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Atelier für zwei Bildhauer mit Staatsaufträgen


Stadtteile: Zehlendorf, Wilmersdorf
Bereich: Dahlem, Schmargendorf
Stadtplanaufruf: Berlin, Käuzchensteig
Datum: 25. November 2019
Bericht Nr.: 678

Wer die Radialstraße Hohenzollerndamm Richtung Zehlendorf befährt, verlässt am Roseneck die umgebende großstädtische Bebauung und könnte meinen, in die Zehlendorfer Clayallee einzufahren. Tatsächlich geht der Hohenzollerndamm südlich des Rosenecks bis zum Messelpark weiter, ehe er in einem leichten Knick als Clayallee fortgesetzt wird. Die Bezirksgrenze zwischen Wilmersdorf (Schmargendorf) und Zehlendorf (Dahlem) verläuft sogar noch ein Stück weiter südlich an der Pücklerstraße.

Im Messelpark erinnert die Robert-Stolz-Anlage an den Wiener Komponisten, der von 1924 bis 1936 in Berlin einige seiner 42 Operetten, 100 Filmmusiken und 2000 Schlagermelodien erschuf. Nach seiner Emigration in die USA während der Nazizeit lebte und arbeitete er wieder in Wien. Er starb bei einem Kurzbesuch in Berlin für Plattenaufnahmen. Seine Stücke wie "Zwei Herzen im Dreivierteltakt" oder "Im Prater blüh‘n wieder die Bäume" wirken heute wie aus der Zeit gefallen.

Westlich der Pücklerstraße erstreckt sich über sechs Straßen mit Wildtiernamen eine kleine Siedlung, die einen sehr viel schlichteren Charakter hat als die Bauten östlich der Clayallee. Die Siedlung hat keine gemeinsame Gestalt, es finden sich hier serielle mehrstöckige Bauten, die mit ausgedehnten Satteldächern an die "Baugesinnung" des Dritten Reichs erinnern. Und als Serie errichtete Neubauwürfel, für deren Aussehen von den Bauträgern gern Schinkel zitiert wird, er kann sich ja nicht mehr wehren gegen diese ausufernde Marketingmasche.

Die Wildtier-Siedlung erhielt ihre Straßennamen am 29.3.1939 im Rahmen einer Benennungsaktion in mehreren Stadtteilen. Vorher waren die Straßennamen nummeriert, die Bebauung mag also schon vorher begonnen haben. Dagegen ist der Käuzchensteig erst zu diesem Zeitpunkt angelegt worden, um ein Ateliergebäude zu errichten.

Das Kunsthaus Dahlem am Käuzchensteig hat eine Historie als Atelier zweier Bildhauer, die gemeinsame Berührungspunkte hatten. Sie waren international, insbesondere frankophil, studierten unter anderem in Paris die Werke von Auguste Rodin, erfuhren die Lebendigkeit und Körperlichkeit seiner Skulpturen, aber auch ihre gestaltete Unvollständigkeit. Für Arno Breker hatte Hitler das heutige Kunsthaus als Atelier erbauen lassen, sein Schüler Bernhard Heiliger lebte und arbeitete in dem Haus von 1949 bis zu seinem Tod.


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Arno Breker
Durch zwei monumentale Figuren von Sportlern für das Haus des Sports (Olympiastadion) wurden die Nationalsozialisten auf Arno Breker aufmerksam, die ihn vorher wegen seiner frankophilen Art eher als dekadent angesehen hatten. Seine kraftvollen, muskulös durchgestalteten Körper entsprachen den ästhetischen Idealen ihrer Rassenlehre, den "gesunden, arischen Menschentyp". Er setzte sich damit bewusst von Rodins Arbeiten ab, denen das "Volumenhafte" fehlte, das "in aller Klarheit gestaltet werden muss". So kam er zu den "glatten, monumentalen Formen", wie er 1979 in einem Interview mit Elfriede Jelinek erklärte. Im Auftrag von Hitlers Generalbauinspektor Albert Speer übernahm es Arno Breker, Plastiken für die "Germania"-Bauwerke zu gestalten.

Dafür wurde auf Hitlers "Wunsch" 1939 zwischen der heutigen Clayallee und dem Pücklerteich der Wald gerodet, um ein Atelier zu bauen, das Breker wegen Kriegsschäden tatsächlich nur ein Jahr lang nutzte. Im Folgejahr schenkte Hitler ihm ein ganzes Schloss mit Park nahe Wriezen. Dort wurde ein neues Atelier errichtet und ein großes Werksgelände mit Gleisanschluss und Kanalhafen. Diese Steinbildhauerwerkstätten Arno Breker GmbH arbeiteten in Regie des Generalbauinspektors Albert Speer, der hier Brekers Bildhauerarbeiten für Berlin (Germania) und Nürnberg (Parteitagsgelände) herstellen ließ, unter anderem Brekers Hitler-Büste in Serie.

