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Fingerübungen späterer Stararchitekten


Stadtteil: Zehlendorf
Bereich: Schriftstellerviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Mexikoplatz
Datum: 9 Oktober 2017
Bericht Nr.: 602

Es ist eine typische märkische Landschaft mit Kiefern und feinem Sand, in der rund um den Bahnhof Mexikoplatz die Villenkolonie Zehlendorf-West angelegt wurde. Südwestlich des Platzes liegt das Fürstenviertel, nördlich bis zur Fischerhüttenstraße das Schriftstellerviertel, dessen Bezeichnung sich von den Straßenbenennungen ableitet. Es ist ein Wohnviertel der gehobenen Bürgerschaft und kein Literatenviertel wie die Fasanenstraße in Charlottenburg, die wir kürzlich besucht haben. Nördlich der Fischerhüttenstraße schließt sich die Waldsiedlung Krumme Lanke an. Das Schriftstellerviertel und die Waldsiedlung sind das Ziel unseres heutigen Stadtspaziergangs.

Fürst Guido Henckel von Donnersmarck (1), einer der reichsten Männer Preußens, hatte mit seiner Terraingesellschaft "Zehlendorf-West Terrain-AG" kurz nach 1900 "am schönsten Teile des Grunewalds, unmittelbar an den herrlichen Grunewaldseen (Schlachtensee, Krumme Lanke)" eine Villenkolonie geschaffen mit strahlenförmig vom Bahnhof ausgehenden, alleeartigen Straßen. Gas- und Wasseranschlüsse waren vorhanden, elektrisches Licht und Kanalisation wurden in Aussicht gestellt. Stolz warb man damit, dass Zehlendorf mit den Bankierszügen von Berlin aus schneller zu erreichen war als Schöneberg mit der Straßenbahn. Und es war abzusehen, eine große Wertsteigerung von Grund und Boden sei "unbedingt zu erwarten".

Im Villengebiet zwischen Argentinischer Allee und Goethestraße wurde der Krumme Pfuhl zur Grundwasserabsenkung abgegraben und aufgefüllt, so entstand der Waldsee. Nur von einer Brücke am Erdmann-Graeser-Weg kann man diesen See betrachten. Er ist zwar Eigentum des Landes Berlin, wird aber vollständig eingerahmt von Privatgrundstücken, auch dem "Haus am Waldsee". In den See wird heute an drei Stellen Regenwasser eingeleitet, er dient als "Vorfluter". Gleichzeitig gibt es eine Überleitung zum Vierling, einem See in der Waldsiedlung, der ebenfalls durch Regenwasser aufgefüllt wird .

Die Bauten der Villenkolonie
Jugendstil
Das Bahnhofsgebäude am Mexikoplatz wurde 1905 in den Formen des Jugendstils gestaltet, wobei nicht nur zugehörige Ornamente angebracht wurden, sondern der gesamte Baukörper dieser Stilrichtung folgt. Im Schriftstellerviertel gibt es zwei Villen, die in unterschiedlicher Weise vom Jugendstil beeinflusst sind. Beim Haus Goethestraße 26 ist die Jugendstilfassade eines Vorbaus neben die eigentliche Fachwerkfassade gesetzt worden. Beim Haus Schillerstraße 3 fassen Jugendstilelemente eine Fensterachse ein.

Landhäuser Schickendantz
An der Klopstockstraße 19 ließ 1909 der Berliner Kaufmann Georg Schickendantz ein Landhaus erbauen. Zwei Jahre später folgte sein Landhaus auf dem Nachbargrundstück Ecke Schillerstraße, da soll Schickendantz bereits Rentner gewesen sein. So schnell soll's gehen? Jedenfalls steht das so in der Denkmaldatenbank, doch die ist für manche Unschärfe bekannt. Architekten beider Häuser waren Campbell & Pullich, die sich das englisch-schottische Gutshaus zum Vorbild nahmen. Das Eckhaus mit dem Grundriss in Form eines "W" nutzt das Grundstück optimal aus. Die ungewöhnliche Eckansicht wird durch einen Fachwerkvorbau verstärkt.


