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Gebaute Reiseimpressionen


Stadtteil: Spandau
Bereich: Kladow
Stadtplanaufruf: Berlin, Am Schwemmhorn
Datum: 6. Mai 2019
Bericht Nr.: 653

Ein Geheimer Hofrat ließ sich eine Villa in Kladow gestalten, in der seine verschiedenartigsten Reiseeindrücke baulichen Ausdruck fanden. Das Gebäude steht auf einer Anhöhe, 90 Meter von der Straße entfernt und 16 Meter über Straßenniveau. Eine hohe Lindenhecke an der Straße schirmte das Haus zur Imchenallee hin ab. Trotzdem konnte er sein Refugium nicht genießen, er fühlte sich "durch Ausflügler zu sehr belästigt". - Am Schwemmhorn wurde für den Baufinanzier Heinrich Mendelssohn ein Ruhesitz erbaut. Diesen Bauplatz hatte er gewählt, weil ihm "die Nachbarn links und rechts nicht störend in sein Eigentum sehen konnten". - Das gibt einen kleinen Einblick, welche Ansprüche die sehr Wohlhabenden an ihre Villen und Sommerhäuser auf großen und übergroßen Grundstücke stellten, hier in Kladow und in anderen Villenkolonien wie Wannsee oder Grunewald.

Villa Oeding, ein Sommerhaus
Der "durch Ausflügler belästigte" Geheime Hofrat Wilhelm Oeding blieb nicht lange in seinem Sommerhaus, dann vermietete er es. Hans Albers mietete sich hier ein, wenn er in Babelsberg drehte. Das war der Ausgleich dafür, dass er im Sommer Filmprojekte hatte und nicht reisen konnte. Danach war der Propagandaminister Joseph Goebbels hier Mieter, bevor er sich auf Schwanenwerder niederließ. In der Nachkriegszeit gehörte das Oeding-Anwesen der evangelischen Kirche. Als ein in der Medienbranche zu Wohlstand gekommenes Ehepaar 1999 die Villa erwarb, hat sich mancher über das jugendliche Alter der etwas über 30jährigen Villeneigentümer gewundert. Man braucht nicht mehr im gesetzten Alter zu sein, aber noch immer muss man Geld mitbringen, um sich hier niederlassen zu können.

Die Oeding-Villa ist als Sommerhaus gebaut worden. Auf dem Dachfirst stehen mehrere Statuen als Originale oder Abgüsse aus Italien. Im Innern gibt es Wandbilder deutscher und französischer Malereien des 18. Jahrhunderts, eine Decke mit Blattranken, Tapeten mit Schäferszenen in arkadischen Landschaften, einen Rokoko-Keramikofen, im Keller eine Trinkstube mit Delfter-Kacheln, auf der Terrasse eine römische marmorne Sitzbank.


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In dem japanisch inspirierten Wasser- und Staudengarten im Garten finden sich barocke Putti und eine Sandsteinplatte mit Kreuzigungsszene, in der Umfassungsmauer mehrere Reliefs.

Villa Wolf Wertheim
Eine der frühesten Kladower Villen hatte Alfred Messel am Temmeweg für Wolf Wertheim erbaut, einen Spross der Warenhaus-Familie. Um 1900 erwarb Wolf Wertheim mehrere unbebaute Flächen in Kladow, die ihn zu einem der größten Grundbesitzer im Ort machten. Sein Haus mit einer Grundfläche von 150 Quadratmetern ist eher schlicht, bis auf einen Säulenvorbau an der Gartenseite. Die Villa, die Messel an der Lassenstraße in Grunewald für seinen Bruder Wilhelm wenige Jahre vorher entworfen hatte, wirkt mit einem ausgreifenden Krüppelwalmdach als Mansardgeschoss wesentlich expressiver.

