Bezirke
  ALLE ZIELE     Personen     Themen     Aktuell     Forum  
Charlottenburg-Wilmersdorf
Friedrichshain-Kreuzberg
Lichtenberg
Marzahn-Hellersdorf
Mitte
Neukölln
Pankow
Reinickendorf
Spandau
Steglitz-Zehlendorf
Tempelhof-Schöneberg
Treptow-Köpenick
Allgemein:
Startseite
Ich bin NEU hier
Hinweise
Kontakt
Impressum
Links
SUCHEN
Sitemap

Ein verwunschenes Dorf


Stadtteil: Reinickendorf
Bereich: Schulzendorf
Stadtplanaufruf: Berlin, Spießergasse
Datum: 19. November 2014
Text-Nr.: 486

In Berlin-Schulzendorf gibt es eine "Spießergasse". Wir erschrecken, als wir diesen Straßennamen lesen, schauen zweimal hin, tatsächlich: „Spießergasse“. Spießbürger, das waren die städtischen Bürger, die ihre Orte mit Spießen gegen Eindringlinge verteidigten. Mit Hilfe ihrer Spieße warfen sie auch alle Fremden aus der Stadt, bevor sie die Stadttore schlossen. Später mit Einführung der Feuerwaffen wurden Spieße zur Verteidigung nutzlos, und als manche Bürger die Spieße trotzdem weiter benutzen, galten sie nicht nur als konservativ, sondern auch als rückständig. Aus dem "Spießbürger" wurde abgekürzt der "Spießer", in unseren Zeiten mit Zimmerspringbrunnen, Gartenzwergen, silbernen Untersetzern, Häkeldeckchen und Blumenampeln als Insignien und durch Haltungen wie Konformität, Anpassung, Abwehr alles Fremden, Engstirnigkeit geprägt. Der Begriff ist eine Abwertung anderer Menschen, und damit nicht geeignet, als Straßenname verwendet zu werden. Wie also kommt es zu dieser absonderlichen Benennung?

Nur ein kleiner Kreis von Eingeweihten verbindet mit diesem Begriff eine Wachstumsphase von Hirsch und Reh, in der deren Geweihstangen noch nicht verzweigt sind, also wie Spieße vom Kopf abstehen. Der junge Hirsch wirft das Erstlingsgeweih wieder ab, danach wächst ihm ein neues Geweih, das sich gabelt. Dieses Bild des verzweigten Geweihs hat wahrscheinlich der Durchschnittsbürger vor Augen, wenn er an einen Hirsch denkt, ein Erstlingsgeweih ohne Verzweigungen werden nur wenige gesehen haben. Wenn schon die bildliche Vorstellung nicht verbreitet ist, wird die fachliche Benennung der Tiere als Spießer noch weniger Menschen geläufig sein.

Die Benennung "Spießergasse" ist absonderlich, weil die meisten Menschen automatisch den abwertenden Begriff assoziieren. Und erst die Bewohner, wer möchte schon bei den Spießern wohnen? Daran ändert sich auch nichts, wenn man den Kontext der Straßennamen sieht, Bär, Dambock, Gemse, Hirsch und Reh werden zitiert. Und dann kommt gleich noch eine Merkwürdigkeit in dieser Gegend: Die Hasenfurt wird gekreuzt vom Mümmelmannweg. Doppelt gemoppelt, beides sind Namen für den Hasen, Mümmelmann ist eine scherzhafte Bezeichnung. Da ist es ja noch mal gut gegangen, dass man nicht in die Jägersprache verfallen ist und die Straße "Rammlerweg" genannt hat.

Dass sich hier noch kein Unmut geregt hat, keine Bürgerinitiative gebildet, mag daran liegen, dass Schulzendorf ein verwunschenes Dorf geblieben ist, an dem die Entwicklung der Stadt vorbeigegangen ist. Der namensgebende Forstrat Schultze hatte um 1750 hier Bier gebraut und einen Bierausschank betrieben, später kam eine Branntweinbrennerei hinzu. Im 19.Jahrhundert eröffneten zwei weitere Ausflugsgaststätten. Aber vielleicht hatte man versäumt, die üblichen Vergnügungsetablissements mit Tanz und Schwoof einzurichten, jedenfalls kamen die Berliner nur nach Schulzendorf, um von hier aus in "die liebliche Landschaft" Ausflüge zu unternehmen. Es lockten "die Waldpartien ringsum, der Wechsel von Tälern und Höhen". Heute sind die Waldpartien von Schulzendorf abgetrennt, hier verläuft in einer Senke die Autobahn nach Hamburg, nur durch zwei Tunnel kommt man in den Wald.

