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Ein Amerikaner in Berlin


Stadtteil: Tiergarten
Bereich: Lützowviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Magdeburger Platz
Datum: 31. Oktober 2016
Bericht Nr: 567

Das Lützowviertel zwischen Gleisdreieckpark und Lützowplatz war ein gehobenes, großbürgerliches Viertel, als Walter Benjamin hier seine "Berliner Kindheit um 1900" erlebte. Seine Großmutter lebte am Blumes Hof, einer Privatstraße, die ein Bankier nahe dem Schöneberger Ufer anlegen ließ. Die Zimmer dieser Wohnung waren zahlreich, und sie waren ausgedehnt. Ein riesiges Speisezimmer musste durchwandert werden, um in das Erkerzimmer der Großmutter zu gelangen. Ein langer Flur führte zu den abgelegenen Teilen der Wohnung.

Die Privatstraße Blumes Hof gibt es nicht mehr, sie war dem Elisabeth-Krankenhaus benachbart, Berlins zweitältestem Krankenhaus (nach der Charité), 1837 gegründet. Die "Potsdamer Platz Pension" in der Nachbarschaft führte früher als Asylheim den Namen "Blumeshof", heute beherbergt sie wieder Flüchtlinge.

Begaswinkel
Aber an der Genthiner Straße hat sich - hinter einer schlichten Hauseinfahrt versteckt - ein Wohnhof erhalten, der an den Wohnstil wohlhabender Bürger des "Alten Westens" erinnert. Zehn Villen im Stil des Klassizismus umrahmten den abgeschiedenen Innenhof, inzwischen sind mehrere durch Neubauten ersetzt worden. Auch bei unserem Besuch kreisen wieder Baukräne über dem Wohnhof, Baumaterial lagert vor einer der Villen.


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Der Maler Adalbert Begas hatte hier sein Atelier, empfing in seiner Wohnung berühmte Zeitgenossen wie Gerhart Hauptmann, Rainer Maria Rilke und Hugo von Hofmannsthal als Gäste. Das Lützowviertel wurde damals von vielen Künstlern und Intellektuellen bewohnt, hier wohnten unter anderem Peter Behrens, Adolph von Menzel, Anton von Werner. Der Bombenkrieg richtete schwere Schäden im Gebiet an. In der Nachkriegszeit folgte der Abriss nicht nur kriegbeschädigter, sondern auch intakter Altbauten. Man wollte die Vergangenheit überwinden durch den Bruch mit dem Bestehenden, das veränderte städtebauliche Leitbild hieß Neubauten statt Wiederaufbau und Altbausanierung. Durch diese Entwicklungen gingen nicht nur viele historische Bauten verloren, sondern auch die sozialen Bindungen der Bewohner, soweit sie nicht schon durch die Judenverfolgungen der Nazizeit unterbrochen waren. Die IBA 1984/1987 (Internationale Bauausstellung) versuchte, mit der kritischen Rekonstruktion die Baulücken zu schließen und das Viertel wieder attraktiv zu machen.

Wie stark der Identitätsverlust ist, kann man daran sehen, dass das frühere Zentrum des großbürgerlichen, intellektuellen Lebens heute ein Quartiersmanagement braucht, um den "besonderen Entwicklungsbedarf" aufzuholen. Dieses Stadtteilmanagement bringt Bürger und Verwaltung im Bereich um den Magdeburger Platz zu gemeinsamem Nachdenken und Handeln zusammen, um die "Soziale Stadt" zu verwirklichen. Bürger untersuchten beispielsweise die Struktur des Kiezes ("Bürgergutachten") und stellten dabei fest, dass einzelne Häuser ausschließlich von arabischen Mietern bewohnt werden ("Arabische Dörfer"). Diese Ghettobildung verhindert die Integration, wie sie in Häusern mit ethnisch gemischten Bewohnern eher möglich ist. Aus diesen Beobachtungen wurden dann gemeinsame Handlungsideen entwickelt.

