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Eis in Scheiben und in Blöcken


Stadtteil: Reinickendorf
Bereich: Schäfersee
Stadtplanaufruf: Berlin, Mudrackzeile
Datum: 21. Mai 2013
Bericht Nr: 420

Der Amerikaner Frederic Tudor ließ im Winter 1805 Eis aus einem zugefrorenen See in Boston in Stücke sägen und segelte mit 130 Tonnen glasklarem Natureis nach Martinique in der Karibik, weil er der aberwitzigen Idee anhing, dass man auch in den Tropen den Whiskey "on the rocks" trinken müsse, eisgekühlt wie in Boston. Gerade erst hatte sein Vater - ein angesehener Richter - sich bei einem Grundstücksgeschäft verspekuliert, nun konnten die Zeitgenossen auch noch über den 22jährigen Sohn herziehen, der mit dem Eis in Martinique "baden gegangen" war, weil es nach Öffnen der Ladeluke schneller geschmolzen war, als er es absetzen konnte. Aber er hielt unbeirrbar an seiner Idee fest, und als er 59 Jahre später starb, nannte man ihn den "Ice King" (Eiskönig). Er verschiffte zuletzt jährlich rund 150.000 Tonnen Eis in alle Welt. Nach Südamerika, Afrika, Japan, China lieferte er im globale Eishandel, nachdem er es geschafft hatte, dass die britischen Kolonialbeamten im indischen Kalkutta ihren abendlichen "Sundowner" auf seinem Bostoner Eis zu sich nahmen. Schnellere und größere Segelschiffe und Frachträume mit mehreren isolierenden Hohlräumen sowie die industrielle Eisherstellung machten es möglich, sein unerschütterlicher Glaube an seine Idee hatte einen ganzen Industriezweig entstehen lassen.

Das Eis wurde anfangs mit Sägen und Brechstangen aus den Seen gewonnen. Später hobelten von Pferden gezogene Schneepflüge den Schnee vom Eis und kerbten ein gleichmäßiges Schachbrettmuster in die Eisfläche, die dann mit Sägemaschinen zerteilt wurde. Greifzangen und Förderbänder brachten die Eisblöcke in riesige Lagerhallen, deren Wände aus mehrere Isolationsschichten mit Sägespänen oder Holzwolle zwischen Holzplanken bestanden (1).

Gleichzeitig mit Tudors Lebensende verlor die Natureisherstellung ihre Bedeutung. Es ist, als wären sie eine lebenslange Symbiose eingegangen, die für beide mit dem Tod des einen endete. 1859 hatte Ferdinand Carré eine Maschine erfunden, die Kunsteis herstellen konnte, indem sie Ammoniak verdampfte, das verdampfende Gas nahm Wärme auf und transportierte sie ab. 1862 stellte Carré seine Maschine auf der Londoner Weltausstellung vor. In den 1870er Jahren baute Carl Linde die erste Kältekompressionsmaschine, 1877 wurde sie patentiert, 1897 wurde Carl Linde geadelt. Aus der von ihm gegründeten Eismaschinen AG wurde die Linde Aktiengesellschaft, die heute weltweit als Technologiekonzern tätig ist.

Der Vorgänger des Kühlschranks war der Eisschrank mit dickwandiger Isolierung, dessen Kühlabteil mit Natureis oder Kunsteis gefüllt wurde. Auch Lokale und Lebensmittelläden hatten mit Eis gekühlte Vorratsbehälter. Ich erinnere mich, dass in den 1950er Jahren in der Mommsenstraße der von einem Pferd gezogene Eiswagen regelmäßig vor dem Lokal gegenüber unserer Wohnung hielt. Von dem Wagen trug ein Mann die Eisblöcke einzeln auf der Schulter ins Lokal, eine Lederauflage schützte seine Schulter vor Nässe und Kälte.

