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Vom Dampfauto zum Dieselmotor


Stadtteil: Tempelhof
Bereich: Mariendorf, Marienfelde
Stadtplanaufruf: Berlin, Säntisstraße
Datum: 11. Juni 2018
Bericht Nr.: 623

Die Daimlerstraße in Mariendorf bekam ihren Namen 1925. Zu diesem Zeitpunkt produzierte Daimler-Benz bereits mehr als 20 Jahre lang an diesem Standort. Nach weiteren 20 Jahren war es damit vorbei, im Zweiten Weltkrieg wurde die Fabrik komplett zerstört. Dann nochmal 40 Jahre später war Daimler wieder da. Mercedes übernahm die Produktionsräume einer benachbarten Werkzeugfabrik, die pleite gegangen war, und stellt bis heute dort Motoren her. Manchmal muss man eben warten können.

Während wir das Dieselmotorenwerk umrunden, bekommt Mercedes-Chef Zetsche zeitgleich im Verkehrsministerium die Ansage, 238.000 Fahrzeuge wegen der manipulierten Dieselmotoren zurückzurufen. So aktuell kann flanieren sein.

Adolf Altmanns Dampfautos
Begonnen hatte es an diesem Standort mit Dampfautos, die Adolf Altmann seit 1898 herstellte. Durch den Eisenbahnanschluss war Marienfelde für Industriebetriebe interessant geworden, die Grundstücke waren billig. Die von Altmann in seiner Motorfahrzeug- und Motorenfabrik-Aktiengesellschaft hergestellten Dampfautos hatten eine kleine Dampfmaschine unter dem Sitz, die Technologie konnte sich am Markt aber nicht durchsetzen. Auch mit Elektroautos hatte Altmann kein Glück, nur wenige Exemplare wurden hergestellt. Bereits vier Jahre nach Gründung fusionierte Altmann mit der Daimler-Motoren-Gesellschaft, die dann an diesem Standort Omnibusse und Lastkraftwagen herstellte.

Fritz Werner Maschinenfabrik
Das Fritz-Werner-Werk verlegte zweimal Teile seiner Fabrik von der Lützowstraße 6 in Tiergarten zur Daimlerstraße in Templhof. Während des Ersten Weltkriegs wurde das Stammwerk auf dem Hof der Lützowstraße zu klein, ein neues Werksgelände entstand in der Daimlerstraße. Im Zweiten Weltkrieg stand das Haus in der Lützowstraße Speers Germania-Planungen im Weg.

Für die dort verbliebene Firmenzentrale wurde in der Daimlerstraße ein neues Verwaltungsgebäude errichtet. Das Vorderhaus Lützowstraße 6 mit einer Fassade im Stil der italienischen Renaissance steht heute noch, der Krieg kam den Abrissplänen zuvor. Es ist ein baulich interessantes Ziel, wenn man im Lützowviertel flaniert.


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Fritz Werner hatte seine Werkzeugmaschinenfabrik 1896 gegründet. In beiden Weltkriegen expandierte das Unternehmen durch die Produktion von Rüstungsgütern, insbesondere Maschinen zur Herstellung von Munition. Im West-Berlin der Nachkriegszeit wurden wieder Werkzeugmaschinen wie Fräs- und Schleifmaschinen hergestellt. Aber wie Borsig, Schwartzkopff und andere Unternehmen der Metallindustrie war Fritz Werner wegen der Insellage der Stadt der internationalen Konkurrenz nicht mehr gewachsen. Subventionen aus dem Bund mussten her. Bundesschatzminister Dollinger gründete die Deutsche Industrieanlagen GmbH, die die Unternehmensanteile kaufte, finanziert mit Mitteln aus dem Marshallplan (ERP).

Ein Jahr vor der Wende gab Fritz Werner den Standort an der Daimlerstraße auf, Daimler übernahm das Gelände. Nach der Wende fusionierte Fritz Werner mit der Maschinenfabrik Niles in Weißensee. Die Niles-Werke produzierten seit 1898 Werkzeugmaschinen als Lizenznehmer eines amerikanischen Konzerns. Entlang der Gehringstraße, Neumagener Straße und der Straße "An der Industriebahn" beherrschen Niles-Bauten auch heute noch das ehemalige Weißenseer Industrie-Quartier.

Doch die Hilfe vom Bund war keine nachhaltige Rettung, ausgerechnet am 100. Jahrestag der Gründung eröffnete das Gericht das Konkursverfahren, Fritz Werner war pleite. In der Kantine feierten an diesem Tag 300 Mitarbeiter und Gäste das Firmenjubiläum in Kenntnis des bevorstehenden Endes, zeigten ihren Stolz auf "100 Jahre lang gute Arbeit". Das Geld für die Feier hatte die Belegschaft selbst aufgebracht, jeder hatte 20 Mark beigetragen, Sekt, Bier und kaltes Büfett waren so gesichert.

Die 1915 errichtete Fabrik des Fritz-Werner-Werks an der Daimlerstraße ist äußerst rationell konzipiert. Die 205 Meter lange Maschinenhalle im Innern wird von einem Hauptgebäude mit zwei Seitenflügeln umgeben. In dem ausgedehnten Hauptflügel entlang der Straße waren Verwaltung und Konstruktion untergebracht. Aus den Materiallagern in den Seitenflügeln konnte das Material auf kurzem Weg in die Produktion gelangen. Ein ungewöhnlicher Bau ist das Lager für die Holzmodelle, die für die Produktion so unersetzlich waren wie die Leisten eines Schusters. Das Gebäude besteht aus Eisenbeton. Im Innern ist der Bau in kleine Kammern mit feuerfesten Trennwänden unterteilt.