Magdeburger Platz
Für Walter Benjamin war der Magdeburger Platz eine spannende Welt in seiner Kindheit, denn hier stand die Markthalle, in der Marktweiber - "unantastbare strickwollene Kolosse" - hinter Ständen thronten, auf denen Getreide, Feld- und Baumfrüchte, essbare Vögel, Fische und Säuger angeboten wurden. Die 69 Meter lange freistehende Halle stand mitten auf dem Magdeburger Platz. Die Anwohner hätten lieber einen Schmuckplatz dort gesehen, deshalb wurden die Maße auf das nötigste begrenzt.

Unter der Halle verlief der Hauptkanal der Kanalisation, deshalb legte der Stadtbaurat Hermann Blankenstein den gesamten Platz höher, mit einem leichten Gefälle zu den umgebenden Straßen. Wie im Baujahr 1888 üblich, musste Eis zur Kühlung der leicht verderblichen Waren gelagert werden, hierzu wurde ein Eiskeller unter der Halle gebaut. Insgesamt gab es in Berlin 14 Markthallen und eine Zentralmarkthalle. Die Halle auf dem Magdeburger Platz wurde im Krieg zerstört und nicht wieder aufgebaut.

Am Magdeburger Platz blieben nur noch zwei Häuser von der historischen Bebauung übrig. Der Platz wurde zu einem idealen Rückzugsort der Prostituierten vom Strich in der Kurfürstenstraße und der Drogendealer. Schließlich wusste der Bezirk sich nur noch zu helfen, indem die Büsche beschnitten werden und der Park eingezäunt und nachts abgeschlossen wird. Damit ist das Problem aber nicht beseitigt, es wird nur auf andere Gegenden verlagert.

Postamt W 35
Das Postamt Berlin W 35 in der Körnerstraße ist ein Backsteinbau, der wirkungsvoll mit Sandsteinelementen durchsetzt ist, beispielsweise als Fensterumrandungen, Brüstungsgalerie und Giebelreliefs. Die Kaiserliche Oberpostdirektion ließ 1902 ein Wohnhaus abreißen, um dieses repräsentative Amtsgebäude zu realisieren. In dem Vorgängerbau lebte im Winter 1891/92 fünf Monate lang ein Amerikaner mit seiner Frau, der begeistert als Lotse auf dem Mississippi gearbeitet hatte. Wenn die Lotsen 2 Faden Wassertiefe markierten, dann sagten sie "mark twain", und das war auch sein Künstlername als Schriftsteller.


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Es war bereits Mark Twains dritte Europareise, und nicht zum ersten Mal kam er nach Berlin. Er sprach Deutsch, doch diese Sprache gab ihm auch Rätsel auf: "Mädchen" ist sprachlich ein Neutrum (das Mädchen), "Kürbis" aber männlich (der Kürbis), absonderlich! Der englische Spracherwerb gelinge in 30 Tagen, der französische in 30 Wochen, spottete er, doch zum Deutschlernen brauche man 30 Jahre, und dann solle man es nicht in Berlin versuchen. Mark Twain konnte das Deutsche wie seine Heimatsprache ironisch einsetzen, wie sein Visumsantrag zeigt: "5 Fuss 8 ½ inches hoch; weight doch eher about 145 pfund, full Gesicht, mit sehr hohe Oren, und ein Verdammtes gut moral character".

Die Körnerstraße lag in einem gutbürgerlichen Viertel, doch fiel sie wohl etwas aus dem Rahmen, denn er bezeichnete sie als "Paradies der Lumpensammler" und beschrieb das uns heute noch aus manchen Gegenden vertraute Bild von "Frauen im Morgenmantel, die sich den ganzen Tag über aus dem Fenster lehnen, die Ellbogen bequem auf ein Kissen gestützt". Auch Männer kennen wir in dieser Haltung.

Mark Twain wurde in Berlin als Schriftsteller gefeiert, es kam zu einem gemeinsamen Diner mit Kaiser Wilhelm II. Hinterher waren beide enttäuscht. Zwar erwies sich der Kaiser als Kenner seiner Bücher. Doch als das Gespräch auf das Militär kam, widersprach Twain dem Kaiser, der daraufhin - so Twain - sehr einsilbig wurde. Kaiser Wilhelm seinerseits gewann den Eindruck, dass Humoristen im wahren Leben der Humor fehlt.

