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Geschichten aus dem Plänterwald


Stadtbezirk: Treptow
Bereich: Plänterwald
Stadtplanaufruf: Berlin, Am Plänterwald
Datum: 24. September 2011

Geisterstädte und verlorene Orte sind ein spannendes Thema, nicht nur als Filmkulisse und Objekte zum Gruseln. Eine Architekturzeitschrift berichtet über eine chinesische Großstadt, die bereits verfällt, während noch an ihr gebaut wird. Orte verfallen wegen bis zur Neige ausgebeuteter Bodenschätze (Goldrausch, Kohleabbau), De-Industriealisierung (Ruhrgebiet), Katastrophen (Sintflut, Erdbeben, Atomunfall), untergegangener Kulturen (Machu Picchu), Bevölkerungsverlusten (Immobilienkrise), in naher Zukunft vielleicht auch durch Erderwärmung und Klimawandel. Auslöser können auch militärische Auseinandersetzungen und politische Systemwechsel sein.

Der Freizeitpark Plänterwald in Treptow ist ein solcher verlorener Ort, dessen zerschundenen Reste bei Führungen und Fototouren angesehen werden können, ein fast apokalyptisches Bild. Letztlich ist der Park ein Opfer der Wende geworden, Wildwestmanieren von Investoren, behördliche Inkompetenz und Vandalismus zerstörten den einzigen DDR-Vergnügungspark, der jetzt nur noch als Untergangsszenario herhält. Mit welchem Anspruch ist der "Kulturpark" im 20. Jahr der DDR innerhalb von sieben Monaten ins Leben gepusht worden, die staatliche Unterstützung schien grenzenlos, um dem Volk etwas zu bieten. Fahrgeschäfte aus dem "nichtsozialistischen Ausland" wurden zugekauft, die privaten Schausteller erhielten in der parkeigenen Werkstatt Reparaturen und Ersatzteile umsonst, sogar ein finnisches Designerhaus, das an ein Ufo erinnert, wurde als Funkstudio in den Park gestellt (Futuro-Haus aus glasfaserverstärktem Kunststoff von Matti Suuronen). Ein 45 Meter hohes Riesenrad wurde zum weithin sichtbaren Wahrzeichen (und ist es immer noch), eine Parkeisenbahn rumpelt und bimmelt durch das Gelände. Zu DDR-Zeiten kamen 1,5 Millionen Besucher jährlich in den Park, also jedes Jahr knapp zehn Prozent der Bevölkerung.

Nach der Wende wurde der Park durch einen Investor ("Spreepark") weiter ausgebaut, obwohl der Senat jahrelang mit dem Vertrag hinter dem Berg hielt. Eine Parklandschaft mit Seen und Kanälen entstand, Achterbahnen, Wildwasserbahnen, ein Monte-Carlo-Drive und ein Chapeau-Claque-Drive mit Fahrzeugen, Bootsfahrten mit einer Schwanenfahrt wurden in den Park integriert. Die behördliche Beschränkung auf eine unzureichende Anzahl von Parkplätzen und die Ausweisung eines Landschaftsschutzgebietes mag mit der Anlass für den Niedergang gewesen sein. Als die Betreibergesellschaft 2001 pleite ging, setzte sich deren Initiator Witte in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit sechs Fahrgeschäften nach Peru ab. Auch dort scheiterte er und kam mit seinen Jahrmarkt-Anlagen wieder nach Deutschland zurück, allerdings mit einer Zuladung von 167 Kilo Kokain. Das brachte Witte in Deutschland und seinen Sohn in Peru ins Gefängnis, der Sohn sitzt immer noch den Rest seiner 20 Jahre ab. Dieser Lebenslauf vom Glücksritter zum Straftäter ist die Story zu dem Film "Achterbahn". Ein bisschen Münchhausen hat Witte wohl mit den Genen mitbekommen, sein Großvater Otto ließ sich als (falscher) „Ex-König von Albanien“ feiern.

Die katastrophalen Verträge um den Plänterwald führen heute zu einer kaum entwirrbaren Gemengelage. Die Stadt ist Eigentümerin des Grundstücks geblieben und bezahlt daher auch den Sicherheitsdienst, dessen Mitarbeiter immer wieder illegale Eindringlinge abfangen. Das eigentümerähnliche Verfügungsrecht über das Grundstück durch ein Erbbaurecht wurde dem Investor "Spreepark" für 66 Jahre eingeräumt - um ihm "Planungssicherheit" zu geben. Nach Abschluss des Insolvenzverfahrens fiel es für die nächsten Jahrzehnte an den Initiator Witte zurück, der mittellos in einem Wohnwagen auf dem Gelände haust. Seine geschiedene Ehefrau sieht ihn als "unberechtigte Person" an und hält sich selber für die Verwalterin des Parks. Aber es sieht so aus, als könnte nur mit ihm der Knoten gelöst werden, selbst die Deutsche Bank als Hauptgläubigerin musste bisher tatenlos zusehen, ohne an ihr Geld zu kommen. 2009 setzte Witte kurzzeitig das Riesenrad wieder in Betrieb, ein BZ-Reporter stieg ein und war von seinem eigenen Mut so angetan, dass er schrieb: "Ich, der B.Z.-Reporter, wagte mich in das Riesenrad" - so tapfere Journalisten gibt es in unserer Stadt!

Der verlorene Ort Vergnügungspark Plänterwald hat immer wieder Künstler angezogen. Hier wurde der Fernsehfilm „Wolff – Zurück im Revier“ und der Actionfilm „Wer ist Hanna“ gedreht. Das Theater HAU (Hebbel am Ufer) veranstaltete die Performance "Burn Out Man". Eine acht Meter hohe Skulptur, gefüllt mit unerfüllten Wünschen, alten Liebesbriefen, Ärgernissen aller Art und Altholz aus dem Park wurde als gigantisches Burnout-Opfer verbrannt - man muss alles verbrennen, um neu anzufangen. Tausende Fans von Techno- und House-Musik feierten im Spreepark das "Luna Land Festival". Die Neuköllner Oper inszenierte als Teil einer Berlin-Trilogie die „Geschichten aus dem Plänterwald“, zwar nicht im, aber über den Park.

Und auch Ideen, wie es mit dem Park weiter gehen könnte, sind vorhanden. Ein Investor will im Plänterwald versunkene Kulturen („Lost Worlds“) wiederaufleben lassen, die alten Ägypter, die Inka und Höhlenmaler der Steinzeit sollen als „Meilensteine der Zivilisationen“ gezeigt werden. Der Tagesspiegel beklagte zu Recht: "Kopenhagen hat das Tivoli, Wien den Prater – was hat und Berlin?" Hoffen wir, dass eine Lösung gefunden wird, bevor der Park ganz in der Apokalypse verschwunden ist.

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Plänterwald leitet sich übrigens von der forstwirtschaftlichen Bezeichnung „plentern“ ab und bezieht sich auf einen Mischwald, der bewusst urwaldähnlich entwickelt wird, Bäume sind „kleinstflächig bis einzelstammweise“ vermischt. Es handelt sich also nicht um eine Namens-Anleihe beim Wienerwald in der österreichischen Hauptstadt.


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Kanaldeckel und Schlangengraben
Ein Stadtteil für die Wäsche