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Obstwiesen und Park auf der Nichtmehrgrenze

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Stadtteil: Treptow
Bereich: Altglienicke
Stadtplanaufruf: Berlin, Semmelweisstraße
Datum: 28. August 2017
Bericht Nr.: 598

Es ist ein Zufall, dass wir nach unserem Besuch in Groß-Glienicke schon wieder einen Ortsteil besuchen, der "Glienicke" in seinem Namen führt. Altglienicke in Treptow liegt am Berliner Stadtrand, genau wie Groß-Glienicke in Spandau, der Glienicker Park in Wannsee und Glienicke/Nordbahn bei Reinickendorf (1). Im Slawischen weist "Glinik" auf einen Ort hin, wo Ton vorkommt. Der 'Lehmfeldsteig' in Altglienicke bestätigt diese Bodenbeschaffenheit. Das Entlehnen des Ortsnamens aus dem slawischen Sprachraum deutet gleichzeitig darauf hin, dass hier früher eine slawische Siedlung bestand, die bei der Ostkolonisation von den deutschen Siedlern übernommen wurde.

Bei seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg hat Theodor Fontane den Ort Glindow im Havelland besucht, der seit dem Mittelalter ein Zentrum der Ziegelindustrie war. Dort wurde der Lehm aus Lehmlagern in den Bergen gewonnen, die schier unerschöpflich schienen. Dagegen ist die Ausbeute von Wiesenlehm, den man an anderen Orten findet, schnell erschöpft. Er liegt nur knapp 2 Meter unter der Rasenfläche und besteht selbst nur aus einer 2 Meter tiefen Lehmschicht. Fontane berichtet, dass in den Lehmbergen "in erheblicher Menge" Bernstein gefunden wurde, meist nur so groß wie eine Haselnuss, manchmal aber auch von der Größe einer Faust.

Dorf und Rittergut Altglienicke
Altglienicke liegt an der Hangkante des Berliner Urstromtals, das konnten wir bereits sehen, als wir uns bei unserem letzten Besuch mit dem Spionagetunnel beschäftigt haben. Altglienicke war ein Dorf und Rittergut, doch von der Gutsanlage sind keine baulichen Zeugnisse erhalten geblieben. Ein Teil der Gutsackerfläche wurde 1763 Kolonisten aus der Pfalz als Bauland zur Verfügung gestellt. Das Gut befand sich zu dieser Zeit schon als königliches Vorwerk (Zweigbetrieb) in staatlicher Hand. Die Pfälzer waren von Friedrich dem Großen angeworben worden und bildeten zunächst eine selbstständige Gemeinde, bis sie später zum alten Dorf eingemeindet wurden.

Der Dorfkern liegt an der Semmelweisstraße (früher Dorfstraße) und Rudower Straße. Parallel dazu gibt es den Alten Windmühlenberg, auf dem seit 1541 eine Windmühle stand. Heute ist dort der "Zentralpark Altglienicke." Der Kirchenbau in der Semmelweisstraße wurde bereits zweimal erneuert. Auf die mittelalterliche Dorfkirche folgte ein Barockbau, der vor 120 Jahren durch die heutige Kirche ersetzt wurde. In der Rudower Straße stand die erste - einklassige - Dorfschule, ein Haus wie eine bescheidene Bauernkate.

Kurz nach 1900 hatte Altglienicke ein eigenes Gaswerk und war an Wasser und Elektrizität angeschlossen. Das Gebäude der elektrischen Schaltstation - ein kleiner Backsteinbau mit Stufengiebeln - steht ungenutzt an der Köpenicker Straße und dämmert einer ungewissen Zukunft entgegen. Das Wasserwerk in der Straße Am Pumpwerk am Falkenberg war bis 1990 in Betrieb. Der Wasserturm wurde schon früher stillgelegt, bei unserem letzten Besuch war seine Spitze verpackt.


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Eine Straßenbahn zwischen Altglienicke und Adlershof konnte 1909 erst in Betrieb gehen, nachdem man eine Brücke über den Teltowkanal gebaut hatte. In der Semmelweisstraße hatte sie ein Depot. Im Jahr 1921 wurde die Linie bis Falkenberg verlängert, das Depot hat man aufgegeben. Seine Hallen haben später den Krieg nicht überstanden. Die Straßenbahn fuhr bis kurz nach der Wende. Sie wurde dann eingestellt und durch einen Bus ersetzt.

Wenn ein Makler schreibt, ein Ortsteil sei "eher zum Wohnen als zum Weggehen geeignet" und "ruhig ohne kulturelle Möglichkeiten", dann wird man auf eine vorstädtische Besiedlung vorbereitet. Unerschrocken wird weiter heftig gebaut. Mit der "Terrain-Gesellschaft Altglienicke“ begann um 1900 die planmäßige Erschließung des ehemaligen Ritterguts. Im Laufe der Zeit entstanden mehrere unterschiedliche Siedlungen, beispielsweise Preußensiedlung, Kosmosviertel, Ärztinnenviertel, Altglienicker Grund, Altglienicker Höhe. Die Siedlungsnamen "Grund" und "Höhe" beziehen sich auf die Höhenunterschiede an der Kante des Urstromtals. Einen ganz eigenen Charakter hat die Tuschkastensiedlung von Bruno Taut am Falkenberg, die wir bereits früher besucht haben.

