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Berlin an der Dahme


Stadtteil: Köpenick
Bereich: Grünau
Stadtplanaufruf: Berlin, Regattastraße
Datum: 20. August 2018
Bericht Nr.: 628

Mit dem Bummelzug kann man an Berlins östliches Ende nach Grünau fahren. Mit Bummelzug meine ich nicht die Uferbahn der BVG, die im rasanten Schwung alle Kurven auf der Strecke nach Schmöckwitz meistert, sondern die S-Bahnzüge der Baureihe 485. Die Züge mit der geteilten Frontscheibe dürfen auf der Ringbahn nicht mehr fahren, weil hier moderne Signalanlagen ("Zugbeeinflussungssysteme") eingebaut wurden. Aber auf den Vorortstrecken wie nach Grünau fahren sie weiter im gemächlichen Tempo, auch wenn's mal 10 Minuten später wird.

Die Baureihe 485 ist der letzte Zugtyp, den die DDR aufs Gleis gesetzt hat. Anfangs rundum rot lackiert, bekamen die Züge den Spitznamen "Cola-Dose". Nach der Wende auf West-S-Bahn getrimmt, wurden sie zweimal ausgemustert und jedes Mal wieder reaktiviert ("ertüchtigt"). Zwischendurch fuhren sie wegen unzulässiger Radsätze fünf Jahren ohne Zulassung, aber das fiel kaum auf. Jetzt haben sie eine Galgenfrist bis 2023. Mal sehen, wie lange die Triebfahrzeugführer/innen noch durch die geteilte Frontscheibe schauen müssen.

Vom S-Bahnhof zur Regattastrecke
Beim Verlassen des Bahnhofsgebäudes kann man den martialischen Gedenkstein nicht übersehen, der an die Köpenicker Arbeiter erinnert, die beim Kapp-Putsch ihr Leben ließen. Im März 1920 versuchten frustrierte Militärangehörige, die demokratisch legitimierte Weimarer Republik zu beseitigen. Auslöser war die Umsetzung des Versailler Vertrages, der die Reichswehr nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg auf 100.000 Berufssoldaten begrenzte und den aus Freiwilligen bestehenden Freikorps ganz verbot. Der Reichswehrminister musste unter anderem rund 200.000 Freikorpssoldaten entlassen. Dagegen putschte die "Marinebrigade Ehrhardt". Die Putschisten wollten Kapp als Reichskanzler einsetzen. Durch den größten Generalstreik in der deutschen Geschichte ("Die deutsche Republik ist in Gefahr") konnte der Umsturz verhindert werden.

Geht man vom Gedenkstein Richtung Regattastrecke, dann kommt man nach wenigen Schritten - ist das hier Großstadt? - durch ein ausgedehntes Waldgebiet, in dem einzelne Flecken bebaut sind. Zwischen Libboldallee und Büxensteinallee liegt der historische Kern von Grünau. Der Namensgeber Libbold gehörte zu den Pfälzer Kolonisten, die Friedrich der Große um 1750 hier angesiedelt hat, genau wie in Müggelheim. Knapp 20 Jahre später folgten Tagelöhnerfamilien aus Böhmen. Heute gehören diese Grundstücke zum Ortsteil Grünau-West, der sich nach Norden ausdehnt und an Bohnsdorf angrenzt.

Der Ortsteil Grünau-Ost, der ebenfalls von Wald umgeben ist, schließt an die Revierförsterei Grünau an. Und dann gibt es noch ein bebautes Fleckchen mit der Gaststätte Hanffs Ruh an der ehemaligen Landstraße nach Schmöckwitz, die heute ein breiter Waldweg ist.

An die Siedlung Grünau-Ost grenzt der Waldfriedhof Grünau an, der nur teilweise belegt ist. Hier findet man das Grab des Metallkünstlers Fritz Kühn, dessen Atelier und Wohnhaus sich auf der anderen Seite der Bahn befinden. Unerwartet ist die Grabskulptur nicht aus Metall, stattdessen sind für ihn und seine Frau niedrige Steinstelen aufgestellt worden. Man soll sich eben kein "passendes" Grabmal nach der Biografie eines Menschen ausdenken, das hatte ich schon beim Friedhof Lankwitz erfahren.

Berlin liegt an der Spree? Hier liegt es an der Dahme, die als Langer See Grünau flankiert. Die Spree mäandert sich weiter nördlich zum Müggelsee und entwickelt sich dann an der Köpenicker Altstadt vorbei zur Berliner Lebensader, doch die Wettbewerbe an der Regattastrecke finden auf der Dahme statt.

