Bezirke
  Stadtplan     Personen     Themen     Aktuell     Forum  
Charlottenburg-Wilmersdorf
Friedrichshain-Kreuzberg
Lichtenberg
Marzahn-Hellersdorf
Mitte
Neukölln
Pankow
Reinickendorf
Spandau
Steglitz-Zehlendorf
Tempelhof-Schöneberg
Treptow-Köpenick
Allgemein:
Startseite
Ich bin NEU hier
Hinweise
Kontakt
Impressum
Links
SUCHEN
Sitemap

Architektur ist die Kunst der Proportion


Stadtteil: Zehlendorf
Bereich: Onkel-Tom-Siedlung
Stadtplanaufruf: Berlin, Onkel-Tom-Straße
Datum: 16. August 2004

"Architektur ist die Kunst der Proportion" steht auf einer Gedenktafel für Bruno Taut in der Onkel-Tom-Siedlung. Aber nicht nur die Proportion beherrschte Bruno Taut, der nach der Gründung der Großgemeinde Berlin 1920 den Auftrag übernahm, für das Waldwohngebiet mit einem üppigen Kiefernbestand an der Onkel-Tom-Straße eine Großsiedlung zu planen und zu bauen. Ihm war es wichtig, ein Gemeinschaftsgefühl in seinen Bauten zu erzeugen, den "Außenwohnraum" als Freifläche zu gestalten, in der die Bewohner sich treffen und miteinander kommunizieren. Die Grünfläche sollte Nutzfläche werden und keine Zierfläche darstellen.

Für uns heute kaum vorstellbar: zu dieser Zeit war gerade erst das preußische Dreiklassenwahlrecht abgeschafft worden. 3,8 Mio. Menschen lebten in einer Großstadt, die für 1 Mio. Einwohner geplant worden war. In den 20er Jahren werden zum ersten Mal Architekten für den Siedlungsbau beauftragt. In der Kaiserzeit waren sie mit Bauvorhaben beschäftigt, die vor allem repräsentativen Charakter hatten.

Tauts Bauwerke entstanden in einer expressionistischen Phase, in der er sozusagen als Maler das Spiel mit der Farbe als ein grundlegendes Element der Gestaltung und Formgebung einsetzte. Der Farbe wird eine Funktion zugedacht; sie soll Raum schaffen oder aufheben, dekorativ oder schlicht machen, ein Gemeinschaftsgefühl in seinen Bauten erzeugen. Und so kämpfen heute die Denkmalschützer um die Ideen des Planers und Architekten: Sind die Häuser grün, müssen die Fensterrahmen weiß sein, blaue Häuser dagegen verlangen gelbe und schwarze Rahmen: In der Onkel-Tom-Siedlung ist der Farbton keineswegs eine Frage des persönlichen Geschmacks. Die siebzig Jahre alte Siedlung der Architektengruppe um Bruno Taut unterliegt strengen Kriterien des Denkmalschutzes. Sogar einen Farbkatalog gibt es für die Siedlung. Nach dem richten sich aber nicht alle Bewohner, die ihre Häuser streichen, bereits in der Vergangenheit ist viel von der Einheitlichkeit zunichte gemacht worden. Hausnummern, Lampen und Regenrinnen originalgetreu zu erhalten, ist eine fast unlösbare Aufgabe.

Es gibt unterschiedliche Baukörper: einen 500 m langen Gürtel von Mietwohnungen entlang der Argentinischen Allee. Taut schafft es, trotz der monotonen architektonischen Gestaltung des Gebäudes ein abwechslungsreiches Aussehen zu erzeugen. Die einzelnen Hauseinheiten sind wenige Zentimeter vor- oder zurückgestellt und unterschiedlich gestrichen; die dominierende Farbe ist weiß, abwechselnd wird grün, blau und rot verwendet.

Dann gibt es kleine Mietshäuser in den Seitenstraßen und Reiheneinfamilienhäuser, die einander von der Gartenseite her berühren. Diese Häuser sind tatsächlich sehr klein, ca. 80qm auf drei Etagen, und die Nutzung des Hauses wird durch das Treppenhaus sehr eingeschränkt. Beim Abschreiten der Straßenfront kam ich mit vier Schritten aus, nach Abzug des Treppenhauses werden die Zimmer also 3 m breit sein. In 4 m Breite erstreckt sich auch der Garten weit nach hinten, die Nachbarn muss man mögen, sie begleiten einen auf vielleicht 20 Meter links und rechts, wenn man im Garten ausschreitet.

Die heutigen Wohnbedürfnisse unterscheiden sich von denen der Gründerzeit. Die Fenster wirken klein und mit ihren Unterteilungen auch begrenzend. Die farbigen Fenster-Einfassungen dagegen sind eher modern. Manche Eigentümer haben sich mit der Gestaltungssatzung für dieses Gebiet nicht angefreundet, haben angebaut, Fenster vergrößert oder Sprossen entfernt, Kratzputz und andere Farben an die Stelle der ehemaligen Stilelemente gesetzt. Die Türen enthielten ursprünglich eine längliche Klappe, durch die gerade der fragende Kopf eines Bewohners passte, bevor er den Fremdling einließ (bei unserem Rundgang in der Siedlung konnten wir so einen Kopf in der Tür beobachten): Eine Vielzahl von vorgeschraubten Gittern hat dieses Feature unkenntlich gemacht. Bei Wintergärten ist der Denkmalschutz großzügig: sie müssen sich dem Haustypus anpassen, dann werden sie genehmigt. Und Solaranlagen, da vibriert geradezu die Unterstützung des Meisters: natürlich, ja, gerne.

Noch ein Streiflicht aus der Bauphase: Das Flachdach rief Empörung hervor und wurde unter anderem mit "orientalischen Gefängnissen" verglichen. Es stand für "politisch links" und war damit unakzeptabel für Tauts Zeitgenossen (1).

Taut selbst wurde, nur weil er kurze Zeit beratender Architekt für die Moskauer Stadtverwaltung war, 1933 zur Emigration gezwungen. Auf seinem weiteren Weg kam er nach Japan und 1936 als Professor an die Kunstakademie in Istanbul. Seine Zeit 1921-23 als Stadtbaumeister in Magdeburg und 1924-32 als beratender Architekt der GEHAG in Berlin lag da schon hinter ihm.

-----------------------------------
Bruno Taut hat nicht nur die Fassaden in der Onkel-Tom-Siedlung farbig gestaltet: "Die Wohnzimmer waren mit Kalkfarbe in sattem Rot gestrichen, die Schlafzimmer blau, Küche und Bad gelb und grün". Die "Frau als Schöpferin" sollte den sehr kleinen Zimmern Größe geben: "Gerümpel hebt man nicht auf." Bilder sollten nicht an die Wand gehängt werden, da der Betrachter sie da nicht mehr wahrnehmen würde. Wenn man sich von allem Krimskrams entlastet, passt die Wohnung wie ein gut geschneiderter Anzug (Märkische Allgemeine, 21./22.8.2004).

--------------------------------------
(1) Mehr über den "Zehlendorfer Dächerkrieg": Deutscher und amerikanischer Heimatstil
und Bauten als Streitäxte


Offenes Denkmal Stadtbad
Burgen