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Schöner Schein und Mietskasernen


Stadtteil: Schöneberg
Bereich: Kulmer Kiez
Stadtplanaufruf: Berlin, Großgörschenstraße
Datum: 27. Januar 2020
Bericht Nr.:685

Welche Vielfalt, es gibt 3 Bahnhöfe Yorckstraße, einen an der U-Bahn, einen an der S-Bahnstrecke nach Südkreuz und einen nach an der S-Bahn nach Wannsee. Alle drei führen ein Single-Dasein, denn sie sind nicht miteinander verbunden und den Fußweg vom einen zum anderen muss man selbst herausfinden, ein Bahnknotenpunkt sieht anders aus.

Bahnlinien- und Bahnhofs-Karussell
Der S-Bahnhof an der Wannseebahn (Stammbahn) heißt heute „Yorckstraße (Großgörschenstraße)“. Von seinem Vorgänger Bahnhof Großgörschenstraße - der 1891 weiter südlich angelegt wurde - gab es eine Fußgängerverbindung zum Bahnhof Kolonnenstraße, den "Hammelgang". Nach 1891 begann ein wahnwitziges Karussell der Bahnlinien und Bahnhöfe, in dem sogar die Ringbahn eine Rolle spielt.

Heute kann man auf dem Ring linksrum oder rechtsrum ohne Unterbrechung im Kreis fahren und kommt in einer Stunde einmal herum. Bis 1944 war das nicht so, da hatte die Ringbahn - man glaubt es kaum - einen Kopfbahnhof am Potsdamer Platz, genannt "Potsdamer Ringbahnhof". Die Bahn verließ den Ring im Süden und fuhr nach Norden über Bahnhof Kolonnenstraße bis zum Potsdamer Platz, wendete dort und fädelte sich in die andere Ringhälfte ein, es war kein geschlossener Kreis. Der Cheruskerpark zeichnet deutlich den Verlauf der alten Bahntrasse nach, und auch parallel zur Crellestraße liegt hinter einem Zaun altes Bahngelände aus jener Zeit. Aufgegeben wurde diese Kehre 1944, als Bomben den Bahnhof Kolonnenstraße zerstörten und deshalb der Ring unten geschlossen wurde. Es dauerte bis in die Gegenwart, bis hier ein Bahnhof unter dem Namen Julius-Leber-Brücke neu entstand.

Von der Cheruskerkurve an verliefen also anfangs Ringbahn und Wannseebahn parallel Richtung Potsdamer Platz auf demselben Bahngelände. Der Bahnhof Großgörschenstraße lag an der Wannseebahn, weiter südlich stand der Bahnhof Kolonnenstraße (1) an der Ringbahn. Die Gleise beider Linien lagen nebeneinander, aber die Bahnhöfe waren 300 Meter voneinander entfernt. Für das Umsteigen richtete die Bahn den "Hammelgang" ein, er führte über zwei Brücken, durch einen Tunnel und streckenweise zwischen den Gleisen entlang.

Als der Bahnhof Yorckstraße - mit direktem Zugang zur Straße - 1903 eröffnet wurde, lag er nicht an der Nord-Süd-Bahn. An diese wurde er erst 1939 angeschlossen, als der Tunnel aus Richtung Friedrichstraße fertig wurde. Vorher führten die am Bahnhof anliegenden Gleise als "Lichterfelder Vorortbahn" nach Lichterfelde Ost. Sie wurden als Teststrecke für die Elektrifizierung der Bahn genutzt, auf ihr fuhren versuchsweise Züge mit 550 Volt Gleichspannung - heute wird die Berliner S-Bahn mit 750 Volt gespeist, die Hamburger S-Bahn sogar mit 1.200 Volt.

Schöneberger Mietskasernen
Mietskasernen in Schöneberg? Wuchsen die nicht eher in Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Wedding ungebremst wie Pilze aus dem Boden? Ausgelöst durch die Wohnungsnot während der industriellen Revolution dehnten sich vor den Toren der Stadt bis zur Ringbahn auf vorher landwirtschaftlich genutzten Flächen Baugebiete mit fünfgeschossigen Wohnhäusern, Seitenflügeln und Hinterhäusern aus. Kein Bezirk innerhalb dieses "Wilhelminischen Mietskasernengürtels" blieb ausgespart, auch Schöneberg nicht.