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Das Architektenduo hat in Berlin noch ein weiteres Landhaus in der Art eines englisch-schottischen Gutshauses in der Zehlendorfer Katharinenstraße gebaut. Der Architekt John Archibald Campbell ging später nach München und entwickelte dort Möbeldesign.

Fingerübungen späterer Stararchitekten: Walter Gropius
Walter Gropius hatte 1928 Mühe, einen weißen Baukubus zu realisieren, ein zweigeschossiges Einfamilienhaus mit Flachdach. Das Haus Lewin in der Fischerhüttenstraße 106 wurde anfangs wegen "Beeinträchtigung des Straßenbildes" von der Baupolizei abgelehnt. Schließlich gelang es ihm doch, "geometrischen Bauformen den fließenden Formen gewachsener Natur" gegenüberzustellen. In der Zeit der Neuen Sachlichkeit entstanden, ist es heute noch ein Bruch zur vorherrschenden Englischen Landhausarchitektur in Zehlendorf-West, die der Architekt Hermann Muthesius in Berlin publik gemacht hatte.

Fingerübungen späterer Stararchitekten: Mies van der Rohe
Das Haus Werner - 1928 von Mies van der Rohe erbaut - ist vor allem im Zusammenhang mit seiner Gartenanlage ("Gartenparterre mit Wandelhalle") herausragend, weil es sich dort an antike Vorbilder anlehnt. Zur Straßenseite am Quermatenweg 2-4 ist es ein voluminöser Bau, der sich mit Dachgauben und kleinteiligen Fenstern an den zeitgenössischen Landhäusern von Zehlendorf-West orientiert. Um die Ecke in der Hermannstraße 14 hatte Mies van der Rohe 1913 mit dem Haus Perls einen ganz anderen Bautyp realisiert, einen schlichten verputzten Bau mit flachem Walmdach.

Reihenhäuser Goethestraße
Wie Walter Gropius hatte vierzig Jahre später auch der Architekt Gert Eckel Schwierigkeiten, Bauten zu errichten, die von dem vorherrschenden Bild der Villenkolonie abweichen. Die Gruppe von Häusern, die mit "Reihenhäuser" nur unzureichend beschrieben ist, konnte er schließlich in der Goethestraße 31 bis 33 auf einem Grundstück bauen, das bis zum Waldsee herunter reicht.


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Die Häusergruppe von 1970 – damals wegen „Verunstaltung“ unerwünscht - wurde vor sechs Jahren wegen ihrer "nicht alltäglichen außergewöhnlichen künstlerischen" Qualität unter Denkmalschutz gestellt. Eines dieser Häuser bezog Rolf Kreibich, der als erster Nicht-Professor (wissenschaftlicher Assistent) Präsident der Freien Universität Berlin wurde, ein Ergebnis der Studentenunruhen von 1968.

The Urban Treehouse
Ein Baumhaus - ein Ort der Inspiration und des Kräftesammelns oder einfach nur ein Kindertraum? Auf einem bewaldeten Grundstück am Quermatenweg sind zwei Baumhäuser entstanden, die den Baum gleich mitbringen. Während diese Gebilde sonst in den Wipfeln vorhandener Bäume entstehen, wurde hier wegen der Statik ein künstlicher Stamm errichtet, auf dem in vier Metern Höhe ein massiver Holzbau aufgeständert ist. Ein realer Baum wurde in eine Plattform integriert. Das Baumhaus enthält eine komplette 24 Quadratmeter große Wohnung mit verglasten Fenstern, Wohnraum, Schlafraum, Küche, überdachter Terrasse und Regendusche, Fernseher und WLAN. Nach dem Rückzugsort eines Eremiten sieht diese Ausstattung nicht aus, aber ein "abgehobener" Wohnplatz ist das auf jeden Fall.

