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Industrie -- Gründer, Investoren und Renditejäger


Stadtteil: Steglitz, Zehlendorf
Bereich: Goerzallee, Schönow
Stadtplanaufruf: Berlin, Beeskowdamm
Datum: 17. Juli 2017
Bericht Nr.: 593

Als kurz nach 1900 der Teltowkanal gebaut wurde, war das Schicksal des Dorfes Schönow besiegelt. Die Ansiedlung westlich des Teltower Damms und das Rittergut östlich davon fielen einem Spekulationsstrudel zum Opfer, heute erinnert nur noch der Straßenstummel Alt-Schönow an das 1299 gegründete Dorf "an einer schönen Au“. Gegenüber haben ein Getränkemarkt, ein Biomarkt und Lidl den Platz des Ritterguts eingenommen.

Der Kanalbau war große Ingenieurkunst, bei Teltow mussten der Schönower See und der Teltower See trocken gelegt werden, da die Bäke als Basis des Kanals tiefer lag. Vom Teltower See blieb immerhin der Zehlendorfer Stichkanal übrig. Mit einer Schleuse in Kleinmachnow wurde der unterschiedlich hohen Wasserspiegel zwischen Spree und Havel von knapp drei Metern ausgeglichen.

Die Familie Besckow war der letzten Rittergutsbesitzer in Schönow. Ihr Name taucht - falsch geschrieben - im Beeskowdamm wieder auf. Die Erben Besckow verkauften das Gut 1894, doch schon während des Kanalbaus erzielten Spekulanten beim Weiterverkauf das Vierfache des ursprünglichen Preises. Ein Bankier erkannte das Potenzial der Lage am Wasser und ließ eine Industriebahn von Lichterfelde-West zur Goerzallee bauen, wo er Gewerbegrundstücke gekauft hatte. 1905 zogen Pferde die Waggons, danach wurden sie durch Lokomotiven ersetzt. Später schloss der Industrielle Goerz die Bahn an sein neues Goerzwerk an, seitdem heißt die Industriebahn umgangssprachlich "Goerzbahn".

Das alte Siedlungsgebiet von Schönow verschwand vollständig. 1904 baute die Elberfelder Papierfabrik ihren Produktionsstandort an der Wupperstraße auf, 1917 folgte das Goerzwerk an der Teltower Straße, der heuteigen Goerzallee. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs bündelte Telefunken seine Produktion, Entwicklung und Verwaltung in einem Neubaukomplex weiter östlich an der Goerzallee. Um ihre Mitarbeiter in der Nähe der Fabriken unterzubringen, wurde für Telefunken eine Wohnsiedlung für mehrere tausend Bewohner jenseits des Teltower Damms erbaut, Goerz baute ein paar kleine Häuschen am Stichkanal.

Spinnstofffabrik Zehlendorf
Aus dem ersten Industriebetrieb - der Elberfelder Papierfabrik Actien-Gesellschaft - wurde in den 1930er Jahren die "Spinnstoffabrik Zehlendorf", von den Anwohnern nur "Spinne Zehlendorf" genannt. Direkt am Stichkanal gelegen, wurde das Fabrikgelände an zwei Seiten von der Industriebahn umfasst, ein idealer Standort. Hier wurde Kunstseide und Zellwolle produziert, damit machte man sich von Baumwolle-Importen unabhängig. Eine Effektzwirnerei und eine Färberei ergänzten die Produktion. Während des Zweiten Weltkriegs wurden von der Spinnstofffabrik Zwangsarbeiterinnen beschäftigt. 300 Polinnen aus dem KZ Sachsenhausen waren in der mit Stacheldraht umgebenen Holzbaracke an der Wupperstraße interniert. Sie stellten unter anderem Fallschirme aus Kunstseide her.

Nur wenig ist von den Fabrikgebäuden der Spinne mit Shetdächern und den qualmenden Schornsteinen übrig geblieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Produktionsanlagen demontiert worden, der Wiederaufbau war mühsam. Einen schlechten Ruf bekam die Spinne, als sie mit der Herstellung von Perlon im Umkreis "infame Gerüche" verbreitete. Der Chemieriese Hoechst stieg mit seiner Trevira-Sparte in das Unternehmen ein. Schließlich endete das selbstständige Unternehmen Spinne durch die Umwandlung auf Hoechst, ähnlich wie es Schering mit Bayer erlebt hatte. In Lichterfelde aber kam es schlimmer, der Berliner Produktionsstandort von Hoechst wurde aufgelöst. Hoechst wiederum wurde später von indonesischen Investoren übernommen. Ein typischer Verlauf: Die kleine Raupe wird von der größeren gefressen, diese wiederum von der noch größeren, bloß den Schmetterling bekommen wir nie zu sehen.

