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Sind Frauen die besseren Fischer


Stadtteil: Köpenick
Bereich: Altstadt, Kietz
Stadtplanaufruf: Berlin, Kietz
Datum: 24. September 2012

Es gab Tage, da fuhren jeden Morgen die Köpenicker Fischer hinaus, um in Spree, Dahme und dem Müggelsee zu fischen, aber immer blieben ihre Netze leer. Auf die Fischersfrau Berta aber wollten sie nicht hören, die geträumt hatte, man müsse "vor der Haustür" Fische fangen, dort wo die Kähne liegen. So nahmen die Fischersfrauen eines Nachts die Sache selbst in die Hand und zogen (natürlich) am nächsten Morgen die Netze voller Fische ans Ufer. Seitdem heißt diese Bucht Frauentog ("Frauenzug"). Das ganze spielte sich in Köpenick am "Kietz" (mit - tz -) ab, jener Fischersiedlung entlang der Dahme, die bis heute ihren authentischen Charakter bewahrt hat. Wir Berliner bezeichnen als "Kiez" ein einheitliches, überschaubares Stadtquartier, im ursprünglichen Sinne war "Kietz" aber eine mittelalterliche, slawische Siedlung, die einer benachbarten Burg abgabepflichtig war.

Der Stadtgrundriss ist das "Gedächtnis der Stadt", auch nach Umbauten über viele Jahrhunderte hinweg bleiben der Grundriss und die Struktur der ursprünglichen Stadtquartiere erhalten. Überbaute Strukturen bringen dann spätestens die Archäologen zu Tage wie beim Jüdenhof am Molkenmarkt (--> 1). Der historische Grundriss blieb am Köpenicker Kietz erhalten, wo die Grundstücke so existieren, wie sie im 13.Jahrhundert angelegt wurden. Nur wenige Miethäuser haben sich später zwischen die einstöckigen Fischerhäuser geschoben. Die ältesten Fischerhäuser sind von 1701, sie zeigen nicht mit dem Giebel, sondern mit der Dachtraufe zur Straße. Bewohnt war nur das Erdgeschoss, Dachgauben verweisen auf spätere Ausbauten der Dachböden. Über manchen Türen sind noch Fischsymbole in die Front eingelassen. Sogar eine Fischereivereinigung hat im Kietz ihren Sitz, sie beschäftigt sich aber mehr mit Angelerlaubnisscheinen als mit Berufsfischerei.

Der Kietz ist ein mittelalterlicher Siedlungskern, der den Slawen zugewiesen wurde, die von der Schlossinsel verdrängt wurden. Heute steht das Schloss Köpenick auf der Insel, vorher war es seit dem 9.Jahrhundert eine Burg, die zunächst von den Slawen beherrscht wurde, Im Zuge der Ostkolonisation übernahmen die Askanier die Burg, die slawischen Fischer wurden zu "Dienstleuten", die Abgaben an die Burgherren zu leisten hatten - natürlich auch Fische.

Die Burg Köpenick war ab 1405 ein Jahrzehnt in der Hand der Quitzows, die als Raubritter verschrien sind. Trotzdem ist in Berlin-Moabit eine Straße nach ihnen benannt. Wie kommt es zu diesem Gegensatz von verabscheuen und ehren? Nachdem Kaiser Karl IV. 1378 gestorben war, wurde Brandenburg zu einem rechtsfreien Raum, seine Nachfolger interessierten sich nicht für ihren Besitz. Die Markgrafen zogen nur Geld aus dem Land, ohne es zu regieren. Die Burg Köpenick wurde für solche Geldzahlungen verpfändet und kam in den Besitz der Brüder Dietrich und Johann von Quitzow. Berlin hatte sie gerufen und um Schutz gebeten, die Quitzows wurden zu Berlins Verbündeten. Erst als Kaiser Sigismund 1411 Friedrich von Hohenzollern zum neuen "Hauptmann der Mark" ernannte, kehrte das Land nach und nach zu geordneten politischen Verhältnissen zurück. Allerdings verlangte Friedrich von den Quitzows die Herausgabe der Burg Köpenick, die Pfandsumme wollte er nicht zurückzahlen. Das war ein Rechtsbruch, auf den die Quitzows mit dem Recht der Fehde antworten konnten, das Mittelalter war nicht von der Auffassung geprägt, rechtliche Auseinandersetzungen gewaltlos zu klären. Mit Plünderungen Rache zu nehmen, war also legitim, allerdings haben die Quitzows irgendwann die Grenze zum Landfriedensbruch überschritten. Selbst ihren ehemaligen Verbündeten Berlin griffen sie an, ein Fries am Roten Rathaus stellt diesen Teil der Berliner Stadtgeschichte anschaulich dar ("Maskierte Ritter rauben die Viehherden", "Ein Reisender verteidigt sich", "Untere Stände eilen zur Hilfe"). Der Hohenzoller konnte sich schließlich durchsetzen und das Raubrittertum beenden.