Wegen seiner Heirat mit einer etwas ausgeflippten Frau war Wolf Wertheim in seiner Kaufmannsfamilie und in der Gesellschaft nicht gut angesehen, "ihr bewegtes Leben war Anlass zu ernsten Besorgnissen". Seine drei Kaufhausbrüder booteten ihn mit einem hinterhältigen Trick aus: Sie ließen die Kaufhausfirma formal gegen die Wand laufen, nur um sie sofort für sich zurückzukaufen - Bruder Wolf war draußen. Auf sich allein gestellt, bewies er wenig kaufmännisches Geschick. Wolf Wertheim mietete das gerade pleite gegangene Passage-Kaufhaus in Mitte (heute "Tacheles"), wurde damit aber 1914 selbst insolvent. Ein Jahr später wurden auch seine Kladower Besitzungen zwangsversteigert, auf denen Hypotheken von einer Million Mark lasteten.

Villen am Schwemmhorn
Den ungestörten Bauplatz Mendelssohns am Schwemmhorn hatte ich eingangs erwähnt. In seiner Nachbarschaft entstanden zeitgleich in den 1920er Jahren weitere Villen. Heute wird dort nachverdichtet, manchmal im Villencharakter, aber der fremde Einblick in die Grundstücke ist nicht mehr aufzuhalten.

Albert Geßner, Sommerhaus "Guckegönne"
Ein Bauherr, der durch die Anordnung der Bauten den Einblick in sein Anwesen weitgehend unterbunden hatte, war der Architekt Albert Geßner. In der Innenstadt richtete er den Wohnungsbau "nach künstlerischen Grundsätzen" aus mit verschiedenartig malerisch gestalteten Fassaden, hier in Kladow baute er sein Sommerhaus "Guckegönne", aus dem er auf die Havel "gucken konnte". Geßner setzte sein Haus im Winkel so auf das Grundstück am Havelknick, dass es von der Straße abgewandt zum Wasser und zum Garten orientiert ist. Selbst vom benachbarten Fraenkel-Grundstück kann man nur einen Teil des Gartens erblicken.

Landschaftsgarten Fraenkel
Auf dem Gelände des Landschaftsgartens Fraenkel am Lüdickeweg hatte vorher Otto Lüdicke eine Ziegelei betrieben. 1912 ließ Lüdicke sich ein eingeschossiges Sommerhaus erbauen und von dem als Blumenzüchter bekannten Ludwig Späth den Garten gestalten. Nachdem der Bankier Dr. Max Fraenkel 1920 das fast 30.000 Quadratmeter große Grundstück erworben hatte, beauftragte er den Gartendirektor Erwin Barth, den Landschaftsgarten anlegen.


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Das Sommerhaus wurde in den 1960er Jahren abgerissen, nur einzelne von Dr. Fraenkel erbaute Nebengebäude wie Torhaus, Pferdestall, Kutscherhaus, Gartenhaus sind noch erhalten.

Villa Bielschowsky

Hinter dem Geßnerschen Grundstück und dem daran angrenzenden Landhaus Mendelssohn liegt die Villa des Telefunkendirektors Hans Bielschowsky. Auf seinem Anwesen gab es außer der Villa ein weiteres Wohnhaus und Nebengebäude wie Gärtnerhaus, Bootshaus und Garage. Nach der Machtübernahme der Nazis emigrierte Bielschowsky in die USA, dort nahm er sich 1940 zusammen mit seiner Freundin das Leben. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zog sich für kurze Zeit die Schweizerische Botschaft - die die Interessen aller mit den Nazis verfeindeten Länder vertrat – in die Villa Bielschowsky zurück. Nach dem Krieg wurde die Villa zum "Carl-Sonnenschein-Haus", das die katholische Kirche bis 2003 als Schullandheim betrieb. Nach dem Verkauf des Grundstücks wird jetzt die Bebauung verdichtet, auf einem Teil des Geländes entstehen Neubauten.

Schloss Brüningslinden
Jede Villa erzählt eine eigene Geschichte. Statt vieler anderer soll hier noch an Schloss Brüningslinden erinnert werden. Das schmiedeeiserne Gartentor der Villa Pietsch/Kutschera ist mit einem großen geschwungenen "B" verziert, das nicht zum Namen der einstigen und heutigen Villeneigentümer passt. Es ist eine Spolie, ein Überrest von Schloss Brüningslinden, das aus der Versteigerung von Rudimenten der abgerissenen Villa stammt und hier auf einem fremden Villengrundstück eine neue Zukunft bekommen hat.


