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Vergessenes zurückgewinnen


Ahnengalerie der Flaneure: Walter Benjamin
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Kann man als Erwachsener im Geiste - in der Erinnerung - zu den Stätten seiner Jugend flanieren? Walter Benjamin (* 1892) lässt in seinem Buch "Berliner Kindheit um 1900" die Bilder seines Lebens in der Großstadt vor uns aufscheinen, bevor die Geborgenheit der Kinderjahre zu Ende ging.

In behüteter großbürgerlicher Umgebung in Berlin aufgewachsen, ahnte er als Erwachsener 1932, dass er wegen seiner jüdischen Herkunft schon bald "einen dauernden Abschied von der Stadt, in der ich geboren bin, würde nehmen müssen". Er arbeitete dagegen an, dass man "Vergessenes nie wieder ganz zurückgewinnen kann". Kurz vor und während der Emigration bearbeitete und veröffentlichte er einzelne Artikel über die Kindheit in Berlin - meist unter Pseudonym - unter anderem in der Vossischen Zeitung. Das gesamte Werk als gebundenes Buch hat er nicht mehr erlebt. Auf der Flucht vor den Nazis nahm er sich 1940 das Leben.

Als Kind krank im Bett liegend, gab er sich eines Morgens "dem Teppichklopfen hin, das durch die Fenster heraufdrang und dem Kinde sich tiefer ins Herz grub als dem Mann die Stimme der Geliebten". Teppichklopfstangen im Hof, das war bei Mietshäusern nicht nur in Berlin gebräuchlich um 1900 und noch bis in die Nachkriegszeit hinein. Zweimal in der Woche durften sie benutzt werden, mit einem geflochtenen Ausklopfer wurden die über die Stange geworfenen Teppiche oder Läufer durch kräftiges Schlagen von Staub und Milben befreit. In Karikaturen - vielleicht auch in mancher Familie - wurden die Ausklopfer auch gegen Kinder oder Ehemänner in Stellung gebracht, wenn die Frau des Hauses unbotmäßiges Verhalten ahnden wollte.

In der "Blechtrommel" beschreibt Günter Grass, wie Oskar gegen die "Hymne an die Sauberkeit" antrommelt: "Vom Dachboden herab hörte und sah Oskar es: über hundert Teppiche, Läufer, Bettvorleger wurden mit Sauerkohl eingerieben, gebürstet, geklopft und zum endlichen Vorzeigen der eingewebten Muster gezwungen. Hundert Hausfrauen trugen Teppichleichen aus den Häusern, hoben dabei nackte runde Arme, bewahrten ihr Kopfhaar und dessen Frisuren in kurz geknoteten Kopftüchern, warfen die Teppiche über die Klopfstangen, griffen zu geflochtenen Teppichklopfern und sprengten mit trockenen Schlägen die Enge der Höfe".

Für die Berliner Gören war die Klopfstange ein Turngerät. "Schweinbaumeln" konnte man dort, kopfüber hängend, gehalten von den Kniekehlen, die um die Stange gepresst waren. Das Haus, die Bäume, die anderen Gören, sie alle standen jetzt auf dem Kopf und das Blut strömte in den Schädel, bis ein angenehmer Schwindel eintrat.

In seinem Umfeld in Tiergarten begab sich Benjamin auf Entdeckungsreise. Er erlebte den Trubel der Markthalle am Magdeburger Platz, nachdem er die "in kräftigen Spiralen schwingenden Türen" hinter sich gelassen hatte.



"Hinter Drahtverschlägen, jeder behaftet mit einer Nummer, thronten die schwerbeweglichen Weiber, Priesterinnen der käuflichen Ceres [Getreide], Marktweiber aller Feld- und Baumfrüchte, aller eßbaren Vögel, Fische und Säuger, Kupplerinnen, unantastbare strickwollene Kolosse, welche von Stand zu Stand mit einander, sei es mit einem Blitzen der großen Knöpfe, sei es mit einem Klatschen auf ihre Schürze, sei es mit busenschwellendem Seufzen, verkehrten. Brodelte, quoll und schwoll es nicht unterm Saum ihrer Röcke, war nicht dies der wahrhaft fruchtbare Boden?"

