondere Stimmung von Vergänglichkeit und Gegenwärtigkeit. Die Trauerbäume lassen sichtbar ihr Zweige hängen, das Herbstlaub ist herabgefallen, aber es liegt noch da. Der Urnenfriedhof in der Gerichtstraße wirkt wie ein Park, in dem einzelne Grabsteine stehen geblieben sind. Tatsächlich ist ein Teil des Friedhofs aufgelassen, der größere Teil wird immer noch für Beerdigungen genutzt. Von der Charité wird ein Feld für Sternenkinder betreut, die vor, während oder kurz nach der Geburt gestorben sind.


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Mehrere Ehrengräber der Stadt findet man auf dem Friedhof, wie das Grab des Bildhauers Louis Tuaillon, einem Schüler von Reinhold Begas. Tuaillon lehrte als Hochschullehrer an der Kunstakademie und war Mitglied der Berliner Secession. Zu Pferde reiten seine Amazone im Tiergarten und sein "Sieger" auf dem Steubenplatz.

Drei dreieckige Plätze
Der Friedhof reicht bis zur Ruheplatzstraße Ecke Plantagenstraße. Dort wird ein kleiner dreieckiger Platz vor dem Landhaus freigehalten, das die Stadt als Werkstatt für den dahinter liegenden Friedhof erbaut hat. Einen weitaus größeren, ebenfalls von der Bebauung freigehaltenen Platz haben wir gerade vorher an der Müllerstraße und Gerichtstraße besucht, den Max-Josef-Metzger-Platz. Unser Spaziergang endet am dritten dreieckigen Platz, dem Nettelbeckplatz. Die Figurengruppe "Tanz auf dem Vulkan" bezieht sich nicht auf die Biografie von Nettelbeck, sondern hat eine in Corona-Zeiten ganz aktuelle Message: "Die Menschen wollen leben, tanzen, singen und balancieren, wollen die Gefahr nicht wahrhaben".

Max-Josef-Metzger-Platz
Wie das Dreieck an der Ruheplatzstraße ist der Max-Josef-Metzger-Platz aus einer ursprünglich größeren Fläche hervorgegangen. Einer Ackerfläche, auf der Füchse, Rehwild und Rebhühner gejagt werden durften ("Königliche Jagdgerechtigkeit") und einem Hügel mit Windmühlen. Die Müllerstraße bekam daher ihren Namen, sie war der größte Mühlenstandort Berlins. Begünstigt wurde das durch die Sandwüste, die durch das Abholzen des Stadtwaldes nördlich des Scheunenviertels entstanden war.

Im Bebauungsplan 1862 hatte James Hobrecht den Platz an der spitzen Ecke von Gerichtstraße und Müllerstraße ausgewiesen, der als Schmuckplatz gestaltet und mehrfach umgebaut wurde. Benannt ist der Platz nach dem Priester Max Josef Metzger, der in der gegenüberliegenden St. Joseph-Kirche gewirkt hat. Als Mitbegründer von Friedensorganisationen wurde er zum Gegner der Nazis, die ihn verfolgten und hinrichteten.

Metzger förderte die "Welthilfssprache" Esperanto und richtete ein internationales katholisches Esperanto-Büro ein. Auf der Laufstrecke des Parks findet man deshalb Übungsaufforderungen in Deutsch und Esperanto. Der Park ist außerdem mit Sportanlagen wie einem Fitnessparcours ausgestattet. Blumenbeete, Liegewiese, Spiel- und Ruhebereiche werden durch die Wegeführung voneinander abgegrenzt.


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Mit alten Bäumen und neuer Bepflanzung wurde ein "robuster, pflegeleichter Rahmen" geschaffen. Die Befürchtung des Magistrats von 1875, dass "die Rohheit unnützer Personen die Pflanzungen nicht zu einer gedeihlichen Entwicklung kommen lassen würde", hatte sich damals nicht bestätigt. Auch heute gehen die Bürger pfleglich mit dem Park-Kleinod um.

Wittler Brotfabrik

Die größte Brotfabrik Europas - die von Heinrich Wittler gegründete Wittler Brotfabrik - stand in den 1920er Jahren in der Maxstraße in Wedding. In dem Gebäudekomplex wurden nach industriellen Verfahren Backwaren hergestellt. Im sechsstöckigen Backhaus lief von der Anlieferung der Rohstoffe im sechsten Stock bis zum Verpacken und Verladen im Erdgeschoss die Produktion von Etage zu Etage in mehreren automatisierten Schritten ab: Sieben des Mehls, Teigherstellung, Teig ausformen, Backen, Kühlen. In drei Öfen konnten täglich 66.000 Brote gebacken werden. Zeitweise waren über 2.000 Arbeiter beschäftigt. Das Brot wurde mit eigenen Fahrzeugen - vor allem Elektroautos - ausgeliefert und über 30 eigene Verkaufsstellen vertrieben. Zusammen mit dem Mühleningenieur Steinmetz entwickelte Wittler ein Vollkornbrot. Im Jahr 1928 wurde die Marke Wittler patentiert.

