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Sozialpalast --> siehe auch Bausünde



Stadtbezirk: Schöneberg
Bereich: Kleist-Park
Stadtplanaufruf: Berlin, Pallasstraße
Datum: 25. März 2009

Sozialpalast --> siehe auch Bausünde. Dieser Lexikoneintrag ist genauso halbwahr wie die Aussage in einem Architekturführer: "Noch heute kann der Komplex nur mit allerlei Sozialmanagement aus den Schlagzeilen gehalten werden". Es geht um nicht weniger als den Nachfolgerbau des Sportpalastes in der Potsdamer Straße, den wir bei heftigem Regen umrunden.

Der Sportpalast, 1910 gebaut und mit Beethovens Neunter, dirigiert von Richard Strauss, eröffnet, ging schon bald pleite, nach anfänglichen Publikumserfolgen mit der größten Kunsteisbahn der Welt. In den Goldenen Zwanzigern erlebte er Triumphe mit Boxkämpfen u.a. von Max Schmeling und dem weltweit ersten Hallenreitturnier. Der Sportpalast war 1919 größtes Kino der Welt. Die Sechstagerennen waren in Mode gekommen, mit dem "aufgepeppten Gefidel" des Walzers "Wiener Praterleben" und dem Invaliden "Krücke" als pfeifender Begleiter wurden sie zu einer Berliner Institution. Seit der Weimarer Republik wurden politische Großveranstaltungen hier abgehalten, die letzte 1943 von dem Nazi-Propagandaminister Goebbels. Die absehbare Kriegsniederlage nutze er rhetorisch, um die handverlesenen Teilnehmer im Sportpalast zu einer frenetischen Zustimmung zum "totalen Krieg" zu manipulieren. Wie sein Schlusssatz „Nun, Volk, steh’ auf, und Sturm, brich’ los!“ wirklich zu verstehen war, war zwei Jahre später endgültig klar, als der Sturm in unserem Land die Naziherrschaft beendete. Zu diesem Zeitpunkt war die Halle nur noch Schutt.

Nach dem Krieg wieder aufgebaut, konnte an die Zeiten, als Hans Albers, Fritz Kortner, Bertolt Brecht manchmal im Publikum saßen, nicht mehr angeknüpft werde, Bei einem Konzert des Rockmusikers Bill Haley zerlegte 1958 das Publikum die Inneneinrichtung des Sportpalasts, so wie es 1965 bei einem Rolling-Stones-Konzert der Waldbühne erging. Ich habe in den 1970er Jahren einen Auftritt des Living Theatres im Sportpalast erlebt, einer Off-Broadway-Truppe aus New York, deren Stück "The Brig", einer beklemmende Studie über Abrichtung und Angst in einem Marinegefängnis, zur zwangsweisen Schließung ihres Theaters in den USA führte. Im Sportpalast spielten sie ihr letzes Stück vor der Selbstauflösung „Paradise now", es handelte von der Befreiung des Menschen aus den Zwängen des Staates und der Gesellschaft. Die Akteure traten aus dem Publikum auf und protestierten, die Stimmen vom Flüstern bis zum Brüllen steigernd, gegen Zwänge. "Ich darf nicht ohne Reisepass verreisen", "Ich weiß nicht, wie man Kriege beenden kann", "Ohne Geld kann man nicht leben", "Ich habe nicht das Recht, Haschisch zu rauchen", "Ich habe nicht das Recht, meine Kleider auszuziehen". Danach war das Living Theatre tot, aber im letzten Jahr gründete es sich in der New Yorker East Village neu. Die unveränderte Neuauflage des Marinegefängnis-Stücks "The Brig" glich eher einem Veteranentreffen, ich fand die Aufführung quälend banal, nach Abu Ghraib ist die Wirklichkeit schlimmer als vor 40 Jahren die Fiktion.

Nach dem Abriss des Sportpalasts wurde 1974 ein aus steuerlichen Sonderabschreibungen der Geldgeber finanzierter Baukörper mit über 500 Wohnungen im sozialen Wohnungsbau errichtet. "Wir haben für Sie den Sportpalast gekauft" warb damals der Initiator. Die "Wohnanlage am Kleistpark" folgt größtenteils als Blockrandbebauung den beiden hier kreuzenden Straßen, überquert dann aber die Pallasstraße und eine Hochbunkerruine auf der anderen Seite. Die geplante Stadtautobahn, für die man Durchlässe im Gebäude vorgesehen hatte, wurde genauso wenig gebaut wie ein Treppenhaus an der Südseite des Hauptriegels.

Schon bald wurde aus der Wohnanlage ein "Sozialpalast", fast ein innerstädtischer Slum. Politiker wie Herr Landowsky plädierten für einen Abriss. Heute ist aus dem Gebäude das "Pallasseum" geworden, und die Tagesspiegel jubiliert am 9.2.2009: "Das Wunder vom Sozialpalast. Jahrzehntelang hat es Schlagzeilen gemacht als Wohnmaschine, als städtebauliche Katastrophe: das Haus Ecke Pallasstraße. Die Zeiten sind vorbei. Heute gibt es Wartelisten statt Leerstand. Quartiersmanager und die Bewohner selbst haben das geschafft." Im Haus wohnen überwiegend Migranten aus 25 Nationen, der Anteil der Deutschen wird mit 40% angegeben.

Noch ein historischer Ort liegt auf unserem Weg: Der Kleistpark mit den mehrfach innerhalb Berlins versetzten Königskolonnaden. Dies ist ein Update, denn hierüber hatte ich bei einem früheren Spaziergang berichtet("Verschiebebahnhof"). Die beleuchteten Kolonnaden sind ein stimmungsvolles Bild, auch wenn der heftige Regen uns ins "April" am Winterfeldplatz treibt, wo wir den Gaumen und Magen verwöhnen und die nassen Hosenbeine trocknen.

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