Die Regattastrecke
Einen Bahnanschluss an der Görlitzer Eisenbahn bekam Grünau 1866. Damit entdeckten die Berliner es als Naherholungsgebiet. Das Wettkampfrevier an der Dahme eröffneten die Segler 1868 mit einer Segelregatta. Die erste private Ruderregatta wurde 1878 gefahren mit dem "Büxenstein-Achter". Zwei Jahre später wurde die Regattastrecke offiziell eröffnet, nach weiteren zwei Jahren begannen bereits alljährlich Ruderwettkämpfe. Bootshäuser und Gastwirtschaften siedelten sich an der Dahme an, Berliner bauten ihre Villen und Landhäuser in Grünau. Bei den Olympischen Spielen 1936 fanden die Kanu- und Ruderwettkämpfe an der Regattastrecke in Grünau statt. Dafür hatte man 1935 die Tribüne von 1899 erneuert. Zur Zeit wird der Bau entkernt und saniert.

Das älteste Bootshaus an der Dahme wurde 1902 mit kaiserlicher Förderung erbaut: Das Vereinshaus des “Akademischen Rudervereins zu Berlin“ ist ein markanter Bau mit einer Holzschindelfassade. Seit DDR-Zeiten trainiert hier der Ruderclub Turbine Grünau. Nebenan errichtete der Ruder-Club Borussia 1905 einen mächtigen Bau mit symmetrischen Ecktürmen als Bootshaus. Der Berliner Segler-Club, der 1868 die erste Regatta auf der Dahme veranstaltete, weihte 1904 sein Clubhaus ebenfalls an der Regattastraße ein.


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Deutsches Sportdenkmal
Leeren Denkmalsockeln sind wir in Berlin schon mehrfach begegnet. Karl Liebknecht sollte auf einem Sockel am Potsdamer Platz stehen, doch dazu kam es nicht. In Waidmannslust fehlt eine Bismarckstatue, der vorgesehene Hohlraum ist leer. In Grünau ist der "Platz des Deutschen Sportdenkmals" komplett verwaist, nicht einmal ein Stein blieb übrig vom Sockel, aber das soll sich bald ändern.

Die Aktivität der vielen Wassersportvereine wurde 1898 durch das Deutsche Sportdenkmal geehrt, das direkt am Wasser an der Sportpromenade gegenüber der 1.000-Meter-Marke errichtet wurde. Dass der Schöpfer des Denkmals ein Burgenfreak war, ist seinem Werk anzusehen. Auf einem pyramidenförmigen Sockel aus Natursteinen thronte eine Krone aus Sandsteinquadern. Der Architekt Bodo Ebhardt war Burgenforscher, Burgenrestaurator, Gründer und Präsident der Deutschen Burgenvereinigung und er lebte auf einer Burg.

Die Natursteine für den Sockel hatten mehr als 300 Sportvereine aus ganz Deutschland gespendet, Vereinsnamen und Orte waren eingraviert. Das 15 Meter hohe Denkmal war Kaiser Wilhelm I. gewidmet: "Wilhelm dem Großen / Der Deutsche Sport". Zur DDR-Ideologie passten weder die Verehrung des Kaisers noch die Ortsnamen aus den deutschen Ostgebieten und aus Westdeutschland. Acht Millionen Jugendliche aus aller Welt wurden 1973 zu den X. Weltfestspielen in die DDR erwartet, da störte ein solcher Hinweis auf die Vergangenheit, deshalb hat man das Denkmal kurzerhand abgerissen.

Jetzt soll am alten Platz wieder ein Sportdenkmal entstehen, aber in neuer Gestalt. Es soll ein politisches Einheitsdenkmal sein, aber auch den heterogenen heutigen Sport widerspiegeln. Der Wettbewerbsbeitrag, auf den sich die Beteiligten einigen konnten, sieht den Schriftzug "Wasser kennt keine Grenzen" vor, der aus mehr als mannshohen, gleichförmigen Großbuchstaben so aufgestellt wird, dass er sich im Wasser spiegelt.


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Ob die Planer jeder Mut verlassen hat? Das Geld kommt vom Lotto. Jeder, der beim Lottospielen nichts gewonnen hat, kann sich mitschuldig fühlen an diesem phantasielosen Denkzeichen.

Rundfunk aus dem Bootshaus

Zu den Bootshäusern, die entlang der Regattastraße entstanden sind, gehört das 1929 erbaute Bootshaus der Danatbank, ein Gebäude mit expressionistischer Fassade und halbrundem Portalvorbau. Die Danatbank, die das Haus für ihre Mitarbeiter errichten ließ, war trotz ihres fremdländisch klingenden Namens ein deutsches Geldhaus: Der Name ist abgekürzt aus "Darmstädter und Nationalbank". Sie war eine der größten Geschäftsbanken der Weimarer Republik mit "systemischer Bedeutung", die man nicht einfach fallen lassen konnte, auch wenn sie eine zutiefst unsolide Geschäftspolitik betrieb.

