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Dach-Variationen


Stadtteil: Reinickendorf
Bereich: Heiligensee
Stadtplanaufruf: Berlin, Ziegenorter Pfad
Datum: 9. Dezember 2019
Bericht Nr.: 680

Der Bahnhof Heiligensee an der Kremmener Bahn sollte ursprünglich nur als Güterbahnhof für eine nahe Chemiefabrik eingerichtet werden. Die Gemeinde hatte 1890 Seuchengefahr befürchtet, die Königliche Eisenbahndirektion beachtete diesen Einwand, 1893 wurde der Güterbahnhof eröffnet. Vier Jahre später begann dann trotzdem der Personenverkehr, damit nicht "der Fabrikbesitzer der einzige Nutznießer blieb", das könnte den Sozialdemokraten Zulauf bringen. Es ging um eine Dampfknochenmehlfabrik, die sich 1873 zwischen Hennigsdorfer Straße und Niederneuendorfer See angesiedelt hatte. Später wurde dort auch Schwefelsäure hergestellt, die Anwohner klagten über Baumsterben, "erbärmlichen Gestank und gelblichen Schleim in den Netzen der Fischer". Aus einem Gemisch von Knochen, Zucker und Schwefelsäure wurde beispielsweise schwarze Schuhcreme hergestellt. Auch im Bötzowviertel in Prenzelberg arbeitete eine Knochenkohlefabrik. Erst 1925 schloss die Fabrik in Heiligensee, weil sich die Knochenverwertung nicht mehr lohnte.

Die Bahnstrecke ist heute eingleisig, am Bahnhof Heiligensee wurde ein Ausweichgleis eingerichtet. Das Bahnbeamtenwohnhaus aus der Gründungszeit wurde vor drei Jahren abgerissen, um den Kundenparkplatz für die architekturfreie Lidl-Verkaufshalle zu erweitern. Auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs sind Neubauten errichtet worden. Die S-Bahn fährt nur alle 20 Minuten, das ist keine attraktive Verbindung in die Innenstadt.

Tetrapak-Fabrik und Underberg-Abfüllung
Nördlich des Bahnhofs stellte Tetrapak Einweg-Verpackungen für Milch, Säfte usw. her, bis die Billigkonkurrenz aus China und der umweltbewusste Mehrweg-Trend die Umsätze einbrechen ließ. Die Produktion wurde eingestellt, die Mitarbeiter entlassen. Die städtische Immobiliengesellschaft mietete 2016 das Gelände, um dort Flüchtlinge unterzubringen. Die Eignung hatte sie nicht geprüft und Warnungen des Bezirksbürgermeisters in den Wind geschlagen. Die Immobilie war für diesen Zweck tatsächlich völlig ungeeignet, Flüchtlinge sind dort nie eingezogen. Bis zum Rückzug aus der Investition sind der Stadt 4,6 Mio. Euro Schaden entstanden.

Es ist geplant, die an das Tetrapak-Gelände angrenzende Underberg-Abfüllung in eine neue Nachnutzung einzubeziehen. Noch 2003 hatte Underberg "seine Kleinstflaschen-Abfüllanlage in Heiligensee zum europäischen Marktführer ausgebaut". Heute hält Underberg den Standort "nicht mehr für ideal" und will mittelfristig umziehen. Neubauten mit 1.200 Wohnungen könnten dort entstehen, wenn das Gewerbegebiet in ein Wohngebiet umgewidmet ist. Die Bewohner der angrenzenden Anglersiedlung sind beunruhigt, wie immer erhebt sich gegen Neubauvorhaben in der Stadt Protest.

Meilenstein, Kontrollpunkt Stolpe
Am Wegesrand der Ruppiner Chaussee findet sich ein Meilenstein von 1840 mit der Angabe "2 Meilen bis Berlin" (Zahl in römischen Ziffern: II). Wurde das vom Oranienburger Tor gemessen oder vom Berliner Schloss? Die ursprüngliche Erläuterungstafel neben dem Stein meinte Oranienburger Tor. Sie wurde ausgetauscht, der Inhalt verändert, nun gibt es mit dem Berliner Schloss eine zweite Versionen des Startpunkts. Für eine Zehlendorfer Dreimeilen-Säule hatte ich die Angabe eines weiteren Startpunkts gefunden, den Obelisken am Spittelmarkt. Sei‘s drum, der Rundstein in Heiligensee folgt einem Entwurf Schinkels und steht rund 15 km vom Startpunkt in Berlin entfernt.

