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Vorne Taut - hinten Baller


Stadtbezirk: Kreuzberg
Bereich: Landwehrkanal, Fraenkelufer
Stadtplanaufruf: Berlin, Admiralstraße
Datum: 3. Mai 2010

Vorne Taut - hinten Baller

Frauen, deren bewusst jugendliche Kleidung mit dem sichtbar fortgeschrittenen Lebensalter nicht in Einklang stand, bedachte meine Großmutter mit der Bemerkung: "Hinten Lyzeum, vorne Museum" (Lyzeum = höhere Mädchenschule). Auch heutzutage wird es Frauen geben, die insgeheim darauf warten, für die Schwester ihrer eigenen Tochter gehalten zu werden. Aber ich will hier nicht über das ewig Weibliche und die Fortschritte der Kosmetikindustrie schreiben, sondern über ein merkwürdiges Haus, dass am Kottbusser Damm 2-3 steht. Vorne Taut - hinten Baller. Ein privater Bauherr beauftragte Bruno Taut mit der Planung, Taut und sein Büropartner Franz Hoffmann entwarfen die Fassade, Vogdt die Grundrisse. Eine Putzfassade mit Ornamenten, Korbbögen über den Fenstern, Erkern, einem mächtigen Dachgeschoss mit Dachgauben - das verbindet man nicht mit Taut, der eher Farbe statt Ornamenten verwendet hat und die kubischen Formen der Reformarchitektur mit Flachdächern. Im 2.Weltkrieg blieb nur die Fassade dieses Hauses stehen, hinter der Hinrich Baller einen Neubau mit versetzten Geschosshöhen errichtete. Wer diesen Bruch der Epochen in einem einzigen Gebäude selbst ansehen will, sollte auf das Parkdeck des Supermarktes im Nachbarhaus gehen. Mich hatte die Intuition dorhin geführt, die Geschichte des Hauses kannte ich da noch nicht.

Um die Ecke, am Fraenkelufer, hat Hinrich Baller zusammen mit seiner Frau Inken im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 1987 die Bauten geschaffen, die als "Beginn der Postmoderne" gepriesen werden, wegen ihrer ausschwingenden Linien und Pfeiler aber genausogut "Das Ding mit den Giraffenbeinen" heißen. Geschwungene Linien, unregelmäßige Grundrisse, schräge gemauerte Stützen, organisch wirkenden Formen, das alles erinnert an die Bauten von Antoni Gaudí in Barcelona, geht wie die Bauten von Friedensreich Hundertwasser weg vom rechten Winkel und hat doch eine ganz eigene Handschrift, die man inzwischen an einigen Baller-Bauten in Berlin entdecken kann. Die Bauausstellung IBA 1987 ist der Wendepunkt der Berliner Nachkriegs-Stadtplanung, weg von der Kahlschlag-Sanierung, hin zur behutsamen Stadterneuerung. Ausgelöst wurde das durch den erbitterten Widerstand der Hausbesetzer gegen den planmäßigen Verfall alter Wohnhäuser und ihre Gegenoffensive der "Instandbesetzung". An der Admiralstraße, die vom Fraenkelufer abgeht, kann man weitere Hinweise finden, eine Hauswandbemalung und das Hausprojekt "Wohnregal", das die Ideen von "zwölf Habenichtsen" (sagte der Architekt liebevoll) umsetzt zu zwölf Holzhäusern übereinander in einem aus Fertigteilen zusammengesetzten Betonregal (-> 1). An der Admiral- Ecke Kohlfurter Straße dreht sich ein Figurenpaar, Rücken an Rücken auf einer Sanduhr stehend, im Laufe des Tages einmal um die eigene Achse. Es ist die Skulptur "Admiral mit Doppelgänger" von Ludmilla Seefried-Matejkowa.

Begonnen hat unser heutiger Stadtspaziergang am Görlitzer Bahnhof, am Blücherplatz steigen wir später wieder in die U-Bahn. Der Weg am Landwehrkanal entlang zeigt, dass in Berlin einzelne Wasserlagen schon lange für das bevorzugte Wohnen entdeckt wurden, während sich an anderer Stelle die Industrie ansiedelte, die das Wasser für die Produktion oder als Transportweg brauchte. Mit dem Rückgang und der Verlagerung der Industrie und der veränderten Hafennutzung (z.B. durch Container) sind international in vielen Städten Industriebrachen entstanden, für die neue Nutzungen als Wohnquartiere entwickelt werden. Beispiele hierfür sind die Berliner Mediaspree, die Hamburger Hafencity, die Docklands in Melbourne, die Southbank in London.

Am Paul-Lincke-Ufer gibt es Industriebauten wie das Umspannwerk, aber auch vornehm gestaltete Wohnbebauung wie beim Erdmannshof, hinter dessen sechsgeschossigem Vorderhaus am Wasser sich mehrere großzügige Gewerbehöfe hintereinander staffeln. Einer der großen Industriehöfe Kreuzbergs - wie die Hackeschen Höfe von Kurt Berndt erbaut - ist der Elisabethhof am Erkelenzdamm, hinter einem Wohnhof finden sich hier vier Backsteinbauten für die Industrie.

Zum Essen bleiben wir am Planufer, ortstypisch bringt das Defne Türkisch-Anatolisch und Mediterran auf den Teller. Die Stühle sind hart, der Raum etwas düster, aber das Essen schmeckt.

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-> 1) "Wohnregal": Von Fachfirmen gebaut wurden das Gerüst aus Betonfertigteilen für 7 Etagen, das Dach und die Ver- und Entsorgungsleitungen. Die Bewohner setzten im Eigenbau aus Holz die Wohnungen in die nackten "Regale" hinein , dadurch wurden sehr individuelle und sehr preiswerte Wohnungen geschaffen. Das Dach ist begrünt und trägt ein Gewächshaus.


Sonntagsbesuch im Naturerfahrungsraum
Auf der Anhöhe