Die Friedhöfe
Der Dorffriedhof von Altglienicke ist mehrfach gewandert, insgesamt gab es drei Begräbnisplätze in Folge. Anfangs befand er sich als Kirchhof an der Dorfkirche. Die Lage am Urstromtal führte vor dem Bau des Teltowkanals öfter zu Überschwemmungen, wobei gelegentlich Särge aufgeschwommen sind.

Deshalb wurde der Friedhof zur Köpenicker Straße "am Berg" verlegt und später für die Kolonisten um eine weitere Abteilung ergänzt. Als dieser Friedhof zu klein wurde, legte nicht mehr die Gemeinde, sondern die evangelische Kirche an der Straße "Am alten Friedhof" einen neuen Friedhof an, die alten Friedhöfe wurden stillgelegt.


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Im nördlich von Altglienicke und Adlershof liegenden Niederschöneweide waren durch die ständig fortschreitende Industrialisierung die Grundstücke begehrt und teuer, deswegen wich man 1910 bei der Anlage eines neuen Friedhofs auf Altglienicker Gebiet aus und legte die Begräbnisflächen an der Schönefelder Chaussee 100 an, immerhin 5 km vom eigenen Ort entfernt.

Die Feierhalle ist wie eine mittelalterliche "Dreikonchenanlage“ in Form eines Kleeblatts gestaltet, ihr Dreiecksgiebel ruht auf dorischen Säulen. Die daran anschließende viertelkreisförmige Säulenhalle schließt mit einem quadratischen Bauelement mit rundem Kuppelaufsatz ("Tambour", Trommel) ab. Soviel Architekturtheorie an einem Bau, da muss man erstmal durchatmen. Auch die Technik dieser Feierhalle ist besonders. Durch eine Sarghebeanlage im Keller wird der Totenschrein in die Friedhofskapelle hinaufgepumpt. Die Friedhofsfläche ist quadratisch angelegt. Der Bereich hinter der Trauerhalle war seit dem Mauerbau DDR-Sperrgebiet.

Landschaftspark Rudow-Altglienicke
Es ist ein ganz besonderes Erlebnis, im Naturschutzgebiet auf der Autobahn spazieren zu gehen. Der Zubringer zum Flughafen Schönefeld - A 113 - verläuft direkt auf der Grenzlinie zu Brandenburg für 304 Meter im Tunnel Altglienicke. Darauf wurde als Grünanlage der Landschaftspark Rudow-Altglienicke angelegt, eine "grüne Nichtmehrgrenze". Dort kann man jetzt laufen, radeln und skaten, so schön kann eine "naturschutzrechtliche Ausgleichsmaßnahme" für den Autobahnbau sein. Für die Nutzer auf Rollen und Rädern gibt es eine Asphaltpiste am Rande von Ackerwiesen, jungen Bäume und alten Hainen.


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Zwischen den beiden Friedhöfen sind mit dem Tunnel Rudower Höhe weitere 904 Meter der Autobahn überdeckt. Hier sind für die "Streuobstwiese Altglienicke" hochstämmiger Obstbäume wie Kirsche, Zwetschge, Apfel, Birne und Quitte gepflanzt worden. Der streng eingehaltene Abstand untereinander von jeweils 11 Metern soll die historische Nutzungsform einer Obstwiese nachbilden. Anders als in Wolf Biermanns Song "das war in Buckow zur Kirschblütenzeit" gehören hier die Bäume nicht der LPG, die Früchte können von den Besuchern geerntet werden.

Diese beiden Parkanlagen sind wirklich etwas ganz besonderes. Hat man die streng geometrische Pflanzung der Obstbäume durchschritten, dann geht der Blick in die endlos erscheinende Weite des Landschaftsparks. Die Koexistenz mit dem Autoverkehr kann man sich mit einem Lächeln vorstellen, mitbekommen wird man davon nichts. Spaziergangstipps gehören sonst nicht zu meinem Repertoire, hier würde ich eine Ausnahme machen.

In Adlershof sitzen wir am Platz der Befreiung zu unserem Flaniermahl. Der Platz erinnert der Legende nach daran, dass die Sowjetarmee (hier?) Deutschland von den Nazis befreit hat. Wir sitzen wohl das letzte Mal draußen in diesem Sommer und genießen Salat, Pasta und Wein in einer Trattoria.

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(1) Hier finden Sie unsere Besuche in den anderen "Glienicker" Ortsteilen:
> Groß-Glienicke
> Glienicker Park
> Glienicke-Nordbahn

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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