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Plattenbau in Handarbeit


Stadtteil: Marzahn
Bereich: Magerviehhof
Stadtplanaufruf: Berlin, Zur Alten Börse
Datum: 29. Juni 2015
Bericht Nr: 512

Marzahn hat sich zu DDR-Zeiten ein ungewöhnliches Rathaus hingestellt, und kaum war es am 20.Januar 1989 bezogen, da kam die Wende und mit der DDR war es vorbei. Dieses Gebäude ist etwas besonderes, es wurde sogar ins Berliner Denkmalverzeichnis aufgenommen, und das ist bisher wahrscheinlich einmalig für einen einzelnen Plattenbau.

In der DDR sind nur drei Rathäuser neu gebaut worden. Für das Marzahner Rathaus haben der Architekt Wolf-Rüdiger Eisentraut und sein Baukombinat "Ingenieurhochbau Berlin (IHB)" einige Überzeugungsarbeit leisten müssen, um ein anspruchsvolles Gebäude zu errichten. Anstelle der "Cottbusser Scheibe", die als Plattenbau für Bürogebäude üblich war - sieben Etagen mit Mittelgang - wollte er einen auf die Bedürfnisse der Nutzer abgestimmten Bau aus Fertigteilen erschaffen. Im Innenraum ein Foyer im Erdgeschoss, darüber schwebt bis unters Dach das großzügige Treppenhaus mit galerieartigen Rängen. Die Fassade mit Fenstern über mehrere Etagen besteht aus standardisierten Betonplatten, deren Oberflächen mit Ziegelfliesen verblendet sind.

Diese Klinkerplatten mussten von Hand in die Form eingelegt werden. Als das Plattenwerk-Kombinat sich weigerte, die unübliche Mehrarbeit zu leisten, übernahmen Eisentraut und seine Mitarbeiter in Wochenendschichten eigenhändig diese Arbeit. Dadurch beschämt, stellte schließlich das Plattenwerk selbst die Fassadenplatten her. Ein Arbeiter nahm es sehr genau und verteilte die Klinkerplatten nach einem Schachbrettmuster, obwohl gerade die zufällige Verteilung die Fassade lebendig werden ließ. Diese Platte wurde an einer Stelle verbaut, wo sie nicht weiter auffällt.



Auf dem Platz vor dem Rathaus wurde nach der Wende der "Brunnen der Generationen" eingeweiht. Zwei Figuren sind bei unserem Besuch in durchsichtige Folie eingepackt, ein skurriler Anblick.

Vom Bahnhof Friedrichsfelde-Ost, an dem wir heute unseren Stadtspaziergang beginnen, sind wir zum Magerviehhof Marzahn unterwegs. Er liegt zwischen zwei strategisch wichtigen preußischen Bahnstrecken: der Ostbahn Richtung Königsberg und der Wriezener Bahn Richtung Stettin. Heute fährt die S-Bahn auf diesen Strecken nach Ahrensfelde (S 7, Wriezener Bahn) und Strausberg (S 5, Ostbahn). Außerdem war hier der südliche Endpunkt der Industriebahn Friedrichsfelde-Tegel, deren Spuren wir schon mehrfach in der Stadt gefunden haben. Das Bahnhofsgebäude Friedrichsfelde-Ost von 1903 - ein gotisierender Backsteinbau - steht nicht mehr, der Bahnhof wurde verschoben, Schienen neu verlegt, die Wriezener Bahn über die Strecke der Umgehungsbahn Biesdorf geleitet.

Magervieh - wer sich darunter spindeldürre Viecher vorstellt, ist auf dem falschen Weg. Es ist der Fachausdruck für (junge) Tiere, die noch nicht gemästet sind. Auf dem Magerviehhof in Friedrichsfelde Ost wurden die Tiere nicht aufgezogen, sondern nur umgeschlagen, es war ein Auktionsplatz mit Bahnanschluss. Der Bahnhof befand sich direkt im Viehhofgelände, die Rampe neben den Gleisen ist noch heute erhalten. Von West nach Ost wurden auf diesem Gelände reibungslos und ohne Überschneidungen die Tiere verteilt. Auf der Westseite des Geländes aus den Zügen ausgeladen, nach den Auktionen auf der Ostseite in Verladebuchten gesammelt und für die neuen Besitzer aufgeladen. Ein abseits liegender Schlachthof diente nur für Notschlachtungen. Der Berliner Schlachthof arbeitete schon seit 1881 an der Landsberger Allee, während der Magerviehhof erst 1903 gegründet wurde.

