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Heimatlos


Stadtteil: Reinickendorf
Bereich: Wittenau
Stadtplanaufruf: Berlin, Weinbrennerweg
Datum: 15. Juni 2015
Bericht Nr: 511

…"Nicht wo DU die Bäume kennst, wo die Bäume DICH kennen, ist deine Heimat".

Ist Heimat ein Gefühl oder ist es ein Ort? Für "Heimat" und "Vaterland" haben die Italiener, Spanier, Portugiesen, Franzosen dasselbe Wort: "patria", ist also das Vaterland die Heimat? Den Verlust des Zuhauses erleben und erlebten viele Menschen dramatisch oder traumatisch, die durch kriegerische Handlungen auf der Flucht waren oder sind, gerade in der heutigen Zeit. Für die Deutschen, die als Folge des Zweiten Weltkriegs aus den Ostgebieten verdrängt worden sind, ist der Begriff "Heimatvertriebene" geprägt worden, den auch das Bundesvertriebenengesetz verwendet. In der DDR nannte man sie "Umsiedler", das klang neutraler, war doch der große Bruder in Moskau an der Vertreibung beteiligt.

Weniger bekannt ist, dass auch nach dem Ersten Weltkrieg Deutsche aus den Ostgebieten verdrängt worden sind. Die bis zur Wende offizielle Karte "Deutschland in den Grenzen von 1937" zeigte einen polnischen Korridor zwischen Danzig/Ostpreußen und dem übrigen Reich. In diesem Korridor liegt Posen, das Polen nach mehrfacher Teilung seines Landes 1815 an Preußen verloren hatte. Durch den Versailler Vertrag 1919 wurde dieses historische Unrecht wiedergutgemacht, auch Westpreußen fiel an Polen. In Westpreußen war die Mehrheit der Bevölkerung deutsch, in Posen polnisch. Zwei Drittel der 1,1 Mio. deutschen Bewohner, die nicht die polnische Staatsbürgerschaft annehmen wollten, verließen das Land und siedelten sich in angrenzenden preußischen Provinzen an.

Auch in Berlin kamen Flüchtlinge aus den 1919 verlorenen ostdeutschen Gebieten an. Für sie hat in den 1920er Jahren die "Baugenossenschaft Vertriebener Ostdeutscher" mehrere Wohnanlagen in Berlin errichtet. An einem Wohnkomplex in der Rathausstraße in Mariendorf blieb eine Gedenktafel der Baugenossenschaft bis heute unverändert:

..."Von Feindeshass vertrieben von Haus u. Herd
...In deutscher Heimat sei Euch neues Glück beschert"

Im Jahr 1927 errichtete diese Baugenossenschaft auch an der an der Ollenhauerstraße Höhe Lindauer Allee eine blockumschließende Wohnanlage mit pathosgeladenen Erinnerungen an Geschichte und Kultur der einstigen Heimat. Die beiden Häuserecken an der Ollenhauerstraße sind gemauerte Backsteingotik, wie sie während der Ostkolonisation typisch war. Davor stehen lebensgroße Plastiken eines in die Ferne schauenden Landmannes mit der Sockelinschrift "Deutsch Ost" und eines Ritters, auf dessen Schild "Marienburg" eingraviert ist. In der Schulenburgstraße finden sich auf einem vertikalen Figurenband weitere Darstellungen erdverbundenen Arbeitens und einer Urkundenrolle, die wohl das verbriefte Recht auf die Ostgebiete ausdrücken soll.



Beide Wohnanlagen werden heute von der Steglitzer Baugenossenschaft verwaltet, in ihr ist wohl die Baugenossenschaft der Vertriebenen aufgegangen. Vielleicht ist sie sogar mit ihr identisch und nur umbenannt worden. Zu ihrer Geschichte hält sich die Steglitzer Genossenschaft jedenfalls bedeckt und nennt als Gründungszweck 1925 nur die Wohnungsversorgung der "durch den ersten Weltkrieg geschädigten Menschen", darunter könnte man auch die Ost-Flüchtlinge verstehen.

