Bezirke
  ALLE ZIELE     Personen     Themen     Aktuell     Forum  
Charlottenburg-Wilmersdorf
Friedrichshain-Kreuzberg
Lichtenberg
Marzahn-Hellersdorf
Mitte
Neukölln
Pankow
Reinickendorf
Spandau
Steglitz-Zehlendorf
Tempelhof-Schöneberg
Treptow-Köpenick
Allgemein:
Startseite
Ich bin NEU hier
Hinweise
Kontakt
Impressum
Links
SUCHEN
Sitemap

Menschenfischer


Stadtteil: Köpenick
Bereich: Rahnsdorf
Stadtplanaufruf: Berlin, Rialtoring
Datum: 27. Mai 2013
Bericht Nr: 421



"Das Wasser war mein Sterbebett / Am Abend war mein letzter Tag
Vergebens rief ich: rette! rette! / Weil Niemand mich ertrinken sah
Da schlief ich dann in Angst und Pein / So nach und nach im Wasser ein"


Dieser Hilferuf an die Nachwelt steht auf einem großen eisernen Grabkreuz auf dem Rahnsdorfer Kirchhof, das 1863 an den mit 27 Jahren ertrunkenen Fischer Kahlenbach erinnert. Es könnte so gewesen sein, dass er "so nach und nach im Wasser einschlief", vielleicht war es aber auch ganz anders, was wissen wir Lebenden schon von den Toten? Der Spruch sollte zum Nachdenken und Mitfühlen anregen, und das hat er wohl auch getan. Der Fischermeister August Herrmann soll - beeindruckt durch das "Vergebens rief ich: rette! rette!" - zum Menschenfischer (1) geworden sein. Mehr als 100 Menschen soll Herrmann aus Seenot gerettet haben, als er bei Unwetter hinausfuhr, um nach Notfällen Ausschau zu halten. Dafür erhielt er auf königliche Anweisung eine Rettungsmedaille. Für sich selbst konnte Herrmann nicht so viel tun, die Berliner Zeitung schreibt, er sei 1915 "jämmerlich ertrunken, er konnte nicht schwimmen". An der Rahnsdorfer Kirche erinnert ein Gedenkstein an die uneigennützigen Taten von August Herrmann (2). Auch ein weiterer Menschenfischer wird hier gewürdigt: Karl Lupe, gestorben 1930, der 138 Schiffbrüchige gerettet hat. Sein Grabstein ist vom Rahnsdorfer Friedhof an der Füstenwalder Allee hierher umgesetzt worden, als die Liegefrist abgelaufen war.

Der Begriff "Fischermeister" verwundert mich, sonst wird doch überwiegend nur von "Fischern" gesprochen. Aber die höheren Weihen des Fischers - der jetzt "Fischwirt" heißt - gibt es immer noch, heute ist es der "Fischwirtschaftsmeister". Eine kurfürstliche "Ordnung der Fischerei auf dem Havelstrom und anderen Hauptgewässern" regelte seit 1551 die Fischereirechte, um Streitigkeiten zwischen den Fischern zu vermeiden, eine Überfischung zu verhindern und natürlich auch, um Abgaben in die kurfürstliche Kasse fließen zu lassen. Die Aufsicht wurde kurfürstlichen "Fischmeistern" übertragen, die sich zu Anfang Pritzstabeln nannten (wendisch: Pristaw = Aufseher). Fischmeister und Fischermeister unterscheiden sich also nicht nur durch zwei Buchstaben.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg gab es 1648 vierzehn Fischer in Rahnsdorf, heute sind es in ganz Berlin 14 hauptberufliche und 16 nebenberufliche. In Rahnsdorf verkauft der einzige Fischer des Müggelsees an der Dorfstraße im "Fischergut No. 13" an den Sommer-Wochenenden lebende und geräucherte Fische.

