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Gebauter Musterkatalog der Architektur


Stadtteil: Schöneberg
Bereich: Kielganviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Kielganstraße
Datum: 7. Oktober 2019
Bericht Nr.: 670

Ein fast untergegangenes Villenviertel nördlich des Nollendorfplatzes zieht uns heute an. Es reicht nach Norden bis zur Kurfürstenstraße und teilweise darüber hinaus. Hier stoßen Schöneberg und Tiergarten aneinander. Bereits 1861 war Tiergarten zur Residenzstadt Berlin eingemeindet worden. 1938 wurde die Grenzziehung verändert, Tiergarten musste das Gebiet südlich der Kurfürstenstraße an Schöneberg abtreten. Wer danach auf der Südseite der Kurfürstenstraße in Schöneberg wohnte, betrat mit dem ersten Schritt aus dem Haus den Bezirk Tiergarten.

Warum verlaufen Bezirksgrenzen manchmal nicht in der Mitte einer Straße, sondern entlang dem Blockrand und damit entlang der Hauswand? Im Alltag interessiert der exakte Grenzverlauf kaum jemanden. Erst bei der Teilung Berlins wurden durch den Mauerbau befremdliche Grenzverläufe zum Politikum. Beispielsweise in der Bernauer Straße, wo Bewohner aus den Fenstern ihrer Häuser in Ost-Berlin auf den Bürgersteig vor dem Haus nach West-Berlin sprangen. Oder im Kungerkiez, wo man Häuser nur auf einem Trampelpfad durch den Vorgarten erreichen konnte, der innerhalb des Blockrandes lag.

Auch in der Kurfürstenstraße verläuft die Bezirksgrenze an der Hauswand, nur dass das bei den beteiligten Bezirken Mitte (Tiergarten) und Schöneberg kein Problem ist. Im Gegenteil, für den politischen Umgang mit dem Straßenstrich in der Kurfürstenstraße ist es von Vorteil, dass nicht zwei Bezirke zuständig sind, der "Elendsstrich" befindet in Mitte (Tiergarten). Der Bebauungsplan für Schöneberg beschreibt ganz cool, dass das angrenzende Gebiet durch "den" Straßenstrich genutzt wird und dass "Nutzungskonflikten mit den hier Wohnenden und Arbeitenden" vorgebeugt werden soll.

Birkenwäldchen
Ein Birkenwäldchen auf dem Eckgrundstück zur Kielganstraße ist fest eingezäunt. Es gehört schon zu Schöneberg. Ein älterer Anwohner will uns erzählen, dass sich die Mädchen mit ihren Freiern auf dem Grundstück tummeln, aber das entsprang wohl mehr seiner Phantasie, der Zaun ist dicht. Auf diesem Eckgrundstück befand sich einst die Litauische Gesandtschaft, die in einem 1924 erworbenen neobarocken Gebäude eingerichtet wurde.


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Als Stalin Litauen 1940 besetzte, hörte das Land auf zu existieren. In das Botschaftsgebäude zog das "Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete" ein, das für deren "Germanisierung" zuständig war. Im Krieg wurde das Haus durch Bomben zerstört. Dass in der Nachkriegszeit ein Autohändler den Platz genutzt hat, kann man an den Resten von Beleuchtungsanlagen erahnen.

Kielganviertel
"Das Tempelhofer Ufer und das Schöneberger Ufer waren einsame Promenaden mit alten Weiden an einem Wasser, welches der Schafgraben hieß, und auf dem Lützowerfeld, wo heute die hübschesten Häuser in zahlreichen kleinen und großen Straßen stehen, wogte zur Sommerszeit das Getreide — wenn man ein solches Bild von der Berliner Flur gebrauchen darf. Denn die Halme waren dünn, und überall zwischen den Ähren konnte man den mageren Ackerboden erkennen". So beschrieb Julius Rodenberg - den ich in der Ahnengalerie der Flaneure portraitiert habe - in einem Roman das Gebiet nördlich des Nollendorfplatzes.