Die Spinne hatte sich am Teltowkanal und an der Goerzallee weitläufig ausgedehnt. Eine frühere Produktionsstätte an der Wupperstraße wurde von der amerikanischen Johns Manville Corporation übernommen, die Produkte aus Glasfasern und Vliesstoffen herstellt und sich im Besitz von Warren Buffet befindet, dem Großivestor, der einen Teil seines Reichtums für wohltätige Zwecke spendet. 32 Millionen kostete der Ausbau des Standorts, die Produktion ist so durchrationalisiert, dass sie von nur 20 Mitarbeitern gesteuert wird.

Ein weiteres multinationales Unternehmen hat sich unter dem undurchsichtigen Namen TDK-EPC großflächig auf dem ehemaligen Standort der Spinnstofffabrik vom Beeskowdamm her ausgedehnt. Wer früher Musik aus dem Radio mitgeschnitten hat, um sie mit Tonbändern auf dem Kassettenrecorder abzuspielen, kennt TDK als Hersteller von Compact-Cassetten. Schon vor 10 Jahren hat sich TDK von dieser Sparte getrennt. Das "T" im Firmennamen steht für Tokio, es handelt sich um ein japanisches Unternehmen. Inzwischen ist zu dem Firmennamen "EPC" für Epcos hinzugekommen, TDK hat ein Gemeinschaftsunternehmen (joint venture) geschluckt, das von Siemens mit einem anderen japanischen Konzern gegründet worden war. TDK-EPC produziert in Europa, Nord- und Südamerika und Asien Elektronik-Elemente wie Chips oder Halbleiter, die ganz überwiegende Zahl der Mitarbeiter wird in Niedriglohnländern beschäftigt. Das Werk in Lichterfelde stellt Temperaturfühler und Stromsensoren her.

Wie die Übernahme von Unternehmen läuft, bekommen wir auch nebenan zu sehen. Direkt an der Industriebahn stellt ein Autozulieferer mit 400 Mitarbeitern "Automotive Plastic Components" her, das sind Innenraum-Komponenten wie Türverkleidungen und Mittelkonsolen für Ford-Fahrzeuge. Ursprünglich wurden die Teile von Ford selbst produziert, dann von "Visteon", einem Tochterunternehmen, auf das Ford diesen Produktionsbereich ausgegliedert hatte. Später trennte sich Ford auch von seiner Tochtergesellschaft, mit einem "management-buy-out" wurde sie auf die leitenden Mitarbeiter übertragen.

Goerzbahn
Und so zieht heute eine Lokomotive die schwarzen Güterwagen mit der Aufschrift "Mega Combi" von der Goerzallee zum Bahnhof Lichterfelde-West. An der Goerzallee liegt der ehemaligen Bahnhof Schönow, der "Südbahnhof". Dort ist am Lokschuppen der Märkischen Kleinbahn ein Eisenbahnmuseum entstanden. Über den Dahlemer Weg erreicht die Industriebahn ihren "Nordbahnhof" und schmiegt sich zwischen den Bahnhöfen Sundgauer Straße und Lichterfelde-West an das Gleisbett der Potsdamer Bahn an. Dort werden die Waggons von der Deutschen Bahn übernommen und just in time beim Fordwerk in Köln abgeliefert.


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Goerz hatte während des Ersten Weltkriegs an der Goerzallee ein neues Werk für Optische Geräte gebaut und die "Zehlendorfer Eisenbahn- und Hafen AG" übernommen, der die Industriebahn gehörte. Auf der Goerzbahn wurden jetzt nicht nur Güter, sondern auch Personen befördert, und zwar kostenlos, in einer Viertelstunde war man am Ziel So konnte man morgens ab 6:53 von Lichterfelde-West zur Goerzallee fahren und um spätestens um 18:15 wieder zurück (Fahrplan von 1931). Das war allerdings nicht die Arbeitszeit der Fabrikarbeiter, für sie galt bereits ab 1894 der Achtstundentag.

Goerzwerke
Zwei Fabriken für rüstungswichtige Produkte sind an der Goerzallee angesiedelt worden: Im Ersten Weltkrieg die Goerzwerke, im Zweiten Weltkrieg Telefunken. Die "Optische Anstalt C.P.Goerz" hatte seit 1897 ihren Stammsitz an der Rheinstraße in Friedenau ("Goerzhöfe"). Die Produkte und Erfindungen von Goerz waren weltweit der Maßstab für die Entwicklung der optischen Industrie. Im Ersten Weltkrieg gehörte Goerz zu den wichtigen Rüstungsproduzenten, seine Grabenperiskope, U-Boot-Periskope, Rundblick- und Zielfernrohre, Kanonen-Zielvorrichtungen brachten dem Unternehmen einen gewaltigen Aufschwung. Als sich die Fabrik auf dem Gelände an der Rheinstraße nicht mehr ausdehnen konnte, wurden das Goerzwerk am Teltowkanal angelegt, ein zweckmäßig modernes Fabrikgebäude ohne aufwändiges Dekor aber mit flexibler Raumaufteilung. Das begehbare Dach konnte für Vermessungszwecke genutzt werden. An drei Höfen entstanden weitere Funktionsgebäude wie Generatoren- und Kesselhaus, Gießerei, Schleiferei und Glashütten, mit denen Goerz sich von der Zulieferung der dringend benötigten Rohstoffe unabhängig machte. Zur Fabrik gehört ein Feuerwehrhaus mit fröhlicher Fassadengestaltung. Mehrere Putten bewegen Gerätschaften von Feuerwehrleuten, sind dabei aber ganz unfachmännisch völlig unbekleidet.

