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Doppel-Schmuggler und Swinging Fifties


Stadtteil: Zehlendorf
Bereich: Dahlem
Stadtplanaufruf: Berlin, Podbielskiallee
Datum: 3. Februar 2014
Bericht Nr: 450

"Villen und Landhäuser säumen die Dahlemer Podbielskiallee. Sie sind das Zuhause von Diplomaten, Unternehmern und Politikern. Und auch heute kann es passieren, dass man beim Abendspaziergang vom Bundespräsidenten und seiner Gattin gegrüßt wird".

Das ist Maklersprech, hier mischt sich ein bisschen Wahrheit mit viel Übertreibung, abgesehen davon, dass der Bundespräsident - wenn er denn in Dahlem flaniert - nicht mit seiner Gattin, sondern mit seiner Lebensgefährtin unterwegs ist. Der Bundespräsident reist gerade durch Indien, deshalb kann er uns heute beim Flanieren nicht über den Weg laufen. Stattdessen spricht uns ein misstrauischer Anwohner an, der nicht möchte, dass wir sein Haus oder den Zaun davor fotografieren. Man weiß ja nie, was wir damit vorhaben. Nur Gutes, denn wir wollen zeigen, wie unsere Stadt aussieht.

Die West-Berliner Jazz-Szene ist in den 1950er Jahren oft umgezogen. Es begann mit der "Badewanne" in der Nürnberger Straße. Unvorstellbar, dass auf derselben Bühne Jazzgrößen wie Count Basie, Ella Fitzgerald oder Duke Ellington, aber auch das Kabarett Die Stachelschweine auftraten. Aber die Swinging Fifties zogen weiter, in die "Kajüte" in einem Keller des ausgebombten Rathauses Schöneberg. Als die Baubehörden den Keller sperrten, begann die Zeit der "Eierschale" am Breitenbachplatz, zwanzig Jahre lang eine legendärer Ort für die Jazzer. Die Atmosphäre dieses Jazz-Kellers ging verloren, als die "Eierschale" 1977 in ein Landhaus gegenüber dem U-Bahnhof Pacelliallee umzog. Dort existiert nach jahrelanger Schließung heute wieder ein Restaurant mit Biergarten und Veranstaltungsprogramm unter dem Namen "Eierschale", das aber nicht an das alte Flair anknüpfen kann.

In der Podbielskiallee gab es an der Ecke Hellriegelstraße eine weitere Institution, die die Entwicklung im West-Berlin der Nachkriegszeit nachhaltig prägen sollte: den Soldatensender AFN, der mit der Musik, der Sprache und dem amerikanischen way of life die Sehnsucht nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten weckte. Später wurde der Sendebetrieb zur Saargemünder Straße verlegt (1). Die 27-Zimmer-Villa an der Podbielskiallee hatten die Amerikaner beschlagnahmt, sie stand ohnehin leer. Hier wohnte Hitlers Außenminister von Ribbentrop, der 1946 im Nürnberger Prozess als Hauptkriegsverbrecher verurteilt wurde. Otto Rudolf Salvisberg (2) hat dieses Haus in den 1920er Jahren erbaut, ein winkelförmiges Gebäude, das weit nach vorn zur Grundstücksgrenze gerückt ist. Ein sachlicher, präziser, eleganter Bau, der beim Umbau zum Mehrfamilienhaus durch die Aufstockung eines Dachgeschosses seine ursprüngliche Proportion verloren hat.

Im Haus Podbielskiallee 9 saß in den 1960er Jahren die amerikanische Geheimdienst-Abteilung P 9, die im Zusammenhang mit einer ungewöhnlichen Ost-West-Schmuggelaktion bekannt geworden ist. So wie ein Doppel-Agent gleichzeitig für beide gegnerischen Geheimdienste arbeitet, schmuggelte ein West-Berliner Spediteur als "Doppel-Schmuggler" gleichzeitig im Ost- und im West-Auftrag. Für DDR nahm er versteckt unverzollten 94prozentigen Branntwein auf und transportierte ihn in die Bundesrepublik, wo er außerhalb des regulären Interzonenhandels - also schwarz -abgesetzt wurde. Als "Beiladung" im Interesse des Westens nahm er DDR-Flüchtlinge an verabredeten Stellen im Osten auf und lieferte sie in der BRD ab. Beide Seiten waren naturgemäß daran interessiert, dass die Ladung nicht kontrolliert wurde. Als es wirklich aufflog, konnte die DDR nur den Fahrer als "Menschenschmuggler" verurteilen. Im Westen ging die Zollfahndung wegen des Spritschmuggels gegen den Spediteur vor, 499.000 DM wollte sie bei ihm pfänden. Wer für beide Seiten arbeitet, muss schließlich auch über Kreuz beiden Seiten büßen, wenn er ertappt wird.