Als sie 1931 wegen Zahlungsunfähigkeit ihre Schalter schließen musste, erschütterte das das Vertrauen in das deutsche Bankensystem und löste eine Abhebe-Welle bei allen Banken aus. Die Regierung drängte zur Fusion mit der Dresdner Bank und übernahm drei Viertel des Kapitals, damit war die Bank zum größten Teil in Staatsbesitz. Steinbrück und Merkel brauchten 2008 nur nachzulesen, wie man eine Finanzkrise bewältigt. "Die Sparer haben nichts zu befürchten", beruhigte Steinbrück. Stimmt, die Sparer nicht, aber die Steuerzahler.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kamen jahrelang die Sendungen des Ost-Berliner Senders aus dem "Haus des Rundfunks" in der Masurenallee in West-Berlin. Als die britische Besatzungsmacht das unterbunden hatte, musste schnell ein Ersatzbau in Ost-Berlin gefunden werden. Zunächst wurde hierfür das Danat-Bootshaus umgebaut, bevor der Sender 1952 in der Nalepastraße seinen endgültigen Standort fand. Im Funkhaus Grünau wurden drei Regieräume und ein Schaltraum eingerichtet, der jedoch keine akzeptable Akustik hatte.

Nach Aufgabe des Standortes sendete aus Nebenräumen des ehemaligen Funkhauses der geheime Propagandasender "Deutscher Soldatensender 935" sein Programm, das die Bundeswehrangehörigen verunsichern und ideologisch beeinflussen sollte. Natürlich hatte auch die Bundesrepublik beim Rundfunkbataillon „990“ einen Propagandasender, der sich gegen den Osten richtete. Im Zuge von Willi Brandts Entspannungspolitik stellten beide Seiten 1972 ihre Propagandasendungen ein.

Gesellschaftshaus und Hotel Riviera
"Vorsicht, Ruine" steht an dem verbarrikadierten Eingang. "Denkmal" hat jemand daneben gesprüht mit dem typischen Wappenschild: Quadrate in ultramariner Farbe auf weißem Grund. Diese Kennzeichnung ist 1954 durch die "Genfer Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten" eingeführt worden. Damit soll Kulturerbe während eines Krieges vor Zerstörung, Beschädigung, Diebstahl und Plünderung geschützt werden.


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Für Feindseligkeiten gegen Denkmale in Friedenszeiten scheint es keinen vergleichbaren Schutz zu geben. Renditegierigen Investoren, die Denkmale verfallen lassen, um aus dem unbebauten Grundstück finanziellen Profit zu schlagen, scheint man nicht beikommen zu können.

In der Bundesrepublik sind Denkmale seit 1975 durch das Denkmalgesetz geschützt. Das ist kein absolutes Recht, es wurde lediglich eine Veränderungssperre eingeführt. Die Behörden kümmern sich bei "lebenden" Denkmalen mit Akribie um die Erhaltung der kleinsten Kleinigkeit, gegen die Verwahrlosung von ganzen Denkmalbereichen sind sie faktisch machtlos.

Das ehemalige Hotel-Restaurant Riviera an der Regattastraße 161 und das Gesellschaftshaus Nr. 167 waren bei unserem letzten Besuch 2009 schon arg heruntergekommen. In den imposanten Ballsaal des Hotels konnten wir noch hineinschauen. Danach wurden die Häuser blickdicht eingeschlossen und verkommen weiter. Dem ersten - türkischen - Investor wurden im Kaufvertrag keine denkmalpflegerischer Auflagen gemacht. Inzwischen hat ein neuer Projektentwickler die Grundstücke übernommen, der speziell barrierefreie Wohnungen herstellt. Seniorenwohnungen am Ufer der Dahme anstelle der historischen Bauten? Der Verein "Riviera retten" der AG Ortsgestaltung kämpft immer noch für die Erhaltung der Denkmale.



Auf dieses Flanierziel hat uns eine Newsletter-Bezieherin aufmerksam gemacht, vielen Dank. Leider konnten wir das von ihr vorgeschlagene Café Liebig mit der Jugendstileinrichtung nicht für unser abschließendes Flaniermahl besuchen, montags ist Ruhetag.


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Unsere Route:
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Obstwiesen und Park auf der Nichtmehrgrenze