"Sich in der Stadt nicht zurechtfinden, heißt nicht viel", schrieb Benjamin. Aber um sich in der Stadt zu verirren, müsse man sich schon anstrengen, schließlich sprächen Straßennamen zu dem Irrenden, Brücken, Plätze, Standbilder, das Wasser eines Kanals, ein Kiosk, ein Gebüsch, Blumen. Er orientierte sich an den Loggien von Gebäuden und an Karyatiden und Atlanten, jenen weiblichen oder männlichen Fassadenfiguren, die statt einer Säule Gebälk, Konsolen oder Erker tragen. Putten und Pomonen (römische Göttin der Früchte) wiesen ihm den Weg, behüteten den Schritt in ein Haus.

Auch die großbürgerliche Wohnung seiner Großmutter in Blumes Hof hatte eine Loggia, die "auf den Hof mit seinen Teppichstangen und anderen Loggien hinausging" und "den Blick auf fremde Höfe mit Portiers, Kindern und Leierkastenmännern freigab". Die Zimmer dieser Wohnung waren zahlreich, und sie waren ausgedehnt. Ein riesiges Speisezimmer musste durchwandert werden, um in das Erkerzimmer der Großmutter zu gelangen. Ein langer Flur führte zu den abgelegenen Teilen der Wohnung. In einem Hinterzimmer schepperte "die Nähmaschine an den Tagen, an denen eine Schneiderin ins Haus kam". Die Möbel, die in einer solchen Wohnung standen, wurden älter als ihre Besitzer. Die Bewohner starben im Sanatorium, während die Möbel im Erbgang zum nächsten Eigentümer wechselten.

Wie anders die Beleuchtung in der Stadt zu jener Zeit war! Bei einbrechender Dunkelheit wurde eine Gaslaterne nach der anderen hell, man konnte sehen, welchen Weg der Laternenanzünder genommen hatte, denn das Licht wurde noch von Hand angesteckt. In den Schaufenstern vermischte sich das Licht der Läden mit dem Schein der Laternen zu einem Zwielicht. Seine Mutter saß mit dem Nähzeug am Fenster, um Kleidung auszubessern. Wenn das Hausmädchen die gnädige Frau als "gnä Frau" anredete, dann verstand er "Näh-Frau", das war im Bannkreis ihres Nähtisches ein nahe liegender Fehlschluss.

Was für spätere Generationen Jerry Cotton oder Billy Jenkins, waren für Benjamin die Groschenhefte von Nick Carter. "Amerikas größter Detektiv" musste Abenteuer bestehen wie "Eine Schreckensnacht im Grand-Hotel", "Das Gespenst im Irrenhaus" oder "Ein weiblicher Erpresser". Dabei hatte Benjamin nur das kleine Vergnügen daran, die Hefte im Schaufenster neben Kontobüchern, Zirkeln und Oblaten zu entdecken, denn lesen durfte er sie nicht. Auf seinem Weg zum Schwimmbad in der Krummen Straße in Charlottenburg genoss er diese Augenblicke. Im Schwimmbad selbst wurde "mehrmals die Woche das Wasser im Bassin erneuert", dann war das Bad "vorübergehend geschlossen". Kaum zu glauben, heutzutage wird es - im Stadtbad Neukölln - nur einmal jährlich erneuert und beim Ablassen als Trinkwasser verwendet.

Radfahren lernte man in Benjamins Jugend "so umständlich wie heute das Autofahren". In einer asphaltierten Halle begannen die Anfänger, die Fortgeschrittenen durften im Freien radeln, so ähnlich wie getrennte Bassins für Nichtschwimmer und Schwimmer in Badeanstalten muss das gewesen sein. Das Outfit war wohl ähnlich wichtig wie heute beim Sport, man versuchte, durch "ein drastisches Kostüm sich von allen anderen zu unterscheiden". Bei den Fahrrädern waren "Exzentrizitäten tonangebend", manche waren ein "Gestühl von Akrobaten, die ihre Nummer übten".