Mit den Fischern habe ich etwas vorgegriffen, denn unser heutiger Spaziergang begann am S-Bahnhof Wilhelmshagen, führte über Neu-Venedig ins alte Dorf Rahnsdorf an der Müggelspree und endete weit nördlich davon am S-Bahnhof Rahnsdorf. Wenn man kein Fahrrad mitnimmt, kann man die Tour - wie wir – nur zu Fuß machen, ein Bus fährt nur im letzten Abschnitt von der Fürstenwalder Allee zur S-Bahn.

Doch bleiben wir noch einen Augenblick im alten Dorf. Als Theodor Fontane es bei seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" zwischen 1859 und 1881 besucht hat, hat das Rundplatzdorf in seiner Struktur nicht anders ausgesehen als heute: die Dorfstraße führt als Schleife um die Kirche und wieder zurück, die niedrigen Bauernhäuser gruppieren sich um den Hügel, auf dem die Kirche steht. Nach einer Feuersbrunst 1873 waren Kirche und Wohnhäuser wieder aufgebaut worden, vermutlich war Fontane vorher hier, sonst hätte er das Feuer in seinem historischen Abriss erwähnt. Eine Wetterfahne wird gern mit einem Motiv verziert, das auf Besonderheiten des Ortes hinweist, hier an der Dorfkirche ist es ein Zander. Auch das Rahnsdorfer Wappen verwendet Fischereisymbole, ein Kescher in einem Fischkasten, das Wasser und die Sonne werden dargestellt.

Einen Fahrschein für eine Kurzstrecke muss man lösen, wenn man mit der BVG-Fähre von Rahnsdorf über die Müggelspree übersetzen möchte (2a). Paule III wird mit Muskelkraft angetrieben, es ist Berlins einzige Ruder-Fähre. Die Pläne, den Ruderer durch eine Motorfähre zu ersetzen, sind erstmal gescheitert. Das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt - das sich beim Landwehrkanal nicht gerade als Freund der Berliner profiliert hat - lehnt den Bau eines Anlegers für die Motorfähre ab. Die BVG schluckt und überlegt, wie es weitergehen soll.

Zu Rahnsdorf gehört die Kolonie Wilhelmshagen, an der unser Spaziergang begann. Die Terraingesellschaft "Deutsche Volksbau-Aktiengesellschaft" entwickelte 1891 an der Eisenbahnlinie Berlin - Frankfurt/Oder die Villenkolonie Neu-Rahnsdorf (seit 1902 Wilhelmshagen). Dazu gehörte natürlich der Bahnhof, denn ohne einen Bahnanschluss ließen sich die Grundstücke nicht vermarkten (3). Bald siedelte sich die Heilanstalt einer Berufsgenossenschaft hier an, mit einem Hauptgebäude wie ein Herrenhaus und mehreren Backsteinbauten, die im umgebenden Park verteilt sind. Um den Bahnhof und an der Straße zur Taborkirche entstanden Landhäuser und Gründerzeitvillen. Der Bahnhof selbst mit seinem niedrigen Fachwerkgebäude weckt eine Sehnsucht nach dem Vergangenen: Die Fahrtrichtungsanzeiger auf dem Bahnsteig werden manuell mit einem Gestänge aus der Ruhestellung hochgeklappt und eingerastet. Der körperliche Einsatz für den Stationsvorsteher hält sich aber in Grenzen, seit Jahren sind die Schilder "Erkner" und "Berlin" nicht mehr bewegt worden, schließlich fahren hier keine Züge in andere Richtungen. Das zusätzliche Schild "Vorortzug" bleibt im Köcher, auch "Westkreuz", "Charlottenburg" oder "Zoologischer Garten" werden nicht gebraucht. Die Richtungsangabe "Berlin" ist besonders schön, sind wir hier nicht in Berlin? Eine Richtungsangabe "nach Berlin" fanden wir auch am S-Bahnhof Sundgauer Straße (4), Berlin scheint ziemlich klein zu sein.

