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Bebaute Zahnlücken, weichende Neubauten


Stadtteil: Schöneberg
Bereich: Zwischen Kleistpark und Bayerischem Platz
Stadtplanaufruf: Berlin, Bozener Straße
Datum: 11. Juli 2016
Bericht Nr: 551

Wir sind es gewohnt, dass in der Innenstadt die Häuser vorn am Blockrand stehen und seitlich an die Nachbarhäuser angebaut sind. Zwischen den Häusern gibt es dann nur Brandwände, die das Übergreifen eines Feuers verhindern sollen - eine Erfahrung aus verheerenden Stadtbränden früherer Jahrhunderte. Ist die Bebauung offener, dann muss ein Mindestabstand zum Nachbarn eingehalten werden, früher nannte man das "Bauwich", das Haus muss ein Stück "weichen". Der Bauwich ist auch heute noch als "Abstandsfläche" für offene Bebauung in den Bauordnungen festgelegt, je nach Gebäudehöhe und Landesgesetz beträgt er ungefähr drei bis fünf Meter. Es soll Licht und Sonne durchkommen, Brände sollen verhindert werden. Und man spricht vom "Sozialabstand", will also auch den Nachbarn nicht zu sehr "auf die Pelle rücken".

Der Architekt Paul Jatzow fand diese "Zahnlücken" unakzeptabel, als es sie in der großstädtischen Bebauung noch gab, und setzte sich bei seinen Planungen hierüber hinweg. Er plante er das Rheinische Viertel um den Rüdesheimer Platz für die Terraingesellschaft von Georg Haberland und eine Vielzahl weiterer Bauten in Wilmersdorf und Schöneberg. Auch mehrere Gründerzeitbauten entlang der Grunewaldstraße zeigen seine Handschrift. Manchmal hat er nur die Fassaden entworfen und dadurch einheitlich wirkende Ensembles aus den Bauten unterschiedlicher Architekten geschaffen.


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Bei unserem Stadtspaziergang haben wir heute den Kleistpark ganz ausgespart und uns an der Grunewaldstraße entlang gehangelt. Mehrere frühere Flanierziele kommen dabei wieder in den Blick: An der Grunewaldstraße Ecke Hauptstraße die Meisenbach-Höfe. Georg Meisenbach hat den Rasterdruck von Bildern erfunden - eine optische Täuschung, die es ermöglicht, Abbildungen ohne Zwischenverarbeitung direkt zu drucken. Seitdem konnten Zeitungen ihre Nachrichten in beliebigem Umfang bebildern, ein neues Medien-Zeitalter war angebrochen. An die Meisenbach-Höfe in der Grunewaldstraße schließt sich der Kurt-Hiller-Park an, der an einen streitbareren Pazifisten, schwulen Aktivisten und Pionier des Expressionismus in der Literatur erinnert. Im weiteren Verlauf der Grunewaldstraße dann der Bayerische Platz als außergewöhnlicher Gedenkort. Durch Schilder an den Laternenmasten rund um den Platz wird sichtbar und fühlbar gemacht, wie in der Nazizeit die jüdischen Mitbürger im Alltag durch staatliche Verordnungen unterdrückt und gedemütigt wurden.

U-Bahnhof Bayerischer Platz
Nachkriegsbauten haben es schwer, zu überleben, dagegen erzeugen Stuckbauten von selbst eine Ehrfurcht vor der Geschichte. Schlichte Nachkriegsmoderne wird oft nicht wahrgenommen oder abgelehnt, auch ich selbst hatte früher über die "klobige Scheußlichkeit des überflüssigen U-Bahngebäudes" am Bayerischen Platz geschrieben. Inzwischen habe ich verstanden, dass die "Nachkriegsmoderne" eine eigenständige Epoche der Architektur ist, die ihren Platz verdient, auch wenn ihre Ästhetik uns heute fremd ist. Es ist wie mit dem Nierentisch, der die Dynamik und Ausdrucksform der Aufbaujahre nach dem Krieg repräsentiert und aus der Designentwicklung nicht wegzudenken ist.