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An der Sakrower Landstraße ließ Rittmeister von Brüning 1910 eine Villa errichten, die wegen ihrer repräsentativen Form Schloss Brüningslinden genannt wurde. Auch hier klingen Reiseerinnerungen des Schlossbesitzers architektonisch an: Löwen, Putten, Tempellaternen, Pagoden, ein chinesisches Teehaus und ein Löwenbrunnen im Garten, es war "eine einzigartige Atmosphäre von Kunstverständnis und Weltläufigkeit". Ende der 1920er Jahre geriet Brüning in finanzielle Bedrängnis. Bei der Sanierung des Seglerheims gegenüber der Anlagestelle Kladow verlor er einen großen Teil seines Vermögens. Eine Duplizität der Ereignisse: Vor knapp zehn Jahren wiederholte sich das beim seinerzeitigen Eigentümer, das zum Apartmenthaus umgebaute Seglerheim wurde in eine Insolvenz hineingezogen.

Schloss Brüningslinden war zweimal Ort hoher Politik: Der französische Ministerpräsident Aristide Briand und der deutsche Reichskanzler Heinrich Brüning trafen sich hier zu einer Konferenz. Und der britische Oberbefehlshaber Marschall Montgomery machte das Schloss kurzzeitig zum Hauptquartier der britischen Besatzungsmacht. Mehrfach wurde Gastronomie im Schloss betrieben, aber zuletzt rechnete sich das nicht mehr. Das plötzlich als baufällig erklärte Gebäude wurde abgerissen, man kennt so etwas bis heute, wenn Baudenkmale einem Investor im Wege sind bei einem hohe Rendite versprechenden Neubauvorhaben. 39 gesichtslose Reihenhäuser haben 1980 den Platz von Schloss Brüningslinden eingenommen.

Der Löwenbrunnen aus dem Brüningschen Garten kam auf Umwegen zum Bezirksamt Wilmersdorf, das ihn 1988 im Wappenhof des Rathauses am Fehrbelliner Platz aufstellen ließ. Als das Rathaus bei der Bezirksfusion mit Charlottenburg seine Funktion verlor, wurde der Brunnen im ehemaligen Rathauskeller eingelagert. 2016 schaffte es der Kladower Heimatverein, den Löwenbrunnen nach Kladow zurückzuholen und ihn in seinem Garten wieder in Betrieb zu setzen.

Kohle, das "schwarze Gold"
In der Nachkriegsgeschichte Kladows spielte das "schwarze Gold" Kohle zweimal eine bedeutsame Rolle, während der Blockade und in der Vorwende- und Wendezeit. Schauplätze waren der Imchenplatz und ein Gelände nahe der General-Steinhoff-Kaserne.

Am Imchenplatz
Fährt man mit der BVG-Fähre auf Kladows Uferpromenade zu, dann sieht man vor sich eine Grünfläche am Imchenplatz. Dieses Gelände spielte 1948 während der Blockade Berlins eine Rolle, als alliierte Flugzeuge auf den West-Berliner Flughäfen landeten und lebenswichtige Güter in die eingeschlossene Stadt brachten. Über den Flughafen Gatow wurde vor allem Steinkohle eingeflogen. Die Kohle transportierte man mit einer Feldbahn - Dampflokomotive mit angehängten Loren - zum Hafen Kladow am Imchenplatz. Als es Probleme mit der Feldbahn gab, wurden später Lastwagen für den Transport eingesetzt. Am Imchenplatz stand eine hölzerne, mehr als vier Meter hohe Laderampe, in die die Kohle geschüttet wurde. Über eine breite Rutsche kam die Kohle auf bereitstehende Lastkähne, die das schwarze Gold zum Westhafen brachten.

