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Das Wohlergehen sei den Eintretenden


Stadtteil: Friedrichshain
Bereich: Landsberger Allee
Stadtplanaufruf: Berlin, Max-Fettling-Platz
Datum: 24. Juli 2018
Bericht Nr.: 625

Wer war der Mäzen, der 1864 mit einer damals riesigen Spende von 50.000 Talern die Stadt Berlin verpflichtet hat, das erste städtische Krankenhaus zu bauen? Im alten Eingangstor zum Klinikum im Friedrichshain steht geschrieben, dass Jean Jacques Fasquel "die Veranlassung zur Erbauung dieses Krankenhauses" gab. Doch wer dieser Berliner hugenottischer Abstammung wirklich war, darüber gibt es keine Erkenntnisse, nur Vermutungen. Geburtsdatum, Sterbedatum, Wohnung, Begräbnisplatz, Ehefrau, Nachkommen, Beruf, Herkunft des Vermögens, alles liegt im Dunkeln. In den Berliner Adressbüchern war ein Bäckermeister Fasquel ohne diesen Vornamen verzeichnet, war er reich genug für eine solche Zuwendung?

Krankenhaus Friedrichshain
Es ist sehr zurückhaltend ausgedrückt, dass er "die Veranlassung" zum Krankenhausbau gab. Vielmehr war die Spende von knallharten Bedingungen abhängig: Der Bau musste innerhalb von 4 Jahren begonnen werden. Ausgeschlossen waren die Behandlung von Geistes- und Geschlechtskranken, Pocken- und Cholerakranken sowie Wöchnerinnen und der Bau eines Operationssaals. Vielleicht war Fasquel krank und wollte "sein Krankenhaus" noch erleben? Jedenfalls ging sein Plan auf, nach 3 Jahren wurde der Bau von Pavillons nach dem Plan des Architekten Martin Gropius und seines Büropartners begonnen. Dazu musste der Volkspark Friedrichshain einen Teil seines Geländes abtreten. 1874 wurde der Bau als erstes städtisches Krankenhaus eingeweiht.

"Salus intrantibus" - das Wohlergehen sei den Eintretenden - stand über dem säulenumstandenen Haupteingang. Rudolf Virchow hatte die medizinische Planung übernommen. Neben der Pflege stand vor allem die Heilung der Patienten im Vordergrund. Hygienische Standards sollten Infektionen unter den Patienten eindämmen, beispielsweise durch die permanente Dachentlüftung und den Verzicht auf Holz für Fußböden und Wandverkleidungen. Das Krankenhaus war um 1900 das beste und modernste in Europa. Nach der Gründung waren weitere Funktionen hinzugefügt worden wie Operationssaal, Röntgenkabinett, Krankenpflegeschule, während der DDR-Zeit Kinderklinik, Nierentransplantationszentrum, Nuklearmedizin, nach der Wende eine Rettungsstelle.

In der Zeit von Dunkeldeutschland wurde aus Friedrichshain "Horst-Wessel-Stadt". Auch die Klinik trug von 1933 bis 1945 den Namen des ermordeten SA-Führers, der von den Nazis zu einem Märtyrer hochstilisiert wurde. Er hatte den SA-Sturm in Friedrichshain geleitet und war in diesem Krankenhaus gestorben, immerhin gab es damit eine inhaltliche Anknüpfung (1).

Max-Fettling-Platz
Der Haupteingang der Klinik lag bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs an der Straße zwischen Volkspark und Klinik, heute "Max-Fettling-Platz". An dem Platz stehen nur noch das historische Eingangstor und ein alter Gebäudeteil, fast alles andere wurde bei Bombardierungen zerstört. Heute muss niemand mehr die Klinik durch dieses Portal betreten.


