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Bismarckdenkmal ohne Bismarck


Stadtteil: Reinickendorf
Bereich: Waidmannslust
Stadtplanaufruf: Berlin, Egidystraße
Datum: 17. Mai 2010

Das Eckhaus an der Fürst-Bismarck-Straße in Waidmannslust hat in der Fassade an prominenter Stelle eine Aussparung für eine Skulptur, darin sieht man einen Sockel, und darüber einen leeren Hohlraum. Wer ist hier in Ungnade gefallen? Wurde hier Bildersturm betrieben? Man glaubt es kaum, hier hat man 1945 eine Bismarckbüste entfernt, und seitdem ist dort eine Lücke - seit 65 Jahren.

Dagegen ist die Gedenkinschrift auf einem Findling in der Siedlung Freie Scholle unversehrt, mit dem die Genossenschaft ihrem Gründer, dem Architekten Gustav Lilienthal ein Denkmal setzte. Der Bruder des Flugpioniers hat in der Egidystraße Zweifamilienhäuser entworfen, die in Eigenarbeit von seinen Baugenossen errichtet wurden. Freie Scholle, das waren Häuser für den "kleinen Mann", eine Kleinhaussiedlung frei von Profitstreben, die Freilandbewegung versuchte die Utopie der sozialen Gerechtigkeit zu verwirklichen. Ab 1920 hat Bruno Taut die Siedlung ergänzt um einen zweiten Bauabschnitt mit Häuserzeilen entlang des Waidmannsluster Damms und farbigen Reihenhauszeilen in den Querstraßen. Und er hat "geübt" für die Hufeisensiedlung: Als Geviert mit ungleichen Kantenlängen entstand der Schollenhof, eine geschlossene Anlage von zweigeschossigen Flachbauten um einen grünen Innenhof herum.

Unser Weg führte uns zunächst vom S-Bahnhof Waidmannslust durch die nördlich des Waidmannsluster Damms gelegene "Jägersiedlung" mit Straßennamen wie Hubertus, Halali und Diana. Hier befindet sich in der Artemisstraße das "schönste Schulgebäude des Berliner Nordens", ein imposanter Backsteinbau mit Segmentbogen-Zwillingsfenstern und einem Stufengiebel, auf dem kleine Türmchen (Fialen) thronen. Neben der Schule drückt sich ein scheues Reh ins wuchernde Grün. Eingerahmt wird die Siedlung durch das Tegeler Fließ, an das sich im Süden der Steinberg-Park und Steinberg-See anschließen (1). Zwischen dem S-Bahnhof und dem Park liegt die in der französischen Besatzungszeit Berlins errichtete Cité Foch (2). Die Trikolore des Stadtkommandanten wehte früher auf dem terrassenartig angelegten Villengrundstück Bondickstraße 1, das vorher einem Bankdirektor und danach einem Schokoladenfabrikanten gehört hatte.

Unerwartet mächtig erhebt sich im weiteren Verlauf der Bondickstraße die Königin-Luise-Kirche, deren Bau - wie sollte es anders sein - von Kaiserin Auguste Viktoria, der "Kirchen-Juste", unterstützt und von ihrem Mann Kaiser Wilhelm II. sogar mitgestaltet wurde. Er wollte, dass die Frontseite nach dem Vorbild des Tangermünder Rathauses gestaltet wurde, also wurde es ein profan- sakraler Mischstil. Für den Kirchenbau und den 42 Meter hohen Turm wurden Rüdersdorfer Kalkstein und Handstrichziegel aus Rathenow verwendet. In der Außenwand befindet sich ein verwittertes frühchristliches Sandsteinrelief aus der Zeit um 1200.

Die Bondickstraße verweist auf den Gründer des Ortsteils, den Förster Bondick, der das Land 1875 von der Lübarser Bauernwitwe Knobbe kaufte und hier inmitten des Waldes ein Wirtshaus "Waidmannslust" eröffnete. An der 1877 in Betrieb genommenen Nordbahnlinie ließ Bondick auf seine Kosten eine Bedarfshaltestelle einrichten, die sowohl Ausflügler als auch wohlhabende Anwohner in den Bezirk zog und damit eine Vorortsiedlung entstehen ließen. Die Bondickstraße endet am Steinbergpark, einem Kiefernwald, der von Laubgehölzen durchsetzt ist. Der Park hat einen künstlichen Wasserlauf mit Stromschnellen und einem Wasserfall. Außerdem wurde ein Großsteingrab (Dolmen) hier nachgestaltet.

Zum Abschluss des Spaziergangs lockte uns der Schollenhof am Waidmannsluster Damm mit einem Spargelgericht. Ein guter Service ist auch dadurch gekennzeichnet, dass man etwas bestellen kann, was nicht in der Speise- oder Getränkekarte steht. Das war hier der Fall, ein Lob für die freundliche Bedienung.

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(1) Wenn Sie gern im Grünen wandern: Der Barnimer Dörferweg ist vom Tegeler See bis zum Wuhletal ca. 35 km lang. Die erste Etappe führt vom Tegeler See zum Dorf Lübars (9 km) über das Tegeler Fließ, hier ist ein Abstecher zum Steinbergpark und zur Siedlung Freie Scholle möglich. Es gibt eine Karte mit den Wanderwegen im Piekart-Verlag. Die "20 grünen Hauptwege" wurden vom Senat eingerichtet, unterstützt von einer Fußgänger-Bürgerinitiative.
(2) Rundgang in der Cité Foch: Horchposten ohne Fledermäuse


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