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Lass mich tun und ich verstehe


Stadtteil: Reinickendorf
Bereich: Neu-Tegel
Stadtplanaufruf: Berlin, Sommerfelder Straße
Datum: 8. November 2021
Bericht Nr.:754

Der Bereich um die Gorkistraße bis zur Holzhauser Straße wird beherrscht von Wohnanlagen und Mietshausgruppen. Vier Schulen, zwei Kirchen und ein Friedhof gehören dazu, früher auch noch eine Erziehungsanstalt. Die Chronik der Bildungsstätten ist sehr ausführlich dokumentiert, das erlaubt einen Blick in die Geschichte des Lernens an Berliner Schulen seit der Kaiserzeit.

Humboldt-Oberschule
Wie eine Fata Morgana taucht das malerische Gebäude der Humboldt-Oberschule hinter den Bäumen an der Hatzfeldallee auf, bevor man die Grünanlage vor der Bahntrasse erreicht. Unter dem Grünstreifen an der Bahn verläuft der Tunnel der Stadtautobahn A 111. Den schmalen Park mit dem Kinderspielplatz haben die Schüler der Humboldt-Oberschule mit entworfen. Es ist ein Lernort im Freien, zugleich ein Spielplatz und für sportliche Betätigung eingerichtet als Basketballplatz, Trimm-Dich-Anlage, Pumptrack (einer Bahn mit Wellen und Kurven für Fahrräder, Skateboards, Inlineskates oder Tretroller).

Das Schulgebäude der Humboldt-Oberschule wurde in Renaissance-Formen ausgeführt, es hat einen Festsaal mit Tonnengewölbe. Die Treppenhäuser sind mit expressionistischen Tierdarstellungen geschmückt. Die Schule wurde auf einem Grundstück der Gemeinde errichtet, 1911 noch "vereinsamt in jungfräulichem Gelände". Die Eröffnung der Industriebahn Tegel-Friedrichsfelde hatte die Gemeinde zu Grundstückskäufen und zur Aufstellung eines Ortsbebauungsplans für den Bereich Neu-Tegel bewegt. Neue Straßen, Schulen und Wohnhaus-Neubauten sollten folgen.


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Im Oktober 1911 wurde die Schule eingeweiht. Das war noch in der Kaiserzeit, die Kapelle eines Garde-Grenadier-Regiments begleitete die Festlichkeiten in der Aula, die mit einer Kaiser-Büste geschmückt war. In seiner Begrüßung sprach der Bürgermeister vom "Pflug des Landmanns und fruchtbeschwerten Äckern", von Wald und Wasser, aber auch von dem aufstrebenden Ort mit Asphaltstraßen, Versorgungsleitungen, der Kremmener Bahn, dem Gaswerk und den Borsigwerken. Mit einem bis heute beachtenswerten Ausspruch beendete er seine Rede:

___Das Geld, in Schulen angelegt,
___die allerhöchsten Zinsen trägt.

Das Schulprofil des heutigen Humboldt-Gymnasiums sieht offenen Ganztagsbetrieb vor. Ab der 8. Klasse gibt es Wahlpflichtfächer wie beispielsweise Chinesisch, Technik, Informatik, Mathematik und Physik, Wirtschaftswissenschaft, Informatik. Hochbegabten Schülern wird in Schnellläuferklassen der reguläre Stoff zeitlich komprimiert vermittelt, in der gewonnenen Zeit absolvieren sie Begabtenkurse aus unterschiedlichen Aufgabenfeldern.

Stötzner-Sonderschule

___Erzähle mir und ich vergesse.
___Zeige mir und ich erinnere mich.
___Lass mich tun und ich verstehe. (Konfuzius)

Antoine de Saint-Exupéry hat diese Weisheit später abgewandelt: Wer ein Schiff bauen will, soll nicht Mitarbeiter einteilen und Aufgaben vergeben, "sondern die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer lehren". Die Stötzner-Sonderschule, die sich auf Konfuzius beruft und "das gemeinsame Lernen von Schülerinnen und Schülern mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten" fördert, hat das in "Lernen mit Kopf, Herz und Hand" übersetzt.

