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Fliegen ist notwendig. Leben nicht


Stadtteil: Treptow
Bereich: Johannisthal
Stadtplanaufruf: Berlin, Segelfliegerdamm
Datum: 2. Juni 2014
Bericht Nr.: 465

Mit dem Flugplatz Johannisthal verbinden sich die Lebengeschichten von zwei willensstarken Menschen, die trotz vielfacher Anfeindung ihren Weg konsequent gegangen sind. Melli Beese erwarb als erste Frau einen Pilotenschein und baute Flugzeuge. Arthur Müller gründete den ersten Motorflugplatz Berlins und die zweitgrößte Flugzeugfabrik im Deutschen Reich.

Melli Beese war mit 20 Jahren zum Studium der Bildhauerei nach Schweden gegangen, anschließend hörte sie in Dresden Vorlesungen in Mathematik, Mechanik, Schiffbau und Flugmechanik und versuchte, bei Albatros und anderen Flugzeugwerken in Johannisthal Flugstunden zu nehmen. Erst der dritte Fluglehrer erklärte sich widerwillig bereit, sie anzunehmen. Auf dem zweiten Flug stürzte das Flugzeug aus niedriger Höhe ab, Melli Beese brach sich einen Knöchel und wurde danach lebenslang abhängig von Morphium, das man ihr gegen die Schmerzen verabreicht hatte. Bei den Rumpler-Werken fand sie einen neuen Fluglehrer - der alte war ihr nach dem Absturz nicht mehr gewogen. Auch der neue sabotierte nach Kräften, sagte Flüge wegen angeblicher technischer Probleme ab und fand den lebensgefährlichen "Streich" nicht schlimm, die Verspannung der Tragflächen zu lösen, was sie glücklicherweise vor dem Aufsteigen bemerkte. Bei ihrer ersten Prüfung setzte der Motor in der Luft aus, der Benzintank war sabotiert worden. An ihrem 25.Geburtstag schließlich konnte sie sich 1911 die Pilotenlizenz erfliegen.

Obwohl als Pilotin unerfahren, erreichte sie bei den Johannisthaler Herbstflugwochen mehrfach Platzierungen, außerdem einen Weltrekord im Dauerfliegen für Pilotinnen mit gut 2 Stunden sowie einen Höhenweltrekord für Pilotinnen mit 825 Metern. Schließlich gründete sie eine eigene Flugschule und entwickelte das Flugzeug „Rumpler-Taube“ zur „Beese-Taube“ weiter. Ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs heiratete sie einen französischen Kollegen und nahm seine Staatsbürgerschaft an - ein verheerender Fehler, denn mit Kriegsbeginn wurden sie als Feinde interniert, ihre Fabrik und Flugzeuge eingezogen. Nach dem Krieg konnte sie nicht wieder Fuß fassen. „Fliegen ist notwendig. Leben nicht“ hinterließ sie als Botschaft bei ihrem Selbstmord mit 39 Jahren (1).

Zwischen Segelfliegerdamm und dem ehemaligen Flugplatz Johannisthal liegt ein ausgedehntes, heute verfallenes Fabrikgelände. Hier wurden ab 1908 von der Luftverkehrsgesellschaft (LVG) Flugzeuge gebaut. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs waren hier 3.000 Arbeiter beschäftigt, 5.640 Flugzeuge wurden in der Kriegzeit produziert. Arthur Müller, der Inhaber der LVG, hatte schnell die Chancen der Luftfahrt erkannt. Früher hatte er Futter- und Düngemittel vertrieben und selbst ein spezielles Futtermittel erfunden. Danach entwickelte und baute er Scheunen in Leichtbauweise, die Landwirten als Lagerraum dienen konnten. Die Hallen wurden patentiert, bis zur Verwendung als Flugzeughallen war es nur ein kleiner Schritt. Für die Internationale Luftschifffahrt-Ausstellung Frankfurt 1909 baute er die Luftschiffhallen, der Kontakt zur Luftfahrtindustrie war hergestellt.

Da sich die zivilen Flieger von der Abhängigkeit der Militärflugplätze lösen wollten, entwickelte und errichtete Müller den Flugplatz Johannisthal. Seine Terraingesellschaft „Tagafia“ bekam einen Teil des Flugplatzgeländes von den Gemeinden Johannisthal und Adlershof kostenfrei zur Verfügung gestellt, das Projekt wurde durch "Allerhöchste Kabinettsorder" und "Ministerialerlaß" gefördert. Angrenzend an den Flugplatz baute Müller seine Flugzeugfabrik (1a). Der Flugzeugkonstrukteur und spätere Industrielle Ernst Heinkel arbeitete bei der LVG, bevor er um die Ecke zu den Albatros Flugzeugwerken wechselte, dem größten deutschen Flugzeugwerk, das bis Ende des Ersten Weltkriegs mehr als 10.300 Flugzeuge baute. Rund um den Flughafen hatte sich ein Cluster von Flugzeugfabriken angesiedelt, auch Rumpler gehörte dazu.

