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Gemeinsam auf die Ewigkeit warten


Stadtteil: Mitte
Bereich: Dorotheenstädtischer Friedhof
Stadtplanaufruf: Berlin, Chausseestraße
Datum: 11. September 2021
Bericht Nr.:747

Der längste Weg führt immer in die Nachbarschaft, die Ferne liegt oft näher, und so kam der benachbarte Dorotheenstädtische Friedhof (im Folgenden "Dorotheenfriedhof" abgekürzt) erst jetzt in den Fokus, wobei ich auch vorher nicht achtlos vorbeigegangen bin. Der Weg zwischen den Gräbern kann nur ein unvollständiges Bild liefern, nicht einmal Publikationen und Internetquellen können den 1762 vor den Toren der Stadt eingerichteten Friedhof mit den dort beigesetzten Prominenten vollständig erfassen.

Auf dem Friedhof geht das Leben weiter
Der Friedhof ist der Platz, der mit dem Leben eines Menschen am wenigsten zu tun hat. Trotzdem ist es üblich, miteinander ruhend auf das Ende der Ewigkeit zu warten, nicht nur für Ehepaare, sondern auch für Geistesverwandte und Kampfgefährten. Dutschke und Gollwitzer ruhen gemeinsam auf dem Kirchhof der St.Annen-Kirche, Hegel und Fichte liegen in derselben Erde des Dorotheenfriedhofs, der Stadtwerber Hans Wall ruht Rücken an Rücken mit dem Reklamekönig Litfaß. Wenn eine wichtige Persönlichkeit ihren letzten Ruheplatz gefunden hat, ist es oft so, dass andere posthum deren Nähe suchen. Für die Überlebenden zeigte das ihren sozialen Rang, der Friedhof ist so auch ein Ort gesellschaftlicher Repräsentation, wie die Mausoleen, Erbbegräbnisse, und Grabdenkmale eindrucksvoll zeigen. Unter Ost-Berliner Kulturschaffenden soll der Satz die Runde gemacht haben "Wer etwas auf sich hält und die nötigen sozialistischen Beziehungen hat, wird auf dem Dorotheenfriedhof begraben".

Im Tode nahe
Dieses Nähebedürfnis hat auf dem Dorotheenfriedhof zu einer Clusterbildung geführt. Nachdem Johann Gottlieb Fichte, der Rektor der Berliner Universität, 1814 dort beerdigt wurde, wollten viele Gelehrte in seiner Nähe begraben sein. Nach dem Tod von Karl Friedrich Schinkel waren es Baumeister, die einen Bestattungsplatz in seiner Nähe fanden. Am südlichen Ende des Friedhofs findet man die mit Grabfiguren geschmückten Begräbnisplätze von Christian Daniel Rauch, Friedrich August Stüler und Johann Gottfried Schadow.

Im Umfeld des Grabes von Bertold Brecht - gemeinsam mit Helene Weigel - fanden Künstler ihren Ruheplatz, die mit ihm zusammengearbeitet hatten: der Komponist Paul Dessau (Musik zu "Mutter Courage"), dessen Frau, die Regisseurin Ruth Berghaus, Regisseur Erich Engel ("Dreigroschenoper"), der Komponist Hanns Eisler.


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Auch ein sehr intimes Brecht-Cluster gibt es auf dem Friedhof: Zwei seiner Geliebten sind dort begraben: Die Dänin Ruth Berlau an der hintersten Mauer, weit weg von Brecht und Weigel, und seine Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann in einem unscheinbaren Urnengrab.

Für mehrere Schriftsteller wurden zu DDR-Zeiten Grabstätten angelegt, so für Johannes R. Becher, DDR-Kulturminister und für Anna Seghers. Der Schriftsteller Heinrich Mann war in Kalifornien gestorben. Für die Bestattung auf dem Dorotheenfriedhof wurde seine Urne nach Deutschland gebracht. Arnold Zweig (nicht verwandt mit Stefan Zweig) sollte eigentlich auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee beerdigt werden. Auf Druck der DDR-Führung stimmte seine Witwe zu, dass er in der Nähe der vom Staat verehrten Literaten zu finden war.

Der Kommunarde und Politclown Fritz Teufel hat einen Urnenplatz auf dem Dorotheenfriedhof gefunden. Ein Ausdruck gesellschaftlicher Toleranz? Wie er das Ritual lächerlich gemacht hat, bei Gericht aufstehen zu müssen ("Wenn's der Wahrheitsfindung dient"), wird vielen nicht gefallen haben, trotzdem liegt er hier. Es könnte seine letzte Clownerie gewesen sein, dass eines Tages seine Urne verschwunden war und an den Gräbern der Kampfgefährten Dutschke und Gollwitzer wieder auftauchte. Ein heiliger Schreck war es auch, dass neben dem aufgebuddelten Urnenloch ein Häufchen Asche lag, aber das war auch nur ein Gag, es war nicht seine.

Christus segnet die Jünger
Der segnende Christus ist eine Grabfigur mit zahlloser Verbreitung. Man findet die Figur auf vielen Friedhöfen, auf dem Dorotheenfriedhof steht sie drei Mal. Sie geht zurück auf eine Episode im Lukas-Evangelium, dort wird die Verwirrung der Jünger angesichts des leeren Grabs beschrieben: Christus zeigte sich ihnen, erhob seine Hände und segnete sie, bevor er "in den Himmel entrückt" wurde. Bertel Thorvaldsen schuf diese Plastik 1838 für den Kopenhagener Dom, dann wurde sie als tröstende Figur für Friedhöfe entdeckt und seitdem vielfach kopiert, in unterschiedlichen Größen und Materialien auf zahllosen Gräbern aufgestellt.

Thorwaldsen hat Christus dargestellt, wie er die Jünger mit seinen ihnen zugewandten Händen segnet, so dass seine Handflächen zu ihnen zeigen. In der monumentalen Grabanlage Stuttmeister (um 1900) steht ein segnender Christus, dessen Handflächen Richtung Boden zeigen. Er segnet nicht die Jünger oder die vor ihm stehenden Trauernden, sondern die in der Erde Bestatteten. Eine interessante Variation des Themas.


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Die beiden anderen segnenden Christusfiguren auf dem Friedhof folgen dagegen der Darstellung Thorwaldsens: Am Grab von Friedrich Eduard Hoffmann (um 1900), Erfinder der Ringöfen und am Bestattungsplatz des Dirigenten Wolfgang Rennert (2012).

Link ins Diesseits
Auf dem Grab der Bürgerrechtsaktivistin Bärbel Bohley ist eine Plakette mit einem QR-Code angebracht, über den man am Grab stehend mehr von ihr erfahren kann, als auf den Grabstein passt. Es ist dasselbe digitale Hilfsmittel, mit dem man an der BVG-Haltestelle die Abfahrtszeit des nächsten Busses abfragen kann. Die Digitalisierung hat die Friedhöfe erreicht, Abschiednehmen, Trauern und Erinnern sind im Internetzeitalter angekommen. Mit der Handykamera gescannt, gelangt man auf eine Internetseite mit Bildern, Videos und der Lebensgeschichte des oder der Verstorbenen. Der QR-Code ist eine "Grabmal-Inschrift, die die Friedhofsverwaltung nicht verbieten kann", stellt der Städtetag fest in seiner "Handlungsempfehlung zum Umgang mit dem QR-Code". Ein Bildhauer schildert seine Erfahrung: "Diese Art des Gedenkens ist dynamisch. Es kann sich entwickeln. Und es wird immer mehr angenommen".
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Aus wilden Schwänen werden schöne Prinzen