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Der Nachtwächter legt das Signalhorn ab


Ahnengalerie der Flaneure: Robert Springer
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Wenn die Nachtwächter der Königlichen Residenz Säbel, mittelalterlichen Spieß und Signalhorn ablegten, ihren langen, dunkelblauen Rock auszogen und den zylinderähnlichen Hut absetzten, wenn also die 50 von Nachtwächter-Meistern geführten Berliner Nachtwächter ihren Dienst beendeten, dann konnte die Sinfonie der Großstadt beginnen. Robert Springer beschrieb in seinem Feuilletonartikel von 1852 die "Berliner Tagesstunden - einen Tag im Leben der Stadt Berlin“. In den 1920er Jahren folgte das Film-Kunstwerk "Berlin – Die Sinfonie der Großstadt" zu diesem Thema und vor fünf Jahren drehte das Regionalfernsehen rbb eine 24-Stunden-Reportage über unseren großstädtischen Tagesablauf.

Folgen wir Robert Springers Beschreibung im Berlin von vor 160 Jahren, so stoßen wir auf Berufe, die heute weitgehend verschwunden sind. Auch die Sprache ist uns vielfach fremd, nur der Rhythmus der Stadt ist geblieben. Wenn "der Nachtwächter die letzte Stunde abgepfiffen hatte und sich in seiner Tageshöhle versteckte", dann füllten sich die leeren Straßen mit Menschen auf dem Weg zur Arbeit, die Läden und Büros öffneten, die Hektik des Tages begann.


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Milchkarrenhunde zogen die Gaben der "volleutrigen Kühe" auf vierrädrigen Karren in Milch-Büros (1). Stiefelputzer reinigten Schuhwerk und bürsteten die Röcke und Rockschöße der Herren, denn das Straßenpflaster war kotig, die Exkremente flossen über die Straßen zu den Rinnsteinen (2). Verschwiegene Stiefelputzer konnte man auch seine Liebesbriefe besorgen lassen und sie Sachen auf das Leihamt (3) tragen lassen. Putzmacherinnen und Schuheinfasserinnen saßen "als bleiche Stubenpflanzen" neun bis zehn Stunden an der Arbeit, vielleicht mit der Hoffnung auf einen Prinzen aus dem Comptoir (Büro) oder einen Ritter aus der Gilde der Schneider.

Groß war die Schar der Diener. Die Comptoirdiener verstanden sich auf doppelte Buchführung ebenso wie auf Kurszettel, sie lasen Zeitungen, Modejournale und Romane. Die Ladendiener arbeiteten in den Geschäften. Laufburschen erledigten Besorgungen, Hausknechte waren für die Kaufleute unterwegs. Kolporteure lieferten Bücher und Prospekte für den Buchhandel aus. Aufwärterinnen (Haushälterinnen, Zofen) versorgten alleinstehende Herren.

Springer beobachtete, wie dem Drehen des Uhrzeigers ein Karussell von städtischen Aktivitäten folgte. Um halb sechs füllten sich die Marktplätze mit den Marktleuten, die mit Karren und Wagen Fässer, Kiepen und Körbe herbeischafften, nachdem sie an den Stadttoren von den Steuerbeamten visitiert worden waren. Um sechs Uhr öffneten die Läden der Materialisten, der Händler mit Spezereien (Gewürzen), Tabak und Italienwaren.


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"Ihr Warenlager umfasst die meisten Produkte des Morgen- und Abendlandes, der Länder und der Meere", Mokkabohne und Schweizer Käse, Zucker, Stiefelwichse, Rum, Kreide, Sprotten, Stärke, Tinte. "Die Käufer gehören fast alle dem anderen Geschlecht an", das klingt heute nach Gender, aber damit meinte Springer nur, dass die Käuferinnen weiblich und die Verkäufer männlich waren. Alte Weiber und junge Dienstmädchen wurden hier bedient "mit einem Lächeln - fettiger als Lampenöl, mit Reden - süßer als Sirup" und einem freundlichen Wort für jede.

