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Geklaute Kirschen


Stadtteil: Weißensee
Bereich: Berliner Allee, Komponistenviertel
Stadtplanaufruf: Berlin Caseler Straße,
Datum: 5. Juli 2010

An einem frühen Morgen, lange vor Hahnenschrei
Wurde ich geweckt durch ein Pfeifen und ging zum Fenster.
Auf meinem Kirschbaum – Dämmerung füllte den Garten –
Saß ein junger Mann mit geflickter Hose
Und pflückte lustig meine Kirschen. Mich sehend
Nickte er mir zu. Mit beiden Händen
Holte er die Kirschen von den Zweigen in seine Taschen.
Noch eine ganze Zeit lang, als ich wieder in meiner Bettstatt lag
Hörte ich sein lustiges kleines Lied pfeifen.
Der Kirschdieb (Bertolt Brecht)

Das Bild vom Kirschenbaum und dem Theatermann hinter dem beleuchteten Fenster an einer Hauswand in Weißensee spielt auf dieses Gedicht an. Bertold Brecht hatte in dieser Straße als Bürger der DDR sein erstes festes Domizil nach der Rückkehr aus dem Exil gefunden (Brecht-Haus Weißensee). Später zog er nach Mitte in die Chausseestraße, weil er dort näher an seinem Theater war, dem Berliner Ensemble. Das Brecht-Haus in Mitte ist heute ein Museum, während bei dem klassizistischen Haus in Weißensee der Putz bröckelt.

Interessant ist das Thema mit Brecht und Biermann und den Kirschen. "Das war in Buckow zur Kirschblütenzeit" singt Wolf Biermann, es geht auch hier ums Kirschenklauen, allerdings um volkseigene, streng bewachte Kirschen. Biermann kam 1957 als Regieassistent ans Berliner Ensemble, Brecht war 1956 gestorben. Die Wohnungen der beiden in derselben Chausseestraße sind nur wenige Häuser voneinander entfernt, allerdings wohnten sie zu unterschiedlichen Zeiten dort. Buckow in der Märkischen Schweiz war Brechts Sommerdomizil, und so ist es möglich, dass Biermann in seinem Song mit Brecht'schen Versatzstücken spielt. Das Thema der verbotenen Früchte führt uns direkt zu einem weiteren Biermann- Song: "Keiner tut gern tun, was er tun darf- was verboten ist, das macht uns grade scharf!"

Nach Weißensee sind wir ein weiteres Mal gekommen, weil wir östlich der Berliner Allee das alte "Witense" - den Ursprung des Ortes - und weitere Wohnbauten von Taut, Möhring und Bühring ansehen wollten. Von Witense ist gerade mal noch die Dorfkirche erhalten und gegenüber eben das Brecht-Haus. An der Trierer Straße, der Caseler Straße und der Wegenerstraße finden wir die gesuchten Wohnbauten. Taut mit seinen farbigen Flächen und Fensterflügeln springt sofort ins Auge. Der Bühring-Bau mit seinen Putten und Verzierungen nimmt Bezug auf sein Ziel einer "besseren Wohngegend". Die Möhring- Bauten an der parkartigen Wegenerstraße zeigen, wie fantasievoll man Fassaden, Ecktürme und Erker mit Backsteinen gestalten kann.

Durch einen glücklichen Zufall bekommen wir unerwartet Zugang zu einem privaten Skulpturengarten. Ein Werk des Künstlers kennen wir von früheren Rundgängen am Obersee, und so sind die Liegenden, Sitzenden, Stehenden, Ringenden in seinem Garten eine Ergänzung zu dem bereits Vertrauten. Garten und Atelier sind eine Idylle, in der der Verkehrslärm nicht wirklich bis ins Bewusstsein vordringt. In diese Harmonie passt der geschützte Rückzugsplatz am Haus, der privat ist und deshalb auch hier ohne Bild bleiben soll.

Im Komponistenviertel südlich der Berliner Allee finden wir auf der Suche nach einem Lokal gleich eine ganze Straße mit Lokalen (Bizetstraße), so dass wir nur noch zugreifen müssen. Dieses Viertel von Weißensee war wie andere Teile des ehemaligen Ritterguts während der Gründerzeit Ziel der Grundstücksspekulation. Der Herr Gäbler, nach dem eine Straße im Bezirk benannt ist, parzellierte, bebaute und veräußerte mit seiner "Baugesellschaft für Mittelwohnungen" in diesem damals noch "Französisches Viertel" genannten Quartier Grundstücke. Die Baugesellschaft hatte keine Bedenken, für das Geld, das sie aus Grundstücksverkäufen noch gar nicht erhalten hatte, bereits Dividenden auszuschütten. Auch die "Neue Berliner Pferdebahn-Gesellschaft“, die den Verkehr zwischen Weißensee und Alexanderplatz betrieb, hatte Gräber mit gegründet. 1912 ging seine Baugesellschaft pleite, aber da hatte ihn bereits eine Typhusepidemie dahingerafft.

Zurück zur Bizetstraße, unser Lokal trägt den Namen einer nordafrikanischen Stadt, von der ein römischer Redner am Ende jedes Vortrags gefordert hatte, dass diese Stadt zu vernichten sei („ceterum censeo …“). Der Feldzug der Römer mit den Elefanten wird vielleicht manchem noch aus dem Geschichtsunterricht bekannt sein. Aber wohl nicht dem Wirt dieses Lokals, der den Städtenamen bewusst gewählt hat als "Beispiel der Auferstehung aus dem Nichts". Mit dem Essen waren wir zufrieden, ein kleiner Schnaps nach dem Bezahlen ist eine schöne Geste, die man nicht einfordern kann, über die man sich trotzdem freut wie der Ober über das Trinkgeld. Na, vielleicht beim nächsten Mal, wenn die Kriegelefanten bis dahin nicht über das Lokal hergefallen sind.

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Unsere Route
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Weißenseer Bemühen
Gurke und Sichel