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Auf dem Holzweg


Stadtteil: Wilmersdorf
Bereich: Grunewald
Stadtplanaufruf: Berlin, Havelchaussee
Datum: 8. September 2020
Bericht Nr.:710

Trockenheit, Waldsterben, Waldbrände, Schädlingsbefall, das sind bedenkliche Meldungen über den Wald. Wie sieht es eigentlich in Berlin mit dem Wald aus? Ein Spaziergang im Grunewald kann diese Frage sachkundig beantworten: An der Havelchaussee geht gegenüber dem Grunewaldturm seit 2017 ein markierter Parcours in den Wald, auf dessen Berg- und Talstrecke man immer wieder kleine Infotafeln am Rande findet. Und an fast einem Dutzend Infopunkten werden verschiedenen Aspekte des Waldes in der Großstadt visualisiert. Es geht um die Anpassung der Berliner Wälder an den Klimawandel, man erläuft Wissen, das in einer Mischung von Schulfunk und Kultursendung dargeboten wird.

Dauerwaldvertrag
Der Waldbestand in der Fläche ist gottlob in Berlin durch ein Gesetz festgeschrieben. Auslöser war, dass das Forstrevier dem preußischen Staat gehörte, der lieber Bauland daraus machte, statt es den Berlinern als Erholungsgebiet zu erhalten. Als für die Villenkolonie Grunewald ein Teil des Grunewalds abgeholzt wurde, nahmen die Berliner das mit dem Gassenhauer "Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion" auf die Schippe, aber die Verbitterung saß tief. Es entstand eine Umweltbewegung und mit ihr der "Berliner Waldschutzverein". Der kommunale Zweckverband Groß-Berlin konnte schließlich 1915 ausgedehnte Waldflächen in der Berliner Umgebung vom preußischen Staat kaufen, dazu gehörten der Grunewald und der Tegeler Forst. In diesen "Dauerwaldvertrag" verpflichtete sich die Stadt, den Wald vor Veräußerung und Bebauung zu bewahren und ihn auf Dauer zur Naherholung und Trinkwasserversorgung zu erhalten.

Lebensraum Wald
Man kann "in die Pilze gehen" - auf bayerisch: Schwammerl suchen -, kann Wildkräuter pflücken, mit Stöcken oder ohne durch den Wald laufen, auf ausgewiesenen Wegen reiten, mit dem Mountainbike oder Rennrad Täler und Hügel nehmen. Der Wald ist Lebensraum, nicht nur für uns Menschen. Es heißt, dass fast die Hälfte aller bekannten Tierarten um und in Wäldern leben: Ameisen, Käfer, Vögel, Reptilien, Amphibien, Damwild, Rotwild, Wildschweine, Hasen, Igel, Füchse, Mäuse um nur einige zu nennen.

Holz ist Brennmaterial: Im eisigen Winter 1948/49 haben Berliner, um nicht zu erfrieren, den Tiergarten abgeholzt und die Bäume als Brennholz verwendet. Von 200.000 Bäumen blieben nur 700 übrig. Und das Holz der Bäume ist ein vielfach verwendbarer Rohstoff, bereits die Wikinger haben Schiffe aus Holz gebaut. Früher haben die Seeleute "auf Holz geklopft", um festzustellen, ob das Holz morsch ist, das sie auf die Weltmeere tragen soll.

Holzarchitektur
Und aus Holz kann man Häuser bauen. Holz ist der älteste Baustoff; dass er auch ein moderner ist, haben Architekten in Norwegen gezeigt: Das höchste Holzhaus der Welt ist ein Hochhaus von 85 Metern Höhe. Es besteht vollständig aus Brettschichtholz, das aus mehreren Holzlagen in gleicher Faserrichtung verklebt wird. Nur die Bodenplatte und die Treppenhäuser sind aus Stahlbeton. Traversen sorgen für die notwenige Steifigkeit.


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Und das ist nicht das einzige höhere Gebäude aus Holz. Der nachwachsende Rohstoff Holz ist leicht, tragfähig, sorgt für gutes Raumklima und kann industriell vorgefertigt werden, das wird in zunehmendem Maße von Architekten genutzt.

Aber Holz brennt doch? Im Feuer raucht und glimmt Holz vor sich hin, brennbare Gase treten aus dem Holz aus. Und im Feuer verdampft das Wasser, da Holz zu 20 bis 60 Prozent aus Wasser besteht. Wissenschaftler bringen es auf den Punkt, "Holz brennt eigentlich gar nicht". Aber es verkohlt langsam und hält dabei weiterhin hohen Temperaturen stand. Es gibt sogar die Idee, Stahlträger zum Brandschutz mit Holz zu ummanteln, da es ein anderes Brandverhalten als Stahl hat, der ab einem bestimmten Punkt einknickt.

Holz speichert Kohlendioxid
An einem Infopunkt des Parcours wird sichtbar gemacht, welche positive Funktion der Wald für den Klimaschutz hat. Unser Zivilisationsproblem ist der Ausstoß von CO2 - Kohlendioxid -, mit dem wir die Erderwärmung vorantreiben. Bäume hingegen filtern CO2 aus der Luft und speichern es. An dem Infopunkt wird gezeigt, wieviel Wald es brauchen würde, um den jährlichen CO2-Ausstoß eines Berliner Stadtbewohners auszugleichen. Dazu sind alle Bäume in dieser Fläche blau angestrichen, es dürften 400 Bäume sein, die man jährlich neu pflanzen müsste (*). Mit neuen Bäumen allein kann man die Klimaerwärmung also nicht aufhalten.