Schließen wir die Betrachtungen zu Mark Twains Berlinreise mit seinen Beobachtungen der preußischen Feuerwehr und Polizei ab:
"Die uniformierte Feuerwehr marschiert in Reih und Glied, als ginge es zu einem Begräbnis".
"Träte plötzlich ein Erdbeben ein, so würde es die Berliner Polizei beaufsichtigen und ordnungsmäßig zu Ende führen."

Bakelit
Das schwarze Standardtelefon mit Wählscheibe war jahrzehntelang der einzige "Tischfernsprecher", Generationen von Telefonkunden sind mit ihm aufgewachsen. Dieser Klassiker war aus Bakelit, einem Kunststoff aus Phenolharzen. Es war ein "Material für tausend Zwecke", hitzebeständig und lösungsmittel-resistent. Nur fallen lassen durfte man die aus Bakelit hergestellten Dinge nicht, dann zersprangen sie gern. Zur Herstellung von Bakelit waren große Mengen an Phenol notwendig, die damals bei der Steinkohlendestillation der Rütgerswerke als Abfallprodukt anfielen. So war es nur folgerichtig, dass die Rütgerswerke zusammen mit dem Bakelit-Erfinder 1910 die erste Fabrik zur industriellen Fertigung von Kunststoff-Produkten gründeten. Haushalts- und Küchengeräte, Lichtschalter und Steckdosen, Büromaschinen und Büroartikel wurden aus Bakelit hergestellt. Bakelit-Produkte prägten die Alltagskultur, manche wurden zu Design-Klassikern.

Rütgershaus
Die Rütgerswerke AG errichteten 1911 an der Lützow- Ecke Genthiner Straße ein Verwaltungsgebäude mit einem Sockel aus behauenem Naturstein und hell verputzten Obergeschossen. Das weit verzweigte Chemieunternehmen nahm damit seinen Firmensitz im bisher durch Wohnbauten geprägten Lützowviertel. Julius Rütgers hatte 1860 die erste große deutsche Teerdestillation in Berlin eröffnet.


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Die Teerdestillation baut auf der Verkokung von Steinkohle auf. Die bei der Verbrennung von Steinkohle störenden flüchtigen Bestandteile werden durch Verkokung getrennt, nur der verbleibende Koks dient als Brennstoff. Die anfallenden Steinkohlenteere waren nicht lange lästige Nebenprodukte, sie wurden als Holzschutzmittel (Carbolineum) verwendet, später folgten unter anderem Produkte wie Kunstharze und das Rostlösemittel „Caramba“.

Kochen und Verdauen
Weiter östlich an der Lützowstraße entstand zur gleichen Zeit ein Baukomplex mit drei Höfen für die Maggi GmbH. Maggi nutzte selbst nur einen Teil der Gebäude, der Rest wurde an verschiedene Unternehmen vermietet. Eine Natursteinfassade mit vielen Skulpturen dient der "angemessenen Außendarstellung" des Unternehmens, tragendes Element des Gebäudes ist allerdings ein Eisenskelett. Eine sehr moderne Bauweise, bei der die Fassade eine Wirkung erzeugt, hinter der die tatsächliche Statik verborgen bleibt.

Kochfertige Suppen, Soßen und Fleischbrühwürfel sollten als schnell zubereitete, nahrhafte und preiswerte Lebensmittel gegen die Mangelernährung in der Zeit der Industrialisierung helfen. Julius Maggi hat diese Produkte entwickelt, "Maggi" ist kein Kunstname, sondern ein Schweizer Familienname. Mit Maggi-Suppenwürze ("Bouillon Extract“) konnte man Speisen verbessern. Würde man denken, dass sich in Zeiten von Kochshows ihr Ansehen verschlechtert hat, dann zeugen 19 Millionen in Deutschland jährlich verkaufte Fläschchen Maggi-Suppenwürze vom Gegenteil.

