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Friedrichshain, Auf der Elefantenpirsch (4.4.2005)

Eine Zeitzeugin berichtet

Angeregt durch die Frage: "Wo stand die Georgenkirche?" hat Heidi R. am 25.4.2005 nicht nur eine Antwort geschrieben, sondern einen umfangreichen Bericht einer Zeitzeugin:

"Wir wohnten in der Joachimstraße, und zwar zwei Häuser von dem berühmten „Alten Ballhaus“ entfernt. Dieses Ballhaus soll einmal ein Jagdschlößchen mit einem dazugehörigen Weinkeller des Kurfürsten Joachim II. gewesen sein. Unser Haus, es war das Eckhaus zur Auguststraße, stand auf uralten Kellergeschossen mit sehr dicken Mauern und gewölbten Decken, wo ich mich als Kind immer furchtbar gegrault habe. Aber: Die stabilen Keller retteten im Krieg vielen Menschen das Leben! Also: In dem echten „Alten Ballhaus“ trat u. a. die damals berühmte „Wasserminna“(eine Freundin von Strohhut-Emil) auf, so in den 20ern; unter der Tanzfläche befand sich nämlich ein Wasserbassin!

Nicht weit von der Joachimstraße – am Koppenplatz – sind wir zur Schule gegangen. Neben der Schule befindet sich ein Denkmal für den Stadthauptmann und Ratsherrn Koppen, der vor gut dreihundert Jahren das Gelände erwarb und der Armenverwaltung schenkte, damit für alte Frauen ein Wohnhaus gebaut und ein Armenfriedhof (ebenda) eingerichtet werden konnte. Dieses (Wohn-)Haus neben der Schule zur Ecke Linienstraße war noch bis zur Wende ein Altersheim. Nach 1990 gab es handfeste Pläne, daraus einen schicken Wohnkomplex mit Eigentumswohnungen zu machen, was evtl. inzwischen geschehen ist. Auf dem Koppenplatz stand während des Krieges ein Bunker, der später abgetragen wurde. Auf dem Sockel wurde eine Grünanlage errichtet, und vielen Menschen blieb es unerklärlich, warum dieselbe so erhöht war. Diese rätselhafte Besonderheit wurde Anfang der 90er Jahre eingeebnet.

Ebenfalls ganz in der Nähe steht u. a. in der Großen Hamburger Straße (im Volksmund früher Toleranzstraße genannt, weil katholische, jüdische und protestantische Einrichtungen nachbarschaftlich, hilfreich und konfessionsübergreifend lebten und wirkten) die Sophienkirche, die einzige (wofür ich mich nicht verbürgen kann) Barockkirche Berlins. Dort sind wir alle konfirmiert u. o. getauft, getraut. Auf dem Kirch“acker“ liegt außer dem Historiker Ranke Zelter begraben, der seine berufliche Laufbahn als Maurer begann, später ja Direktor der Singakademie war und als Förderer von Felix Mendelssohn-Bartholdy galt, dem Enkel des großen Mendelssohn, der eigentlich nur wenige Schritte weiter auf dem (seit 1672) jüdischen Friedhof begraben wurde, den es seit der Nazizeit nicht mehr gibt.

Der Name Sophienkirche rührt von der frommen Stiefmutter des „Soldatenkönigs“ her, die für die rasch wachsende Gemeinde in der Spandauer Vorstadt für einen Kirchenbau 4000 Taler spendete und den Grundstein legte. Erst der Sohn aber, der außer für die „Langen Kerls“ noch eine Schwäche für hohe Türme hatte, ließ den Barockturm aufsetzen, der als der schönste der ganzen Stadt gilt.

Vor der Kirche – ich war eng mit der Tochter des Diakons befreundet, und so konnten wir auch hinter den verschlossenen Toren des Kirchparks spielen – lernte ich Rollschuhlaufen. In dem Gemeindehaus ging ich in den Kindergarten (in dem Kulturtradition steckt, denn er war 1885 eine der ersten Kleinkinder-bewahranstalten!), später samstags zur „Strickstunde“, wo ich die ersten bunten, glatten Bauklötze meines Lebens sah und... über einen altertümlichen, ratternden Vorführapparat die ersten Trickfilme! Viele Stunde meines Lebens habe ich dort verbracht, aber auch auf dem „großen“ Sophienfriedhof in der Bergstraße – angrenzend an Invaliden-, Acker- und Bernauer Straße! Ja, das ist der berühmt-berüchtigte Mauerfriedhof, über den ich einiges erzählen könnte. Beispielsweise stand ich fassungslos am Grab einer befreundeten Mitschülerin, die 1962 bei einem Fluchtversuch in der Spree am Reichstagsufer auf sehr mysteriöse Art ums Leben kam. Als der Todesstreifen auf dem Friedhof immer breiter wurde, verschwand dieses Grab wie so viele. Prominente wie Walter Kollo und Albert Lortzing fanden dort ihre letzte Ruhe, aber auch mein Vater. Als wir Kinder waren, gingen wir oft mit unser Großmutter auf den Friedhof, der inmitten der verwüsteten Stadt, wo kaum ein Baum mehr stand, eine grüne Oase des Friedens war, wo wir – sehr still und gesittet - auch spielen konnten.

