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Französische Residenzen


Stadtteil: Reinickendorf
Bereich: Waidmannslust
Stadtplanaufruf: Berlin, Dianastraße
Datum: 17. Juni 2019
Bericht Nr.: 657

Es begann mit einem Vertrauensbruch, der die Freundschaft zwischen dem Hermsdorfer Gutsbesitzer Leopold Lessing und dem Förster Ernst Bondick beendete. Leopold Lessing, den wir als Besitzer einer Ziegelei und einer Solquelle kennengelernt haben, beauftragte 1875 seinen Untergebenen, den Förster Bondick, auf dem "Heideplan" Land für einen Holzplatz zu kaufen.

Der "Heideplan" war der Lübarser Besitz eines verstorbenen Bauern, sollte aber nur im Ganzen abgegeben werden. Bondick kaufte daraufhin das ganze Land für sich selbst. Er sah voraus, dass der geplante Bau einer Eisenbahnlinie nach Stettin dem Lübarser Gebiet einen Entwicklungsschub geben würde. Den Herauswurf durch seinen Gutsbesitzer nahm er in Kauf.

Waidmannslust
Mit der Gastwirtschaft "Waidmannslust", die Bondick inmitten des Waldes auf seinem neuen Land eröffnete, begann die Entwicklung des Ortes zwischen Waidmannsluster Damm und Tegeler Fließ. An der 1877 in Betrieb genommenen Nordbahnlinie ließ Bondick 1884 auf seine Kosten eine Bedarfshaltestelle einrichten, die sowohl Ausflügler als auch wohlhabende Anwohner in den Bezirk zog und damit eine Vorortsiedlung entstehen ließen. Bondick betätigte sich als Terrainentwickler, parzellierte Land und verkaufte es. "Jägersiedlung" wurde die neue Landhaussiedlung genannt mit Straßennamen wie Hubertus, Halali, Diana, Artemis. Und Jäger bauten oder mieteten hier Häuser, um ihrem Vergnügen nachzugehen.

Jagdschloss Mehlich
Aus jener Zeit ist eine Villa am Zehntwerderweg mit Hirschgeweihen an der Fassade erhalten geblieben. Dieses Jagdschloss Mehlich ist zur Bauzeit 1890 in exponierter Lage am Wolfsteich errichtet worden. Heute liegt es an einer Straße, dicht umstanden von anderen Bauten, offensichtlich ist das Gelände später parzelliert worden. Der Eigentümer J. Mehlich war Fabrikant, er stellte industrielle Ketten her für die Kraftübertragung an Maschinen, beispielsweise für Nähmaschinen und Motorräder.


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Bis zur Jahrhundertwende wurden die Räume im Jagdschloss beleuchtet mit Petroleumlampen der am Ort ansässigen Lampenfabrik Budweg. Deckenlampen, Lüster, Tischlampen und tragbare Lampen wurden mit Petroleum befüllt, die Zylinder mussten in Abständen gereinigt werden und die Dochte abgeschnitten.

Lampenfabrik Budweg, Volta-Werke
Die Lampenfabrik F. Budweg & Sohn produzierte seit 1888 am Oraniendamm. Als die Beleuchtung durch Strom und Gas die Petroleumlampen verdrängte, übernahmen nach dem Ersten Weltkrieg die Volta-Werke das Fabrikgelände und stellten dort Transformatoren, Hochspannungsanlagen und Elektromotoren her. Das Personenunternehmen wurde bald zur Kapitalbeschaffung in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. In der Nachkriegszeit gehörten die Volta-Werke zur AEG. Als die AEG pleiteging, übernahm Siemens die Volta-Werke, legte sie dann aber 1987 wegen mangelnder Aufträge still.