Wenn Kanäle ein Wohngebiet durchziehen, wird schnell die Assoziation mit Venedig hergestellt, zur Benennung als "Klein-Venedig" ist es dann nur ein kurzer Schritt. In Bamberg, Esslingen, Konstanz, Augsburg, Wolfenbüttel gibt es diese Venedigs, in Berlin in Tiefwerder und sogar zweimal in Köpenick: als Klein-Venedig eine Wohnanlage an der Wendenschloßstraße (Neptunweg/Nixenweg) und als Neu-Venedig im Rahndorfer Ortsteil Hessenwinkel. Hier wurden die sumpfigen Spreewiesen unterhalb des nicht mehr vorhandenen Gutshauses Fürstenwalder Allee Ecke Kuckucksweg 1926 durch Kanäle entwässert. Statt des ursprünglichen Namens "Neu-Kamerun" bürgerte sich schnell die Venedig-Assoziation ein und wurde zum offiziellen Ortsteilnamen. Sechs Inseln werden von fünf Kilometern Kanälen umflossen und durch 13 Brücken miteinander verbunden. Allerdings hat mein italophiler Mitflaneur am Rialtoring vergebens nach einer Brücke Ausschau gehalten, die wenigstens den Segmentbogen des Originals aus Venedig andeutet: es gibt sie nicht.

Die Neu-Rahnsdorfer Terraingesellschaft übernahm die Vermarktung der 374 Wassergrundstücke, die unabhängig vom Straßennamen durchnummeriert sind. Eigentlich sollten hier jetzt nur Datschen ohne Dauerwohnrecht stehen, aber von der Laube über das Einfamilienhaus bis zur Villa ist hier alles vertreten. Das ist nicht im Sinne des Hochwasserschutzes, der Neu-Venedig als Flutgelände festgelegt hat, um Berlin vor Hochwasser zu schützen. Vor vier Monaten hat der Senat gerade die Überschwemmungsgebiete neu definiert, der Einzugsbereich der Müggelspree mit Neu-Venedig ist dort genannt und auf einer Karte grundstücksgenau markiert. Die Straßen zwischen den Kanälen von Neu-Venedig sind 1934 mit dem Aushub des Gosener Kanals um einen Meter erhöht worden, Hochwasser bedroht deshalb vor allem die Grundstücke und Häuser. Der Pegelstand der Spree war schon einmal wegen eines Schleusenproblems so angestiegen, dass die wassernahen Grundstücke überschwemmt wurden. In diesen Tagen gibt es gerade Überschwemmungen südlich von Berlin an Schwarzer Elster, Spree und Dahme, Hochwasseralarm ist bis zur Landesgrenze von Berlin ausgerufen worden. "Hochwasser rollt die Spree hinab. Nur ein Staudamm schützt Berlin vor Flut-Katastrophe" titelt die Bild-Zeitung. "Ruhig Blut, Brauner" sagte der Kutscher, so schlimm wird es wohl nicht kommen.

"In Berlin treten Hochwasser mit Folgen für die Bevölkerung selten auf. Dadurch ist das Bewusstsein für Hochwassergefahren eher gering", schreibt die Umweltverwaltung. Dass es früher anders war, ist aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Die Panke, die durch Pankow und Wedding fließt und in den Schiffbauerdamm mündet (5), hat mehrfach verheerende Schäden angerichtet. 1830 wurde die Pankower Papiermühle (lag im heutigen Bürgerpark) durch ein Hochwasser zerstört, 1888 wurde in der Schulzendorfer Straße ein Hinterhaus durch die Fluten weggerissen, 1899 durchbrach die Panke eine Grundstücksmauer an der Chausseestraße Höhe Liesenstraße, 1902 riss das Panke-Hochwasser Brücken aus der Verankerung. Kanalisiert, begradigt und vertieft, eingemauert, überbaut und verrohrt, zwischen Gebäuden eingezwängt, blieb die Panke ein gemächlich dahin plätschernder Fluss, solange nicht Schneeschmelze oder Wolkenbrüche sie zum reißenden Ungeheuer machten. Inzwischen wird das Panke-Ufer soweit möglich zu einem Grüngürtel zurück gebaut, Auffangbecken zum Hochwasserschutz wurden angelegt, der Nordgraben (6) leitet Wasser zum Tegeler See ab. Der Querschnitt des Flussbetts wurde verbreitert, hierfür musste die Gerichtsstraßenbrücke mit größerer Spannweite neu gebaut werden. Als die Panke 1980 wegen schwerer Regenfälle Hochwasser führte, reichten zusätzliche Sandsäcke aus, um Schäden zu verhindern.