Arthur Müller war wegen der staatlichen Protektion seines Flugplatz-Projekts vielen - auch antisemitischen - Angriffen ausgesetzt, er wurde als Spekulant und Betrüger beschimpft. Die Finanzzeitschrift "Die Bank" schrieb mehrere tendenziöse Artikel, sogar Lenin hat in seiner Schrift "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus" diese Flughafengründung als Beispiel herangezogen. Müller versuchte, sich mit einer eigenen Publikation zu wehren.

Als Unternehmer ließ er sich nicht dadurch beirren, dass mit dem Versailler Vertrag nach dem Ende des Ersten Weltkriegs der Flugzeugbau zu Ende ging und der Flugverkehr sich von Johannisthal nach Tempelhof orientierte. Er verkaufte den Flugplatz Johannisthal und gründete die „Ambi-Werke“, einen Mischkonzern, der genauso im Automobilbereich wie im Baubereich eindrucksvolle Erfolge erzielte. Die "Ambi-Massiv-Bauweise" stelle ich weiter unten im Zusammenhang mit der Waldstraße vor. Ein weiteres Geschäftsfeld war der Karosseriebau, wobei Müller den amerikanischen Partner Budd mit ins Boot nahm. Man presste Ganzstahlkarosserien, als Mercedes noch Holzrahmen verwendete, arbeitete mit Autofirmen wie Ford, Opel, Audi, Horch zusammen. Der erste BMW, ein Dixi, ist 1929 in Johannisthal gebaut worden und die Ganzstahlkarosserien der Folgemodelle kamen auch von „Ambi-Budd“. Nach dem Zweiten Weltkrieg produzierte in den Werkshallen der VEB Kühlautomat Kühlschränke und Kompressoren und Gefriertechnik für die russische Fischfangflotte. Seit 1996 liegt das Gelände brach.

In Johannisthal hatte Arthur Müller seine größten Erfolge gefeiert, hier war er Zielscheibe von Schmähungen geworden, und hier vollendete sich sein Leben: Auf dem Firmengelände am Segelfliegerdamm verunglückte Arthur Müller 1935, ein Bein musste amputiert werden, er starb an der Verletzung. Seine Witwe emigrierte in die USA, die Asche von Arthur Müller nahm sie mit und bestattete sie endgültig auf einem Friedhof in Queens/New York.

Die Albatros Flugzeugwerke in Johannisthal an der "Straße am Flughafen" fanden nach dem Ende des Flugzeugbaus eine andere Nische zum Überleben. Die beiden Werkshallen wurden in das "größte Filmatelier der Welt" umgebaut, das Jofa-Atelier. Hier drehte beispielsweise Friedrich Wilhelm Murnau 1922 den Stummfilm "Nosferatu, eine Symphonie des Grauens" nach dem Dracula-Motiv. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte die DEFA den Atelierbetrieb fort. Wolfgang Staudtes Film "Die Mörder sind unter uns" mit Hildegard Knef entstand hier als erster Nachkriegsfilm und der russische Film "Iwan der Schreckliche" wurde hier synchronisiert. Das DEFA-Synchronstudio hat sogar die Wende überlebt, erst mit dem Zusammenbruch der Kirch-Gruppe wurde das Studio geschlossen.

Auf einem Wandgemälde im Rathaus Johannisthal war Friedrich der Große als Kolonisator dargestellt. Tatsächlich ist der Ort um 1750 als Kolonie durch Ansiedlung von Seilern aus der Pfalz entstanden. Hier wie in Adlershof und anderswo trieb der König damit die "Peuplierung" seines Landes voran, indem er Zuwanderer willkommen hieß, die dann mit ihren speziellen Kenntnissen die Entwicklung voranbrachten (2). An der Winckelmannstraße begann die Entwicklung des Dorfes, dort sind noch wenige Reste von Bauernhöfen und Stallungen zu finden.

Einen eigenen Bahnhof bekam Johannisthal 1866, die Züge hielten - anfangs nur sonntags - am "Neuen Krug", dem heutigen Bahnhof Schöneweide. Am Güterbahnhof fuhr später die "Bullenbahn" ab. Mit dem Bahnanschluss kamen viele Berliner in den Ort, der achtzehn Jahre später zum Luftkurort "Bad Johannisthal" wurde. Ein Villenensemble mit einer Warmbadeanstalt und der Villa "Bella Vista" entstand am Sterndamm. Entworfen wurden sie von Maurermeistern, die oft an Baugewerkschulen ausgebildet worden waren und damit ähnliches Wissen wie Architekten hatten (3).

