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Die Weltachse, schnurgerad und unermeßlich


Ahnengalerie der Flaneure: Siegfried Kracauer
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Bahnhof Friedrichstraße
Auf der Bahnbrücke über der Friedrichstraße hält eine mächtige D-Zug-Lokomotive. Sie gehört zu einem Zug, der zum Ein- und Aussteigen im Bahnhofsgebäude angehalten hat. Unten auf der Friedrichstraße hat niemand die Lokomotive bemerkt, niemand blickt herauf. Die Menschen sind beschäftigt mit Eindrücken auf der Straße, mit "Cafés, Schaufensterauslagen, Frauen, Automatenbüffets, Schlagzeilen, Lichtreklamen, Schupos, Omnibussen, Varietéfotos, Bettlern".

Aber was sieht der Mann aus der Lokomotive, an dem bisher Schienen, Signale, Wiesen, Kirchtürme, Bahnschranken vorbeigeflogen sind? Die Friedrichstraße muss ihm "als die Weltachse erscheinen, die sich schnurgerad und unermeßlich nach beiden Seiten hin dehnt". Für ihn vermischen sich "zwischen der Häuserschlucht Glanz und Trubel zu einem ausschweifenden Fest, mit Armen und Reichen, Dirnen und Kavalieren in einer Kette, die niemals abreißt".


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Wie in einem Skizzenbuch hat Siegfried Kracauer seine Berliner Beobachtungen aufgezeichnet, als er sich als Journalist seit den 1920er Jahren in der Stadt aufgehalten hat. Von 1930 bis 1933 lebte er als Literaturredakteur der Frankfurter Zeitung in Berlin in der Charlottenburger Sybelstraße (1). Nach dem Reichstagsbrand floh er vor den Nazis nach Paris und emigrierte später in die USA. Er war promovierter Architekt, arbeitete als Essayist, Filmhistoriker, Geschichtsphilosoph und Soziologe. In unserer Ahnengalerie der Flaneure wollen wir vor allem seine Bezüge zu Berlin betrachten.

U-Bahnhof
Der vom U-Bahn-Hausarchitekten Alfred Grenander entworfene Bahnhof Märkisches Museum ist ein schlichtes Tonnengewölbe mit weiß und grün gefliesten Wänden. Trotz dieser Nüchternheit wird die Dynamik der Großstadt eindrucksvoll vermittelt. Kracauer spottet über dieses Design, denkt dabei aber weniger an die Architektur als an die Nutzer, die in prekären Verhältnissen leben: Die Räume "glänzen wie Badezimmer, so daß man eigentlich nur noch die vernickelten Hähne der Brausen vermißt. Vielleicht wird die proletarische Bevölkerung, die in der Nachbarschaft wohnt, durch diesen hygienischen Glanz für die Dürftigkeit der Stuben entschädigt, in denen er nötiger wäre".


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Das wäre ein Totschlagsargument, denn dann müsste Architektur immer auf dem Status der Ärmsten verharren. Darum geht es ihm aber nicht, ihn irritiert das zusammenhanglose Nebeneinander, überall sind Lücken, Mensch und Dinge fügen sich nicht mehr zusammen.

Kurfürstendamm
So ist es wohl auch mit dem Kurfürstendamm, den er als "Straße ohne Erinnerung" beschreibt, weil es dort in der dahinfließenden Zeit nichts Dauerhaftes mehr gibt. Die Geschäfte wechseln von heute auf morgen, ein "Ladenheer" wartet im Hintergrund, ständig bereit, einen frei gewordenen Laden neu zu besetzen. Selbst den angebotenen Waren, den Möbeln oder Abendkleidern, "wohnt ein Hang zur Ortsveränderung inne".


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Und die Bauten: Man hat "vielen Häusern die Ornamente abgeschlagen, die eine Art Brücke zum Gestern bildeten" (Entstuckung der Fassaden, schon damals). Als der Kudamm dann einmal mit Fotos von Prominenten vollgehängt, ja übersät ist - in Vitrinen, an den Wänden, in den Hauseingängen -, da entdeckt Kracauer in ihm eine "Siegesallee" wie die ehemalige Puppenallee des letzten Kaisers im Tiergarten.

"Es waltet ein Verhängnis über diesem Land", schreibt Kracauer 1930, den "durchdringenden Geruch politischer Krawalle" spürt er schon dort, wo noch kein Glas klirrt, die Straßen aber mit einer unerträglichen Spannung geladen scheinen. "Nicht die Menschen in diesen Straßen schreien, sondern die Straßen selber. Wenn sie es nicht mehr ertragen können, schreien sie ihre Leere heraus". Das absichtslose, entspannte Flanieren durch die Stadt ist so nicht mehr möglich. Auch in Paris fühlt er sich nicht unbefangen: "Auf diesen Routen trieb ich mich umher und mußte in jedem Passanten den Eindruck eines ziellosen Schlenderers erwecken. Doch war ich, streng genommen, nicht ziellos. Ich glaubte ein Ziel zu haben, aber ich hatte das Ziel zu meinem Unglück vergessen".

„Die Angestellten“
In seiner Berliner Zeit war Kracauers soziologische Untersuchung "Die Angestellten" eine Sensation. Die Stadt hat sich von einer reinen Industriemonopole zu einer Angestellten- und Beamtenstadt verändert, sie ist zu einer "Stadt der Angestelltenkultur" geworden. Die Angestellten sind eine Gruppe, geprägt durch einen mobilen, zukunftsoffenen, technisch-industriellen Lebensstil, aber als Masse gleichförmig, uniformiert, erstarrt, gedrillt. Sie sind "geistig obdachlos", reich an Illusionen und Verdrängungen, aber ohne jede Tradition.


