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Späte Wiedergutmachung


Stadtteil: Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg
Datum: 9. November 2019
Bericht Nr.: 674

Wie übersetzt man ein zurückliegendes Ereignis in ein Bild, das das Gewesene vor unseren Augen wieder erstehen lässt? An die Maueröffnung ist schon öfter in Berlin sinnbildlich erinnert worden. Denken wir an die übermannshohen Dominosteine, die 2009 den Mauerverlauf in Mitte markierten, bis sie durch Antippen des ersten Elements in einer Kettenreaktion zu Fall gebracht wurden. Oder fünf Jahre später die 15 Kilometer lange "Lichtgrenze" aus Ballons, die in den Abendhimmel stiegen, begleitet von Beethovens "Ode an die Freude".

30 Jahre nach der Maueröffnung ist jetzt nicht mehr "das eine" Bild nicht gefunden worden, das das gesamte Ereignis repräsentieren könnte. Vielleicht ist das auch symptomatisch für den Zustand unserer Gesellschaft. Stattdessen wurden dezentral sieben Punkte gewählt, die sich in der Stadt mit der Erinnerung an den 9. November 1989 verbinden. Drei dieser Kunstinstallationen haben wir uns angesehen. Sie sind alle drei nicht für das Maueröffnungs-Event erdacht worden, sondern hatten anderswo Premiere. Das spricht nicht gegen ihre Sinnhaftigkeit, alle drei erzeugen eine suggestive Wirkung.

Die Grenze in der Spree
Im Bereich der Oberbaumbrücke bildete die Spree die Grenze zwischen Ost-Berlin (im Norden: Friedrichshain) und West-Berlin (im Süden: Kreuzberg). Die Grenzlinie verlief am südlichen (Kreuzberger) Ufer. Zu DDR-Zeiten gab es eine spektakuläre Flucht mit einem Ost-Ausflugsdampfer, der sich auf einer Fahrt in die Werft befand. "Republikflüchtige" hatten das Schiff gekapert und es in den West-Berliner Landwehrkanal gesteuert. Die Volkspolizisten schossen auf das Boot, die West-Berliner Polizei gab Feuerschutz beim Anlegen. Der Dampfer war von den Flüchtlingen mit Eisenplatten gepanzert worden, man hatte damit gerechnet, beschossen zu werden. Die Flucht gelang, die DDR stellte daraufhin den Ausflugsverkehr mit Fahrgastschiffen in der Ost-Berliner Innenstadt dauerhaft ein.

Mit einer Lichtinstallation wird zum Jahrestag der Maueröffnung an die Grenze in der Spree erinnert. Auf einer Länge von 150 Metern schwimmen in der Spree blaue Leuchtstäbe und bilden eine Lichtachse. Sie werden begleitet von blitzenden Signalbojen. "Was hier jetzt ist, was hier einst war" heißt diese Installation. Das Kreuzberger Ufer war die historische Grenzlinie an der Spree, die Installation wurde davor im Wasser aufgebaut, aber das tut der Erinnerung keinen Abbruch.


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Vom Ufer in Kreuzberg kann man zur Innenseite der East-Side-Gallery hinüberblicken. Die Mauer wurde weiß getüncht, um die Projektion von Bildern zu ermöglichen wie den schon Jahrzehnte andauernden Bruderkuss von Honecker und Breschnew.

Eine späte Wiedergutmachung
Ein Event mit Hintersinn kann man auf der Fassade des Humboldt-Forums sehen. Der nicht mehr vorhandene Palast der Republik und seine Geschichte werden als Videoprojektion auf die Außenwand des nachgebauten Stadtschlosses gebeamt. Der DDR-Palast, nach der Wende abgerissen, ersteht auf dem Nachfolgebau bildlich neu. Wie praktisch, dass der Architekt Stella eine Seite des Nachbaus nicht historisierend gestaltet hat, sondern als glatte Rasterfassade. Darauf kann man gut Bilder projizieren.

Hammer und Zirkel, die DDR-Embleme, für einen Augenblick auf der Fassade des Humboldt-Forums sichtbar. Ist das eine späte Wiedergutmachung für den Abriss des DDR-Palastes? Auch Schabowski kann man hier sehen - überlebensgroß -, und wir wissen, dass er in diesem Moment "sofort, unverzüglich" sagt. Eine Fehlleistung, die direkt zum Ansturm auf die Mauer führte, nachdem West-Medien darüber berichtet hatten.


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Der Himmel über Berlin
"Des Menschen Wille ist sein Himmelreich" heißt es. Vielleicht hängen deshalb Zettel mit 30.000 Botschaften im Himmel über der Straße des 17.Juni. Einer Straße übrigens, die den Volksaufstand 1953 in der DDR thematisiert und damit auch in einer Linie zu Mauerbau und Mauerfall steht. Jeder Zettel dieser Kunstinstallation ist symbolisch ein Transparent, wie es Demonstranten auf dem Weg zur friedlichen Revolution gezeigt haben. "Deine Vision im Himmel über Berlin" forderte dazu auf, Botschaften, Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft aufzuschreiben, die dann vor dem Brandenburger Tor vom Wind bewegt in einem langen mehrfarbigen fliegenden Teppich zu sehen sind.

Wünsche sind nie klug, schrieb Charles Dickens. Sie können aber auch banal sein wie Kommentarspalten im Internet, oder sie können nach den Sternen greifen. Viele große Worte wurden da aufgeschrieben, Weltfrieden, Liebe, Zusammenhalt, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit, Freiheit, Mut, lebenswerte Umwelt auf der ganzen Erde, Du und Ich Gemeinsam, friedliche und tolerante Welt, I have a dream. Zwischendurch auch mal ein Appell: Sei du selbst! Klettere den Baum hinauf.


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Vom Brandenburger Tor zurückkommend, kehren wir bei unserem Italiener ein und werden daran erinnert, dass es im Grunde keines Events bedarf, um den 9. November 1989 lebendig werden zu lassen. Begeistert erzählt unser Italiener, wie er als junger Mann mit unglaublichem Staunen die Maueröffnung erlebt hat. Da kann man fragen wen man will: Jeder von uns kann sich erinnern, was er damals gemacht hat, der Tag ist zu einem Anker im kollektiven Bewusstsein geworden.

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Kriegerische Vergangenheit einer Straße