In Berlin stellte Carl Bolle (2), der Inhaber der Meierei, bereits ab 1863 Natureis her. Die von ihm später gegründeten Norddeutschen Eiswerke beherrschten den Markt, sie produzierten in Köpenick, Rummelsburg und Plötzensee und eröffneten weitere Betriebe außerhalb Berlins. An Köpenicker Str.40 blieb ein Gebäude der Eisfabrik erhalten, es ist als Denkmal eingetragen. Am Schäfersee in Reinickendorf - und damit sind wir bei unserem heutigen Stadtspaziergang - verpachteten die Eiswerke die Eisherstellung an Eduard Mudrack. Am heutigen Eisbärenweg legte Mudrack zur Eisherstellung rechtwinklige Teiche an. Für die Lagerung baute er nach amerikanischem Vorbild Natureis-Schuppen, die mit Torf isoliert waren. Als das Natureis vom Kunsteis verdrängt wurde, errichtete Mudrack an der heutigen Mudrackzeile eine Kunsteisfabrik, die später Wohnbauten weichen musste. Ein Schornstein und eine Mauer sind die einzigen Überreste, die heute noch an die Fabrik erinnern. Eine weitere Eisfabrik am Schäfersee wurde von Louis Thater betrieben, die Thaterstraße nördlich des Sees trägt seinen Namen.

Den Schäfersee flankiert an der Holländerstraße und Brienzer Straße eine Wohnanlage von 1930, die von der stadteigenen Heimstättengesellschaft "Primus" (3) angelegt wurde. Reformwohnungsbau mit expressionistischen Details, wie sie auch schon in der Wohnanlage Paddenpuhl angeklungen sind, gestaltet von Fritz Beyer (4).

Geht man die Holländerstraße weiter Richtung Flughafen, so kommt man Ecke Aroser Allee auf einen Firmenkomplex, den die AEG 1908 von der "Luxuspapier-Fabrik Albrecht & Meister" erworben und sensibel erweitert hat. Bis zum Grindelwaldweg erstreckt sich das fünfgeschossige Verwaltungs- und Produktionsgebäude entlang der Aroser Allee mit sachlicher Architektur und hell belichteten Räumen. Auf demselben Industriehof zur Baseler Straße hin ist in unserer Zeit (ich scheue mich, den Begriff "modern" zu verwenden) ein Glasbau entstanden, von dessen Dach Metallspitzen in die Gegend pieken, die wohl dem Strahlenkranz der New Yorker Freiheitsstatue nachempfunden sind. "Anthropolis" - Stadt für den Menschen, nennt sich das Projekt, "Auf dem Gelände eines ehemaligen Forschungs- und Entwicklungsstandorts der AEG, wo schon Albert Einstein forschte, finden Unternehmen heute die besten Voraussetzungen für eine dynamische Entwicklung", schreibt der Vermieter. Die versprochenen "vielfältigen Perspektiven" gelten wohl vor allem für die Mieter im Neubau, die auf die stilvollen alten Backsteingebäude schauen, sie sehen die Metallstachel an ihrem Haus ja nicht.

Auf der Rückseite des Industriehofes an der Baseler Straße steht ein markanter zweigeschossiger Klinkerbau, den man für das Direktorenhaus halten könnte. Dieses "Lutherhaus" ist das Gemeindehaus und die Kita einer seit 1929 nie zu Ende gebauten Kirche. Erst 1966 hat Peter Poelzig an der Gotthardstraße Ecke Winterthurstraße die eigentliche Kirche als Bau der Nachkriegsmoderne errichtet.

An der Aroser Allee Richtung Barfusstraße wird gerade die Schillerhof-Siedlung renoviert, die der Architekt Erich Glas 1927 für die DeGeWo gebaut hat, eine Wohnanlage in Blockrandbebauung ohne Hintergebäude. Die Häuser erhielten individuelle Reliefs über den Türen, der Eingang zum Schillerhof wurde mit einem Dreiecksgiebel besonders herausgestellt. Als Folgeauftrag hat Glas bis 1930 für dieselbe Auftraggeberin zwischen Edinburger und Glasgower Straße eine Siedlung in ähnlicher Bauweise errichtet. Diese Wohnanlage haben wir beim Rundgang durch den Schillerpark gesehen (5).

Der weitere Weg über die Holländerstraße führt an ausgedehnten Friedhofsflächen vorbei. Der Golgatha-, Gnaden-, St. Johannes-Evangelist-Friedhof ist zum Teil aufgelassen und zum Friedhofspark erklärt. Hier gibt es keine denkmalgerechten Grabstellen, keine Ehrengräber Berlins, die schmucklosen restlichen Gräber verteilen sich in einer teilweise sich selbst überlassenen Grünfläche ohne jeden Charakter. Es gibt nicht einmal einen Grabspruch wie "Oh Wanderer fliehe weit von hier / sonst steht sie auf und zankt mit Dir", es gibt nichts zu lachen und nichts Nachdenkliches oder betrübliches, also wir ziehen weiter.

