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Fahrstuhl zur Hochebene


Stadtteil: Neukölln
Bereich: Rollbergviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Boddinstraße
Datum: 11. Dezember 2017
Bericht Nr.: 609

Auf Helgoland kann man vom Unterland zum Oberland - einem Hochplateau - mit einem Fahrstuhl fahren. Anstatt die Treppe zu nehmen, steigt man in den Lift und erreicht damit die höhere Ebene. Berlin hat eine ähnliche Attraktion, wenngleich kleiner dimensioniert. Man kann im Knick der Neckarstraße und Isarstraße in Neukölln einen Fahrstuhl nehmen, um das Treppensteigen zu vermeiden und den Fußweg auf der oberen Ebene - dem Gelände der ehemaligen Kindl-Brauerei - fortzusetzen. Auf dem Plateau angekommen, betritt man Ruderalvegetation. Den Begriff habe ich im Bebauungsplan gefunden, er bezeichnet die ungewollte Pflanzenwelt auf Trümmerflächen. Und tatsächlich hat es etwas von Endzeitstimmung, wenn man aus dem Fahrstuhl tritt.

Ein Bebauungsplan für das Brauereigelände
Für das im Krieg weitgehend ausgebombte Brauereigelände wurde 1989 ein Bebauungsplan aufgestellt, der eine Neubebauung auch mit Wohnungen möglich machte. Auch die Treppenanlage zum Hochplateau wurde im Bebauungsplan - ohne den Fahrstuhl - festgeschrieben. Wenn man sich heute fragt, warum es ewig lange dauert, bis Baumaßnahmen umgesetzt werden können, kann man dies beispielhaft an dem Bebauungsplan ermessen. Auf 74 Seiten regelt er, wie wo gebaut werden darf und auf weiteren 77 Seiten würdigt er die Einwendungen und Vorschläge von Betroffenen, ob berücksichtigt oder abgewiesen. Betroffene, das sind nicht nur die Bürger, sondern auch Behörden und "sonstige Träger öffentlicher Belange" wie beispielsweise Feuerwehr, Wasserwerk, Fernheizwerk, Stromversorger, BVG, Verkehrslenkung, Handwerkskammer, Industrie- und Handelskammer. Betrachtet und untersucht werden z.B. Altlasten, Denkmalschutz, Natur- und Umweltschutz, Lärmbelastung, Emissionen, soziale Umwelt. Alles ist ausführlich dokumentiert, und das braucht Zeit.

Die Rollberge
Der Höhenunterschied im Knick von Isarstraße und Neckarstraße zum Kindl-Gelände ist auf die Neuköllner Rollberge zurückzuführen, eine bergige Anhöhe südlich des Hermannplatzes. Vor der großstädtischen Besiedlung Neuköllns fanden sich hier Ackerflächen und Windmühlen. Später wurde in den Rollbergen Kies und Sand als Baumaterial gewonnen, dadurch verloren die Berge nach und nach an Höhe. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man Trümmer aus Ruinen an zwei Stellen aufgeschüttet und dadurch neue Anhöhen geschaffen, die Thomashöhe und die Lessinghöhe, beide sind Trümmerberge.

Zwischen Rollbergstraße und Mittelweg liegt die Rollbergsiedlung, deren Anfänge in die 1870er Jahre zurückreichen. Durch die Bebauung mit Mietskasernen bildete sich ein Arbeiterviertel heraus, das 1929 zum "Barrikadenviertel" wurde. Im "Blutmai" ging die Polizei hier und im Wedding gegen demonstrierende Arbeiter vor, dabei gab es in Neukölln 19 Tote. In den 1970er Jahren war nach den damaligen Stadtentwicklungsprinzipien Kahlschlag angesagt, das Viertel wurde abgerissen und durch Neubauten ersetzt.

In Barcelona entstanden bei der historischen Miethausbebauung kleine lauschige Plätze an den Kreuzungen, indem man die Gebäudeecken abschrägte. Dies versuchten die Architekten in der neuen Rollbergsiedlung durch fünfeckige Baublocks mit gekappten Gebäudeecken nachzubilden. Dabei konnte aber in der Großsiedlung nur die geometrische Figur riesig erweitert kopiert werden, ohne Atmosphäre zu erzeugen.