Auf dem ausgedehnten Fabrikgelände am Oraniendamm und Waidmannsluster Damm ist zwischen 1888 und 1962 ein Konglomerat unterschiedlicher Bauten entstanden: 2 Fabrikgebäude (1822, 1922), 3 Montagehallen (1922, 1937, 1958), außerdem Versandhalle, Verwaltungsgebäude und Pförtnerhaus (um 1960). Inzwischen zog "Bulli's Genussbox" in das Pförtnerhaus ein, OBI übernahm Hallen und klotzte seinen Schriftzug oben drauf, Lagergebäude wurden abgerissen, der Hof für Parkplätze planiert, Bäume gepflanzt und Dächer begrünt, ein zwiespältiges Bild nachgenutzter Industriegebäude.


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Kurbetrieb in Waidmannslust
Diana, die römische Göttin der Jagd, begleitet uns die meiste Zeit auf unserem heutigen Weg durch Waidmannslust. Artemis, ihrer Schwester in der griechischen Mythologie, ist eine Querstraße zur Dianastraße gewidmet. Dass die Artemisstraße von 1902 bis 1961 Kurhausstraße hieß, verweist auf die Vergangenheit Waidmannslusts als Erholungsort, wo "der Lunge reiner Sauerstoff zugeführt wird". Auf der Anhöhe gegenüber der Kurhausstraße stand das "Kurhaus Bergschloß", das den Gästen alle Arten von Bädern anbot, auch elektrische Lichtbäder. An der Fürst-Bismarck-Straße, die damals Badstraße hieß, konnten Erholungsbedürftige "Luft- und Sonnenbäder, Kastendampf- und Wannenbäder" nehmen, sich massieren lassen und Diätkuren über sich ergehen lassen.

Propellerfabriken
In der Düsterhauptstraße in Waidmannslust produzierten unabhängig voneinander zwei Möbeltischler Flugzeugpropeller, die sie selbst entwickelt hatten. Sie rüsteten Flugzeuge und Luftschiffe aus, wurden wichtige Rüstungsbetriebe, beschäftigten Fremdarbeiter. Von beiden wird berichtet, sie hätten Propeller für den Zeppelin geliefert, das ist schwer nachzuprüfen. Hugo Heine produzierte in der Düsterhauptstraße 35-38, das Propellerwerk Gustav Schwarz befand sich in der Düsterhauptstraße Ecke Dianastraße 84.

Propellerwerk Schwarz
Gustav Schwarz verlegte seine 1882 gegründete Sarg- und Möbeltischlerei 1900 nach Waidmannslust. Sein Sohn Otto entwickelte Propeller aus mehrschichtig verleimtem Holz, so entstand aus der Möbeltischlerei das Propellerwerk Schwarz. Wie Otto Schwarz auf diese Produktidee kam, ist nicht überliefert. Eventuell hatte er bei seinem Nachbarn Hugo Heine über den Zaun geschaut, denn der war zuerst da. Die Propeller wurden auch in Lizenz im Ausland gefertigt. Eine Gedenktafel am ehemaligen Fabrikgelände erinnert an diese Industriegeschichte.

Hugo Heines Möbelfabrik & Propellerwerk
Der Möbeltischler Hugo Heine war auf dem Flughafen Johannisthal zufällig dabei, als ein Flugzeugpropeller zu Bruch ging und bot seine Hilfe an. Die gelungene Reparatur brachte die Idee zu seinem Start-Up, das nach der Gründung 1910 vier Holzpropeller im Monat herstellen konnte. Seine Konstruktion, die "hervorragende Stabilität bei größtmöglicher Ausnutzung der Luftverdrängung" versprach, wurde im Ersten Weltkrieg als Rüstungsprodukt so stark nachgefragt, dass er in der Düsterhauptstraße seine eigene Fabrik errichtete, in der zu dieser Zeit 300 Mitarbeiter beschäftigt waren.

Als nach Ende des Ersten Weltkriegs durch den Versailler Vertrag die Rüstungsproduktion zum Erliegen kam, kehrte er zur Möbeltischlerei zurück, verlegte seinen Betrieb in die Warschauer Straße in Friedrichshain und produzierte Schlafzimmermöbel. Als erneut Flugzeuge gebaut werden durften, war er wieder dabei. 1930 lieferte er seinen 50.000sten Propeller aus. Auch der Zeppelin „Hindenburg“ wurde von Heine-Propellern angetrieben.