Von der Monokultur zum Mischwald
Zwei Drittel des Berliner Waldbestandes sind Kiefern und andere Nadelbäume. Nur ein Drittel entfällt auf Buchen und andere Laubbäume. Dabei speichern Laubbäume mehr Wasser und lassen mehr Wasser versickern als Nadelbäume. Trockene, sandige Böden und Kiefern als Monokultur - bei Waldbränden brennt das ganze wie Zunder. Ökologischer Waldumbau ist also das Gebot der Gegenwart.

Wie kam es zu dieser Monokultur? Seit der Gründung Berlins im 13. Jahrhundert wurden Wälder gerodet, um Holz als Brennstoff und Baustoff zu gewinnen. Eichenrinde wurde zum Gerben gebraucht, Kiefernharz für Pech und Teer und das Laub als Streu für die Tierställe. Um die großen Nachfrage nach Bauholz für den Wohnungsbau zu befriedigen, wurden Kiefern neu gepflanzt.

Inzwischen ist das Mischwaldprogramm angelaufen. Heimische Laubbäume wie Eichen, Buchen, Hainbuchen, Winterlinden, Ulmen werden gepflanzt, standortfremde Baumarten zurückgedrängt, der Wald als Speicher für CO2 ausgebaut. Auch die Bedeutung des Waldes für die Wasserversorgung ist im Fokus. Es ist eine Jahrhundertaufgabe.

Der Wald sorgt für das Grundwasser
"Auch der Baum, unter dem man Schutz sucht, lässt das Wasser durch", sagt eine japanische Weisheit. Die Einsicht, dass der Wald für den Grundwasserhaushalt sorgt, ist da nicht mehr weit. Nadelbäume tragen weniger dazu bei als Laubbäume.

Auf den ersten Blick verblüffend ist, dass Nadelbäume mehr Wasser verdunsten und weniger Sickerwasser durchlassen als Laubbäume. Die immergrünen Nadeln brauchen das ganze Jahr lang Wasser, die Laubbäume nur, solange die Blätter damit versorgt werden. Und die Nadeln haben wegen ihrer Vielzahl eine größere Oberfläche, als man vermuten könnte. So brauchen Nadelbäume doppelt soviel Wasser und verdunsten auch doppelt soviel wie Laubbäume.


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Der Waldboden kann große Mengen von Wasser speichern und - durch den Boden gefiltert - an das Grundwasser abgeben. Wälder sind wie riesige Schwämme. Das Wasser, das von ihren Wurzeln nicht aufgenommen wird, füllt die Grundwasservorräte.

Das Moor erhalten
Im Bereich des Parcours finden sich zwei Moore, denen besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Sie sind eingezäunt und nur über Steganlagen zu besichtigen. Moore sind wichtige CO2-Speicher, in denen Kohlenstoff für Jahrtausende gesammelt wird. Wenn die Sommer heißer und niederschlagsärmer werden, kann der lange im Moor gebundene Kohlenstoff wieder frei werden und die Umwelt belasten. Um das zu vermeiden, wird eine Sprinkleranlage ausprobiert, die am Barsee den Torf befeuchtet und bei Erfolg auch am Pechsee installiert werden soll.


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Schmelzende Eisbrocken, die bei der letzten Eiszeit im Grunewald liegen geblieben sind und Kuhlen bildeten, schufen ein wassergesättigtes Milieu, in dem abgestorbene Pflanzenreste unter Sauerstoffausschluss erhalten blieben. Es bildet sich Torf, der Jahr für Jahr um Millimeter wächst und Kohlendioxid einschließt. Nicht nur im Norddeutschen Tiefland, auch weltweit gab es große Flächen, an denen Torf abgebaut und der Boden entwässert wurde. Hoch spezialisierte Pflanzen- und Tierarten aus den Lebensgemeinschaften der Moore konnten das meist nicht überleben.

Die Rückegasse
Für die Waldbewirtschaftung werden Bäume gefällt und abtransportiert. Alle 40 Meter wird dazu im Grunewald eine schmale Schneise im Baumbestand freigehalten. Diese "Rückegasse" wurde früher "Holzweg" genannt. Wenn man ein Ziel ansteuert, dann bringt einen der Holzweg nicht weit, weil er im Wald endet - man ist sprichwörtlich "auf dem Holzweg".


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Das war Flanieren im Wald - heute zu dritt. "Unter Bäumen" verabschiede ich mich mit den Zeilen der Lyrikerin Anke Maggauer-Kirsche.

........leise spielt der Wind
........in den Zweigen
........flüstert mir zu
........alte Geschichten
........seltsame Erinnerungen
........ich lege meine Hand
........sachte auf die Rinde
........unter meiner Haut
........atmet er Zärtlichkeit
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(*) Im Durchschnitt kann eine Buche während ihres 80jährigen Lebenszyklus insgesamt 1 Tonne CO2 speichern. Um jährlich 1 Tonne CO2 zu speichern, müsste man also 80 Buchen pflanzen. Der CO2-Ausstoß in Berlin lag 2014 bei 4,9 Tonnen pro Einwohner. Zur Kompensation wären jährlich 392 Buchen nötig, bei Fichten wäre der Bedarf noch höher.
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Unsere Route:
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Zuviel Kunst am Bau