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Viele Menschen ausländischer Herkunft zogen in die Siedlung, vor allem türkischstämmige und arabischstämmige. Darunter mehrere libanesische Großfamilien, die ihre eigenen Vorstellungen von Recht und Gesetz haben, ohne dass Gewalttaten und Eigentumsdelikte mit staatlichen Mitteln ausreichend verfolgt werden können.

Lessinghöhe
Auf der Lessinghöhe wurde 1955 ein Jugendheim mit Kindertagesstätte eingeweiht. Die Amerikaner gaben das Geld, Angehörige des Jugendnoteinsatzes und des Lehrbauhofes buddelten, planierten und pflanzten, das Bezirksamt lieferte Entwurf und Bauleitung. In jener Zeit des Mangels war es nicht einfach, progressiv zu bauen, aber "unbekümmert" wurde gestaltet und vor einem weitgehend verglasten Gruppenraum in großzügigem Schwung ein Vordach angesetzt - Nachkriegsmoderne pur. Die Lessinghöhe ist heute ein wichtiger Treffpunkt für Kinder und Jugendliche des Viertels. Ein Jugendrechtshaus unterstützt Jugendliche und deren Eltern kostenlos bei Rechtsproblemen.

Berliner Kindl Brauerei
Berliner Kneipiers gründeten 1873 mithilfe von Bänkern die "Vereinsbrauerei Berliner Gastwirte zu Berlin", produziert wurde an der Hermannstraße/Rollbergstraße. Die Rollberge boten ein ideales Gelände für die kühle Lagerung des Biers, weil hier bis zu vier Tiefgeschosse in den Boden versenkt werden konnten, ohne auf Grundwasser zu stoßen. Knapp 17 Meter tief wurde das Gelände abgetragen, dann die Brauerei errichtet und anschließend der Rand wieder aufgefüllt. An der Neckarstraße blieb dabei das Tal erhalten, das heute mit dem Fahrstuhl überwunden werden kann.

Die Rollbergstraße hieß von 1882 bis 1950 Jägerstraße. Es ist wahrscheinlich, dass sie nach dem Mitbegründer der Vereinsbrauerei Philipp Jaeger benannt wurde. Die Brauer wandelten das Bier ab, das der bayerische Brauer Georg Leonhard Hopf nach Berlin gebracht hatte (1), und nannten ihr Produkt "Berliner Kindl". 1910 wurde das Kindl zum Firmennamen und die "Berliner Kindl Brauerei-Aktiengesellschaft" kaufte immer mehr kleinere Brauereien auf.

Straßenbahn liefert Kindl-Bier aus - weil wir dich lieben
Soweit ist die BVG noch nicht wieder, dass sie mit der Straßenbahn Bier ausliefert, das wäre doch mal ein Marketing-Gag der unermüdlich um Aufmerksamkeit buhlenden Verkehrsbetriebe von Frau Nikutta. Im Zweiten Weltkrieg hat die Straßenbahn tatsächlich Berliner Kindl Bier ausgefahren. Kriegsbedingt hatte die Brauerei Fahrzeuge ans Militär abgeben müssen, Mitarbeiter wurden eingezogen, die Bevölkerung konnte nicht mehr ausreichend mit Bier versorgt werden. Da sprang die BVG ein und brachte nachts mit Arbeitswagen auf der Trasse der Linie 15 Bier zu den Kantinen der Firmen Siemens, Daimler-Benz und ins Wernerwerk.

Durch Bombenschäden wurde später ein Teil der Brauereigebäude vernichtet. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs demontierte die sowjetische Besatzungsmacht die Brauereianlagen, jetzt konnte in Moskau Berliner Bier hergestellt werden. Trotzdem war ab 1947 wieder in Neukölln produziert worden, nachdem die Anlagen notdürftig ersetzt waren. Mit amerikanischer Aufbauhilfe und der Einverleibung der Schöneberger Schloßbrauerei expandierte die inzwischen zur Oetker-Gruppe gehörende Brauerei, bis 2005 der Standort an der Rollbergstraße für immer geschlossen wurde. Inzwischen hat ein Startup begonnen, hier in kleinem Umfang wieder Bier zu brauen.