Das Eingangsbauwerk des U-Bahnhofs Bayerischer Platz gibt es so nicht mehr. Es war fällig, baufällig (sagte die BVG), wurde abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, der mit der Aufstockung um einen Stahl-Glaspavillon mit Café ein neues Zentrum geworden ist für den durch Kriegseinwirkung geschundenen Bayerischen Platz. Das neue „Gesamtkunstwerk“ erhielt einen Umweltpreis, die Luft aus dem U-Bahnschacht wird als Wärmequelle genutzt.

Wenn da nicht der Verlust des „unverwechselbares Verkehrssymbols in der Stadtlandschaft" aus den 1970er Jahren wäre, jenes weißen Kubus' mit abgerundeten Ecken und bayerisch-blau abgesetztem Dachaufbau, durch dessen trichterförmigen Eingang die Fahrgäste in den U-Bahnhof eingesogen wurden. Ursprünglich hatte die 1910 von der Stadt Schöneberg eingerichtete U-Bahnlinie zum Innsbrucker Platz kein oberirdisches Bahngebäude. Ein unterirdisches Kreuzungsbauwerk hatten die Schöneberger bereits mit geplant, erst der Berliner Baudirektor Rainer Rümmler realisierte die kreuzende Linie zwischen Rudow und Spandau und schuf hier wie beispielsweise am Fehrbelliner Platz markante Zugangsgebäude im Stil der Nachkriegsmoderne.


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Umspannwerk Prinzregentenstraße
Nachdem sich die Stadt Berlin mit den umliegenden Dörfern, Gemeinden und Städten 1920 zu Groß-Berlin zusammengeschlossen hatte, mussten die Versorgungsnetze vereinheitlicht werden. Die 1915 gegründeten "Städtischen Elektrizitätswerken Berlin" - ab 1923 "Bewag" - entwickeln ein Energiekonzept für die Stadt und bauen Umspannwerke, Abspannwerke und Verteilerstationen. Ihr Hausarchitekt Hans-Heinrich Müller entwirft für diese neue Bauaufgabe ab 1924 die Industriearchitektur, die bis heute mit neuer Nutzung stilprägend geblieben ist. Doch es kostet die Bewag viel Mühe, die ganze Stadt zu versorgen. Die früher selbstständigen Gemeinden wollen ihre Kraftwerke nicht hergeben, manche werden schließlich stillgelegt (z.B. Neukölln, Pankow), andere ins Netz integriert (z.B. Rummelsburg, Moabit). Doch das Elektrizitätswerk Südwest, das Wilmersdorf und Schöneberg versorgt, widersteht lange dem lockenden und drohenden Werben der Bewag.

Noch 1926 beginnt es mit dem Bau eines eigenen Umspannwerks in der Prinzregentenstraße, das den Strom aus dem 1910 in der Gotenstraße errichteten Kraftwerk verteilt. Erst 1927 lässt sich das Elektrizitätswerk darauf ein, dieselben Preise wie die Bewag zu nehmen und das Versorgungsgebiet mit ihr zu teilen. Und erst 1937 gibt das Elektrizitätswerk Südwest ganz auf, die Aktiengesellschaft wird auf die Bewag verschmolzen. Das Gebäude des Umspannwerks in der Prinzregentenstraße lehnt sich in seiner Ästhetik mit den himmelsstrebenden parallelen Fensterbändern und der Klinkerfassade im Märkischem Mauerverband erkennbar an die Bauten von Hans-Heinrich Müller an.



Nach diesem Abstecher ins benachbarte Wilmersdorf kehren wir zum Flaniermahl in die Schöneberger Grunewaldstraße zurück. Die griechische Taverne Ousia ist längst kein Geheimtipp mehr. Aus der Enge in der Akazienstraße ist sie ausgezogen, auch in den viel größeren Räumen finden wir "das Wesentliche" (griech. Ousia), nämlich eine Auswahl von vielen kleinen Gerichten.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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Christliche Volksgemeinschaft
Eine Windrose aus Gräbern