Die Stadt Berlin begrüßt ihre autofahrenden Besucher an der Stadtgrenze gern mit Bären, meist aus Bronzeguss oder aus Stein. Die Bildhauerin Renee Sintenis hat eine Bärenfigur geschaffen, die am Stadtrand und in anderen Städten als Wegweiser aufgestellt wurde. Kam man von der DDR-Grenzkontrollstelle Stolpe her in die Stadt, dann wurde man von einem Bären von Günter Anlauf begrüßt. Bis heute hockt der Bär lässig auf einem Sockel im Mittelstreifen der Autobahn 111 Höhe Borsig-Siedlung.


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Es gibt noch mehr Anlauf-Bären, auf der Bärenbrücke in Moabit hat Anlauf die verloren gegangenen naturalistischen Bärenskulpturen durch seine fröhlich-naiven Neuschöpfungen ersetzt.

Borsig-Siedlung
Die Ruppiner Chaussee und die Kremmener Bahn erreichen in Heiligensee die nördliche Stadtgrenze. In diesem äußersten Winkel des Ortsteils wurde in den 1920er Jahren mit dem Bau der Borsig-Siedlung begonnen. Bauherr war die Siedlungsgenossenschaft Borsigscher Werksangehöriger. Den ersten Bauabschnitt plante der Architekt Hermann Jansen, der aufgrund einer Vielzahl städtebaulicher Planungen als Begründer der modernen Städtebaukunst gefeiert wurde. 1910 erhielt er zusammen mit Josef Brix den ersten Preis im Wettbewerb für einen Groß-Berliner Bebauungsplan.

Die erste Schule befand sich am Ziegenorter Pfad, sie wurde wahrscheinlich von Hermann Jansen erbaut. Das von zwei Kopfbauten eingerahmte Schulgebäude ist mit den großen Sprossenfenstern im mittleren Bauteil noch als solches zu erkennen. Dort wurden von einem Lehrer 16 Schüler in einer Klasse unterrichtet. Als in den 1950er Jahren aus der neuen Waldsiedlung Schüler hinzukamen, wurde die zwischendurch mit Baracken im Hof ergänzte Schule endgültig zu klein.


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Nachfolgebauten der Albrecht-Haushofer-Schule entstanden zuerst am Stolpmünder Weg und dann an der Hennigsdorfer Straße. Heute ist das alte Schulgebäude am Ziegenorter Pfad ein Seniorenheim.

In den 1930er Jahren entwarf der Architekt Fritz Buck weitere Bauabschnitte, zu denen der Borsigplatz gehört. Einen Marktplatz mit einer Poststelle bekam die Borsig-Siedlung im Knick des Ziegenorter Pfads. Die Reihenhäuser sind variationsreich um den baumbestandenen Platz gruppiert, das hat den Charakter einer Gartenstadt. Apropos Post: Heute wird nur noch einmal am Tag die Post abgeholt, am Südrand gibt es einen Briefkasten als Standgerät. Das passt zu dem 20minütigen Zugabstand, so als würde dieser Ort nicht ganz zur Stadt gehören.

Das Bezirksamt hatte 2002 mit einer Gestaltungssatzung die ursprüngliche Bauweise der Anlage in einem geschwungenen Straßensystem mit Wohnhöfen und Gartenzonen schützen wollen, einschließlich der äußeren Form der Häuser. Erfahrungsgemäß werden irgendwann von einzelnen Bewohnern "Verschönerungen" und Überformungen vorgenommen, die den Charakter einer Siedlung beeinträchtigen, der Denkmalschutz kommt dann meist zu spät. Die Satzung wurde 2013 wieder aufgehoben und der Denkmalschutz auf die "Gesamtanlage" reduziert.

Waldsiedlung Heiligensee
In den 1930er Jahren legte Siemens für seine Kurzarbeiter zwei Kleinhaussiedlungen in Spandau an mit Gärten für Selbstversorger. Einem ähnlichen Konzept folgte die Waldsiedlung Heiligensee, die 1953 östlich der Borsig-Siedlung entstand. Erwerbslose und Kurzarbeiter sollten hier Siedlerstellen bewirtschaften mit Gartenbau und Kleintierzucht. Die Bauten wurden in Selbsthilfe errichtet. Umzäunung, Hühnerauslauf und sogar die Standorte der Bäume waren vorgeschrieben. Die Siedler mussten 100 Mark in bar aufbringen, Außenstehende konnten für mehrere tausend Mark fertige Häuser erwerben. Der erste Vorsitzende des Siedlervereins verschwand mitsamt dem Barvermögen des Vereins, daraufhin übernahm die Hilfswerk-Siedlung die Trägerschaft. Seit den 1980er Jahren führt die Trasse der Autobahn A 111 direkt an der Waldsiedlung entlang

Ungewöhnliche Dach-Variationen
Die Borsig-Siedlung besteht aus einem Potpourri unterschiedliche Einfamilienhäuser, Doppelhäuser und Reihenhäuser aus verschiedenen Bauphasen, doch mehrfach bestand offensichtlich der Ehrgeiz, mit den Dächern zu punkten. Allgemein bekannte Dachformen sind Pultdach, Satteldach, Walmdach, Mansarddach, Kegeldach, Pyramidendach, doch die in der Siedlung verwendeten Formen müssen erst noch Namen bekommen. Dass man selbst bei Häusern, die in Reihe gebaut sind, die Dächer von Haus zu Haus unterschiedlich ansetzt, ist zumindest ungewöhnlich.