Zeitgleich mit der Humboldt-Oberschule wurde kurz nach der Jahrhundertwende die Volksschule Borsigwalde in der Tietzstraße erbaut, in die 1962 die Sonderschule einzog. Begonnen hatte es 1909 mit einer "Hilfsschulklasse für Minderbefähigte" an der Grundschule Tegel, die zehn Jahre später in einer "Hilfsschule" aufging. Es war ein weiter Weg über die Weimarer Republik und die NS-Zeit bis zum heutigen "Sonderpädagogischen Förderzentrum Lernen". Heinrich-Ernst Stötzner hatte sich bereits in den 1860er Jahren für "Schulen für schwachbefähigte Kinder" eingesetzt, nach ihm ist die Sonderschule benannt. Ein Schulzweig, der heute vorzugsweise "Förderschule" genannt wird.

Schule soll nicht langweilen, wer wünscht sich das nicht. Stötzner hatte damals Regeln entwickelt, die heute noch aktuell sind, auch wenn ihre Sprache nach hundertfünfzig Jahren etwas verschroben klingt:

___"So anschaulich, so handgreiflich wie möglich.“
___"Man gehe Schrittchen für Schrittchen vorwärts.“
___"Man langweile die Kinder nie, sondern wechsle fleißig mit den Unterrichtsgegenständen"

Benjamin-Franklin-Oberschule
Die Sommerfelder Straße mit ihren nur 120 Metern Länge wird beherrscht von der Benjamin-Franklin-Oberschule, mit getrennten Eingängen für Knaben und Mädchen, wie es im Kaiserreich - erbaut 1914 - üblich war. Die Fassade zeigt mit ihrem figürlichen Schmuck nicht nur den Bienenfleiß der Knaben und Mädchen, sondern kann auch als Brevier menschlichen Schaffens gelesen werden kann. Das Schulgebäude wurde zunächst 1914 von einer Maschinengewehr-Kompanie belegt, erst nach Ende des Ersten Weltkriegs begann dort der Schulbetrieb.


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Bei den Säuberungen in der NS-Zeit wurde eine Grundschullehrerin entlassen und der Schulleiter aus seinem Amt entfernt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Schulkeller in einen Luftschutzkeller umgebaut, eine 50 cm dicke Betondecke sollte den Keller schützen.

Ab September 1940 wurden auf Anordnung des "Führers" aus den vom Luftkrieg bedrohten Städten Kinder in weniger gefährdeten Gebieten untergebracht. Mehr als zwei Millionen Kinder wurden von ihren Eltern getrennt und aufs Land geschickt. Die Reichsdienststelle KLV (Kinderlandverschickung) brachte die Kinder in KLV-Lagern unter, wo sie von der Hitlerjugend oder dem Bunde Deutscher Mädel betreut wurden. Damit konnte das ideologische Ziel verbunden werden, die Kinder im Sinne des Nationalsozialismus zu erziehen.

Die in der Stadt verbliebenen älteren Schüler wurden gegen Ende des Krieges als Luftwaffenhelfer eingesetzt, viele überlebten diesen Einsatz nicht. Als nach Ende des Krieges im Juni 1945 die Schule wieder begann, brachten die Kinder im Winter Kohlen mit, um die eisernen Not-Öfen zu heizen. "Im besonders kalten und langen Winter 1947 kamen die Schüler vor allem wegen der Schulspeisung zur Schule. Die Lehrer unterrichteten sie während des Essens, solange die Kälte erträglich war" (Schulchronik).

1951 wurde das "Hofmarschieren" abgeschafft, die Kinder mussten ab dann nicht mehr in den Pausen geordnet im Kreis gehen. Als die Eltern in den 1960er Jahren bereits nur noch 5 Tage in der Woche arbeiteten, hatten die Schüler noch an jedem Sonnabend oder jedem zweiten Unterricht. Um die 5-Tage-Woche an Schulen wurde auch vor Gericht gerungen, bis die Schüler dann das unterrichtsfreie Wochenende zugestanden bekamen.