Eine seit 1850 gepflasterte Alle führt von Tegel nach Heiligensee, aber auch hier ist heute die Verbindung nach Schulzendorf unterbrochen. Die Ruppiner Chaussee ist in Höhe Schulzendorf für den Straßenverkehr gesperrt, der Ortsteil muss auf der Heiligenseestraße umfahren werden. An der Kremmener Bahn wurde 1893 eine Haltestelle eingerichtet, die heute Schulzendorf "bei Tegel" heißt. Doch die nahe Bahnstation, die sonst die Ansiedlung von Berlinern beförderte, konnte keine Terraingesellschaft begeistern, hier eine Villenkolonie zu errichten (1). Der Gutshof war nur auf Dauer gepachtet ("Erbzinsgut"), hatte also keine adlige Herrschaft. Um 1900 wurde der Gutsbezirk aufgelöst, nur das Landarbeiterhaus in ungewöhnlicher klassizistischer Bauweise blieb erhalten. Der Dorfteich wurde zugeschüttet und mit Reihenhäusern im dörflichen Stil umbaut. An der Sackgasse der Ruppiner Chaussee stehen noch die jetzt ungenutzten Gebäude der ehemaligen Ausflugslokale, ein Fachwerkhaus (zuletzt Keglerheim) und die Gastwirtschaft "Sommerlust, seit 1822".

Schulzendorf hatte noch eine weitere - inzwischen untergegangene - Besonderheit. 1911 wurde der Flugplatz Schulzendorf eingerichtet, angrenzend an den Wiesengraben am Erpelgrund. Es war die Zeit der tollkühnen Männer und Frauen in fliegenden Kisten. Bei dem Flug "Rund um Berlin" wurde 1912 Schulzendorf als Wendepunkt angeflogen (2). Dann interessierte sich leider das Militär für den Platz, was nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wegen der im Versailler Vertrag auferlegten Demilitarisierung zum Ende des Flugbetriebs führte. Noch ist das ehemalige Flugfeld unbebaut, aber vielleicht wird Schulzendorf beim aktuellen Berliner Mangel an Bauland entdeckt.

Es gibt ein interessantes Gebäude, das die Flugplatzschließung überdauert hat. Das Wärterhäuschen des ehemaligen Flugplatzes ist heute Bau- und Gartendenkmal zugleich, hier wohnte und arbeitete die DADAistin Hannah Höch von 1939 bis zu Ihrem Tod 1978. DADA war vielleicht vordergründig Nonsens, Parodie, Satire, aber vor allem eine Revolte gegen etablierte Kunst und gegen Politik. Das zeigen ihre Collagen wie der "Schnitt mit dem Küchenmesser durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands". Hannah Höch selbst wollte nicht nur auf DADA festgelegt werden, im hohen Alter protestierte sie: "DADA hängt mir zum Halse raus, das war doch nur eine kurze Epoche". Inzwischen hatte sie den Garten zu einem Kunstwerk ausgestaltet. Es wurde eine Garten-Collage, von der sie sagte: "Meine Hoffnung ist die Frühlingssonne. Vielleicht gibt sie mir wieder Kraft - ich habe noch zu arbeiten!" Eine Künstlerfamilie hat nach ihrem Tod Haus und Garten übernommen und pflegt und entwickelt die Garten-Collage in ihrem Sinne weiter.

-----------------------------------------------------
(1) Mehr über Terraingesellschaften: Terraingesellschaften
(2) Mehr zu den Rundflügen über Berlin: Fliegen als Grober Unfug

-----------------------------------------------------
Hierzu gibt es einen Forumsbeitrag: Reinickendorf, Schulzendorf (19.11.2014)

--------------------------------------------------------------
Unsere Route
--------------------------------------------------------------

zum Vergrößern ANKLICKEN



Unermüdliche Fürsorge und warme Teilnahme
Heimatlos