Der Magerviehhof war ein Eldorado der Tierhändler. In den besten Zeiten wurden hier jährlich 24.000 Pferde, 104.000 Rinder, 6.800 Kälber, 25.000 Schafe, 240.000 Schweine und 600.000 Stück Geflügel über die Viehbörse verkauft. Ab den 1920er Jahren verlor der Magerviehhof an Bedeutung, was jetzt folgte, liegt wie der Blick in ein Geschichtsbuch vor uns. Im Zweiten Weltkrieg nutzte die Luftwaffe einen Teil des Areals, danach die sowjetische Besatzungsmacht bis 1949. Von hier wurden Häftlinge nach Sibirien in die Gulags abtransportiert.



Die öffentliche Straße, die zum Magerviehhof führt, kann unter der Bahnbrücke mit einem Tor verschlossen werden. Hier begann das Sperrgebiet, das die Volksarmee der DDR eingerichtet hatte, als sie das Gelände übernahm. "41 Millionen Tote mahnen für den Frieden", hat sie an das ehemalige Wolllagerhaus geschrieben, aber ihre eigene Nutzung war nicht unbedingt friedlich. Nach dem Volksaufstand des 17. Juni 1953 hat sie Aufständische zum Magerviehhof gebracht und hier festgesetzt, die Zahlen schwanken zwischen "mehreren hundert" bis zu 2.500. Für den Mauerbau am 13. August 1961 wurden hier mehr als 3.000 Soldaten mit Kampfpanzern und Schützenpanzerwagen stationiert, die die Grenzabriegelung militärisch absichern sollten. Auch die Fahrzeuge für die Militärparaden in der Berliner Innenstadt wurden hier vorbereitet. Man konnte "Güterzüge mit riesigen Planen" beobachten, die über das Anschlussgleis am ehemaligen Magerviehhof fuhren.

Nach der Wende kam erst einmal eine ganze Weile nichts, bis ein kreativer, mutiger, unangepasster Mensch die Sache in die Hand nahm. Peter Kenzelmann leitet seinen Wahlspruch über "buntscheckigen Fetzen, die so locker und lose aneinanderhängen, dass jeder von ihnen jeden Augenblick flattert, wie er will", von Montaigne ab. Die Metallkünstler vom Tacheles konnten ihre Werkstätten hierher verlegen, als sie aus der Oranienburger Straße herausgeklagt und manchmal auch herausgekauft worden sind.



Was ist Kunst ohne Öffentlichkeit? Touristen, die das Tacheles als "muss" besuchten, kommen nicht hierher, aber inzwischen hat sich in Marzahn eine quasi alternative Szene etabliert, die das Gelände in Besitz nimmt. Und Kenzelmann schenkt hier selbstgebrautes Bier aus, er hat eine "Hausbrauerei mit Ambitionen" gegründet. Dass er etwas auf die Beine stellen kann, hat er mit dem viel besuchten "DDR-Museum" am Berliner Dom bewiesen, das er ins Leben gerufen hat und das ohne staatliche Förderung auskommt.

Unser Flaniermahl nehmen wir beim Griechen am Helene-Weigel-Platz ein. Den gerade hochkochenden Euro-Konflikt zwischen Griechenland und der EG können wir damit nicht besänftigen, doch der Wirt scheint unseren Besuch als freundlichen Akt einzustufen und gießt vor und nach dem Essen und auch zwischendurch Ouzo aufs Haus in unsere Gläser. Vom Essen muss er jedenfalls nicht ablenken, damit sind wir sehr zufrieden.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Am Luftschiffhafen
Die Hand zum Schwur erhoben