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Fliegender Yogi auf Friedensmission


Stadtteil: Weißensee
Bereich: Komponistenviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Smetanastraße
Datum: 23. Februar 2015
Bericht Nr: 497

Auf einem freien Feld nahe der Indira-Gandhi-Straße landete im September 1983 ein indischer Yogi, um der DDR seine Friedensbotschaft zu überbringen. Mit einem Leichtflugzeug, das von ihm selbst gesteuert wurde, hatte er die Mauer von West-Berlin aus überflogen. Swami Vishnu Devananda war ein international bekannter Friedensaktivist, der schon oft aus einem Flugzeug über Krisengebieten (Belfast, Suez-Kanal, Jerusalem, Bangladesch) Blumen und Friedensflugblätter abgeworfen hatte, während er "Om Namo Narayanaya", das Mantra für den Weltfrieden, rezitierte. Persönlich lebte der "fliegende Swami" extrem einfach, mit Vorträgen, Workshops und Aktionen konnte er Menschen für die Tradition des Yogas zu gewinnen, er etablierte Yoga Zentren und Ashrams in der ganzen Welt.

Nach seiner Landung in Weißensee verteilte der Swami Blumen an die „Organe der Staatsmacht“. Die Aktion hatte er lange angekündigt, deswegen ging die Stasi sehr zurückhaltend mit ihm um, schließlich versicherte er mehrfach, dass „sein Flug ausschließlich dem Frieden dienen sollte und keinerlei die DDR schädigende Absichten verfolgte“. Die Frage, was unter Yoga zu verstehen sei, beantwortete er mit einem Kopfstand vor dem Verhör-Schreibtisch. Andererseits war er angetan von dem Paternoster im Polizeigebäude in der Keibelstraße (1), so etwas hatte er noch nie gesehen. Nach Belehrung und Verwarnung schob die DDR den Yogi wenige Stunden später nach West-Berlin ab, das Fluggerät wurde von der NVA untersucht, anschließend eingezogen und angeblich verschrottet. Der Swami hat sich in den Tagen nach der Wende an den Honecker-Nachfolger Egon Krenz gewandt, um das Flugzeug zurückzuholen, hatte damit aber keinen Erfolg.

Wahrscheinlich war es Zufall, dass der Flug des Swami an einem deutschlandpolitisch brisanten Tag erfolgte, als der Regierende Bürgermeister von Weizsäcker ohne öffentliche Ankündigung im Schloss Schönhausen von DDR-Staatschef Honecker empfangen wurde. Der Friedensflug ging deshalb nahezu unter, weder in Ost- noch West-Berlin wurde er politisch an die große Glocke gehängt. Kaum ein Anwohner hatte die Landung mitbekommen, die ADN-Nachrichtenagentur berichtete nur knapp über eine Luftraumverletzung. „Meine 4 Stunden bei Honecker“ titelte die BZ am nächsten Tag, aber das war ein Bericht über Weizsäcker in Schönhausen und nicht über den Swami in Weißensee. Mehrere andere Zeitungen schrieben schon über den welterfahrenen Abenteurer Vishnu Devananda. Bereits ein Jahr nach dem Friedensflug hat er dann eine neue Initiative gestartet, diesmal mit einem straßengängigen Verkehrsmittel. "Yoga für den Frieden" stand an dem Londoner Doppeldecker-Bus, der durch Europa, die Türkei, den Iran, Afghanistan und Indien fuhr, um für den Weltfrieden einzutreten.

Zur Erinnerung an den Deutsch-Französischen Krieg wurden in Berlin neu angelegte Straßen mehrfach nach französischen Orten benannt, in denen damals der Erbfeind Frankreich siegreich geschlagen wurde. In Steglitz, Friedenau, dem Kollwitzkiez und in Wedding ist uns das begegnet (2), und in Weißensee stoßen wir ein weiteres Mal darauf. Das Komponistenviertel südlich der Berliner Allee war ein solches "Französisches Viertel", das ein Jahr nach Ende des Deutsch-Französischen Krieges und der Reichsgründung 1871 angelegt wurde. Zu DDR-Zeiten folgte Bizet auf Sedan, Smetana auf Wörth als Namenspatron und so fort, das Komponistenviertel war entstanden, die Kriegserinnerung verbannt. Zwei Straßen waren dabei nicht umbenannt worden, die nach den französischen Orten Benfeld und Mutzig benannt waren. Ob die Mitarbeiter der Stadtbezirksverwaltung Weißensee sich nicht auskannten, schließlich war das unerreichbares Gebiet im kapitalistischen Ausland? Vielleicht lag es auch daran, dass diese beiden Straßen erst sechzig Jahre nach Anlegung des Viertels benannt wurden, es also ein getrennter Verwaltungsvorgang war, den man übersehen hatte.