Und damit sind wir bei unserem heutigen Rundgang, der von der Lindauer Allee bis zum Nordgraben führt. Die Wohnanlage für Ostflüchtlinge ist nicht die einzige Siedlung, die wir heute sehen. Die Wohnhausgruppen zwischen Thyssenstraße und Weinbrennerweg gehören zu den späten Bauten von Erwin Gutkind. Expressive Fassaden wie beispielsweise an seinem Lichtenberger Sonnenhof oder an dem Gebäudekomplex Ollenhauerstraße / Kienhorststraße findet man hier nicht. Stattdessen einstöckige glatte Gebäudezeilen aus denen die Eingangsbereiche als Risalit hervorspringen.

Wer sich fragt, wo denn hier am Weinbrennerweg Spirituosen destilliert wurden, der hat sich in die Irre führen lassen. Friedrich Weinbrenner war ein badischer Architekt, der in Berlin mehrere Monate lang den Klassizismus studiert und sich mit den Architekten Carl Gotthard Langhans und David Gilly ausgetauscht hat. Monumental in der Wirkung, aber zurückhaltend bei den Schmuckelementen waren seine Bauten im "Weinbrenner-Stil", von denen aber keiner in Berlin steht. Nicht sehr variantenreich, aber mit bescheidenen Mitteln realisiert, das gefiel seinen Auftraggebern. Auch seine Kirchen hatten im Inneren eine "schlichte, helle und geräumige Gestaltung".

In Berlin sind nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg mehrere Kriegersiedlungen, also Bauten für Kriegsteilnehmer, Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene, geschaffen worden. Südlich des Nordgrabens hat die zum Sozialverband VdK gehörende Baugesellschaft "Kriegerheim-Siedlung" in den 1950er Jahren eine aufgelockerte Wohnanlage errichtet, die mit ihren in den Putz eingekratzten Figuren noch heute etwas vom Charme der fünfziger Jahre ausstrahlt.

Die Straßen Am Nordgraben, Oranienburger Straße und Rathauspromenade bilden ein gleichseitiges Dreieck mit der spitzen Ecke nach Süden. Die unregelmäßig verlaufenden Innenstraßen - für die Siedlung Wittenau um 1927 angelegt - deuten den Stadtgrundriss einer Gartenstadt an. Tatsächlich wurde diese "Siedlung Wittenau" von Hermann Muthesius errichtet, der auch einen Teil der Gartenstadt Hellerau (Dresden) erbaut hat.



Hellerau gilt als eine Ikone der Gartenstadtbewegung, gleichzeitig ist dort eine neue Lebensform entstanden, in der Wohnen und Arbeit, Kultur und Bildung eine Einheit waren. Muthesius ist vor allem durch Landhausbauten nach englischem Vorbild bekannt geworden, die sich durch Schlichtheit, Gediegenheit und Komfort auszeichneten und die Gärten mit einbeziehen in die Wohngrundrisse. Es sind wohngerechte Häuser, "genau nach dem Zweck" gestaltet, aber auch ohne Gärtner und Dienstboten nicht zu bewirtschaften. Andererseits hat er auch einige wenige Kleinwohnungssiedlungen gebaut wie die Preußensiedlung in Altglienicke.

Peinliches Detail in Reinickendorf: Die Trentelstraße in der Siedlung Wittenau musste 1927 gleich nach ihrer erstmaligen Benennung umbenannt werden. Der namensgebende Dorfschmied hieß Treutel, n und u wurden verwechselt, offensichtlich hatte jemand undeutlich geschrieben und damit zunächst eine falsche Benennung ausgelöst.

Auch ein ehemaliger Güterbahnhof liegt heute an unserem Weg. Um 1900 erhielten die Fabriken an der Flottenstraße durch eine Industriebahn Anschluss an den Güterbahnhof Reinickendorf. Ein Güterschuppen und ein Stellwerk - geschaffen von dem Bahnarchitekten Richard Brademann - sind noch erhalten, Güter werden aber hier nicht mehr umgeschlagen.



Ein Italiener an der dort etwas tristen Ollenhauerstraße überrascht uns mit gutem Essen. Man soll sich eben nicht vom fehlenden Ambiente täuschen lassen, sondern die Küche ausprobieren. Dass hinter unserem Rücken gefüllte Wassergläser durch die Luft fliegen, ist einer Teppichfalte geschuldet und richtet bei uns keinen Schaden an.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Ein verwunschenes Dorf
Aus Schwarzbauten werden Siedlungen