Von den "hübschen Häusern in kleinen und großen Straßen" in der stadtnahen Villenkolonie der 1860er Jahre ist wenig geblieben, die Landgemeinde ist in rascher Entwicklung Teil der modernen Großstadt geworden. Das Kielganviertel mit seiner aufgelockerten Landhausbebauung wird seitdem von Baublöcken beherrscht. Der Villencharakter wurde zerstört, nur noch einzelne alte Bauten sind verstreut erhalten geblieben.

Es war der Grundeigentümer Georg Friedrich Kilian - der sich Kielgan nannte -, der im Gebaren einer Terraingesellschaft 1867 seinen Grundbesitz parzellierte und die Parzellen verkaufte. Das war noch vor der 1871 beginnenden Gründerzeit. Sein Baumeister Otto Wuttke hatte den Bebauungsplan mit geschickt geschnittenen Gartengrundstücken entworfen. Dadurch entstanden Stichstraßen wie die Maienstraße, Ahornstraße und die aufgehobene Ulmenstraße und Buchenstraße, die von der Derfflingerstraße abgingen.

Kielgan war "Kunst-und Handelsgärtner", seine Ländereien erstreckten sich bis nach Charlottenburg. Gedüngt wurden seine Felder mit Fäkalien, die durch "Concessionierte Latrinenanstalten" von den Wohnhäusern der Stadt abgeholt wurden. Die gefüllten Nachteimer wurden in Fässer umgefüllt ("Tonnensystem") und mit Pferdewagen abtransportiert. Hauseigentümer konnten das im Abonnement bestellen. Als in Berlin Kanalisation und Rieselfelder eingeführt wurden, hatte Kielgan längst seine Gärtnerei aufgegeben.

Kielgan-Villa
Seine eigene Villa baute Kielgan an der Kürfürstenstraße westlich der Zwölf-Apostel-Kirche. Nur drei Jahre konnte er sich daran erfreuen, dann starb er. Tochter und Schwiegersohn errichteten ein Bronzestandbild, das ihn wie im Leben zeigte, einen "dicken, nachlässig gekleideten Bauern mit einem schlauen Lächeln". Als kriegswichtiges Material wurde die Skulptur 1943 eingeschmolzen. Die Kielgan-Villa hatten seine Erben mit einer Kuppel zu einem kleinen Palast ausgebaut. 1920 zog dort die Polnische Botschaft ein. Im Zweiten Weltkrieg nahmen Hitler und Stalin Polen in die Zange, der Staat hörte auf zu existieren. Das ehemalige Botschaftsgebäude wurde durch Bomben zerstört und die Ruine nach Kriegsende gesprengt. Bisher befand sich dort eine leere Fläche, jetzt ist ein Neubaublock entstanden, der die Geschichte überbaut.

In der Derfflingerstraße, die im Bebauungsplan vorgesehen und 1870 nach einem preußischen Generalfeldmarschall benannt wurde, muss man etwas nach den alten Bauten suchen. Die Villa Maltzahn wird vom Französischen Gymnasium umklammert und genutzt, die Ullsteinvilla dahinter ist nur über eine Stichstraße zu erreichen, die Ungersche Privatklinik versteckt sich im Innenhof hinter einem Miethaus.

Maison d'Orange / Villa Ullstein
Die Villa Ullstein im Hinterland des Gymnasiums lag ursprünglich an der aufgehobenen Ulmenstraße. Der Verlagsbuchhändlers Franz Ullstein hatte den erworbenen klassizistischen Bau in eine Villa mit großzügigen Gesellschafts- und Wohnräumen umbauen lassen. Ursprünglicher Bauherr war 1874 die Stiftung Maison d'Orange, die französische Glaubensflüchtlinge unterstützte. Das selbstständige Fürstentum Orange, das südlich an Frankreich angrenzte, wurde 1702 von Frankreich annektiert und "rekatholisiert", die calvinistischen Bewohner mussten ausreisen, einige fanden Zuflucht in Berlin. In der Dorotheenstraße wurden die Bedürftigen in einem Armenhaus mit strenger Arbeitszucht aufgenommen. Finanziert wurde die Hilfe über eine "milde Stiftung", die später auch das Maison d'Orange im Kielganviertel erbaute.