Auch die Spree erreichte mit hohem Wasserstand die Innenstadt. Im März 1583 führte sie Hochwasser, im März 1670 riss das Spreehochwasser die Schleuse am Stralauer Tor (zwischen Jannowitzbrücke und Mühlendammbrücke) weg. 1674 wurden gegen das Hochwasser von Spree und Panke zwei Dämme an der Friedrichstraße nördlich der Spree angelegt am heutigen Schiffbauerdamm.

Ein verheerendes Unwetter traf Berlin im April 1902, die gesamte Innenstadt wurde überschwemmt. Besonders betroffen waren Yorkstraße und Friedrichstraße, wie alte Abbildungen zeigen. Die Wolkenbrüche waren so stark, dass sie Häuser zum Einsturz brachten und Straßen unterspülten. Die Straßen wurden bis zu einer Höhe von einem Meter überflutet. Eine Karrikatur zeigt: Wer kein Fuhrwerk fand, konnte sich vielleicht über die Friedrichstraße tragen lassen, das kostete sechs Dreier für Dicke, einen Groschen für die Dünnen.

Zurück zu unserem Spaziergang. Wie man aus einem S-Bahnabteil einen Schlafwagenplatz macht, haben wir auf der Rückfahrt nach Berlin - Verzeihung, in die Innenstadt - gesehen. Ein junger Mann hatte ordentlich seine Schuhe ausgezogen, die Füße auf der gegenüberliegenden Sitzbank abgelegt und schlief tief und fest. Verpassen konnte er nichts, am Ostkreuz wenden die Züge aus Erkner und fahren wieder zurück.

-----------------------------------
(1) Auch Petrus wurde vom Fisch-Fischer zum Menschenfischer, so wird es jedenfalls im Lukas-Evangelium beschrieben. Er zog sie nicht aus dem Wasser wie August Herrmann, sondern bekehrte sie in ihrem Glauben. Mehr als 2 Milliarden Christen sollen heute auf der Erde leben, wahrlich ein gelungener Fischzug.

(2) Die Geschichte des Menschenfischers August Herrmann ist von Willi Wohlberedt beschrieben worden. Wohl-beredt, was für ein passender Name! Willi Wohlberedt - im Hauptberuf AEG-Angestellter - hat zu mehr als 5.200 Berliner Gräbern Kurzbiographien der Verstorbenen verfasst, ein Standardwerk in 4 Bänden, überwiegend im Selbstverlag herausgegeben. Er hatte mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen: Die Nazis nahmen ihm übel, dass er auch Juden und Marxisten in "Den Wohlberedt" aufnahm, aufgenötigt wurden ihm "Nazi-Helden" wie umgekommene SA-Männer, sein Archiv wurde im Bombenkrieg zusammen mit seiner Wohnung zerstört, letzte Recherchen und Manuskripte verschwanden beim Einmarsch der Roten Armee aus seinem Bankschließfach, schließlich zog er aus Berlin weg.

(2a) Mit der Fähre landet man in Müggelheim: Heim für Kolonisten und für Ausgebombte
(3) Mehr über Terraingesellschaften: Terraingesellschaften
(4) Richtungsangabe "nach Berlin" am SBhf. Sundgauer Straße: Deutscher und amerikanischer Heimatstil
(5) Mehr über die Panke: Panke
(6) Mehr über den Nordgraben: Nordgraben


--------------------------------------------------------------
... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
--------------------------------------------------------------


--------------------------------------------------------------
... und hier sind weitere Bilder ...
--------------------------------------------------------------


Köpenicker Stadtwappen in Aktion
Tauben im Paradies