Zeiss-Ikon
Nach Ende des Ersten Weltkriegs kam das böse Erwachen. Durch den Versailler Vertrag war jegliche militärisch nutzbare Produktion untersagt, das Unternehmen Goerz musste auf zivile Produktion umgestellt werden und hatte riesige Überkapazitäten. Durch eine der größten Industriefusionen der Weimarer Zeit wurde Goerz mit Zeiss Ikon verschmolzen, einer Tochtergesellschaft der Optischen Werke Zeiss. Jetzt wurden Kameras und Beleuchtungen für Kinoprojektoren, aber vor allem Sicherheitsschlösser hergestellt, die Profil-Zylinder mit dem Zeiss-Ikon-Schlüssel.


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Das Zeiss-Ikon-Werk an der Goerzallee wurde durch Bomben stark beschädigt. Bei der Wiederherstellung sind die Gebäude stark verändert worden. Die roten Klinkerfassaden wurden weiß gestrichen, Metallverkleidungen angebracht. Inzwischen ist auch Zeiss-Ikon nicht mehr in deutscher Hand, ein finnisch-schwedischer Konzern hat den Betrieb übernommen. Auf dem Firmengelände sind jetzt Start-Up-Unternehmen dabei, die Zukunft zu erfinden. Der Industriestandort an der Goerzallee soll insgesamt vorangebracht werden, auch mit staatlicher Förderung.

Goerzsiedlung Am Stichkanal
Am Stichkanal bauten die Goerzwerke eine Minisiedlung für ihre Arbeiter, die meisten waren ja mit der Goerzbahn Richtung Innenstadt unterwegs. Anfang der 1920er Jahre war das Material knapp, viel Altmaterial wurde verbaut. Äußerlich sollten sich die Häuser nicht zu sehr von bürgerlichen Villen abheben, aber die Dächer waren mit Dachpappe gedeckt. In jedem Haus waren mehrere Ein- bis Zwei-Zimmer-Wohnungen mit Küche untergebracht, die Toiletten befanden sich in Nebengebäuden.

Telefunken-Siedlung
Telefunken baute im Zweiten Weltkrieg eine Wohnsiedlung für mehrere tausend Mitarbeiter im benachbarten Zehlendorf zwischen Breitenstein- und Ramsteinweg mit dem Zentrum am Windsteiner Weg, zwei Kilometer Luftlinie vom Werk entfernt. Der Siedlungsbau stand sehr unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs. Bei Baubeginn 1940 waren Wohnbauten untersagt, das Material wurde für kriegswichtige Produktion gebraucht. Trotzdem gab es eine Ausnahmegenehmigung, weil die Rüstungsproduktion von Telefunken und damit die Unterbringung ihrer Arbeiter kriegswichtig war.


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Die Häuser der Siedlung sind höhenmäßig gestaffelt und von Freiflächen durchzogen. Damit sollten für den Fall eines Giftgasangriffs Abzugsschneisen vorhanden sein. Trotz der Materialknappheit wurde über einem Bogendurchgang ein Uhrenturm geschaffen, an einigen Häusern wurden Balkonerker angebaut. Die Baugesellschaft "Heimat" hat die Telefunken-Siedlung errichtet, in der Nachkriegszeit haben die "Neue Heimat" und die "Hilfswerk-Siedlung GmbH" der evangelischen Kirche die alte Siedlung mit weiteren Wohnbauten umgeben, so entstand die Siedlung Zehlendorf-Süd.



Am Teltowkanal Höhe Bäkestraße ist die Terrasse des "Tomasa" mit chillenden Mitbürgern gefüllt. Trotzdem finden auch wir noch einen Platz zum Abhängen. Reditejagende Raupen und firmenfressende Heuschrecken haben wir für heute hinter uns gelassen und freuen uns über die zügige und aufmerksame Bedienung.

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Rede und Gegenrede mit Geist und Anmut
Schönheitspreis eines meisterlichen Schachspielers