Das gelbe Haus, Derfflingerstraße 14
Die Derfflingerstraße war auf der Westseite mit Villen bebaut, an der gegenüberliegenden Straßenseite stehen Miethäuser am Blockrand. Ein Miethaus versucht, sich mit einer gelben Backsteinfassade, hellen Fensterrahmungen, in die Fassade eingeschnittenen Balkons und einem Puttenfries als Gesimsband dem Villencharakter anzunähern. Dessen Architekt Julius zur Nieden war Eisenbahn-Bauinspektor.


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Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 wurden Militäreisenbahnen zum Truppentransport eingesetzt, zur Nieden machte den Rücktransport der Verwundeten zu seiner Aufgabe. Er schuf die hierfür erforderlichen Einrichtungen und publizierte ein Buch zu diesem Thema. Als Architekt veröffentlichte er 1889 eine Abhandlung über "Zerlegbare Häuser".

Ungersche Klinik, Derfflingerstraße 21
Im Innenhof hinter dem Miethaus Derfflingerstraße 21 ließ der Chirurg Ernst Unger 1905 eine Privatklinik erbauen. Unger richtete den ersten zentralen Blutspendedienst Deutschlands ein. Er war ein Pionier der Organtransplantation, hatte viele Nierentransplantationen an Tieren versucht, die aber nicht langfristig erfolgreich waren. Auch auf einen Menschen versuchte er eine Transplantation, eine junge Frau starb 32 Stunden nachdem er ihr eine Affenniere verpflanzt hatte. In der NS-Zeit musste Unger als jüdischer Arzt seine Tätigkeit und die Klinik aufgeben, die NS-Frauenschaft bezog den Komplex. Die Fassade des Vorderhauses wurde der nationalsozialistischen "Baugesinnung" angepasst. Heute nutzt ein Studentenheim das ehemalige Krankenhaus.

In der Klinik starb 1931 Hermann Müller. Er war in der Weimarer Zeit sozialdemokratischer Außenminister und zeitweise Reichskanzler. Müller hatte auf Druck der Siegermächte des Ersten Weltkriegs den Versailler Vertrag unterschrieben - einer musste es ja tun.

Friedrich Luft, die "Stimme der Kritik"
Jeden Sonntag zur Mittagszeit, eine Viertelstunde lang, ab 1946 bis 1990 fast zweitausendmal, sendete der Theaterkritiker Friedrich Luft im RIAS die "Stimme der Kritik". Seine Leidenschaft für das Kulturleben fesselte die Hörer vor dem Radio. Redlichkeit und sauberes Handwerk, wortgenaue Sätze, vorgetragen mit Höhen und Tiefen seiner sonoren Stimme in einem eigentümlich atemlosen Stakkato. Man konnte erst wieder atmen, wenn er sich verabschiedet hatte mit "Wir sprechen uns wieder, in einer Woche. Wie immer gleiche Stelle, gleiche Welle, herzlich auf Wiederhören, Ihr Friedrich Luft" – für diesen Abspann brauchte er nur zwei atemlose Sekunden. Friedrich Luft lebte im Kielganviertel in der Maienstraße.

Villa Schwatlo, Villa Roßmann, Haus Fromberg
Die Architekten Cremer und Wolffenstein haben das Viertel geprägt mit dem Bau des Bahnhofsgebäudes am Nollendorfplatz, mit einer Kuppel aus Glas und Stahl. Für Georg Fromberg - einen reichen Bankier - errichteten sie an der Kurfürstenstraße das Landhaus Fromberg, in dem heute der Hartmannbund residiert.