Wittler belieferte die Olympischen Spiele 1936 und wurde Heereslieferant im Zweiten Weltkrieg. Zu seinen Produkten gehörte das Kommissbrot, ein einfaches, haltbares Brot für Soldaten. Den Begriff hat Wittler nicht erfunden, es gab ihn schon zur Zeit der Landsknechte. Wittler beschäftigte im Zweiten Weltkrieg in großem Umfang Zwangsarbeiter, von seiner Belegschaft von 1.800 Beschäftigten im Jahr 1944 waren 1.200 Zwangsarbeiter. Durch seine speziell an den Kriegsbedarf angepasste Produktion wurde Wittler zum nationalsozialistischen Musterbetrieb.

Nach dem Zweiten Weltkrieg änderten sich die Essgewohnheiten, es wurde immer weniger Brot verkauft. Der neue Inhaber Wittler - der Sohn des Gründers - stöhnte, dass die Stullen immer dünner werden und der Belag immer dicker. Im Jahr 1982 kam das Ende der Brotfabrik, sie musste Insolvenz anmelden. Ein Pflegeheim übernahm das Verwaltungsgebäude, das Backhaus wurde abgerissen, um dort Nachkriegs-Wohnblocks zu errichten.

Der von Kurt Berndt errichtete Fabrikkomplex zeigt zur Straßenseite eine sachlich gestaltete Fassade, immer drei Fensterachsen werden von Backsteinvorsprüngen eingefasst. Vier Keramikreliefs stellen die Verbindung zum Thema Brotherstellung her. Die Gebäudefassaden im Innenhof sind mit weißen Klinkern verkleidet, der gesamte Baukomplex ist ein Stahlskelettbau.

Gerichtstraße 27
Zwischen der Pankstraße und dem Ringbahnviadukt an der Panke liegt ein langgestrecktes V-förmiges Grundstück, das von der Gerichtstraße aus erschlossen ist. Es ist wegen seiner Dreieckform - wieder ein Dreieck - an der Spitze kaum einsehbar. Eine Berliner Wäschefabrik ließ dort 1912 ein Fabrikgebäude errichten, dessen ungewöhnlich lange Hauptfassade den Ringbahnviadukt begleitet. Auf der Innenseite umschließt das Gebäude mit mehreren Flügeln einen großen Innenhof.

Das Fabrikgebäude ist aus Eisenbeton hergestellt, dem Vorläufer unseres heutigen Stahlbetons. Die beiden Komponenten des Eisenbetons verhalten sich bei Temperaturänderungen annähernd gleich, so dass keine Bewegungen zwischen den beiden Materialien auftreten. Der Werkstoff lässt sich frei formen und gießen und industriell herstellen.

Stadtbad Wedding
In den Wohnungen waren um 1900 kaum sanitäre Einrichtungen vorhanden. Ein Stadtbad diente mit seinen Wannen- und Duschabteilungen vorrangig der Volkshygiene, bis standardmäßig Badezimmer in den Wohnungen eingebaut wurden. Die Volksbadeanstalten und städtischen Bäder verloren dadurch einen Teil ihrer Kunden, die Wannen- und Duschabteilungen wurden geschlossen. Manches konnte durch Schul- und Vereinsschwimmen aufgefangen werden, mehrfach kamen Bäder aber in wirtschaftliche Schwierigkeiten und gaben auf. Durch Nachnutzung konnte manches Bad wiedererweckt werden wie in der Oderberger Straße, wo ein Hotel mit dem - auch teilweise öffentlichen - Schwimmbad verbunden wurde.

Eine Nachnutzung erwartete der Liegenschaftsfonds auch von dem Investor, dem sie das 1907 erbaute und 2002 geschlossene Stadtbad Wedding an der Gerichtstraße verkaufte. Stattdessen wurde es vor fünf Jahren abgerissen, um ein Studentenwohnheim zu errichten. Der Käufer Arne Piepgras, ein Projektentwickler, ist in Berlin kein Unbekannter. Er hatte das Dragoner-Areal mit dem prominenten Kasernenbau am Mehringdamm erwerben wollen. Der Vertrag war bereits geschlossen, scheiterte dann aber an der fehlenden Zustimmung der öffentlichen Hand. Der gebotenen Rückabwicklung widersetzte er sich und lieferte sich einen jahrelangen Rechtsstreit mit Bund und Land.

Mit einer "Lösung für die Wohnungsnot" trat Piepgras vor kurzem an die Öffentlichkeit: Alle Kleingartenflächen im Stadtgebiet zu bebauen, das wäre "zeitgemäße, soziale und ökologische Stadtentwicklung". In seinem begrenzten Projektentwicklungs-Denken kommen "Grüne Inseln" nicht vor, die eine "Ausgleichsfunktionen für den Naturhaushalt in der Stadt übernehmen und Bedeutung für die Lebensqualität ihrer Bewohner haben", wie eine Studie der Stadtökölogen der Humboldt-Universität feststellt. "Sie leisten einen Beitrag zum Schutz des Bodens, zum ausgeglichenen Wasserhaushalt und für die Grundwasserbildung sowie für den Erhalt des Lebensraumes für Pflanze und Tier". Piepgras wirft dem Senat "Dummheit" vor, ein Blick in den Spiegel könnte diese Aussage korrigieren.

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Diese beiden Spaziergänge nehmen unsere heutige Route teilweise auf:
> Asyl an der Panke
> Asche im Taubenschlag

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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Der Stadtraum innerhalb der Ringbahn