Walter Benjamin besuchte ein Gymnasium in der Knesebeckstraße am Savignyplatz. Aus dem Namen seiner Lehrerin konnte er alle Tugenden des Lernens und Lehrens buchstabieren. "Die schöne, leserliche Unterschrift: Helene Pufahl. Das war der Name meiner Lehrerin. Das P, mit dem er anhob, war das P von Pflicht, von Pünktlichkeit, von Primus; f hieß folgsam, fleißig, fehlerfrei, und was das l am Ende anging, war es die Figur von lammfromm, lobenswert und lernbegierig".

Das "Kaiserpanorama" - eine Entwicklungsstufe, bevor die Bilder laufen lernten - beeindruckte den Knaben. Hier konnte er die Welt erleben, "die Berge bis auf ihren Fuß, die Städte in ihren spiegelklaren Fenstern, die Bahnhöfe mit ihrem gelben Qualm, die Rebenhügel bis ins kleinste Blatt". Um ein rundes holzgetäfeltes Gehäuse von 2,40 Meter Höhe und 3,75 Meter Durchmesser waren 25 bequeme Sitzplätze angeordnet.



Im Innern lief ein Panorama, mit dem man "photoplastische naturwahre Rundreisen" in die Welt der Völkerkunde, Kunst und Zeitereignisse machen konnte. Jeder Platz hatte ein Fenster zum Panorama mit zwei Okularen, innen rotierten in einer Endlosschleife 50 Glasdias. Ein automatischer Antrieb rückte die Bilder vorwärts, nachdem eine Glocke den Wechsel angekündigt hatte. "Das war ein Klingeln, welches wenige Sekunden, ehe das Bild ruckweise abzog, um erst eine Lücke und dann das nächste freizugeben, anschlug". Bevor Benjamin die gezeigte Herrlichkeit der Gegend ausgeschöpft hatte, "erbebte der ganze Bau, von dem mich die Holzverschalung trennte; das Bild wankte in seinem kleinen Rahmen, um sich alsbald nach links vor meinen Blicken davonzumachen".

Das Flanieren beginnt in der Kindheit mit dem Entdecken der Großstadt. So hatte es Walter Benjamin in seiner "Berliner Kindheit um 1900" beschrieben, und so sah er es auch, als er das Buch seines Freundes Franz Hessel rezensierte. Dessen "Spazieren in Berlin", so schrieb er, sei ein Echo von dem, was die Stadt dem Kinde von früh an erzählt. Nehmen wir also Walter Benjamin - den literarischen Flaneur - in unsere Ahnengalerie der Flaneure auf.

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Wer auf Walter Benjamins Spuren flanieren will, hat sich viel vorgenommen, denn Benjamin ist mehrfach umgezogen. In der Kurfürstenstraße 154 in Tiergarten wohnten seine Eltern, als er geboren wurde. Zur Großmutter in Blumes Hof (Straße nicht mehr vorhanden) und zur Markthalle am Magdeburger Platz (ebenfalls nicht mehr vorhanden) waren es nur ein paar Schritte. Die nächste Wohnung war etwas weiter westlich An der Urania 24 (damals Nettelbeckstraße).

Während der Schulzeit wohnte er in der Carmerstraße 3 und ging von hier aus zur Schule über den Savignyplatz zur Knesebeckstraße 24. Zehn Jahre später erwarben die Eltern eine Villa in der Villenkolonie Grunewald, Delbrückstraße 23. Hier wohnte Walter Benjamin später auch mit seiner Ehefrau. Nach der Trennung von seiner Frau zog er in 1930 in die Prinzregentenstraße 66 nahe dem Schöneberger Stadtpark. Dort schrieb er einzelne Artikel seiner "Berliner Kindheit um 1900", und von dort aus emigrierte er 1933.

27. Juli 2015

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Walter Benjamins Orte in Tiergarten:
rote Pfeile: Wohnungen
grüner Pfeil: Blumes Hof, Großmutter
Kreis: Markthalle Magdeburger Platz
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Flanieren und Lust-wandeln
Der Nachtwächter legt das Signalhorn ab