In Weißensee blühte die Grundstücksspekulation. Erst hatte das gesamte Rittergut seinen Besitzer gewechselt (3), dann verkaufte der neue Rittergutsbesitzer das Terrain südlich der Berliner Allee an einen Juristen weiter, der seine Beamtentätigkeit ruhen ließ, um sein Geld mit der Entwicklung von Immobilien zu machen. Ernst Gäbler gründete die „Baugesellschaft für Mittelwohnungen" (4) und baute im neuen Viertel 20 Miethäusern einfachster Ausstattung. (Mittelwohnungen war damals der Begriff für Unterkünfte mit 2-3 heizbaren Zimmern, weitere Kategorien waren Kleinwohnungen, Großwohnungen und Kellerwohnungen). Doch der Ansatz, eine gewaltige Rendite herauszuwirtschaften, ging schief. Die Baugesellschaft machte Verluste und wurde liquidiert, auch die Häuser wurden bald wieder abgerissen (5).

Auf Gäblers Initiative wurde die Pferdebahnlinie zum Alexanderplatz geschaffen, die Weißensee mit dem Berliner Zentrum verband. Pferde und Wagen wurden in der Puccinistraße 10 untergestellt. Der Betriebshof dient heute der BVG. An der Gartenstraße baute in den 1920er Jahren Bruno Möhring eine Wohnsiedlung für die Heimstättengesellschaft der Straßenbahner. Gäblers Baugesellschaft stellte nicht nur selbst Wohngebäude her, sondern verkaufte das von ihr entwickelte Terrain auch an andere Interessenten. So ist an der Bizetstraße ein Ensemble von Wohngebäuden unterschiedlicher Eigentümer aus den 1880er Jahren erhalten geblieben. Auch Industrie siedelte sich an, eine Gummiwarenfabrik entstand 1898 an der Puccinistraße, hieraus sind heute die "Puccinihofgärten" als große Wohnanlage hervorgegangen. Im Jahr 1925 kam eine Stoffdruckfabrik in der Gounodstraße und 1930 ein Karstadt-Warenhaus in der Smetanastraße hinzu. Die Charlottenburger Baugenossenschaft errichtete Ende der 1920er Jahre eine Wohnsiedlung zwischen Gounodstraße und Meyerbeerstraße sowie einen Pavillon am angrenzenden Solonplatz. Wo immer es an Pfeilern und Wandvorsprüngen möglich war, ragen die Ziegel jeder zweiten Schicht aus der Kante heraus, das wirkt unruhig und in ihrer Vielzahl ziemlich überladen.

Zu den Landerwerbern im Französischen Viertel gehörte auch die Jüdische Gemeinde. Der große Jüdische Friedhof Weißensee an der Herbert-Baum-Straße (6) entstand 1880 gleichzeitig mit dem kleineren Friedhof der Israelitischen Synagogen-Gemeinde an der Wittlicher Straße nördlich des Französischen Viertels. Kurz vor der Jahrhundertwende erhielt der Deutsch-Israelitische Gemeindebund ein Terrain zwischen Smetanastraße und Indira-Gandhi-Straße geschenkt, um hier eine "Arbeiter-Colonie nebst Asyl für arme Israeliten" aufzubauen. Man wollte die "Wanderbettelei" bei Juden beseitigen, um antisemitischer Propaganda entgegen zu wirken. Dabei war die Armenfürsorge ein gesamtgesellschaftliches Thema, als mit der beginnenden Industrialisierung immer mehr Menschen strandeten. Anstatt Obdachlose wie Kriminelle in Arbeitshäusern einzusperren (7), schuf man Anlaufpunkte für Menschen in auswegloser Notlage. So gab es im Wedding die "Wiesenburg" des Berliner-Asyl-Vereins (8), der von Menschen in herausgehobener Stellung wie August Borsig, Carl Bolle, Rudolf Virchow, Georg von Bunsen getragen wurde, die sich gesellschaftspolitisch verantwortlich fühlten. Insgesamt soll es 30 nichtjüdische Hilfsprojekte gegen haben, als der Verein "Jüdische Arbeiterkolonie und Asyl in Weißensee bei Berlin" 1901 gegründet wurde.