Um halb sieben zogen schlaftrunkene Frauen die Vorhänge hinter den Fenstern beiseite und der alte Hauseigentümer lehnte sich hinaus, um nachzusehen, ob sein Haus noch am alten Platz stand, nachdem ihn die Phantasien von gekündigten Hypotheken und unbezahlten Feuerkassen-Beiträgen um den Schlaf gebracht hatten. Vor den Holzplätzen warteten Auflader und Holzhauer auf Beschäftigung. Barbiere wandelten einher, um den Bart zu scheren oder um als "Zahnbrecher“ Zähne zu ziehen.

Um sieben Uhr war es Zeit für den Briefträger, seinen mühsamen Lauf anzutreten. Schon vor 160 Jahren war er "das langsamste Beförderungsmittel für schriftliche Mitteilungen". Vorkosthändler (Feinkosthändler) und Mehlhändler trafen sich an der "Eierbörse", um die Preise für Erbsen und Mehl, Eier und Grütze auszuhandeln.

Um halb acht öffneten die Manufaktur- und Warenlager für Schnittwaren (Stoffe, Textilien) und für Kurzwaren sowie die Putz- und Kleiderläden. Die Comptoirdiener und andere Gehilfen eilten zu ihren Arbeitsplätzen. Auch die Lehrer waren zu ihren Schulen unterwegs: Die Elementarlehrer, deren letzte Abendunterhaltung ein Pack Korrekturhefte war und die in ihrem Bücherschrank die Diesterweg'schen Schulbücher, Beckers Weltgeschichte und den Brockhaus zu stehen hatten. Die Lehrer der höheren Lehranstalten, darunter weißhaarige Philologen in schlotterndem Überrock und mit schiefgelaufenen Stiefeln. Die Stunden- und Fachlehrer, unter ihnen Französischlehrer, manchmal eingebürgerte Franzosen, denen bei ihrer Ankunft die deutsche Sprache ebenso fremd war wie die französische Grammatik, was sich im Laufe ihrer Tätigkeit besserte.

Auch die Schüler bewegten sich zu den Kommunalschulen und Gymnasien, je nach Stand wohlanständig angezogen oder mit zerrissenen Jacken. Ärmlich gekleidete Mädchen, die nach Schulabschluss in Fabriken oder Haushalten arbeiten würden. Und Töchter wohlhabender oder reicher Eltern, die die höheren Töchterschulen besuchten.

"Tätigkeitstrieb, Ehrgeiz und Geldgier" setzte um acht Uhr Massen von Menschen Richtung Industrie und Handel in Bewegung. Niedrige Bürokraten eilten in ihre Schreibstuben, die Schreiber der Advokaten in die Kanzleien. Handwerker machten ihre Einkäufe, die Märkte füllten sich mit jungen Hausfrauen, Dienstmädchen, Haushälterinnen, älteren Junggesellen und Witwern. Keck und sorglos, heiter, verwegen, pfeifend und singend waren die Schusterjungen und Schornsteinfegerlehrlinge unterwegs.

Um halb neun war es Zeit für die höheren Beamten, die Präsidenten, Hofräte, Wirklich Geheimen Räte, Börsenmakler, Bankbeamte. Sie hatten gut gefrühstückt und waren bereit, mit konservativem Geist an ihre verantwortungsvolle Arbeit zu gehen. Um neun Uhr war dann eine gewaltige Flut von Menschen in der Hauptstadt unterwegs, erst in der Mittagszeit würde wieder eine zweistündige Ebbe eintreten.

Zettelankleber mit Kleistertopf verteilten Ankündigungen von Lust- und Trauerspielen, Opern und Possen, Tanz- und Reitkünsten, Symphonien und Walzern, verlorenen Hunden und gestohlenen Brieftaschen an Straßenpumpen und Anschlagflächen. Exekutoren (Gerichtsvollzieher) gingen zu den Menschen, die für ihre Verhältnisse zu ausschweifend gelebt hatten. Gesinde-Vermietung-Comptoire machten die Arbeit der heutigen Arbeitsagenturen.


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Philosophen, Schöngeister und Taugenichtse der verschiedenen Klassen, Literaten und Leutnants besuchten Konditoreien und Cafés, bestellten Kaffee oder kleine Pasteten und lasen in den vielen Journalen. "Ein Journal lesend, sieben zwischen den Fingern, drei auf den Knien haltend, auf sechs sitzend und zwei andere beim Kellner bestellend". So beschrieb Springer den "Journaltiger", der anderen das Zeitungsstudium vermieste.

