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Einzigartig ist viel besser als perfekt


Stadtteil: Prenzlauer Berg
Bereich: Bötzowviertel, Winsviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Marienburger Straße
Datum: 2. Juni 2020
Bericht Nr.:699

Wir sind heute im Bötzowviertel und Winsviertel unterwegs, an der Greifswalder Straße treffen sich beide Kieze. Die Greifswalder ist eine Radialstraße, eine Ausfallstraße, deren frühere Namen "Chaussee nach Weißensee" und "Bernauische Landstraße" aufzeigen, wohin die Reise geht. Südlich der Danziger Straße sind ab 1885 an der Greifswalder mehrere mit Wohngebäuden kombinierte Fabriken errichtet worden.

Fabriken Greifswalder Straße
In ein und demselben Gebäudekomplex folgten eine Beinschwarz- und Knochenkohlefabrik, eine Cigarettenmanufaktur und der Volkseigene Betrieb "Treff-Modelle" aufeinander, wie wir vor zehn Jahren bei einem früheren Besuch herausgefunden hatten. ("Zigaretten, Problem und schwarze Knochen", 1. März 2010). Auf dem Gelände befanden nach der Wende ein Club, mehrere Künstlerateliers, ein selbstverwaltetes Theater. Inzwischen gibt es einen neuen Eigentümer, die Fassaden im ersten Hof wurden chic renoviert, der zweite Hof wurde offensichtlich mit komplett neuen Gebäuden umbaut.

Um 1910 errichteten die Berko-Werke eine Fabrik im Innenbereich hinter einem Wohnhaus. Die Mechaniker Friedrich Quast und der Ingenieur Fritz Eichert hatten den Betrieb gegründet und in Weißensee in der Feldtmannstraße einen weiteren Produktionsstandort geschaffen für Fahrraddynamos, elektrische Fahrzeugbeleuchtung und Kugellager. Ihr "Berko-Starlicht" war nach ihrer Werbung "die beste elektrische Fahrradlampe", "die hellste elektrische Fahrradlampe bei langsamer Fahrt", "das älteste Fabrikat der Welt".

Das Nebenhaus der Berko-Werke in der Greifswalder Straße stand bereits seit 1890. Die Bebauung wird ohne nähere Angaben als Mietshaus und Fabrik bezeichnet. Ein paar Grundstücke weiter erbaute der Spross einer Hamburger Weinhändler-Dynastie 1885 ein Wohnhaus. Man kann davon ausgehen, dass es sich hier nicht nur um eine Geldanlage gehandelt hat, sondern dass das Gebäude auch genutzt wurde für die Lagerung und den Vertrieb von Weinen.

Katharinenstift, Herz-Jesu-Kloster
Von der neugotischen Backsteinpracht und Größe des Katharinenstifts ist man geradezu überwältigt, wenn man durch das Vorderhaus den Hof der Greifswalder Straße 18 betritt. Um den Innenhof gruppieren sich die Kirche Mater Dolorosa, eine katholischen Schule und das Kloster Katharinenstift der Dominikanerinnen. Die Kirche Mater Dolorosa ist die ehemalige Hauskapelle des Nonnenklosters. Die Kirche wurde auch als Pfarrkirche einer katholischen Gemeinde genutzt.

Im Kloster sind heute die Herz-Jesu-Priester zu Hause. Die Padres aus Brasilien, Deutschland und Polen verwirklichen hier im "Kiez-Kloster" ein pastorales Experiment, mit dem sie Menschen erreichen wollen, die keiner Kirche mehr nahestehen und scheuen dabei weder Kneipengespräche noch Hip-Hop-Konzerte. Auch die portugiesischsprachige Gemeinde mit 3.300 Menschen aus Berlin und dem Umland wird von den Padres betreut.

Gauverwaltung, "Dr. Goebbels Heimstätte"
Das südliche Ende der Greifswalder ist der Einstieg in unseren Stadtrundgang. Hinter den hellen Neubau-Wohnanlagen Am Schweizer Garten verbergen sich Bauten aus der dunkelsten Zeit Deutschlands. Gegenüber dem Volkspark Friedrichshain führt eine Stichstraße zum Verwaltungsgebäude der ehemaligen Gauverwaltung, umgeben von Häusern der ehemaligen "Dr. Goebbels Heimstätte". Die Nationalsozialisten hatten für ihren Parteiapparat das Deutsche Reich statt in Länder in Gaue aufgeteilt. Später wurde das für die staatliche Struktur übernommen, so wie auf allen Ebenen Partei und Staat zunehmend miteinander verschmolzen.