Auf dem Eckgrundstück an der Smetana- und Chopinstraße wurde ein heute noch vorhandenes Gebäude errichtet mit Schlaf- und Gemeinschaftsräumen für insgesamt 100 Personen. Weiterhin gab es ein Werkstattgebäude, Schuppen und Ställe sowie Ackerland, auf dem man Gemüse, Kartoffeln und Getreide anbaute. Den Bewohnern wurde vorübergehendes Asyl angeboten, bis sie "Beschäftigung mit passender Arbeit gegen entsprechendes Entgelt" fanden. Sie stellten Teppichklopfer, Spazierstöcke, Särge, Gürtel, Hosenträger, Bürsten und Zigaretten her und konnten an gestifteten Turngeräten Sport treiben, im Anstaltschor singen, sich fortbilden und natürlich in der Synagoge beten. Die Anstaltsküche bereitete koschere Speisen zu. Neben der beruflichen Qualifizierung wurde auch Arbeitsvermittlung und eine Anfangsfinanzierung für Minijobs angeboten, das ist also nicht erst in der Gegenwart erfunden worden.

Zur gleichen Zeit, als sich Juden aus Osteuropa im Scheunenviertel ansiedelten (9), nahm auch die Arbeiterkolonie Männer aus Galizien, Russland, Ungarn, Böhmen auf. Nach dem Ersten Weltkrieg musste die Tätigkeit des Hilfsvereins aufgegeben werden. Als "Dauerheim für jüdische Schwachsinnige" wurde das Haus weiter geführt, bis die Nazis die Bewohner 1942 deportierten. Im Hof erinnert eine Stele an diese Zeit. Eigentumswohnungen folgen als heutige Nachnutzung.

Die Berliner Allee ist die nördliche Grenze unseres heutigen Rundgangs. Sie führte früher den Namen Königs-Chaussee, nachdem König Friedrich Wilhelm III. und seine von den Berlinern so heiß geliebte Luise hier entlang 1809 aus dem Asyl nach Berlin zurückgekehrt waren. Vor Napoleon waren sie nach Königsberg geflohen. Im Exil hatte dann auch jenes Treffen von Luise und Napoleon unter vier Augen stattgefunden, das zwar politisch keine konkreten Ergebnisse brachte, aber persönlich mit großer Hochachtung endete. Luise erlebte kein "von der Hölle ausgespienes Ungeheuer", sondern einen hochintelligenten, angenehm plaudernder Mann. Und auch der Kaiser war sehr angetan, Luise wäre trotz all seiner aufgebotenen Geschicklichkeit die Tonangebende der Unterhaltung gewesen. Frankreichs Außenminister Talleyrand las zwischen den Zeilen und mahnte den Kaiser, "nicht um ein paar schöner Augen willen Ihre größte Eroberung aufs Spiel zu setzen".

Nördlich der Berliner Allee grenzt der Weißensee an, der dem Ort den Namen gab. Hier stand das Schloss Weißensee, hier hatte die Brauerei Sternecker einen Vergnügungspark angelegt. Restauration, Sommergarten, Bierausschank, Konzertveranstaltungen im Freien, Seetheaterbühne, Riesenkarussell, Schiffsschaukeln, Taucher-Bassin, Hippodrom gab es hier und als außergewöhnliche Attraktion die älteste Achterbahn der Welt, die Schwedische Rutschbahn. Zwischen zwei Türmen bewegen sich Wagen auf Berg- und Talebenen, ein Volksvergnügen für die mit der Pferdebahn angereisten Berliner. Weißensee war ein Ort geworden, welcher kaum einem Berliner fremd war, "Sternecker's Welt-Etablissement" hatte dafür gesorgt.

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( ) Das Polizeigebäude in der Keibelstraße: Untersuchungsgefängnis
(2) Straßenbenennung nach französischen Orten: Deutsch-Französischer Krieg
(3) Verkauf des Ritterguts Weißensee: Weißenseer Bemühen
(4) Mehr über Terraingesellschaften: Terraingesellschaften
(5) Mehr über Ernst Gäbler und seine Baugesellschaft: Geklaute Kirschen
(6) Jüdischer Friedhof Weißensee: Sucht uns in Eurem Herzen
(7) Arbeitshäuser in Berlin: Arbeitshäuser, Armenfürsorge
(8 ) "Wiesenburg" des Berliner-Asyl-Vereins: Asyl an der Panke
(9) Jüdische Aussiedler im Scheunenviertel: Die Spuren sind verweht

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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