Nach der Besetzung Frankreichs nahm Breker im Gefolge Hitlers und Speers an einer Kurzvisite der französischen Hauptstadt teils. Natürlich war Breker in Hitlers "Gottbegnadeten-Liste der unersetzlichen Künstler" aufgenommen worden. Bei der "Entnazifizierung" durch die Siegermächte kam er 1948 trotzdem als "Mitläufer" davon, weil er Pablo Picasso und den Verleger Peter Suhrkamp vor dem Zugriff der Nazis bewahrt hatte. Wie andere ehemaligen Speer-Mitarbeiter, die sich im "Anholter-Kreis" zusammengefunden hatten, ging er aus Berlin weg nach Düsseldorf und nutzte seine Kontakte zu rheinischen Industriellen, wurde Hausarchitekt des Gerling-Konzerns. In dem Jelinek-Interview beklagte er sich bitter, dass er keine Staatsaufträge als Bildhauer mehr bekommen hatte.

Kunsthaus Dahlem, Atelier Arno Breker
Das Ateliergebäude ist innen lichtdurchflutet und hell, eine Glasdecke erlaubt den Lichteinfall nicht nur durch die hohen Fenster, sondern auch von oben. Die Raumhöhe ist auf Großplastiken ausgerichtet, die als Monumentalwerke hier entstehen konnten. Der Baukörper mit flächigen Mauermassen auf der Eingangsseite und vorspringenden Flügelbauten entspricht der Bauästhetik der Nazizeit. Nach der Ateliernutzung durch Arno Breker und Bernhard Heiliger hat jetzt die Bernhard-Heiliger-Stiftung die Regie übernommen und das Kunsthaus Dahlem als Ausstellungsort mit angegliedertem Skulpturengarten eingerichtet.

Brücke-Museum
Auf dem Nachbargrundstück des Breker-Ateliers wollte Albert Speer für sich (oder Arno Breker?) eine Villa bauen. Dazu kam es nicht mehr, der Krieg hatte Berlin erreicht. In den 1960er Jahren errichtete der Senatsbaudirektor Werner Düttmann auf dem Grundstück das Brücke-Museum. Der Brücke-Maler Karl Schmidt-Rottluff hatte der Stadt eine umfangreiche Gemäldesammlung und damit den Grundstock der Sammlung geschenkt. Große Einfachheit des Gebäudes und eine enge Verbindung zur umgebenden Landschaft hatte sich der Maler gewünscht, das konnte Düttmann als Architekt der Nachkriegsmoderne in idealer Weise erfüllen mit raumhohen Glasflächen und Anordnung der Ausstellungsräume um einen Atriumhof. Zur Straße blieben die Baukuben praktisch fensterlos.

Bernhard Heiliger
An der Berliner Kunsthochschule war Bernhard Heiliger von 1938 bis 1941 Schüler von Arno Breker. In Paris studierte Heiliger Werke von Auguste Rodin und von anderen Vertretern der modernen Kunst. In Wriezen arbeitete er in den Bildhauerwerkstätten Arno Brekers. Die Einberufung Heiligers zum Wehrdienst konnte Breker vorübergehend verhindern. Nach Kriegsende bezog Heiliger das Atelier am Käuzchensteig, dem heute ein Skulpturengarten mit großformatigen Heiliger-Werken angegliedert ist.

"Ein neuer Moore?" wurde gefragt, als Heiliger 1950 seine ersten abstrakten Werke ausstellte, eine "geballte plastische Intensität". Konsequent ging Heiliger weiter auf dem Weg zur Abstraktion, auch seine Büsten - beispielweise von Karl Hofer - schafft er in einem "abstrakten Portraitstil". Die Stadt Berlin hat Werke von ihm aufgekauft und öffentlich aufgestellt, beispielsweise "Die Flamme" am Ernst-Reuter-Platz oder "Das Auge der Nemesis" vor der Schaubühne. Gerhard Schröder hatte als Bundeskanzler im Staatsratsgebäude - damals vorübergehend als Kanzleramt genutzt - eine Plastik von Heiliger aufhängen lassen. Der Bundestag kaufte die Plastik "Kosmos 70“ für das Reichstagsgebäude an. Keine staatlich gelenkten Aufträge wie bei Breker, sondern freundliche Aneignung für die Öffentlichkeit und Ehrung des Künstlers.