Goebbels, der spätere Propagandaminister der Nazis, war seit 1926 Gauleiter von Berlin und ebnete Hitler mit Provokation und Straßenkampf den Weg in das "rote Berlin". Mehrfach wurde Goebbels in der Weimarer Republik angeklagt, die NSDAP sogar zeitweise verboten, aber 10 Jahre später konnte Hitler in einer Jubiläumsveranstaltung im Sportpalast den "treuen, unerschütterlichen Schildknappen der Partei" mit einer Dankesrede fast zu Tränen rühren. Nach der Machtergreifung war Friedrichshain 1933 in "Horst-Wessel-Stadt" umbenannt worden. Damit wurde ein SA-Führer zum Märtyrer hochstilisiert, der von KPD-Mitgliedern ermordet worden war. Ein unglaublicher Kult: Auch der heutige Rosa-Luxemburg-Platz, die Volksbühne und das Krankenhaus Friedrichshain mussten ihre Namen abgeben und wurden nach Horst Wessel umbenannt.

Der Straßenname "Am Friedrichshain" könnte in die Irre führen, denn die Straße gehört zum Bezirk Prenzlauer Berg. An der Stichstraße wurde 1938 das monumentale Verwaltungsgebäude des Gaus Berlin eingeweiht. Ein langgestrecktes Bauwerk mit vorspringenden Kopfbauten an beiden Enden, der Eingangsbereich ebenfalls vorgezogen mit drei Rundbogen-Arkaden.


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Der Eingang wurde flankiert von hohen Monumentalfiguren, Mann und Frau, ausgeführt in Muschelkalk. Im Dreiecksgiebel war ein riesiger Adler mit Hakenkreuz angebracht. Nach links blickend, verkörperte er den Reichsadler, im Gegensatz zum NSDAP-Parteiabzeichen, bei dem der Adler nach rechts blickte.

Die monumentalen Steinfiguren links und rechts des Eingangs und der Adler mit Hakenkreuz im Dreiecksgiebel sind natürlich nicht mehr vorhanden, heute nutzt ein Verlag das Gebäude. Entfernt wurde auch das zweieinhalb Meter hohe Horst-Wessel-Denkmal vor der Gauverwaltung. Adler und Denkmal hat der Bildhauer Ernst Paul Hinckeldey geschaffen, auch eine Hitler-Büste hat er modelliert. Über seine Vita ist wenig bekannt, zur engeren Familie des früheren Polizeipräsidenten gehörte er wohl nicht. Die Monumentalfiguren Mann und Frau entwarf Paul Bronisch, der neben Josef Thorak und Arno Breker zu den "bevorzugten Künstlern“ in der Nazizeit gehörte. Im Nachkriegsdeutschland konnte er wieder Fuß fassen. Unter anderem wurde er für eine von ihm gestaltete Grundgesetz-Gedenkmünze vom Finanzministerium ausgezeichnet.

Das Gauverwaltungsgebäude wurde auf ehemaligem Brauereigelände gebaut, das die Stadt 1936 erworben hatte. Auf diesem Brauereigelände stand auch der im Zweiten Weltkrieg zerstörte "Saalbau Friedrichshain", in dem der Gauleiter Goebbels als Redner aufgetreten war. Aus Anlass von Goebbels' Gauleiterjubiläum ist an der Stichstraße 1936 eine Wohnsiedlung für "brave, arme" Parteigenossen und SA-Kämpfer errichtet worden, die "Dr. Goebbels Heimstätte". Die Häuser an der Stichstraße, denen nachträglich Balkonelemente vorgesetzt wurden, dürften zu der ehemaligen "Heimstätte" gehören.

Brauereien am Friedrichshain
Zwei Brauereien hatten sich nördlich des Volksparks Friedrichshain niedergelassen, die Schneider-Brauerei und die Aktienbrauerei Friedrichshain, zu der der Saalbau Friedrichshain, ein Orchesterpavillon und eine Kegelbahn gehörten. Die Ortsbezeichnung "Friedrichshain" ist von dem Volkspark abgeleitet, tatsächlich gehören die Straße "Am Friedrichshain" und die Brauereigelände zum Prenzlauer Berg.

