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Gebaute Hygiene


Stadtteil: Neukölln (Stadtbad)
Stadtteil: Prenzlauer Berg (Schlachthof)
Stadtplanaufruf: Berlin, Ganghoferstraße
Datum: 10. September 2011

Am Denkmaltag 2011 konnte man zwei eindrucksvolle Projekte zum Thema Hygiene aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen anschauen: das Stadtbad in Neukölln und das Schlachthofgelände zwischen Bahnhof Storkower Straße und der Landsberger Allee.

Stadtbad Neukölln

Zu Recht sind die Berliner Bäderbetriebe stolz auf das Stadtbad Neukölln, das wie ein Juwel glänzt, schließlich ist es wohlbehalten über alle Umbrüche und Verwüstungen der letzten hundert Jahre gekommen und wird gepflegt, als würde ein britischer Butler Silber putzen.

Errichtet wurde hier ein Jugendstilbau, der schon zur Bauzeit 1914 zu den größten und modernsten Bädern Europas gehörte. Antike Tempel und Thermen waren das Vorbild, es gibt zwei Schwimmhallen und eine römische Sauna. Säulen, Wandelgänge, Nischen, Mosaiken und Skulpturen verstärken den antiken Eindruck. Das Bauwerk ist so gut erhalten, dass sogar jedes Bohrloch vom Denkmalschutz genehmigt werden muss, ansonsten behilft man sich mit Tesafilm, um Mitteilungen anzubringen. Der dicke Horst Krause - das Ost-Original aus Krimis wie dem Tatort - ist hier Stammgast, täglich kommen um die 100 Besucher in die Sauna.

Das Wasser wird nur einmal im Jahr komplett gewechselt, trotzdem hat es Trinkwasserqualität und wird beim Ablassen - man mag es kaum glauben - in den Trinkwasserkreislauf eingebracht (daher wohl die Frage: "Wer trinkt Dein Badewasser?"). Wasser-Hygiene ist im Schwimmbad natürlich oberstes Gebot, Ozon und Chlorgas werden gegen Keime eingesetzt. Wer hätte gedacht, dass außer Urin auch drei bis vier Mal im Jahr Exkremente im Wasser landen und damit den Badebetrieb stundenlang lahm legen? Und noch eine vielleicht wenig bekannte Tatsache: Bäder werden für den Zivilschutz bereit gehalten, und zwar zum Reinigen von Kontaminierungen und als Trinkwasserreservoir.

Früher wurde getrennt gebadet, die kleine Schwimmhalle war für die Frauen, die große für die Männer. Heute am Sonnabend Vormittag ist Nacktbaden in der kleinen Halle angesagt, und natürlich protestieren Badegäste dagegen, dass plötzlich 20 Schaulustige am Beckenrand auftauchen, das war wohl ein kleiner Regiefehler bei der Führung.

Als besondere Attraktion wird im Neuköllner Bad nach Schluss des Badebetriebes an mehreren Tagen eine Unterwasseroper aufgeführt. Wie muss man sich das vorstellen? Da die Zuschauer nicht unter Wasser gehen, müssen die Schauspieler wohl im, auf oder über Wasser agieren. Für Kopf und Körper wurde hier auch schon früher etwas getan, in dem Gebäude war auch eine Volksbibliothek untergebracht.

Schlachthofgelände

Das Schlachthofgelände an der Landsberger Allee ist für uns ein Update, hier waren wir bereits mehrfach unterwegs. Was hier allerdings die TU Cottbus für den Denkmaltag auf die Beine gestellt hat, ist beachtenswert. Um visuell und verbal Stadt und Architektur der Öffentlichkeit näher zu bringen, wurde dort den Studiengang "Architekturvermittlung" geschaffen. Studenten aus diesem Bereich haben eine Dokumentation über Geschichte und Gegenwart des ehemaligen Zentralen Vieh- und Schlachthofs erstellt und führen am Denkmaltag durch Hallen und Gebäude.

In der 217 Meter lange Rinderauktionshalle hat Deutschlands größtes Fahrradcenter eine Verkaufsfläche geschaffen, die die Hallenstrukturen gut sichtbar erhält und die gigantischen Ausmaße der Halle erahnen lässt, obwohl nur die Hälfte der Halle der Warenpräsentation dient. Das Portal auf der Rückseite der filigranen Eisenkonstruktion zeigt in zwei Ecken den Berliner Bären in einem Wappen, unverkennbares Merkmal des Berliner Stadtbaurats Hermann Blankenstein, das an allen seinen Bauten zu finden ist. Nebenan steht als eisernes Gerippe die Hammelauktionshalle, sie wurde nicht wieder aufgebaut, zeigt aber auch im offenen Zustand ihre graphische Gestalt und die Ausdehnung des früheren Baus, ein "Schattenriss der Vergangenheit".

Das Schlachthof-Gelände war außerhalb der Stadt errichtet worden, weil die Belastungen durch den erbärmlichen Gestank und den Lärm der Tiere und des Schlachtbetriebs den Städtern nicht zugemutet werden konnten. Um sich gegen Seuchen und Krankheitserreger zu schützen, war der Schlachtbetrieb von den Stallungen deutlich getrennt angeordnet, das ganze Gelände war von einer Mauer umgeben.

Achtzig Prozent der Gebäude wurden im Krieg zerstört, der VEB Fleischkombinat Berlin arbeitete hier bis zur Wende. Nach jahrelangem Dahindämmern ist hier inzwischen ein lebendiges Stadtquartier gewachsen, zwischen Bahnhof Storkower Straße und Rinderauktionshalle kann man einkaufen und das Gelände bis zur Landsberger Allee ist weiter bebaut worden. Ein Rinderstall wurde zur Sporthalle für die Hausburg-Europaschule umgebaut, die Architekten haben Alt mit Neu geschickt kombiniert, die alten Giebel sind als Wahrzeichen geblieben, und selbst so kleine Reminiszenzen wie die Ringe, an denen die Rinder fest gebunden wurden, sind noch vorhanden.

Die an das Schlachthofgelände angrenzende Hausburg-Europaschule fällt mit ihrer ungewöhnlichen Fassade sofort ins Auge. Die gesamte Fassade besteht aus einzelnen Quadern, die geschliffenen Diamanten ähneln und so dreidimensional aus der Fläche hervortreten. Diese Diamantquader sind eine Erfindung der Renaissance, sie wurden allerdings nördlich der Alpen nur im Sockelbereich verwendet, auf der gesamten Fassade sind sie ziemlich einmalig. Eine Bärenskulptur am Pfeiler (diesmal ohne Wappen) weist darauf hin, dass hier ein städtisches Bauwerk entstand, entworfen von dem Berliner Stadtbaurat Ludwig Hoffmann.


Kanaldeckel und Schlangengraben
Doppel-Dorf überwindet zweifelhaften Ruf