Ein Demonstrationsbauvorhaben an der Septimerstraße ist heute unser letztes Ziel. Demonstrieren wollten Berlin und der Bund hiermit in den 1950er Jahren, dass in Randgebieten der Stadt ("suburban") zusammenhängende Wohnsiedlungen errichtet werden können, die in Wohnungsgröße, Ausstattung und gemeinschaftlichen Einrichtungen an den Reformwohnungsbau der Weimarer Zeit heranreichen. "Lockere Bauweise mit Sonne und Grün" sollte ein Kontrast zur stark verdichteten Innenstadt sein. In Lankwitz-Ost, Spandau-West, Tegel, Wedding, Britz-Süd und Charlottenburg-Nord waren weitere Projekte geplant. Sogar an "soziologische Bevölkerungsmischung" hatte man gedacht. Vorhandene Kleingärten und Lauben wurden wegen "unhygienischer Lebensverhältnisse" abgeräumt. Die mehrstöckigen Mietwohnhäuser im Außenring wurden so gedreht, dass die Einfamilienhäuser im Innenbereich von dort nicht eingesehen werden konnten. Durch umgebende Grünflächen gliederte man das Bauvorhaben in die Stadtlandschaft ein. In Bremen-Osterholz hatte sich ein Demonstrativbauvorhaben zu einem sozialen Ghetto, einem "weithin sichtbaren Alptraum" entwickelt. "Das tun wir nicht wieder" heißt eine Buchpublikation über die Projektgeschichte. In Berlin ist das Vorhaben offensichtlich besser gelungen.

Nur noch wenige Schritte, dann sind wir am Kurt-Schumacher-Platz angekommen. Der Fluglärm weist uns den Weg, der weiterhin geöffnete Flughafen Tegel wird durch die immer niedriger fliegenden Flugzeuge markiert, je näher man dem Platz kommt. Wir fliehen aus der Fluglärmzone und gehen in der Torstraße in Mitte bei einem Vietnamesen-Thailänder essen. Hier wird freundlich und zuvorkommend ein wohlschmeckendes Essen ohne Geschmacksverstärker serviert.

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(1) Lagerung von Eis: In Dahlem ist ein Eiskeller für die Lagerung von Eis erhalten geblieben: Dorf ohne Bauernhöfe

(2) Carl Bolle war wie Frederic Tudor ein Mann, der niemals aufgab. Anders als Tudor versuchte Bolle sich aber immer wieder an neuen Dingen, bis er "sein" Thema gefunden hatte. Bolle wollte ursprünglich Theologie studieren, machte dann aber eine Maurerlehre und arbeitete als Maurer, legte schließlich die Meisterprüfung ab. Er wollte Missionar werden, brach die Ausbildung aber ab. Das Abitur nachzuholen gelang ihm nicht. Er bebaute ein Grundstück und verkaufte es mit Gewinn. Durch die Eisherstellung (s.o.) kam er zum Fischhandel, zu einer Obstplantage und einer Konservenfabrik. Vorübergehend betrieb er eine Baumschule, für deren Düngerbedarf er 30 Kühe hielt. Der Verkauf der Kuhmilch schließlich machte ihn zu Bimmel-Bolle, der mit dem Milchwagen durch die Stadt fuhr. Seine Söhne fanden im Bestattungsunternehmen Grieneisen ein wiederum ganz anderes Betätigungsfeld.

(3) Die stadteigene Heimstättengesellschaft "Primus" hat auch hier gebaut:
a) "Weiße Stadt": Ein Meisterwerk der menschlichen Schöpferkraft
b) Zeppelinplatz: Ungeschminkte Bodenständigkeit
c) Wohnanlage am Paddenpuhl: Ostwind und Nordlicht

(4) Mehr über den Architekten Fritz Beyer: Beyer, Fritz
(5) Siedlung zwischen Edinburger und Glasgower Straße: Wind in den Dünen



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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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