In Vorderhäusern mit aufwendig dekorierten Fassaden gab es größere Wohnungen für bürgerliche Familien. Dahinter wurden schmucklose Gebäudeflügel mit einseitig belichteten Wohnungen um enge Innenhöfe herum gruppiert. Für die dort hausenden Arbeiterfamilien gab es nur gemeinschaftlich benutzte Klos auf der halben Treppe oder im Hof. Die Wohnungen bestanden aus "Stube und Küche".

Bei unserem Rundgang stoßen wir in der Großgörschenstraße, Kulmer Straße und Crellestraße auf solche ehemaligen Mietskasernen hinter historisierenden Fassaden. Meist sind die Gebäude in den 1870er und 1880er Jahren entstanden. Geplant und oft auch ausgeführt von Handwerksmeistern, die an der Baugewerkschule zu Baumeistern ausgebildet worden waren. Auf dieses Thema treffen wir immer wieder bei unseren Stadtrundgängen.


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Ein "in Schöneberg gut beschäftigter Zimmermeister" war beispielsweise Ludwig Schmiel, der die Häuser Crellestraße 8 und Crellestraße 36 gebaut hat und gleichzeitig seine Interessen im Haus- und Grundbesitzerverein zu Schöneberg zu vertreten wusste. Mehrere Baumeister haben nicht nur hier in Schöneberg, sondern gleichzeitig auch in Kreuzberg Mietskasernen mit schmuckvollen Vorderhäusern erbaut. Von August Eichentopf stammt das Haus Kulmer Straße 16 in Schöneberg. Weitere vier Häuser hat er in Kreuzberg in der Dieffenbachstraße gebaut, in deren Hinterhäusern es Wohnungen mit einer Stube und Küche gab und Wohnungen mit drei Stuben und Küche.

Ein absonderliches Bauwerk hat der Baumeister Julius Schaarschuh hinterlassen, von dem das Wohnhaus Crellestraße 15 stammt. In Kreuzberg hat er mit "Haberkerns Hof" in einem Straßenkarree an der Sorauer Straße im Innenraum drei- bis viergeschossige Hinterhausreihen geschaffen, die teilweise zweizeilig Rücken an Rücken stehen. Bei der Beschreibung der Bebauung gibt sogar die amtliche Denkmaldatenbank ihre professionelle Sachlichkeit auf und schreibt, dass die aufwendig dekorierten Straßenfronten "hinwegtäuschen" sollten über die einfachen Wohnverhältnisse. Der Potsdamer Handschuhmacher Paul Haberkern war ein Grundstücksspekulant, der mit eigenem Geld und dem Geld seiner Frau in großem Stil Wohnhäuser bauen ließ.

Bei Lucie Leydicke
In der Mansteinstraße wohnte der Baumeister und Maurermeister Ferdinand Döbler, der zwei hochherrschaftlichen Mietshäuser am Kudamm errichtet hatte. In seiner Wohnstraße baute er für die "Traditionsdestille" Leydicke, die 1877 als Fruchtsaft- und Likörfabrik gegründet worden war, ein Wohnhaus mit Geschäftsetage im Erdgeschoss. Das Innere der dortigen Weinprobierstube hat immer noch die Originaleinrichtung von 1893. Zum Szenelokal wurde Leydicke während der Studentenunruhen, wohl wegen seiner Lage als Sprungbrett nach Kreuzberg.

"Und wenn Du nicht mehr weiter weißt
hilft immer noch der Himbeergeist!"

"Die Studenten der 1968er entdeckten das Lokal als urigen Schankraum mit seinem originalen Interieur und einer einzigartigen Wirtin: Lucie Leydicke. Sie raunte die Gäste an, wenn die zu wenig tranken, schlichtete Streit, holte Weltverbesserer auf den Boden zurück und schenkte nach". Ich erinnere mich, mit mehreren Kommilitonen verließen wir immer wieder ein langweiliges Betriebswirtschafts-Seminar, um einen Absacker bei Leydicke zu nehmen.

Wenn eine Wirtin extrem kurzsichtig ist, kann der Gast davon profitieren. Lucie Leydicke schaute beim Eingießen nicht seitlich auf das Glas, sondern von oben in das Glas. Dadurch war das Einschenken immer dann beendet, wenn der Obstwein oben am Rand angekommen war. Zuviel davon zu trinken, konnte mit einem "Bretterknaller" enden, weil man schlicht und einfach umfällt, das ist auch beim Baumblütenfest in Werder bekannt. Allerdings konnte man bei Leydicke nicht weit fallen, denn man stand immer dicht gedrängt.

