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Schmerz für Minuten - Sieg für Jahre


Stadtbezirk: Neukölln
Bereich: Gropiusstadt
Stadtplanaufruf: Berlin, Goldammerstraße
Datum: 1. März 2011

Um der Gropiusstadt einen Besuch abzustatten, verlassen wir die U-Bahn an der Johannisthaler Chaussee. Nachdem wir hinter der Kreuzkirche in Wilmersdorf ein Regenrückhaltebecken in Form eines idyllischen Sees gesehen hatten (1), führt der erste Weg zur Grundschule am Regenweiher, weil der Stadtplan hier an der Johannisthaler Chaussee ein Regenrückhaltebecken verspricht, aber außer einer vertieften Grünfläche können wir am eingezeichneten Ort nichts entdecken. Ein Anwohner spricht uns ratlos Suchende an und erzählt, dass 1973 hier sogar die Johannisthaler Chaussee überschwemmt war, das Becken aber sonst selten Wasser staut. So geben wir uns mit der trockenen Vertiefung zufrieden, in der Hundebesitzer ihre Tiere ausführen, und kehren zu den Gropius Passagen zurück, das laut berlin.de Berlins größtes Einkaufszentrum sind.

Die Gropiusstadt ist eine Großsiedlung wie das Märkische Viertel, aber sie ist vielgestaltiger, wobei das Fehlen urbaner Lebensqualität auch hier stark merkbar ist. Gropius hat das nicht verdient, dass diese Siedlung - sein letztes Werk - seinen Namen trägt, denn er hatte einen Bebauungsplan vorgelegt, der nicht ausgeführt wurde, sein Werk wurde bis auf wenige Bauten nicht wie geplant ausgeführt. Erst drei Jahre nach seinem Tod hatte man die Siedlung nach ihm benannt - da konnte er sich nicht mehr wehren, seine Kritik zu Lebzeiten wurde übergangen. Geplant hatte er netzartig angeordneten Hauszeilen in einem durchgrünten Gelände sowie ein Punkthochhaus (2) und eine im Halbrund angeordnete Hochhausgruppe, es sollte eine Siedlung mit 17.000 Wohnungen werden. Zwei Ereignisse führten dazu, dass das Quartier sehr viel stärker verdichtet und mit vielen Hochhäusern bebaut wurde: In Neukölln hatte man Gründerzeitbauten abgerissen, denen in den 1960er Jahren die Wohnqualität abgesprochen wurde, und durch die Teilung der Stadt wegen des Mauerbaus 1961 mussten die West-Berliner enger zusammen rücken. In den drei Zonen des Siedlungsgebiets wurden unterschiedliche Architekten unter der Regie mehrerer Wohnungsbaugesellschaften tätig.

Fritz-Erler- Ecke Lipschitzallee erhebt sich im Halbrund eine Hochhauskette, die Sonne scheint vom Süden her in das Rund hinein, das wohl als Gropius' Antwort auf die Form der Hufeisensiedlung geplant worden ist. Etwas versetzt hierzu erhebt sich mit 89 Metern und 32 Etagen Berlins höchstes Wohnhaus "Ideal", das sich mit frischer Farbe in die Höhe reckt und dem Blick mehrfach Widerstand bietet mit Erkern, die die höhenstrebenden Linien unterbrechen. 288 Wohnungen mit 815 Wohnräumen hat das Haus, hier wohnen mindestens so viele Menschen wie in einem Dorf im Brandenburgischen.

Das "Ideal"-Hochhaus ist jedes Jahr aufs Neue der Schauplatz des Treppenlauf-Wettbewerbs "Tower-Run", den man in gut 3 Minuten schaffen kann. Dabei ist Überholen genau so schwierig wie beim Formel-1-Autorennen auf Monacos Straßen. In New York gibt es diesen Marathon des Treppenlaufens beim Empire State Building, dort hetzen die Läufer die 1.576 Stufen bis zum 86.Stock in gut 10 Minuten hinauf. Viermal in Folge hat ein Stuttgarter in New York gewonnen. Die schnellste Frau auf der Treppe 2009, eine Australierin, hatte sich beim Lauf verletzt, aber nicht aufgegeben, denn: "Der Schmerz hält nur ein paar Minuten an - doch der Sieg hält für Jahre" (3).

Im öffentlichen Raum der Berliner Gropiusstadt hatte die Wohnungsbaugesellschaft GEHAG "temporäre Interventionen" von internationalen Künstlern entwickeln und umsetzen lassen. Die Künstler wurden jeweils vorübergehend in einer Wohnung im Quartier untergebracht. Es waren Aktionen gemeinsam mit Anwohnern oder kleine Eingriffe in das Umfeld wie z.B. eine Katzenwendeltreppe, die sich mit 100 Stufen um einen Baum herum nach oben windet. Oder Anbringung eines Briefkastens für Sendungen, von denen der Verfasser nicht möchte, dass sie jemals den Adressaten erreichen (der Briefkasten wurde nie geleert). Oder ein Happening eines nackten Flaggenläufers auf freiem Acker. Ein Stipendiat hat Nachnamen an den Klingelschildern ausgezählt, die von Farbbezeichnungen abgeleitet sind. Es gibt Herrn/Frau Schwarz, Weiß, Braun, Gold, Silber, Grün, Blau, aber nicht Gelb, Cyan, Lila, Magenta oder Orange. Wohnungsbaugesellschaften kaschieren Leerstand, indem sie Allerweltsnamen anbringen, durch das Kunstprojekt sind jetzt die ungewöhnlichen Farben zum Farb-Namen-Archiv hinzugekommen. Das Gropiusstadt-Kunstprojekt wurde leider beendet, nachdem die "Deutsche Wohnen" den Wohnungsbestand übernommen hat, dort hat man den identitätsschaffenden Charakter des Projekts offensichtlich nicht erkannt.

An der Goldammerstraße wird die Jungfernmühle von Holländischen Häusern flankiert. Sie hat nicht immer hier gestanden, schon zwei Mal ist sie umgezogen. In Potsdam 1757 vor dem Nauener Tor erbaut, wurde sie 100 Jahre später an die Rixdorfer Rollberge umgesetzt, wo sie nur 14 Jahre stand. Die Müllerstochter, die einem Mühlenflügel zu nahe kam und dabei ihr Leben einbüßte, führte zu der Namensgebung. Unter der Welle in der Mühle ist ein Bild aus Eichenholz angebracht, das der unglückliche Vater in Auftrag gab.

An der U-Bahn Wutzkyallee endet unser Rundgang. Ein Café, hier an der Wutzkyallee? Ja, wir wollen den Spaziergang mit einem Milchkaffee abschließen und fragen eine Passantin. Nein, höchstens beim Bäcker im Wutzkycenter, sagt sie, doch wir finden, das sieht ziemlich trostlos aus und die Personen am Stehtisch im Laden wirken nicht vertrauenserweckend, also fahren wir bis zum Rathaus Neukölln, um in der Awo-Gaststätte S-Cultur entspannt über den Rundgang nachzudenken.

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(1) Regenrückhaltebecken hinter der Kreuzkirche:
Militärkommando und Mediengarten
(2) Ein Punkthochhaus steht auf nahezu quadratischer Grundfläche (in Abgrenzung vom Scheibenhochhaus)
(3) Auch im höchsten Haus Marzahns wird ein Treppenlauf veranstaltet: Die Hand zum Schwur erhoben

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Hierzu gibt es einen Forumsbeitrag
Neukölln, Gropiusstadt (1.3.2011)


Berlin umgehen
Kirschblüten und Weiße Maulbeerbäume