Die Podbielskiallee ist eine der Straßen, die von der Dahlemer Domänenkommission angelegt wurden, um einen vornehmen Villenort zu schaffen (3). Ihre Villen und Landhäuser entsprechen diesen Vorgaben, selbst Einfamilienhäuser kommen hier wie adelige Landsitze daher, wie das Beispiel des spätbarocken Hauses mit neun Fensterachsen an der Podbielskiallee 25/27 zeigt. Mehrere Botschaften und Botschafter-Residenzen sind in den Villen an dieser Straße eingerichtet worden, zum Teil durch Neubauten ergänzt. Für die Tageszeitung taz war es 2011 die "Allee der Revolution", weil hier vor zwei arabischen Botschaften "dauernd demonstriert" wurde. Immerhin ist der libysche Machthaber Gaddafi weggefegt worden, jetzt kann man skandieren: "Eins, zwei, drei - Libyen ist frei". So erfolgreich waren die Exil-Iraner nicht, die vor der iranischen Botschaft das Ende des Mullah-Regimes gefordert haben.

Die Libyer sitzen in einem repräsentativen neobarocken Stadtpalais, das die villen- und landhausmäßige Bebauung der Straße stilistisch überflügelt. Die Iraner haben an der Ecke Dygalskistraße einen Neubau aus mehreren kubischen Baukörpern errichtet, nur am Haupteingang ist die Fassade mit einer einladenden konkaven Krümmung zurückgenommen. Die Polizei ist hier dauernd präsent, bei der Einweihung 2005 war sogar die ganze Straße stundenlang gesperrt.

Der Dänische Botschafter hat seine Residenz im Haus Sternberg an der Podbielskiallee 34. Ungewöhnlich am Gebäude sind die vorspringenden Fensterfelder in der Fassade, die über vier Etagen vom Sockel nach oben reichen (Stand-Erker, Auslucht). In der Podbielskiallee sind auch Indien und Kanada mit Botschafter-Residenzen vertreten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat der Alliierte Kontrollrat der vier Siegermächte in Berlin für 15 verbündete Staaten Militärmissionen eingerichtet, die quasi diplomatischen Status hatten und sich um die Heimkehr der Kriegsgefangenen, Suche nach Vermissten, Restitution und Reparation kümmerten. Die Tschechoslowakische Militärmission hatte ihren Sitz in der Podbielskiallee 54. Hier wurden auch die Visa erteilt, als Westbürger wieder nach Prag reisen durften.

An der Ecke zum Platz am Wilden Eber, Podbielskiallee 1, befand sich bis Kriegsende die thailändische Botschaft. Darüber wohnte Wolfgang Harich, der 1945 von der "Gruppe Ulbricht" für die DDR geworben wurde. Er hielt an der (Ost-)Berliner Universität Vorlesungen über Marxistischer Philosophie, arbeitete als Journalist und Verlagsleiter. In seiner wechselvollen Biografie lag er mehrfach mit der DDR-Führung überkreuz, wurde verhaftet und in einem Schauprozess verurteilt, wurde amnestiert und nach der Wende rehabilitiert.

Und der Namenspatron der Straße? Kaiser Wilhelm II. schätzte seinen Generalleutnant Victor Adolf Theophil von Podbielski nicht nur als Militär, sondern auch als Skatspieler. Und so wäre es nur folgerichtig, dass der Kaiser-Wilhelm-Platz - eigentlich ein Park - direkt an der Podbielskiallee diese Verbindung herstellt. Tatsächlich ist der Platz aber nach dem ersten Kaiser Wilhelm benannt, genau wie der Platz an der Schöneberger Hauptstraße.