Unwillige Autofahrer
Wo die Kulmer Straße auf die Großgörschenstraße trifft, hat die Verkehrslenkung 30 rot-weiße Absperrpfosten in zwei Reihen in den Asphalt eingepflanzt, um die Autofahrer am Einbiegen zu hindern. Merke: Nicht die Menge macht’s, sondern der Grips. Es musste nur EIN Absperrpfosten umgefahren werden, dann war die Durchfahrt frei. Der Pfosten liegt jetzt lose daneben, hier war kein Dieb am Werke, sondern ein unwilliger Autofahrer mit einer Handreichung für viele seiner "Leidensgenossen", denen der Weg abgeschnitten wurde.


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Die Großgörschenstraße führt von dort als Fußweg unter der S-Bahnbrücke hindurch. Hinter der Brücke liegt der Alte St. Matthäusfriedhof, dem wir vor elf Jahren einen Besuch abgestattet haben, bis wir abendlich hinauskomplimentiert wurden.

Queere Geschichte
Rosa von Praunheim hielt 1971 der Schwulenbewegung den Spiegel vor. Sein Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" forderte dazu auf, Angst und Verstecken zu überwinden. Das war die Initialzündung für die "Homosexuelle Aktion Westberlin", die in der Kulmer Straße 20a ihren Sitz nahm. Später wurde daraus als Teil der Berliner queeren Geschichte das SchwuZ, "eine Instanz des Aufbegehrens und der Emanzipation nicht-heteronormativer Lebensweisen, als Männer und Frauen oder nichts von beidem". In der Nähe des Regenbogenkiezes um den Nollendorfplatz und die Motzstraße siedelten sich in der Kulmer Straße weitere Institutionen an wie die Lesbenberatung und das schwule Magazin Siegessäule. Und hier wurde der erste Christopher Street Day in Berlin 1979 organisiert.

Szenekiez Crellestraße
Der Crellemarkt an der nördlichen Crellestraße ist außerhalb der Marktzeiten eine Schmuddelecke. Weiter nach Süden wird die Crellestraße schnell zum Szenekiez. Hier ziehe ich aus einem "Kunstautomaten" eine Schachtel mit der Aufschrift "Diese Kunst kann verwirren, erhellen, aufregen und süchtig machen". Ein hüllenloses Paar hat der Künstler für mich gestaltet und eingepackt. Ich fühle mich erbaut und versuche zu ergründen, was die beiden wohl vollführen.


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Im "Museum der unerhörten Dinge" kann man das Geheimnis der Kuhfladen ergründen, Träume abgeben, einen Schlitzohrchirurgen kennen lernen oder den Einschlag eines Gedankenblitzes beobachten. Wir bleiben vor dem Schaufenster stehen, in dem mehrere identische Aufsteller mit dem Konterfei des Namensgebers der Straße, August Leopold Crelle, nebeneinander stehen. Das ist sicherlich symbolisch zu verstehen, denn August Crelle war ein Multitalent, brachte es in mehreren Berufen zu außergewöhnlichen Leistungen. Er war ein Autodidakt, hatte sich alle Fähigkeiten im Selbststudium angeeignet.

Als Mathematiker gründete er 1826 das "Crelle Journal" für die reine und angewandte Mathematik, das bis heute ein angesehenes Fachperiodikum ist. Als Architekt bereiste er mit David Gilly auf einer dreimonatige Studienreise Paris. Als Geheimer Oberbaurat und Mitglied der Preußischen Oberbaudirektion war er im "Wegebaufach" (Straßenbau) tätig. Als Publizist gab er ein "Journal für die Baukunst" und ein "Handbuch des Feldmessens und Nivellirens" heraus, übersetzte die Werke seines italienischen Mathematiker-Kollegen Lagrange. Die Crelle-Übersetzung von Lagranges "Theorie der Gleichungen" ist gerade 2018 bei de Gruyter neu aufgelegt worden. Zu Recht ist die Straße hier an der Bahnlinie Berlin-Potsdam nach Crelle benannt, denn er war der Ingenieur, der diese Bahnstrecke entworfen hat.

Ess Eins
Im letzten Eckchen vor dem S-Bahnhof in der Kolonnenstraße liegt ein Café, in dem wir unseren Rundgang nachwirken lassen. Nebenan fährt die Linie S 1, und das Café heißt "Ess Eins". So kreativ wie der Name, so angenehm seine Bewirtschaftung. Statt Design bietet es Gemütlichkeit. Selbstgebackener Kuchen und kleine Snacks verschönern die Kaffeestunde.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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