Auf der Straße ein Gewimmel von Fahrzeugen. Personenbeförderung mit Droschken; Kutschen; Equipagen der feinen Welt; sechsspännigen königlichen Wagen; Omnibussen, "von keuchenden Rossen fortgeschleppt". Aber auch Leichenzüge, "die man täglich in Berlin zu sehen Gelegenheit hat". Und die schweren Fuhrwerke, die Frachtwagen, niedrig oder haushoch, von Pferden gezogen, die durch die lange Peitsche des Fuhrmanns auf dem Bock angetrieben wurden.


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Bierwagen mit einer doppelten Reihe von Biertonnen, gesteuert von Bierkutschern mit Lederschurz und Böttcherbeil (einem Werkzeug, das heute nur noch im Kreuzworträtsel vorkommt). Dazwischen Tragbahren und Karren, vor allem die Karren der Höker, die ihre Ware zu Spottpreisen auf den Höfen ausrufen, "verhökern".

Um sieben oder halb acht abends waren die Arbeiter auf dem Heimweg. Und dann "senkte sich ein Schleier von Staub, Qualm und Dunkelheit über die Straßen der preußischen Hauptstadt", die Gaslaternen gingen an, das Berliner Abendleben begann. Die Fortsetzung lesen wir im "Weltstadtkalender" (1889) von Maximilian Harden: "Nachts, zwölf Uhr. Lärm, Leben, Bewegung. In den Straßen wogt es hin und her. Alle Pferdebahnwagen sind stark besetzt. Beim Schein eines Koksfeuers wird das Straßenpflaster repariert. Der Kleinhandel blüht auf der nächtlich lebhaften Straße. Männer stecken einem die Reklamezettel der Lokale mit 'Bedienung von zarter Hand' zu. Da wird gelogen, betrogen, geliebt, gehasst, geflucht. Man schließt Herzensbündnisse und löst unbequeme Verbindungen. Die Bierpaläste sind überfüllt. Das ist Berlin, die Weltstadt".

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Robert Springer war Schriftsteller, Feuilletonist und hat mehrere Reiseführer über Berlin herausgegeben ("Berlin, die deutsche Kaiserstadt"; "Berlins Straßen, Kneipen und Clubs "). In seinem Feuilleton "Berliner Tagesstunden" zeigt er die bürgerliche Welt, karikiert sie ironisch, mit leicht hochmütigem Unterton. Mit meiner Beschreibung bin ich weitgehend der Sprache von Robert Springer gefolgt, eigentlich hätte ich den Text überwiegend in Anführungszeichen setzen müssen.

Er beschreibt nicht das Heer der Fabrikarbeiter, die als Industrieproletariat kaum genug zum Leben haben, deren Familie in Heimarbeit dazuverdienen müssen. Die in überbelegten Stuben und Küchen wohnen, in denen man sich mit "Schlafgängern" die Betten teilt. Denen es damit schon besser geht als den Wohnungslosen, die im Bretterverschlag unter einer "Schwindsuchtbrücke" hausen. Er beschreibt nicht die Mietskasernen mit plärrenden Kindern und mehreren engen Hinterhöfen (4). Die Kloschüsseln in Verschläge auf den Höfen, ein Abort für eine Vielzahl von Bewohnern und die Lärm- und Umweltbelästigung der kleinen Fabriken in den hinteren Gebäuden. Es ist die Welt, die Heinrich Zille realistisch, dabei aber ironisch-liebevoll mit seinem Stift eingefangen hat und die Welt, die Käthe Kollwitz mit schwarzer Kreide auf Papier gebracht hat.

26. Oktober 2015

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(1) Die "Gaben der volleutrigen Kühe" wurden zum Beispiel am Kreuzberg in einer Milchkuranstalt gemolken: Herr Leutnant ich bin ein Mädchen
(2) "Exkremente flossen über die Straßen": Unwillige Bürger in der Residenzstadt
(3) Das Königliche Leihamt: Königliches Leihamt
(4) Die Wohnungen der Arbeiter: Mietskasernen und Hinterhöfe


Vergessenes zurückgewinnen
Die Weltachse, schnurgerad und unermeßlich