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Zeitgleich mit dem Bau der Stalinallee wurde in Ost-Berlin das Klinikum im Friedrichshain neu gebaut, dabei wurde der Haupteingang zur Landsberger Allee gedreht. Die Pavillonbauweise wurde beim Wiederaufbau vollständig verworfen. Die Ästhetik der langen Gebäudeflügel erinnert nicht zufällig an Wohnbauten in der Ostseestraße, die als "Übungsfeld" für die Stalinallee angesehen werden.

Nach der Wiedervereinigung musste zunächst die Schließung des Krankenhauses abgewendet werden, jetzt dreht Vivantes die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung, es soll ein "Krankenhaus der Maximalversorgung" werden. Der Standort wurde unter anderem um neue Bettenhäuser erweitert, der Altbestand wird sukzessive angepasst. Ein neuer Zentralgang zwingt dazu, Haken zu schlagen um die alten Gebäude, wodurch die Orientierung oft verloren geht. Die kaum nutzbringende Wegweisung verstärkt diesen Effekt noch. Den suchenden Patienten werden vervielfältigte Grundrisspläne in die Hand gedrückt, in denen der Weg von Hand mit Pfeilen eingezeichnet wird.

Es gibt einen Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach, der aber kaum genutzt wird. Sollte er für die Scheichs vorgehalten werden, die zu Operationen nach Berlin eingeflogen kommen? Das Klinikum beschäftigt jedenfalls einen eigenen Arabisch-Dolmetscher, der Besuchern aus den Ölstaaten für die Eindeutschung ihrer Krankheitsgeschichten zur Verfügung steht. Im obersten Stock des Bettenhauses gibt es eine Komfortstation, die eine gute medizinische Versorgung "in hotelähnlicher Atmosphäre" anbietet, mit täglichem Handtuchwechsel (den Umweltbewusste vermeiden sollten), abschließbarem Safe, Nachttisch mit Minibar (alkoholfrei), WLAN, Tageszeitung, gebührenfreien Telefonen und einem eigenen Mini-Restaurant. Auch die Niederungen der Warteschlangen an den Anmeldeschaltern am Haupteingang werden den Komfortpatienten natürlich abgenommen.

Volksaufstand vom 17.Juni 1953
Im Gegensatz zu der landläufigen Meinung, der Arbeiteraufstand vom 17.Juni 1953 sei von Bauarbeitern der Stalinallee ausgegangen, lag der Ursprung tatsächlich auf einer Baustelle im Krankenhaus Friedrichshain. Am Freitag, 12.Juni 1953 waren von der DDR-Regierung die Arbeitsnormen um 10 Prozent erhöht worden. Am Montag, 15. Juni 1953 verweigerten daraufhin auf der Krankenhausbaustelle die Bauarbeiter des Bettenhauses unter Protest die Arbeit. Der Gewerkschafter Max Fettling verfasste eine Resolution gegen die Erhöhung von Arbeitsnormen, die am Folgetag dem Ministerpräsidenten Otto Grotewohl übergeben werden sollte. Auf dem Weg der protestierenden Bauarbeiter zum Haus der Ministerien an der Leipziger Straße schlossen sich in der Stalinallee die dortigen Bauarbeiter an nach Sprechchören wie "Kollegen, reiht euch ein, wir wollen freie Menschen sein“.

Max Fettling, der Verfasser der ursprünglichen (später entschärften) Resolution war Vorsitzender der Betriebsgewerkschaftsleitung. Nach Niederschlagung des Aufstands wurde er verhaftet, in Hohenschönhausen verhört und wegen Sabotage zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach vier Jahren kam er vorzeitig frei und flüchtete nach West-Berlin. Nach ihm wurde der Platz vor dem historischen Haupteingang benannt. Es ist ein versteckter Ort, den niemand betreten muss, die Vergangenheit ruht im Verborgenen.

Fotos aus alten Zeiten
Unfreiwillig komisch sind manche Fotos, die vergangene Zeiten im Klinikleben dokumentieren (zu sehen im Bundesarchiv). Da zeigt die offizielle Nachrichtenagentur der DDR das Bild einer Patientin, die mit unfachmännischem, schiefen Verband um Kopf und Hand, schräg liegend fast aus dem Bett fällt. Das Eingipsen eines Beins wird vorgeführt, ein Pfleger hält das Bein hoch, ein Arzt wickelt den Gipsverband rundherum.