An der gegenüberliegenden Straßenseite stand das Kurhaus mit Kurgarten und einem Restaurant ("Kaiser-Wilhelm-Garten"). Vielleicht versiegte die Heilquelle oder die Luftqualität verschlechterte sich durch die Fabriken am Flughafen, jedenfalls kam bald das Aus für den Kurort. Den Ballsaal des Restaurants nutzten jetzt die Marineflieger als Offizierskasino, später wurde ein Kino daraus und dann - eine Kirche, die als solche aufgrund der Gebäudeform erst auf den zweiten Blick erkennbar ist.

Zwischen Oststraße und Weststraße entstand in den 1920er Jahren die "Kleinhaussiedlung Johannisthal" als Gartenstadt, ein Teil der Häuser stammt von Bruno Taut (4). Er setzte hier wie bei vielen seiner anderen Bauten Farbe als Ornament ein. Seine Doppelhäuser haben geschossweise unterschiedliche Farbflächen, unterteilt mit Backsteinbändern, so dass sich eine beherrschende horizontale Gliederung ergibt. An der Mühlbergstraße baute Paul Mebes (5) 1910 für den Beamten-Wohnungsverein auf einem dreieckigen Grundstück einen Mietwohnungskomplex mit Zwei- bis Zweieinhalbzimmer-Wohnungen, die "Wohnanlage Johannisthal".

An der Waldstraße steht eine Gruppe von Doppelhäusern, die in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich sind. Es ist ein Projekt von Bauproduktivgenossenschaften, in denen sich Bauarbeiter zur Wohnungsversorgung organisierten ähnlich wie die Verbraucher in Konsumgenossenschaften (6). Die Idee der Bauproduktivgenossenschaften geht auf den Berliner Stadtbaurat Martin Wagner (7) zurück, der damit einen Gegenpol zur privaten Wohnungswirtschaft schaffen wollte, im Wesentlichen aber zumindest die Bauprozesse rationalisieren half. So sind diese Häuser in der Waldstraße in der "Ambi-Massiv-Bauweise" errichtet worden, die in einem Unternehmen von Arthur Müller (Gründer des Flughafens, siehe oben) entwickelt wurde. Die Hohlwände aus Beton-Fertigelementen können mit Koksasche, Schlacke, Kies, Torfmull zur Wärmedämmung und Schallisolierung aufgefüllt werden.

Die Doppelhäuser an der Waldstraße haben durch abgerundete Doppelbalkone und gewölbte Walmdächer einen expressionistischen Ausdruck. In diesen Häusern wohnten Friedrich Ebert und Prof. Dr. Bernhard Grzimek, Gregor Gysi ist hier aufgewachsen. Der Designer Luigi Colani, der ebenfalls in Johannisthal seine Kindheit verbracht hat (wenn auch vielleicht nicht in der Waldstraße), soll nach eigener Aussage den gestalterischen Impuls vom nahen Flugplatz gespürt haben. Da manche seiner Produkte trotz außergewöhnlicher Form im täglichen Gebrauch Schwächen aufweisen, hat er vielleicht nicht über den Zaun schauen können, wie in den Flugzeugwerken Form und Funktion zusammengebracht wurde.

Und noch einen außergewöhnlichen Bau finden wir in Johannisthal in der Engelhardstraße. Viergeschossig mit 18 Fensterachsen, freistehend, verputzt, Flachdach, über den beiden repräsentativen Eingängen Reliefs, wie sie als Bauschmuck bei Schlössern, Residenzen und Bürgerhäusern beliebt sind. Es ist ein Versuchsplattenbau der Deutschen Bauakademie der DDR aus den 1950er Jahren, darauf muss man erstmal kommen (8). Die Platten sind unter dem Putz verborgen, und zwar von Anfang an und nicht so wie bei den jetzt sanierten Plattenbauten mit einer draufgepappten Dämmschicht, deren Wirkung (und Nebenwirkung) umstritten ist.

Unser Besuch in Johannisthal war keine Irrfahrt, trotzdem lassen wir uns vom Namen der Taverna Odyssee nicht stören und nehmen hier unser Flaniermahl zu uns, erfreut, mal wieder einen Griechen zu finden, denn die griechischen Lokale scheinen sich in Berlin rar zu machen.

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(1) Mehr über Melli Beese: Beese, Melli
(1a) Die andere Seite von Johannisthal: Fliegen als Grober Unfug
(2) Ansiedlung von Kolonisten: Süßer Grund in Adlershof
(3) Maurermeister als Architekten: Doppel-Dorf überwindet zweifelhaften Ruf
(4) Architekt Bruno Taut: Taut, Bruno
(5) Architekt Paul Mebes: Mebes, Paul
(6) Beispiel einer Konsumgenossenschaft: Rittergut Lichtenberg
(7) Stadtbaurat Martin Wagner: Wagner, Martin
(8) Plattenbauten: Plattensiedlungen


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Süßer Grund in Adlershof
Ein Weg wird zur Straße