Wohnanlagen, Schulen, Friedhof
Die Schulen haben - ungeplant - so viel Raum bekommen in diesem Bericht, dass für die Wohnanlagen, die beiden Kirchen und den Städtische Friedhof kein Platz mehr bleibt, um den Text lesbar zu halten. Die Borsig-Siedlung haben wir bereits bei einem früheren Spaziergang erkundet. Erwin Gutkind hat eine ausgedehnte Wohnanlage an der Gorkistraße erbaut. Weitere Häuser und Wohnanlagen müssen hier namenlos bleiben. Mit der Erziehungsanstalt "Zum Grünen Hause" und der Hoffmann v. Fallersleben-Schule soll dieser Einblick in die Geschichte des Lernens an Berliner Bildungsstätten seit der Kaiserzeit fortgesetzt und vollendet werden.

Erziehungsanstalt "Zum Grünen Hause"
Das grün gestrichene Erziehungsheim an der Ziekowstraße in Tegel hatte die Aufgabe, "Knaben (Psychopathen und Schwachbefähigte) aufzunehmen, die der häuslichen Zucht und Pflege entbehren. Dreiklassige Hilfsschule, siebenklassige Normalschule. Durchschnittlich 200 Plätze, Lehrlingsheim" (Graubuch "Wohlfahrtseinrichtungen", 1927). Es gehört damit zu den "Besserungsanstalten", die die Kinder "aus ihren unseligen Verhältnissen, in welchen sie bei längerem Verweilen sittlich verderben würden, herausnehmen und durch christliche Erziehung zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft heranbilden". In der Erziehungsanstalt konnten sie im Garten oder in Tischlerei-, Bürsten- oder Stuhlflechterei-Werkstätten arbeiten, mit 14 Jahren wurden sie in einen Beruf entlassen.

Das nach Kriegszerstörung wieder aufgebaute Gebäude wurde bis 1960 als Erziehungsanstalt genutzt. Danach folgten Zwischennutzungen als Jugendhilfsstelle und Jugendgästehaus, bis es schließlich dem Humboldt-Gymnasium als räumliche Erweiterung übergeben wurde.

Hoffmann v. Fallersleben-Schule
Ein weit auskragendes Vordach vor der Sprossenfenster-Fassade weist die Schule in der Ziekestraße als Bau der Nachkriegsmoderne aus. Das Gebäude mit drei Flügeln - 1958 erbaut - erstreckt sich weit in die Seitenstraße hinein und umschließt einen großen Schulhof. Die von der Schule angebotenen Arbeitsgemeinschaften umfassen ein vielfältiges Angebot: Schach, Kunstwerkstatt, Theater und Musical, Zirkus und Akrobatik. Die Schule will "Freude am Lernen“ vermitteln.


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Statt einer angekündigten Schulchronik berichtet die Schul-Homepage über das Leben des Namensgebers, der den Text der deutschen Nationalhymne geschrieben hat, vertont wurde sie von Joseph Haydn.

Fallersleben hatte auf einer Schiffsfahrt nach Helgoland beobachtet, dass die Schiffskapelle für die mitreisenden Franzosen die Marseillaise spielte und für die Engländer "God save the King". Die Deutschen hatten keine Nationalhymne, die Kapelle blieb stumm. Fallersleben dichtete daraufhin "Deutschland, Deutschland über alles", von dem heute nur die dritte Strophe als Nationalhymne gilt, von Deutschland "über alles" haben wir nach der Nazizeit genug.

Die ähnliche Erfahrung einer schmerzhaften Lücke ganz anderer Art musste der Dirigent einer Marinekapelle machen, als Kaiser Wilhelm II. 1895 den Nord-Ostsee-Kanal (Kaiser-Wilhelm-Kanal) einweihte. Die Schiffsbesatzungen der anderen teilnehmenden Staaten nahmen an einem Galadiner auf der Kaiseryacht teil und wurden von der Kapelle jeweils mit ihrer Nationalhymne begrüßt. Zum Schrecken der Musiker kam eine türkische Delegation aufs Schiff, für deren Land keine Nationalhymne vorbereitet war. Geistesgegenwärtig ließ der Dirigent "Guter Mond, du gehst so stille" erklingen, der Halbmond in der türkischen Flagge hatte ihn die Situation retten lassen. Das war "getürkt", diesen Begriff verwenden wir bis heute für eine fingierte oder unechte Situation.


Baiser auf Stachelbeere - mit einer Tortenschlacht in einem Café in der Berliner Straße geht unser "lehrreicher" Stadtspaziergang zu Ende.

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Unsere Route:
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Die drei Jahreszeiten von Reinickendorf