Auch "Bullrich" ist kein Kunstname, sondern der Hinweis auf den Apotheker August Wilhelm Bullrich, der das Bullrich-Salz gegen Sodbrennen 1827 entwickelt hat. Der Firmenname steht heute noch an einem Balkon in der Kurfürstenstraße 19, später produzierte das Unternehmen in der Flottwellstraße 1. "Hat dein Corpus etwas Stauung, Bullrich fördert die Verdauung" - mit solchen Slogans wurde für das Produkt geworben, das weltweit einer der ältesten Markenartikel war. Bei den Werbesprüchen wurde heftig gekalauert, das Vergleichsobjekt war unwichtig, Hauptsache es reimte sich auf "Verdauung".

Und so entstanden "So nötig wie die Braut zur Trauung, ist Bullrich-Salz für die Verdauung“. Selbst vor unserem verehrten Dichter machten die Slogans nicht Halt: "Was Goethe für die Weltanschauung, ist Bullrich-Salz für die Verdauung". Verständlich ist diese Vielzahl von Sprüchen aus der Tatsache, dass die Werbemöglichkeiten damals begrenzt waren. Zeitungsanzeigen waren nicht verbreitet, Litfaßsäulen gab es noch nicht, und so setzte man auf die Mund-zu-Mund-Propaganda mit eingängigen Sprüchen.

U-Bahn fährt durch ein Wohnhaus
Als die Hoch- und Untergrundbahn zwischen Gleisdreieck und Nollendorfplatz die vielen Fahrgäste kaum noch befördern konnte, nahm man 1926 eine "Verstärkungslinie" in Betrieb, zu der ein einmaliges Bauwerk gehört: Vom Bahnhof Kurfürstenstraße kommend, verläßt die U-Bahn an der Dennewitzstraße den Tunnel auf einer Rampe und überquert dann als Hochbahn auf einer eisernen Brücke den Gleisdreieckpark. Zu der Hausdurchquerung gehört ein eindrucksvoller Brückenbau, der direkt an das Wohnhaus anschließt. Die Brücke ist von allen Seiten geschlossen, macht aber die Tragekonstruktion demonstrativ nach außen sichtbar. Auf der Rampe durch das Haus fährt die Bahn durch eine doppelwandige Röhre, damit der Lärm abgehalten wird. Bewohner berichten, dass sie nur ein "sanftes Grollen" hörten, wenn die U-Bahn durchfährt, das Geschirr im Schrank bewege sich nicht.

Zur Coffee-Time gehen wir ins Einstein, das Stammhaus an der Kurfürstenstraße lockt uns zu einem Capuccino. Am Abend folgt das Flaniermahl in einem neu eröffneten Eckrestaurant an der Maaßen- und Winterfeldtstraße. Käsespätzle und Wiener Schnitzel schmecken, da kann auch die etwas aufgedrehte Bedienung uns nicht aus der Ruhe bringen.

Und wie ruft man die Kellnerin? "Fräulein" ist nicht mehr zeitgemäß, da sind sich alle einig. "Hallo" ist zu unpersönlich. Wenn empfohlen wird, der Kellnerin ein Handzeichen zu geben oder ihr einen Blick in den Rücken zu bohren, kann ich nur lachen: Die professionelle Bedienung ist manchmal völlig unempfindlich dagegen, sie schaut einfach nicht, der Gast könnte ja noch einen Wunsch haben. So hilft nur hingehen und damit den Kommentar zu provozieren: "Ich komme doch an ihren Tisch". (--> siehe auch Forumsbeitrag).

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Taucht das "Fräulein" langsam wieder auf, das irgenwann ohne Nachruf verschwunden ist? Und wie ruft man die Kellenrin im Lokal? Lesen Sie den Forumsbeitrag:
Über das "Fräulein" (Tiergartenviertel,31.10.2016)

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Ein weiterer Spaziergang entlang der Potsdamer Straße zwischen Karlsbadviertel und Kielganviertel:
Auf nach Paris

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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Der echte Film über ein falsches Leben