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Aus der Nazizeit, als Bezirk und Krankenhaus nach Horst Wessel umbenannt waren, stammt das Bild einer Fotoagentur von 1935 über den Auftritt der "weltberühmten drei Fratellinis". Während einer "Kraft durch Freude"-Vorstellung spielen sie vor ihrem "dankbaren Publikum". Die Krankenbetten sind in den Garten geschoben und sternförmig auf die Darsteller ausgerichtet. Im Halbrund daneben und dahinter sitzen die Schwestern und das übrige Klinikpersonal sowie die gehfähigen Patienten.

Es hat schon eine innere Bewandtnis, dass mein heutiger Stadtrundgang vom Klinikum im Friedrichshain ausgeht. Nachdem mir dort mein Körper an alte Beweglichkeit erinnernd zurückgegeben wurde, starte ich frohgemut den Heimweg als Stadtspaziergang.

Die verborgene Kunstmeile
Zwischen Landsberger Allee und Strausberger Platz haben Wohnungsbaugesellschaften mit Wandbildern mehrere große Wohnblocks in eine öffentliche Galerie verwandelt. Die Gruppe "Conphlygd" hat beschwingt verbogene Stadtlandschaften auf die Wände gemalt. Den Vogel aber schießt die Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) ab, die zwei Strauße um die Ecke schauen lässt am Anfang eines Wohnblocks. Am Ende desselben Blocks wird es krass, hier schaut ein Strauss kopfüber auf den Vorbeigehenden.


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Im Umfeld des Strausberger Platzes können vier Galerien besucht werden, von denen zwei schon zu DDR-Zeiten bestanden und den Sprung in die Nachwendezeit geschafft haben. Die "Galerie im Turm" am Frankfurter Tor - 1965 vom DDR-Künstlerverband gegründet - ist heute eine kommunale Galerie des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Zum Kulturangebot des Bezirks gehören auch das Ballhaus Naunynstraße und der Kunstraum im Bethanien.

Die Studio-Galerie in der Frankfurter Allee zeigt seit 1975 zeitgenössisches Kunsthandwerk. Objekte wie Schmuck, Keramiken und Grafiken sind hier zu sehen. Auch Hedwig Bollhagens "handgemachte Keramik-Kunst" findet man hier. Ihr Bestreben war, "einfache, zeitlose Dinge zu machen".

Was ist "frische Kunst"? Die Brüder Kuchling treibt die Idee an, frischen Wind in die früher von der DDR gelenkte Kunst zu bringen, berührt und begeistert von der Freiheit, die der Darstellung neue Räume erschließt. Damit setzt sich auch diese Galerie in der Karl-Marx-Allee indirekt mit der DDR-Vergangenheit auseinander.

Die Architektur Galerie Berlin in der Karl-Marx-Allee versteht sich als unkonventionelles Forum für die Auseinandersetzung mit Architektur. Experimentelle Szenarien werden präsentiert, auch die zeitgenössische Architekturfotografie bildet einen Schwerpunkt.

Damit schließt sich über das Thema Architektur der Bogen der heutigen Stadtwanderung vom realen Klinikbau über Wandbilder bis zur künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Baugeschehen.

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(1) In die Serie von Umbenennungen nach Horst Wessel geriet auch der Rosa-Luxemburg-Platz, der folgende illustre Reihe von Namen trug:
- Babelsberger Platz (1907–1910)
- Bülowplatz (1910–1933)
- Horst-Wessel-Platz (1933–1945)
- Liebknechtplatz (1945–1947)
- Luxemburgplatz (1947–1969)
- Rosa-Luxemburg-Platz (seit 1969).

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Die Ecke nicht auf die Spitze treiben
Der versetzte Grenzstein