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Im Gegensatz zu den Fabrikarbeitern haben sie eine saubere Arbeit, andererseits wird Gepflegtheit, angenehmes Wesen und Jugendlichkeit vorausgesetzt. Das zwingt Frauen dazu, Hilfsmittel wie Kosmetika und Schönheitssalons als Mittel im Kampf um das bessere Überleben einzusetzen. Ältere Mitarbeiter haben keine Chance, Kracauer beschreibt die gnadenlosen "Abbaumethoden" der Arbeitgeber.

Tagsüber die Monotonie der Arbeit in den Kontoren, Großraumbüros und Maschinensälen der Stenotypistinnen. Nach Büroschluss drängen die Angestellten in die Vergnügungslokale, um "für billiges Geld den Hauch der großen Welt zu verspüren". Etablissements wie das Haus Vaterland am Potsdamer Platz, Moka-Efti in der Friedrichstraße oder das Resi haben sich aufgemacht, "den Hunger nach Glanz und Zerstreuung zu stillen". Jeder Kitsch ist willkommen, um von der Dürftigkeit der eigenen Behausung abzulenken: Im Haus Vaterland feiert man unter verschiedenen Panoramen: Es fließt der Rhein, das Goldene Horn glüht, Zugspitze und Alpenglühen finden sich in der bayerischen Landschaft, in der Wildwest-Bar spielt die Neger-Cowboy-Jazzband. Im Moka-Efti fährt man mit der Rolltreppe am Harem vorbei direkt in den Orient.

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche
Im Angesicht der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche beschwört Kracauer die Erinnerung an Hofprediger und Kaiserparaden. Er sah nicht - wie wir heute - den "Hohlen Zahn", die Kriegsruine, die Egon Eiermann mit einem modernen Bauensemble umgeben hat. Sondern er stand vor dem vollständigen neoromanischen Bau, den Franz Schwechten 1895 im Auftrag des zweiten Kaisers Wilhelm zum Andenken an den ersten Kaiser Wilhelm errichtet hatte.

Wir sehen heute das intensive blaue Licht, das die Neubauten aus mehr als 20.000 Glasfenstern an die Umgebung abgeben. Der milde Glanz, der die Gedächtniskirche zu Kracauers Zeiten umfloss - "ein beinahe überirdisches Schauspiel" - kam nicht aus der Kirche selbst, sondern war der "Reflex der Lichtfassaden, die vom Ufapalast an bis über das Capitol hinaus die Nacht zum Tage machen, um aus dem Arbeitstag ihrer Besucher das Grauen der Nacht zu verscheuchen".


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S-Bahn-Unterführung
Eine Straßenunterführung am Bahnhof Charlottenburg mit vernieteten Eisenträgern kann Kracauer "nie ohne ein Gefühl des Grauens durchmessen". Die planmäßige Konstruktion der Passage wirkt unmenschlich, "die Stützen sehen wie Feinde aus".

Das liegt vielleicht auch an dem Kontrast zu den Menschen, die sich "in entsetzlicher Unverbundenheit" unter der Brücke aufhalten, während Passanten ohne aufzublicken durch die Unterführung hasten. Ein Bäcker versucht Brezeln zu verkaufen, die niemand haben will. Bettler kauern vor der Backsteinwand, ein Zieharmonikaspieler wärmt sich an seiner Musik, niemand beachtet sie. Die Brückenkonstruktion ist unerschütterlich, doch das menschliche Durcheinander zerrinnt.


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Vergnügen
Auch Spielsalons, Vergnügungslokale und Kinos nimmt Kracauer aufs Korn. In leer stehenden Läden an der Gedächtniskirche haben sich "Glücksspekulanten" eingenistet. Spieltische mit Automaten sind hier zu finden, Guckkästen "ausschließlich für Herren", Wahrsageapparate. Schon damals schreibt Kracauer, dass die wenig ausgezogenen Nymphen im Guckkasten diese Generation nicht mehr anlocken können, "die mit den nackten Tatsachen zu verkehren gewohnt ist". In der Münzstraße laufen endlos Filme in den Tageskinos. Sie sind weniger ein Vergnügen als ein Mittel, die Langeweile zu überbrücken. Die in der Nachkriegszeit in Ost-Berlin ("Zeitkino" Friedrichstraße) und West-Berlin ("Aki am Zoo") entstandenen Kinos mit Endlosprogramm haben diese Idee wieder aufgegriffen.

Berliner sind cool
Wenn man heute in der U-Bahn sitzt, kann man neben dem unangezogenen "Berliner Chic" jede Form von Verirrung in der Kleidung sehen, ohne dass jemand das registriert oder darauf starrt. War das in den Zwanziger Jahren anders, als "die Unterbringung in diesen Zügen eher an einen Materialtransport als die Beförderung von Menschen erinnerte"? Kracauer berichtet von einer U-Bahnfahrt, er sieht einen Mann im Faschingskostüm mit giftgrüner Halskrause, aus der das Gesicht wie die Blüte eines Riesenkelchs herausquillt. Der Verkleidete steht aufrecht da wie ein braver Soldat und fühlt sich offensichtlich unwohl, aber niemand schaut ihm nach, als er aussteigt.

Wenn man diese Texte liest, entsteht manchmal der Eindruck, es hätte sich gar nicht so viel geändert in den neunzig Jahren, die inzwischen vergangen sind.

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(1) Kracauer wohnte von 1930 bis 1933 in der Sybelstraße. Im April 2010 bekam der Holtzendorffplatz am Ende der Sybelstraße seinen Namen. An seinem Wohnhaus wurde eine Gedenktafel angebracht.

27. Juni 2016

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Sybelstraße und Umgebung
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Der Nachtwächter legt das Signalhorn ab
Auf Treppen flanieren - Scalalogie