Fritz August Breuhaus de Groot
An der Max-Eyth-Straße hat der Architekt Breuhaus de Groot 1934 seine "Kleine Insel" erbaut. Sein Haus Lille Ø ist ein niedriger Bau, uneinsehbar von der Straße aus. Der Namensteil "de Groot" ist ein Künstlername, den Breuhaus seinem Namen hinzufügte wie der Architekt Mies, der den Zusatz "van der Rohe" angehängt hatte. Breuhaus war bereits als Villen- und Landhausarchitekt erfolgreich, als er 1931 aus dem Rheinland nach Berlin kam. In den Berliner Villenvororten errichtete er knapp fünfzig Einfamilienhäuser, Landhäuser und Villen. Es sind traditionelle, sachlich-elegante, bodenständige oder repräsentative Bauten, je nach Wunsch des Bauherrn.

Breuhaus hat Innenausstattungen von Schlafwagen, des Ozeandampfers "Bremen" (Norddeutscher Lloyd), des Zeppelins "Hindenburg", des Segelschulschiffs Gorch Fock und zweier Panzerschiffe entworfen sowie Bestecke, Lampen, Tapeten und andere Luxusgegenstände. Bei seinen Bauten liegt das eigentlich Spektakuläre nicht im Anblick von der Straße aus, sondern in den Grundrissen und der Ausrichtung auf den Garten, manchmal mit einem Querflügel des Hauses.

Ein Beispiel dafür ist das Haus Pücklerstraße 36, ein eingeschossiger Putzbau mit ausgebautem Dachgeschoss, der bis auf Fenstergitter und Wandlampe äußerlich bescheiden bleibt. Herz des L-förmigen Baus ist eine 60 qm große Wohnhalle mit Kamin. Nach Norden sind der Küchenbereich und im Obergeschoss die Bäder ausgerichtet, nach Süden das Herrenzimmer und oben die Schlafzimmer, nach Westen eine große Terrasse. Großflächige Fenster öffnen die Räume nach Süden und Westen zum Garten und zur Terrasse mit Pergola. All das bleibt von der Straße aus verborgen.


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Im Dritten Reich baute Breuhaus de Groot für private, vermögende Auftraggeber. Für Albert Speer waren seine Entwürfe für öffentliche Bauten "nicht monumental genug". 1941 verließ Breuhaus Berlin und war bis Kriegsende nicht mehr als Architekt tätig. Im Nachkriegsdeutschland ging er zurück ins Rheinland und entwarf dort Villen, Landsitze, Geschäftshäuser, Hotels und Verwaltungsbauten. Für sich selbst baute er in Anlehnung an seine Berliner "Insel" einen "Kleinen Brunnenhof" (Lille Brøndegaard) in Bad Honnef. In Berlin errichtete er nur noch 1959 ein Landhaus.

Leni Riefenstahl
Die Filmemacherin Leni Riefenstahl war in ihrer Berliner Zeit eng mit den Machthabern des Dritten Reichs verbunden, sie diente mit ihren Filmen der Nazi-Propaganda. Riefenstahl filmte den Reichsparteitag 1934 ("Triumph des Willens") und mit ihrem "Sonderfilmtrupp" Hitlers Polenfeldzug. Die olympischen Spiele 1936 zeigte sie in ihren ästhetisch beeindruckenden Werken "Fest der Völker" und "Fest der Schönheit". Über Arno Breker schuf sie den Dokumentarfilm "Harte Zeit, starke Kunst".

Riefenstahl hatte spätestens seit ihrer Zeit als Schauspielerin in Bergfilmen in den 1920er Jahren eine Verbundenheit mit der Bergwelt, die sich in der alpenländischen Erscheinung ihres Hauses in der Heydenstraße widerspiegelt. Ungewöhnlich ist auch das nicht eingezäunte Grundstück, das eine offene Autovorfahrt im Vorgarten hat. Nach Kriegsende ging Riefenstahl nach München und ließ sich dort eine Villa erbauen, die sich völlig von dem Berliner Haus abhebt.


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Unsere Flanierpause gönnen wir uns unterwegs im Atelierhaus am Käuzchensteig. Es liegt wie das benachbarte Brücke-Museum abseits von der Berliner Museumslandschaft, nur wenige Besucher haben - zumindest heute - hierher gefunden, das Café gehört uns allein.

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Unsere Route:
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Das Innenleben der Litfaßsäulen