Die Raubrittergeschichte ist so spannend, dass sie auch in die Literatur Eingang fand. Während Theodor Fontane in den "Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Fünf Schlösser, Quitzöwel" die Familiengeschichte nur beschrieb, dichtete Karl May in seinem Frühwerk "Der beiden Quitzows letzte Fahrten" die Moritat nach. Hier ein kurzer Auszug aus seinem Text, eine Begegnung mit Dietrich von Quitzow:
"(Der Wachtmeister) steckte einen der vorhandenen Kienspäne in Brand und trat mit demselben vor die Thür, um dem ungewissen Lichte des Mondes möglichst nachzuhelfen. Mit der einen Hand den Zügel des Pferdes erfassend, leuchtete er mit der andern empor, und kaum hatte er das Gesicht des Reiters erblickt, so warf er die Leuchte von sich und riß das Schwert aus der Scheide.
»Grüß Euch Gott, Ritter Dietrich! Was habt Ihr von Friesack hier zu schaffen?«
Aber schon blitzte das Schwert des Angeredeten durch die Luft und hätte sicher den Kopf des Wachtmeisters gespalten, wenn derselbe nicht schnell bei Seite getreten wäre und durch einen Ruck an den Zügeln das Pferd zum Bäumen gebracht und somit den Hieb unsicher gemacht hätte."

Nicht nur im Kietz, sondern auch in der nördlich davon gelegenen Altstadt ist der mittelalterliche Stadtkern erhalten geblieben. Was in der Mitte Berlins in der DDR-Zeit durch das Abräumen der historischen Bauten und Verlegung sowie Beseitigung von Straßen verloren gegangen ist, ist hier noch vorhanden (--> 2). Man kann der alten Zeit nachspüren, wenn man es schafft, den störenden fließenden und ruhenden Straßenverkehr auszublenden. Am Alten Markt 1 findet man einen Gutshof, das "Bocksche Freigut" von 1665. Der Landjäger Bock bekam das Gelände von seinem Kurfürsten geschenkt, kein Grundherr saß ihm vor der Nase, dem er Abgaben zu leisten hätte (deshalb "Freigut"). Was war der Grund für diese Freigiebigkeit, hat Peter Bock seinem Kurfürsten in der Vergangenheit so gute Dienste geleistet? Wenn man die kurfürstlichen Auflagen der Schenkung liest, ergibt sich ein anderes Bild: Bock übernahm die Verpflichtung, die kurfürstliche Meute und ihre Betreuer bei seinen Jagden zu unterhalten und zu verpflegen, deshalb durfte und musste er auf dem Gelände ein Bier- und Brauhaus errichten. Na dann Prost, liebe Jäger. Um einem nahe liegenden Irrtum zu begegnen: das Bockbier wurde nicht nach dem kurfürstlichen Landjäger benannt, sondern nach dem Münchener Braumeister von Einbeck.

Am Alten Markt 4 weist eine Gedenktafel auf "Mutter Lustig" hin, am Frauentog steht ihr Denkmal: Henriette Lustig hatte 1835 die erste Lohnwäscherei eingerichtet, Köpenick wurde dadurch zur "Waschküche Berlins“ mit mehreren hundert kleinen Wäschereien, bevor die fabrikmäßige Wäscherei und Färberei von Wilhelm Spindler einem ganzen Köpenicker Ortsteil den Namen gab (--> 3). Um 1700 kamen 70 hugenottische Seidenweber, Bierbrauer und Tuchmacher nach Köpenick. Der Große Kurfürst hatte ihnen durch das Edikt von Potsdam besondere Privilegien gewährt, weil er das Land mit ihrem Know-how modernisieren wollte. Die Straße "Freiheit" - in der die Hugenotten ab 1705 angesiedelt wurden - verweist auf ihre Befreiung von Abgaben und militärische Einquartierung. Freiheit 8 stand eine Synagoge, die beim Novemberpogrom 1938 beschädigt und nach dem Krieg vollständig abgerissen wurde, eine Gedenktafel am Nebengebäude erinnert an das Gotteshaus. An der Seitenwand eines anderen Nachbarhauses blieb ein Abdruck des nicht mehr vorhandenen Fachwerkgebäudes erhalten.

Die Anfänge der Großstadt Berlin wurden durch drei mittelalterliche Ansiedlungen an der Spree gelegt, Berlin/Cölln an der Furt durch die Spree, Spandau am Zusammenfluss von Spree und Havel und Köpenick am Zusammenfluss von Dahme und Spree. Wo die Dahme in die Spree fließt beginnt die Straße Alt-Köpenick, an ihr liegen das Rathaus und die Kirche. Seit 1254 gab es dort eine Feldsteinkirche, 1838 wurde sie durch den Backsteinbau der Laurentiuskirche ersetzt, deren Turm den Rathausturm um 11 Meter überragt. Zwischen Freiheit und Kirchstraße steht ein prächtiger Gründerzeitbau, der geschickt die fehlende Symmetrie der Straßeneinmündungen ausgleicht und mit Erkern, Balkonen, Giebeln und zwei Turmaufsätzen das architektonische Instrumentarium des Historismus voll zum Klingen bringt. Weniger auffällig ist das Andersonsches Palais von 1770 in Alt-Köpenick 15, das sich unauffällig in die Blockrandbebauung eingliedert.

Zum Abschluss hätten wir gern in der Restauration im Köpenicker Schloss eine Kleinigkeit zu uns genommen, allerdings hatte dort die Küche vor dem fehlenden Besucheransturm resigniert. Die Seeterrassen nebenan brachten zwar etwas auf den Tisch, konnten uns aber auch nicht begeistern. Dem Stroganoff fehlte die russische Seele und seine Soße hatte starken Anklang an ein Fertigprodukt.

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(1) Archäologen buddeln ein überbautes Quartiere am Molkenmarkt aus: Bären im Alten Stadthaus
(2) Altstadt in Berlins Mitte: Abgerissen, aufgegraben, zugeschüttet, umgesetzt
(3) Spindlersfeld: Ein Stadtteil für die Wäsche

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Unsere Route:
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Ein Stadtteil für die Wäsche
Volkseigenes Bier