Eine Spielstätte ganz anderer Art waren die Trümmer, besonders die geheimnisvollen des Monbijouschlosses und des Domkandidatenstiftes an der Oranienburger Straße. Die kaputte, aber in der Fassade noch immer stattliche Synagoge erschien uns besonders respekteinflößend und war unerreichbar. Ihre Mauern grenzten ja wiederum rückwärtig an das Gelände des St. Hedwigs-Krankenhauses in der Großen Hamburger Straße, in der übrigens Fontane ein kleines Mädchen kennenlernte, Emilie, die Adoptivtochter des Kommissionsrates Kummer, die er 15 Jahre später heiratete.

Aber von allen "Spielplätzen", so bizarr sie auch waren, liebte ich am meisten – bis heute – den Berliner Dom. Meine ersten Erinnerungen gehen zurück auf einen Sommertag, an dem Jungen in viel zu großen Unterhosen dort in der Spree badeten und von den aus dem Wasser ragenden verbogenen Eisenträgern sprangen. Alle Museen waren mehr oder weniger kaputt, aber am Tage im Sonnenlicht war das nicht so bedrohlich und schlimm, man konnte auf den Simsen des Domes herumlaufen und klettern, auch auf die Figuren vor dem Alten Museum und in der noch in die Erde eingelassenen Granitschale herrlich rutschen. Der Lustgarten war schon schön aufgeräumt, das Schloß stand noch, es war eine ganz klein wenig heile Welt.

Es gibt noch viele Geschichten und Geschichtliches um diese Gegend, z. B. wo denn nun das Scheunenviertel wirklich lag. Nach der Wende war ja das halbe alte Berlin einmal Scheunenviertel, und dabei gehörten ganz gewiß nicht einmal die Hackeschen Höfe und die Oranienburger Straße dazu. Meine älteste Schwester war eine Kennerin des alten Berlins, liebte es so sehr, daß für sie mit einer Wohnung in der Brüderstraße (wenige Schritte von der Stelle entfernt, wo einst die Petrikirche stand und deren Fundamente wir uns ansehen konnten, als Archäologen nur kurze Zeit zur Verfügung hatten, bevor die Neubebauung dort begann) ein Herzenswunsch in Erfüllung ging. Von Beruf war sie Kartographin, vielleicht hatte das eine wechselseitige Bedeutung. Man konnte sie alles fragen, z. B., wo denn das Gasthaus „Zur Rippe“ einstmals stand oder die erste Börse usw. Oft hörte sie ärgerlich, wie Stadtführer den Touristen allerhand Unsinniges auftischten. Sie wäre ein toller Führer durch das historische Berlin gewesen.

Leider habe ich weder ihre fundierten Kenntnisse noch die vielen Bücher und vor allem Karten, aber ein wenig habe ich doch ihr Erbe angetreten, und so habe ich – und nun komme ich zur Georgenkirche – gleich gewußt, das es die leider auch nicht mehr gibt. Nun ist sie aber nicht dem Krieg, sondern der sozialistischen Spitzhacke zum Opfer gefallen. Sie stand – umgeben von der Georgenkirchstraße ungefähr in Höhe des Polizeipräsidiums Keibelstraße, sozusagen in zweiter Reihe am Alexanderplatz hinter dem zerstörten Minolgebäude, welches durch seine recht moderne Gestaltung am Alex auffiel. Die Kirche ist erst ca. 1855 gebaut worden, hatte einen hohen spitzen Turm und war verhältnismäßig unbeschadet durch den Krieg gekommen. Ich kann mich gut an sie erinnern und habe auch ein altes Foto sowie eine uralte Ansichtskarte (Kopien), wo man von der Königsstraße über die S-Bahn-Unterführung hinweg auf den Alex blickt und Richtung Norden den Turm erkennt. Auf diesem Foto ist außerdem eine Besonderheit, nämlich die Königskollonaden von Gontard, die Anfang des 20. Jahrhunderts noch dort an der Gontardstraße standen und heute im Kleistpark von aller Welt in totaler Unkenntnis als Kleist-Kollonaden bezeichnet werden.

Da bin ich aber nun in einem ganz anderen Stadtteil angekommen, den ich als Kind ebenfalls ziemlich trostlos fand und eigentlich nur von meinem Weg zu den „Schöneberger Amseln“ in der Dominikusstraße kannte."

Der Bericht steht hier:
Auf der Elefantenpirsch


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