Sudhaus, Festsäle
Aus dem vom Krieg verschonten expressionistischen Sudhaus mit dem 20 Meter hohen Kesselhaus wurde ein Kunstquartier, das mit dem Nachbau der sechs riesigen Kupferkessel atmosphärisch an die frühere Nutzung erinnert. Dem "KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst" stehen außerdem drei Ausstellungsetagen im Maschinenhaus zur Verfügung.


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In der Hermannstraße hatte der Architekt Arthur Rohmer 1894 die Kindl Festsäle gebaut. Rohmer war "Ratsmaurermeister und Brauereibauspezialist". Von ihm stammen auch die Entwürfe der Mälzerei Pankow und der Brauerei auf der Friedrichshöhe. In den Festsälen fanden Konzerte, Kundgebungen, Karnevals- und sonstige Veranstaltungen statt. Als 1994 Woolworth und andere Läden die Festsäle in ein Shoppingcenter verwandeln sollten, protestierte eine Initiative gegen die "Dampfwalze der Umstrukturierung" und forderten ein unabhängiges Kiezzentrum, konnten die Umwandlung aber nicht verhindern.

Grundschulen
Zwei Grundschulen sehen wir bei unserem Rundgang. Die historischen Schulgebäude sind für "Knaben" und "Mädchen" - natürlich der Bauzeit entsprechend mit getrennten Aufgängen und Gebäudeflügeln, Koedukation wurde erst später eingeführt. Die Hermann-Boddin-Schule in der Boddinstraße mit dem Schwerpunkt "Bewegung und Kommunikation“ will bei den Kindern ein Körperbewusstsein wecken, ohne auf sportliche Höchstleistungen zu setzen. Turnen. Ausdruckstanz, Fußball und Völkerball stehen auf dem Programm. Im musikalischen Bereich gibt es eine Keyboard-AG und die Band "Boddinbeatz“, die auch außerhalb der Schule auftritt. Der Mädchentrakt existiert nicht mehr, aber ein kürzlich fertig gestellter Erweiterungsbau ermöglicht den Ganztagsbetrieb an der Schule.

Bei unseren Rundgängen in der Stadt treffen wir öfter auf verlassene Schulbauten. Diese Schulen wurden vor einigen Jahren geschlossen, weil die Schülerzahl zurückging. Maßgebend dafür war der bezirkliche Schulentwicklungsplan, der auch ein Abwicklungsplan war. Wir fragen uns, ob es möglich ist, diese Gebäude wieder zu reaktivieren, neue Schulen werden doch so dringend gebraucht. Bei der Kielhornschule in der Kopfstraße sind keine Anzeichen dafür zu entdecken. Sie wurde als Lernbehindertenschule betrieben - heute heißt das "Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen“ - und steht seit 2013 leer.

Engel singen vor dem Wohnhaus
Gloria in excelsis Deo ("Ehre Gott in der Höhe") steht am Wohnhaus Boddinstraße 45 über dem Portal, kunstvoll von einem Baldachin geschützt. Als das Haus 1910 eingeweiht wurde, gehörte dazu eine Kapelle der Baptistengemeinde. Der Engelsgesang hat im Zweiten Weltkrieg nicht geholfen, die Kapelle wurde durch eine Luftmine zerstört. Aus den Trümmern bargen Helfer 100.000 Steine und bauten in Lichtenberg eine neue Kapelle. Das Wohnhaus in Neukölln blieb unbeschädigt, es war zwischendurch ein Altersheim, heute wird es wieder für Wohnzwecke genutzt.


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Bei einem kleinen Italiener - schlichtes Ambiente, gute Atmosphäre - nehmen wir unser Flaniermahl ein. Versehentlich wird zu viel Wein in die Rechnung eingebucht, das ist der Bedienung so peinlich, dass sie sich mehrfach entschuldigt. Das gibt es im Alltag nicht überall, dass ein Fehler beschämt zur Kenntnis genommen wird.

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(1) Der in Bayern als Brauer ausgebildete Georg Leonhard Hopf hat 1828 erstmalig in Berlin ein "bairisches" Bier gebraut, sein kaufmännischer Partner war ein Herr Fanta (Hopf und Fanta, nomen est omen).

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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Völkerwanderung in Neukölln