Im Bauabschnitt am Stolpmunder Weg wirkt es so, als wolle ein Vogel seine Flügel ausbreiten, um den Nachwuchs unter seine Fittiche zu nehmen. Die Dächer geben auf halber Höhe ihren Charakter als Satteldach auf, um abgeknickt die Baumassen zu bedecken, die wie seitliche Anbauten wirken.

Am Karwitzer Pfad neben dem Borsigplatz ist ganz eigener Haustyp vertreten. Einem zweistöckigen Einfamilienhaus mit Satteldach ist seitlich in voller Ausdehnung ein dreiviertelhoher Eingangsbau vorgesetzt, dessen Dach als Satteldach beginnt und sich dann absenkt, um das Obergeschossfenster des Hauptbaus nicht zu verdecken. Das ist Gestaltung und kein Unvermögen, der Architekt Fritz Buck hat bekannte Wohnanlagen erbaut am Schoelerpark in Wilmersdorf und in mehreren Ortsteilen von Reinickendorf sowie einem Teil der Künstlerkolonie am Südwestkorso.


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Bei Reihenhäusern die Dächer unvermittelt gegeneinander verspringen zu lassen, ist keine kluge Idee. Es verbraucht mehr Baustoffe und erzeugt mehr Außenflächen mit zusätzlichem Energiebedarf. Beim Nachverdichten hat die Gesobau am Thurbrucher Steig diese unrationelle Form übernommen, um im ortsüblichen Charakter der Borsig-Siedlung zu bleiben. Eine andere Eigenart in der Siedlung ist wohl bei Doppelhäusern, die Fassaden mit unterschiedlichen Farben deutlich voneinander abzusetzen, also das Unterschiedliche der beiden Wohnungen im gemeinsamen Baukörper zu betonen.

Auch die Waldsiedlung hat ihre eigene Dachvariation. Die Häuschen mit flachem Satteldach sind überwiegend als Doppelhäuser errichtet worden. Warum muss das Dach des linken Hauses 10 cm höher sein als das rechte? Es sieht aus, als wollte es das Nachbardach überlappen, tatsächlich endet es aber an der Hausgrenze mit einer Stufe zum Nachbarhaus und schafft damit einen unnötigen Angriffspunkt für Bauprobleme.

Bericht einer Zeitzeugin
Unsere Leserin Frau Marianne G. hat uns auf das Flanierziel hingewiesen, sie ist in der Borsig-Siedlung aufgewachsen. Mit ihrer Zustimmung gebe ich gern ihre Schilderung als Zeitzeugin hier ungekürzt wieder:

"Dieser Ort meiner Kindheit wurde in den Dreißigern von der Fa. Borsig für Werksangehörige gebaut. Um die Häuser herum herrschte damals noch fast Steppe. Die Siedler hatten viel zu tun, ihre sandigen Gärten herzurichten. Wir Kinder spielten gerne auf der Waldwiese, nach Kriegsende sogar in dem Bombentrichter, der dort bei einem Fliegerangriff entstanden war. Unser Hobby war das Tauschen von Bomben-Splittern: „Meiner hat mehr Zacken als deiner!“ – „Meiner ist aber blank, deiner nicht!“ Vor der Gefahr von Blindgängern hat uns keiner gewarnt.

1945 wurde die Borsig-Siedlung von den Russen erobert, wobei sich schreckliche Dinge abspielten. Später wurde Reinickendorf, und damit auch Heiligensee, französischer Sektor. Unser Vater war in Gefangenschaft. Unsere Mutter musste sich mit ihren vier Kindern (13, 10, 8 und 6) auf zwei Räume beschränken. In unser Wohnzimmer zog ein französischer Offizier mit seinem deutschen „Liebchen“, so nannte er sie, ein. Unsere Mutter musste für ihn waschen und bügeln. Ich war zehn und musste die goldenen Kugelknöpfe an seiner Uniform putzen. Ich sehe heute noch das Muster vor meinem geistigen Auge."

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Unsere Route:
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