An der General-Steinhoff-Kaserne
Nördlich von Ritterfelddamm und Kladower Damm wurde Kies aus dem Boden geholt, bis es nicht mehr ging. Auf einer Fläche von 60.000 Quadratmetern war bis 1983 ein riesiges Loch entstanden, das wieder verfüllt und der Boden renaturiert werden musste. Zunächst gab es die Idee, hier eine Bauschuttdeponie anzulegen, aber dann kam der Senat auf die Idee, die als Senatsreserve eingelagerten Kohlereserven aus anderen Bezirken nach Kladow zu verbringen. Während man noch dabei war, fiel die Mauer - die zentrale Kohledeponie wurde nicht mehr gebraucht, die Senatsreserven wurden aufgelöst. Ein Schwelbrand am Rande der verbuddelten Kohle beschleunigte den Prozess des vollständigen Transports der Kohlevorräte zu den Kraftwerken.

Wieder hatte man ein riesiges Loch und wieder kam eine Deponie in die Diskussion, diesmal eine Sondermülldeponie. Gegen den Protest der Kladower war das nicht zu machen, aber wie konnte jemand überhaupt auf eine solche Idee kommen? Letztlich wurde dann nichts mehr eingelagert, die Hänge der ehemaligen Kohlegrube hat man begrünt und mit Bäumen und Sträuchern bepflanzt, es entstand ein Golfplatz. Der Berliner Golf Club Gatow e. V. freut sich über ein hervorragendes Spielfeld, das von Dauer ist, anders als der "Behelfsplatz", den der Golf- und Land-Club Berlin-Wannsee e.V. von 1947 bis 1950 am Sibeliusweg nutzen konnte.

Eine Mülldeponie gab es tatsächlich an der Imchenallee, nur dass sie nicht so bezeichnet wurde. Das Havelufer war verschilft und wurde vor dem Bau der Villenkolonie öfter überflutet. Um dem abzuhelfen, ließ man das Havelufer aufschütten und die Imchenallee anlegen. So kam Hausmüll aus Charlottenburg und Wilmersdorf auf Kähnen nach Kladow. Scherben, Bierflaschen, Tongefäße, Geschirr, Eisenkerne, Bügeleisen und mehr unterfütterten die neue Uferpromenade. Bootsstege wurden angelegt, die Kladower Villenbesitzer konnten mit dem eigenen Boot Richtung Stadt schippern.

Wege nach Kladow
Das Dorf Kladow war auf dem Landweg über die Sakrower Landstraße Richtung Potsdam angebunden. Die Villenkolonie, die nach 1900 unten am Wasser entstand, wo einst Fischer und Schiffer ihre bescheidenen Behausungen hatten, hatte keinen Anschluss nach Berlin auf dem Landweg, sie wurde von der Havel her besiedelt. Bereits ab 1892 gab es für die Ausflügler von Wannsee in den Sommermonaten eine regelmäßige Bootsverbindung nach Kladow. Seit 1920 gehörte der Ort zu Groß-Berlin, aber erst 1924 wurde eine regelmäßige Buslinie von Spandau nach Kladow eingerichtet. Manche der ersten Fahrzeuge blieben mit gebrochenen Achsen liegen, die Landstraßen waren für diesen Verkehr nicht gerüstet. Es war sinnvoller, mit dem Boot oder Schiff über das Wasser nach Kladow zu kommen. Die Straßenverbindungen verbesserten sich im Laufe der Jahre, aber erst als die Nazis ab 1935 den Flughafen in Gatow und die Kaserne am Hottengrund in Kladow einrichteten, wurde die Verkehrsinfrastruktur weiter ausgebaut.


Wir haben heute freundschaftliche Begleitung durch einen ortskundigen Flaneur erhalten, der uns nahe an die Themen des Dorfes heranführt, das sich längst zu einer suburbanen Siedlung entwickelt hat. So schließt dieser Stadtrundgang auch nicht in einem Café ab, sondern mit einem Cappuccino an seinem heimischen Kaffeetisch. Für den Rückweg nach "Berlin" musste man viel Zeit mitbringen. Der Bus fährt nur alle 20 Minuten, und wenn er dann 17 Minuten Verspätung hat, kann einem die Wartezeit an der Haltestelle lang werden, abgesehen von fast einer Stunde, die man mit - im Bus sitzend - zur Innenstadt braucht.

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Unsere Route:
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Brieftauben mit feurigen Augen und stolzer Haltung