Die benachbarte Schneider-Brauerei an der Stichstraße "Am Schweizer Garten" war ein Vergnügungsgelände mit angeschlossener Brauerei. Heute würde man ihr Produkt "Craft Beer" nennen, das ist ein von einer kleinen Brauerei handwerklich gebrautes Bier, das nur lokal abgesetzt wird. Tatsächlich produzierte sie fast nur für den Bedarf des eigenen Biergartens. Zu dem Etablissement gehörten ein Konzertgarten mit eigenem Orchester, ein Tanz- und Konzertsaal und sogar ein aus Holz konstruiertes Sommertheater.

Als beide Brauereien ihren Betrieb aus wirtschaftlichen Gründen einstellen mussten - zuletzt 1921 die Aktienbrauerei - wurden die Anlagen weiterhin als Vergnügungsstätten oder als Freizeit- und Erholungsstätten genutzt. Die Gebäude beider Brauereien überstanden den Zweiten Weltkrieg bis auf eine Ausnahme nicht, nur ein Schneider-Brauereigebäude blieb als Ruine erhalten.

Am Schweizer Garten, Musikbrauerei
Auf dem südlichen Teil der Stichstraße "Am Schweizer Garten" wurde nach der Wende eine Wohnanlage gebaut ("Schweizer Gärten" oder "Prenzlauer Gärten" genannt), die massive Kritik auf sich zog. Mit Ummauerung und Pförtnerhäuschen war sie als "gated community" angelegt, die nur einem geschlossenen Personenkreis Zugang gewährte. Inzwischen bleibt das Pförtnerhäuschen unbesetzt, die Pforte ist ständig geöffnet.

Das Brauereigebäude nördlich der Wohnanlage hat die Optik einer Ruine, weil der Investor die Spuren der Vergangenheit erhalten will. Er baut es zu einer Musikbrauerei aus, einem Musik- und Medienzentrum, in dem Künstler beispielsweise in einer Life-Recording-Halle ihre Aufnahmen in hoher Klangqualität vor Publikum realisieren können. Ein gewagter Ansatz mitten in einem Wohngebiet, viele Clubs haben bereits erfahren, dass sie nicht mit der Toleranz ihrer Nachbarn rechnen können. Sechs Meter unter der Erde liegen Gewölbekeller, die zum Museum ausgebaut werden sollen.


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Seit 2006 ist der Investor dabei, seine Idee zu verwirklichen, ein Visionär, ein Besessener, dem man Kraft und Durchhaltevermögen wünscht. Dass ihm an der Straße ein Wohnhaus vor die Nase geklotzt wird, hat er schon verhindern können. Mittlerweile hatte auch der Baustadtrat Zweifel an der Baugenehmigung, die seine Behörde erteilt hatte.

Kleine Idylle
Manchmal öffnet sich unvermutet hinter einem Wohnhaus ein idyllischer Garten oder eine verträumte Hofanlage. Im Bötzowviertel fanden wir eine solche anheimelnde Anlage, die schon seit mehreren Generationen von derselben Familie bewohnt und gepflegt wird. Stolz sind im Hof historische Fotos ausgestellt, die die Altvorderen mit dem Pferdewagen auf dem Feld, mit dem Automobil oder Kinder mit dem Kinderwagen zeigen.


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Unternehmungslustig abgebildet wird ein Senior, untergehakt mit seiner Frau, zum Ausgang bereit. Im Hof Pflasterung aus mehreren Epochen, auch einen Brunnen wird es hier gegeben haben. Remisen und Werkstatträume sind zu erkennen, Wein rankt an den Wänden und eine schmale Treppe führt auf eine sicherlich gemütliche kleine Terrasse.

In der Marienburger Straße bringt ein Friseur Passanten zum Schmunzeln mit hinterlistigen Sprüchen, handschriftlich mit Kreide auf Tafeln aufgeschrieben. Auch den Titel zu diesem Bericht habe ich dort entlehnt. Auf einer weiteren Tafel lesen wir: "Manchmal ist Abstand nehmen der erste Schritt nach vorne". Wer denkt da nicht an Corona?

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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Die Wanne ist voll