Nach seiner militärischen Karriere unter anderem im Krieg gegen die Franzosen 1870/71 übernahm Podbielski das Amt des Generalpostdirektors von Heinrich von Stephan, danach war er fünf Jahre lang preußischer Landwirtschaftsminister. In der letzten Phase seines Lebens widmete er sich voller Energie dem Sport. 1912 leitete er die deutsche Mannschaft bei den Olympischen Spielen in Stockholm. Er war Präsident des Reichsausschusses für Olympische Spiele, die 1916 in Berlin ausgetragen werden sollten - der Erste Weltkrieg verhinderte das. Auf dem Gelände des heutigen Olympiastadions wurde damals auf seine Initiative das "Deutsche Stadion" gebaut, das dann doch seinen Zweck nie erfüllte. Für die Olympischen Spiele 1936 musste das Stadion neu gebaut werden, um der ganzen Welt "die unbezwingbare innere Kraft Deutschlands" vor Augen zu führen (4). Im Olympiastadion - und nicht an der Podbielskiallee - steht die Podbielski-Eiche als Ehrung für den Sportförderer Victor Adolf Theophil von Podbielski.

Der Kaiser-Wilhelm-Platz gibt den Blick frei auf eine ungewöhnliche Reihenhaussiedlung an der Schweinfurthstraße. Um den ganzen Straßenblock stehen Zweier-, Dreier- und Fünfergruppen von Häusern, die zwar in Reihe, aber nicht in Serie gebaut sind. Wie eine gewachsene Struktur und kein Bau aus einem Guss haben sie unterschiedliche Formen und Fassaden, farbige Putze, Sprossenfenster, Klappläden, Fachwerk, Reliefs, manche sogar eine Dachterrasse. Alles entstand in den 1910er Jahren nach dem Entwurf eines Regierungsbaumeisters.

Und noch einen ungewöhnlichen Bau gibt es an der Schweinfurthstraße, ein Einfamilienhaus, das der Architekt Otto Kohtz für sich selbst errichtet hat. Aus einem rechteckigen Baukörper ragt eine (nicht ganz runde, vieleckige) Rotunde heraus. An einer Pfeilerreihe vor der Fassade sind nur die klassizistischen Köpfe andeutungsweise herausgearbeitet. Der verwahrloste Bau wird gerade restauriert. Wenig bekannt sind seine Entwürfe für ein Hochhaus auf dem heutigen Spreedreieck. Zur gleichen Zeit zeichnete Mies van der Rohe einen Glaspalast für dieses Grundstück und wird damit heute noch zitiert. Auch für die Wehrtechnische Fakultät, die auf dem Gelände des heutigen Teufelsbergs im Dritten Reich entstand, hatte Kohtz Architekturentwürfe eingereicht (5). Kohtz schrieb seine Vorstellungen, seine visionären Gedankengebilde und phantastischen Architekturentwürfe von Bürotürmen und Terrassenhochhäusern in einem Buch nieder. Er wurde aber bis heute kaum gewürdigt, wahrscheinlich wegen seiner Nähe zum Dritten Reich.

Auf dem Rückweg sehen wir in der Schweinfurthstraße Gartenkitsch, wie ich ihn von den Dyker Heights in Brooklyn/NY zu Weihnachten kenne. Dort versuchen die Bewohner, sich gegenseitig mit spektakulären Figuren und Beleuchtungen zu übertreffen. Hier in Berlin gibt es noch im Februar ein beleuchtetes, bewegliches Reh, beleuchtete Büsche, künstliche Bäume und sogar einen Tiger im Vorgarten. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit!

Zurück zur Podbielskiallee und ihrem Namenspatron. Podbielski erzählte gern Anekdoten, als Minister musste er sich aber auch manchen Spott gefallen lassen. Der satirische "Simplicissimus" nahm ihn 1905 als Landwirtschaftsminister während einer "Fleischnot" aufs Korn:

"Denn ihm selbst ist viel gegeben,
Hint' und vorne quillt sein Leben
Strotzend aus dem Hosenbund.
Wie sich seine Hose weitet
Hint' und vorne, das bedeutet
Eine ganze Landwirtschaft.
Und man weiß, der Mann wird flöten
Auf die Zeiten, auf die Nöten.
Dieses Bild aus Fett und Saft!"



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(1) Mehr über den amerikanischen Sender AFN in Berlin: Der Rollmops passt nicht ins Aquarium
(2) Otto Rudolf Salvisberg: Salvisberg, Otto Rudolf Architekt
(3) Der Villenort Dahlem: Dorf ohne Bauernhöfe
(4) Olympiastadion und Deutsches Stadion: Im Innenraum der Rennbahn
(5) Die Entwürfe von Otto Kohtz können im Architekturmuseum der TU Berlin online angesehen werden



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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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