Berlin Document Center
Der Wasserkäfersteig stößt als Sackgasse auf das Kiefernwäldchen um den Vierling-See. In der bunkerartigen Kelleranlage unter einem 1939 gebauten flachen Gebäudekomplex entstanden Arbeitsplätze für Ermittler, um Ferngespräche abzuhören. Nach den Olympischen Spielen von 1936 war das Fernkabelnetz (Breitbandkabel mit Rundfunk-, Fernseh- und Fernsprechkanälen in Koaxialtechnik) nach Leipzig, Nürnberg, München, Hamburg, Frankfurt, Stuttgart ausgebaut worden. Der "Verstärkeramt III" genannten Bunker am Wasserkäfersteig soll 3.000 Quadratmeter groß gewesen sein, offensichtlich wurde hier die Abhörtätigkeit mit großem personellen Aufwand betrieben.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs sammelten die Amerikaner in Deutschland die Akten und Unterlagen über die NSDAP und die Nazi-Ämter, wo sie ihrer habhaft werden konnten. Diese Dokumente konzentrierten sie am Wasserkäfersteig im “Berlin Document Center“, das sie in der ehemaligen Abhörzentrale einrichteten. Zu den Dokumenten gehören die Mitgliederkartei der NSDAP, SS- und SA-Personalakten und Karteien anderer NS-Verbände wie Kraftfahrer, Flieger, Lehrer, Techniker, Ärzte, Arbeitsdienst, Hitlerjugend, insgesamt 14 Regalkilometer Akten. Aus den Unterlagen wurden Informationen für die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse und für die Entnazifizierungsverfahren gewonnen. Dabei haben die Amerikaner die Dokumente aus ihrem Kontext getrennt und alphabetisch nach Namen sortiert, ein unschätzbarer Informationsverlust.

Deutsche Behörden übernahmen 1949 die Entnazifizierung, hatten hierzu aber keine große Lust, der Wiederaufbau musste vorangehen, egal mit wem. Die stille Wiedereingliederung von Tätern und Belasteten war die Folge. Erst als 1964 der Bundespräsident einem als Kriegsverbrecher verurteilten ehemaligen Nazi-Wehrwirtschaftsführer das Bundesverdienstkreuz verlieh und es wieder zurückfordern musste, wurde das Document Center aus seiner Versenkung geholt. Routinemäßig wurde von da an vor der Ehrung das Document-Center eingeschaltet ("Regelanfrage"). Später wollten die Amerikaner das Document Center an die Deutschen übergeben, die es aber lange Zeit nicht übernehmen wollten. Als sie schließlich dazu bereit waren, sperrten sich die Amerikaner - sie waren dabei die Unterlagen auf Mikrofilm aufzuzeichnen.

1988 gerieten aus dem Document Center gestohlene Unterlagen an die Öffentlichkeit. Jetzt kam man (schon) auf die Idee, die Gebäude mit Sicherheitsanlagen auszustatten. Nach der Wiedervereinigung sind die Unterlagen des Document Centers vom Bundesarchiv übernommen worden. Die Gebäude wurden geräumt. Die Bauten wurden in Eigentumswohnungen umgewandelt, weitere Neubauten entstanden. Und auch für die bunkerartigen Keller gab es eine neue Verwendung: sie wurden zu Tiefgaragen für die Eigentumswohnungen.

Waldsiedlung Krumme Lanke
Direkt gegenüber der Abhöranlage am Wasserkäfersteig gibt es eine Gartenstadt in einer ausgedehnten Grünanlage um den Vierling-See herum. Sie heißt heute "Waldsiedlung Krumme Lanke", wurde aber als "SS-Kameradschaftssiedlung" für die Angehörigen SS geschaffen. Der Bau als „geschlossene Siedlungsanlage” erfolgte zeitgleich mit der Abhöranlage, hatte aber keinen inneren Zusammenhang damit.



Im September 2009 haben wir diese Siedlung besucht, in meinem Bericht Schwarzes Korps und "Weiße Juden" habe ich mich ausführlich mit Geschichte und Gegenwart dieser Kolonie beschäftigt.

Unser Flaniermahl nehmen wir beim “Kretaner“, einem Griechen am U-Bahnhof Onkel Toms Hütte ein und stellen wieder wie bei einem früheren Besuch fest: Die können kochen.

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(1) Von Donnersmark hieß mit vollständigem Namen "Guido Georg Friedrich Erdmann Heinrich Adelbert Graf Henckel Fürst von Donnersmarck", ein solcher Name würde heute in keine Datenbank und keinen Ausweis passen.

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Unsere Route:
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Schönheitspreis eines meisterlichen Schachspielers