Schräg gegenüber an der Daimlerstraße steht der Verwaltungsbau des Fritz-Werner-Werks, in den 1938 die Verwaltung aus der Lützowstraße umzog. Der Industriebau aus der Zeit des Nationalsozialismus umschließt einen "Ehrenhof" an der Daimlerstraße. Monumentale Pfeiler gliedern die Fassade, die zudem von einem Mittelrisalit (vorspringenden Fassadenteil) beherrscht wird.


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Dieser Bau wurde nicht von Daimler übernommen. Hier produzierte Reichelt Fleischwaren, jetzt leben mehr als 400 Flüchtlinge im Haus. Ein Bauschild kündigt an, dass im Gebäude mehr als 260 Hotelzimmer entstehen sollen.

Mercedes im Zeitalter der Globalisierung
1988 übernahm Mercedes die Gebäude von Fritz Werner und konzentrierte hier die Produktion von Motoren. Man kann annehmen, dass die Dieselmotoren mit illegaler Abschaltvorrichtung - deren Vorhandensein Mercedes anfangs energisch bestritten hatte - hier an der Daimlerstraße produziert worden sind. Elektroantriebe will man hier nicht herstellen. Seit 2015 wurde die Fabrik ausgebaut. 500 Millionen Euro wurden investiert, aber nur fünfzehn neue Jobs geschaffen. "Roboter und Facharbeiter arbeiten eng zusammen", heißt es - bis vermutlich irgendwann die Roboter die Facharbeiter verdrängt haben. Das "Zukunftsbild langfristige Sicherung der Arbeitsplätze" wird dann wohl den Robotern zugutekommen. Schon wurden bei Mercedes weltweit die Werksleiter weg rationalisiert, eine unantastbare Institution in den Fabriken - auch der Automobilproduktion - verschwand.

Das Motorenwerk an der Daimlerstraße soll das weltweite Kompetenzzentrum für eine Motorsteuerung werden (woran denkt man wohl bei diesem Begriff?), zum globalen "Hightech-Standort" innerhalb des Mercedes-Konzerns. Über ein "zertifizierten Globalisierungs-Cockpit" können die weltweiten Produktionsstandorte überwacht werden. "Produktionsverlagerungskoeffizienten" entscheiden darüber, wann eine Fertigung an einem anderen Standort wirtschaftlicher betrieben werden kann. Die Zukunft der Produktion wird durch die Digitaltechnik entschieden, auch wenn der Chef einen gemütlichen Schnauzbart trägt.

Säntisstraße, Adlermühle
Die Säntisstraße - der alte Weg nach Britz - verläuft auf einem Damm. Die Grundstücke liegen niedriger, zu den Häusern besteht ein Gefälle. Mit dieser Straßenbefestigung wird ehemals sumpfiges Gelände durchquert. Die Adlermühle am nordöstlichen Ende der Säntisstraße steht zwar auf keinem ausgewiesenen Berg, erhob sich aber trotzdem ausreichend über dem damals unbebauten Gelände, um vom Wind bewegt zu werden. Von Frühjahr bis Herbst ist sie heute von üppigem Grün der Bäume und Sträucher umgeben und erst zu sehen, wenn man direkt davor steht.


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Die Mühle stand nicht immer an diesem Platz, doch sie ist nicht die einzige, die gewandert ist. Die Jungfernmühle in Neukölln wurde zweimal versetzt, und in Gatow wurde sogar eine Mühle für Filmaufnahmen wirkungsvoll den Flammen geopfert und später durch eine andere ersetzt. Die Adlermühle stand ursprünglich an der Lohmühleninsel in Kreuzberg. Als "Loh"mühle hat sie kein Mehl gemahlen, sondern Baumrinde (Lohe = "Abgeschältes"), die in zerkleinerter Form von Gerbereien als Gerbstoff gebraucht wurde. Es war ein ganzes Cluster von Lohmühlen am Schlesischen Tor, das schließlich der voranschreitenden Bebauung weichen musste.

Tauernsiedlung
Unser letztes Ziel auf unserer heutigen Route ist die Tauernsiedlung jenseits des Mariendorfer Damms. Es ist eine "Werkssiedlung" der Deutschen Bank, erbaut von ihrer "Bankangestellten Wohlfahrt GmbH", welch ein wohlklingender Name. Die Bank wollte in Mariendorf einen Sportplatz für ihre Mitarbeiter schaffen und erwarb dazu 1924 bereits parzelliertes Land rund um die Tauernallee. Wahrscheinlich ist später das Bad am Ankogelweg auf dem Sportgelände gebaut worden.

Die nicht für das Sportgelände benötigten Grundstücke an der Tauernallee wurden mit einer großzügigen Wohnanlage beidseits der Blockränder bebaut. Die Wohnungen in dreigeschossigen Wohnzeilen sind nach Süden ausgerichtet, deshalb unterscheiden sich die Fassaden an den gegenüberliegenden Straßenseiten. Geschwungenes Mauerwerk führt in die nördlichen Hauseingänge. Auf der Südseite sind die Treppenhausachsen hervorgehoben und mit großen rechteckigen Fenstern betont. Die großen, kugelförmig beschnittenen Sträucher geben ein ungewöhnliches Bild einer Wohnsiedlung beidseits der Straße.

Für ein Flaniermahl hat es heute nicht gereicht, aber eine Kugel Eis in der Gebäcktüte hat die Zeit bis zur Ankunft des Busses für die Heimfahrt überbrückt.

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Unsere Route:
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Zwischen den Bahngleisen