Der königliche Bauinspektors Carl Schwatlo hatte 1870 an der Kurfürstenstraße Ecke Derfflingerstraße einen würfelförmigen gelben Backsteinbau mit Gesellschaftsräumen und Atelier für sich errichtet. Als die Berliner Kindl-Brauerei die Villa 1938 zur Verwaltungszentrale umbaute - ihre alte Niederlassung musste Speers Germania-Planungen weichen - war es vorbei mit der Leichtigkeit des Baus. Er wurde entsprechend der nationalsozialistischen "Baugesinnung" umgestaltet, eine dunkle Natursteinverkleidung wurde vorgehängt, die Fenster monoton gereiht.

"Apfelstrudel und Avantgarde", mit dieser Mischung wurde 1996 in der Villa Roßmann das Einstein-Stammhaus eröffnet. Berliner Kaffeehauskultur, nebenan eine Kunstgalerie, das wirkt bis heute anziehend auf das Großstadtpublikum. Mit den beiden Villen und dem Landhaus sind aus dem weitgehend unsichtbar gewordenen Kielganviertel drei Bauten in unmittelbarer Nachbarschaft erhalten geblieben.

Baugewerkschule
Der Berliner Handwerkerverein gründete 1878 in Berlin eine Baugewerkschule, die nach mehreren Umzügen 1893 in einen Neubau des Stadtbaurats Ludwig Hoffmann in der Kurfürstenstraße umzog. Die Front des Gebäudes mit zehn Säulen in Kolossalordnung über drei Stockwerke hinweg verweist eindrucksvoll auf das Thema "bauen lernen", schließlich gehört das Studium der Säulenordnungen zu den Grundlagen des Unterrichts in der Baukunst.


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Im Hof wurden interessante Teile alter abgebrochener Berliner Häuser ausgestellt. Für den Bau selbst hat Hoffmann alle Register von unterschiedlicher Raumwirkung und Farbabstimmung gezogen. Verschiedenartige Säulen, Gewölbearten, Türumrahmungen, Ornamente, Terrakotten, Fensterformen wurden verwendet und unterschiedliche Materialien wie Naturstein, Kunststein, Ziegel, Terrazzo-Fußbodenfelder - Ludwig Hoffmann hatte damit einen "Musterkatalog" der Architektur erbaut. Zur Anschauung dienten weiterhin Sammlungsräume für Physik und Chemie und Modellräume mit Fassadenmodellen.

Die industrielle Revolution und die Reichsgründung von 1871 führten zu verstärktem Wohnungsbau und neuen Bauaufgaben, als Folge davon musste die Ausbildung von Baumeistern dringend intensiviert werden. Für die "großen" Bauaufgaben wie beispielsweise Kirchen waren die an den Technischen Hochschulen ausgebildete Architekten tätig, für die bürgerliche Bauherrenschaft wurden begabte Handwerker an Baugewerkschulen unterrichtet. Vorausgesetzt wurde, dass der Bewerber sittlich geeignet war und praktische Erfahrung im Bauhandwerk hatte, überwiegend als Maurermeister, Zimmermeister o.ä. Die Schulen verlangten beispielsweise, dass ein Bewerber "dictirte Sätze und Satzverbindungen richtig und leserlich nachschreiben kann und die im gewöhnlichen Leben üblichen Rechnungen mit ganzen Zahlen auszuführen versteht".

Die Ausbildung umfasste Allgemeinbildung wie Deutsche Sprache und Rechnen sowie fachliche Unterrichtung in Zeichnen, Modellieren, Geometrie, Materiallehre, Baustilen, Bürgerlicher Baukunst, Baukonstruktion, Formenlehre. Dem erfolgreichen Absolventen gab das Berliner Ausbildungsinstitut über dem Eingang zur Aula mit: "Wer etwas kann hat Lobes viel". Die Baugewerkschulen gingen meist in den 1920er Jahren in Fachhochschulen auf. So ist es nur konsequent, dass die Beuth-Hochschule heute den Bau in der Kurfürstenstraße nutzt.

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Ikarus auf Gabelstapler-Paletten