Auf dem Höhepunkt seines Erfolges während des Ersten Weltkriegs erwarb Hugo Heine 1917 eine Villa in der Dianastraße 44-46. Das in der Form eines Gutshauses 1908 für einen Arzt errichtete Gebäude steht auf einem Grundstück direkt am Tegeler Fließ. 35 Jahre später, nach Ende des Zweiten Weltkriegs, verkaufte Heine das Anwesen an die französische Besatzungsmacht, die es vorher beschlagnahmt hatte.


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Französische Residenzen
Wedding und Reinickendorf gehörten im Nachkriegs-Berlin zur französischen Besatzungszone. Berlin war unter den Alliierten in vier Sektoren aufgeteilt worden, jeder Sektor hatte einen Stadtkommandanten. Die vier Stadtkommandanten sollten im Alliierten Kontrollrat Berlin gemeinsam regieren, was nach dem Auszug des russischen Vertreters ab 1948 nicht mehr möglich war. Danach regelten die drei westlichen Stadtkommandanten die Angelegenheiten in West-Berlin.

In Waidmannslust richteten die Franzosen in drei Villen Residenzen ein. So wurde die Villenkolonie Waidmannslust zum französischen Residenzviertel, während die Militärs in Tegel und Wedding in den Wohnsiedlungen der neuen Cités untergebracht waren. In die Residenzen zogen der Stadtkommandant, der Gesandte der französischen Militärregierung und der Hohe Kommissar ein, drei verschiedene Repräsentanten der französischen Besatzungsmacht.

In Waidmannslusts größte Villenanlage an der Bondickstraße zog der französische Stadtkommandant ein, also der regionale Repräsentant der Franzosen. Es ist ein Grundstück mit abschüssigem Gelände, das entlang der vom Steinberg kommenden Straße "Nach der Höhe" bis zum Waidmannsluster Damm reicht. Heute betreibt die Botschaft von Algerien auf dem stark gesicherten Grundstück ihr Gästehaus.

In der Dianastraße belegten die Franzosen zwei benachbarte Villen. In das Anwesen des Propeller-Fabrikanten Hugo Heine zog das Französische Konsulat ein, das während der Besatzungszeit von einem Gesandten der französischen Militärregierung geleitet wurde. Auch die anderen Besatzungsmächte hatten Konsulate eingerichtet, die Amerikaner beispielsweise an der Clayallee.

Das benachbarte Gebäude Dianastraße 41-43 war 1904 als Landhaus für einen Bankdirektor erbaut worden. Die Franzosen beschlagnahmten es 1945, um hier eine Residenz für den französischen Hochkommissar einzurichten. Sie gingen davon aus, dass Berlin wieder deutsche Hauptstadt werden würde, und siedelten deshalb den höchsten Repräsentanten des französischen Staats hier an. Die Alliierte Hohe Kommission, die dann aber in Petersberg bei Bonn ihren Sitz nahm, übte für die Siegermächte die Kontrolle über die Bundesrepublik aus. Benutzt wurde das Gebäude in der Dianastraße nur, wenn der Hohe Kommissar in Berlin weilte. Die Aufgabe nahm André François-Poncet wahr, der später Frankreich als Botschafter in Bonn vertreten hat. Heute steht das Haus leer.

Die französische Vorstellung von Berlin als Hauptstadt hat sich bewahrheitet. Allerdings sprechen auch heute die ehemaligen Siegermächte im internationalen Dialog nicht mit einer Stimme, doch ihre Botschaftsgebäude sind zusammengerückt. Alle vier Botschaften stehen rund am Pariser Platz, in der Wilhelmstraße und in der Straße Unter den Linden, höchstens 200 Meter voneinander entfernt.

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Eine Gartenstadt, die nie gebaut wurde